Entstehung der deutschen Bundesländer

Interessant ist im Bezug auf eine Neuordnung der Verwaltung wohl auch der Kommunalverband der Städteregion, die eine neue Verwaltungseinheit über dem Landkreis schafft die einen Landkreis und eine kreisfreihe Stadt beinhaltet. Schön zu sehen an der 2009 gegründeten Städteregion Aachen (Kreis Aachen + Stadt Aachen).

Gibt es hier einen trend zum erschaffen neuer Großkreise oder sind die drei bisherigen Beispiele (Aachen, Hannover, Saarbrücken) Einzelfälle?

Es gibt allerlei in der Richtung
Regionalverband ? Wikipedia
Regionalverbände in Baden-Württemberg ? Wikipedia
 
Der Regionalverband ist allerdings eher eine regionale Kooperationsebene zwischen verschiedenen ansonsten unabhängigen Kreisen, während es sich bei den geanannten Regionen/Städteregionen um Fusionen aus einer kreisfreien Stadt und dem Umland (Landkreis) handelt.
 
In Brandenburg und Berlin wurde dies durch eine Volksabstimmung von 1996 verhindert. Mir erscheint das auch ein legitimer Weg. Von daher scheint aber auch das Überstimmen von Ländern, die per Volksabstimmung nunmal nicht beitreten wollen, wie hier im Falle Badens der Fall gewesen, doch auch etwas fragwürdig.
Aber ich möchte darauf hinweisen, dass hier kein Ort für politische Meinungsbekenntnisse ist und ich bitte meine Äußerung auch nicht zu solchen zu zählen. :winke:

Ein interessanter Punkt den Du hier ansprichst.

Mal etwas Hintergrund zur Entstehung des Südweststaates:
Ein Blick auf die Landkarte des Südwestens 1817-1945 macht deutlich, dass hier für die Regionalverwaltung fürchterliche Probleme auftraten. Durch die Zonengrenze quer durchs Land erhöhten sich diese dann nochmals.

Die ersten ernsthaften Bestrebungen zur Gründung eines "Südweststaates" gab es unmittelbar nach Ende des 1. WK.
1921 erklärte dann Preußen, dass es die Hohenzollerischen Lande gerne an einen neuen "Südweststaat" abtreten würde, aber auf gar keinen Fall an selbständiges Baden oder Württemberg.
Die Weimarer Republik hatte andere, weit größere Probleme, so blieb die Sache ungelöst.

Nach dem Krieg ging die Grenze der Besatzungszonen, wie geschrieben Quer durch beide Länder. (es war eine wirkliche Grenze, scharfen Zollkontrollen und Ein- und Ausfuhrverboten für vieles. Lediglich gemildert, dass die Zöllner anscheinend überaus bestechlich waren) Auf alle Fälle potenzierte dies die Nachkriegsprobleme. Während von der US-Militäradministration umstandslos ein Württ.-Baden in ihrer Zone gegründet wurde, behielten die Franzosen die bisherigen Ländergrenzen bei, womit zuerstmal 3 Bundesländer entstanden.
Die Bestrebungen, Verwirrungen usw. Karlsruher Entwurf, Bühler Entwurf usw. lasse ich mal weg. Lediglich noch eine Anekdote, die ich in einem Heft der LpB BW gelesen habe, sie wird deshalb einen gewissen Wahrheitsgehalt haben. Leo Wohleb (Südbaden) hätte bei einer dieser Verhandlungen auf dem Neuffen in den Saal gerufen "es würde neue Forschungserkenntnisse über Judas Ischariot geben, er wäre ein Schwabe gewesen." Reinhold Maier (Württemberg-Baden) soll ihn daraufhin einen "Gelbfiasler" und "vorderösterreichischen Hinterwäldler" genannt haben.
Mit dem Grundgesetz erhielt die Sache dann Schwung, Artikel 29 sah überhaupt eine Neugliederung des Bundesgebiets vor, und einer Initiative Gebhard Müllers (Württemberg-Hohenzollern) entstammte der Artikel 118, eine Sonderregelung für den Südwesten. Neugliederung durch Vereinbarungen der Länder, wenn diese nicht zustande kam, durch Bundesgesetz.
Im September 1950 einigte man sich auf eine "Informative Volksbefragung"
Ergebnis: Württemberg-Baden und Südwürtt.-Hzl. über 70% für den Südweststaat, Südbaden 40% südweststaat, 60% Wiederherstellung Badens. In Baden insgesamt 49,3 Südweststaat 50,3 dagegen. Insbesondere Gebhard Müller hat in der Folge Dutzende "Metzgersgänge" nach Freiburg gemacht, das Njet Wohlebs wurde immer kategorischer.
Deshalb: 2. Neugliederungsgesetz ordnete eine Volksbefragung an, und bestimmte die Folgerungen aus dem Ergebnis. Freiburg zog vor das Bundesverfassungsgericht, dort wurde am 23. Okt. 1951 die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes bestätigt. Die Volksabstimmung am 9.12.51 hatte dann die bekannten Ergebnisse, die zur Vereinigung zu einem Bundesland am 25. April 1952 führte.

Soweit so gut, und jetzt kommen wir zu Brisos Punkt:
Die "Altbadener" des Heimatbundes Badener-Land wollten sich damit nicht zufrieden geben. Sie erreichten schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht am 30. Mai 1956 die Zulassung eines Volksbegehrens über die Durchführung eines Volksentscheids zur Wiederherstellung des Landes Badens. Wobei das BVG sich hierbei auf die Gültigkeit des Artikels 29GG auch für das ehem. Land Baden bezog. Der Artikel 118 nicht in Zweifel gezogen wurde!
Das Volksbegehren wurde im Sept. 1956 in den ehemals badischen Landesteilen durchgeführt, und erreichte mit 15.1 % (8.7 Nord, 22.9 Südbaden) die erforderliche Stimmenzahl.
Jetzt stellte sich Bundestag, -Rat und -Regierung quer. Man wollte eine umfassende Neugliederung des Bundesgebietes nicht zur Entscheidung stellen, und Teillösungen lehnte man ab. Am 11. Juni 1961 entschied das BVG gegen diese Auffassung. Die Bundesregierung schlug Ende 1962 eine Regelung vor, über die aber weder in dieser noch in der folgenden Legislaturperiode entschieden wurde.
Erst im Sommer 1969 ermöglichte die Änderung des Artikels 29GG und ein entsprechendes Bundesgesetz einen Volksentscheid in Baden.
Der Volksentscheid am 7.6.1970: 18% für ein unabhängiges Baden, 82% für Baden-Württemberg.

Man sieht, ein überaus demokratischer Prozess mit am Ende einem eindrucksvollen Ergebnis "Pro"

Vor 10 Jahren, als BW 50wurde, gab es sehr viele Publikationen der LpB zum Thema, (Gelbfiasler ond Schwobaseckel hieß eine) inwieweit die derzeit noch lieferbar sind, weiß ich nicht. Gestützt habe ich mich bei obigem überwiegend auf Weller Württ. Geschichte Stgt. 1972
 
Ich habe gemerkt, daß es extrem schwierig ist zu einem sinnvollen Vergleich der Wirtschaftsstärke handfeste Zahlen zu bekommen.
...
Getrennte Erhebungen scheint es daher wirklich nicht zu geben...
Da gibt es ein bisschen was (altes) zu Württemberg. Allerdings keinen Vergleich zu Baden.
Die Calwer Zeughandlungskompagnie und ihre Arbeiter; Studien zur Gewerbe- und Sozalgeschichte Altwürttembergs : Troeltsch, Walter, 1866-1933 : Free Download & Streaming : Internet Archive

(Auf Inspiration von keine Ahnung und repo. Damit keine Beschwerden kommen.:winke:)
 
Zuletzt bearbeitet:
@Dieter:
Es gab sogar in den 50ern ein positives Referendum zur Wiederherstellung des Landes Schaumburg-Lippe, dass aber von der Bundesregierung abgelehnt wurde.

Korrektur: Das Referendum fand 1975 statt.
=> war allerdings die Folge eines Volksbegehrens aus dem Jahr 1956, welches 19Jahre später denn mal umgesetzt wurde.
78,3% waren dafür; bei einer Wahlbeteiligung von knapp 50%.
 
Korrektur: Das Referendum fand 1975 statt.
=> war allerdings die Folge eines Volksbegehrens aus dem Jahr 1956, welches 19Jahre später denn mal umgesetzt wurde.
78,3% waren dafür; bei einer Wahlbeteiligung von knapp 50%.

Das hatte vermutlich den selben Hintergrund wie bei Baden:

Selbstzitat:
Jetzt stellte sich Bundestag, -Rat und -Regierung quer. Man wollte eine umfassende Neugliederung des Bundesgebietes nicht zur Entscheidung stellen, und Teillösungen lehnte man ab. Am 11. Juni 1961 entschied das BVG gegen diese Auffassung. Die Bundesregierung schlug Ende 1962 eine Regelung vor, über die aber weder in dieser noch in der folgenden Legislaturperiode entschieden wurde.
Erst im Sommer 1969 ermöglichte die Änderung des Artikels 29GG und ein entsprechendes Bundesgesetz einen Volksentscheid in Baden.
Der Volksentscheid am 7.6.1970: 18% für ein unabhängiges Baden, 82% für Baden-Württemberg.

Die Neugliederungen nach Artikel 118GG waren ja durchaus rechtens. Die Volksentscheide bezogen sich auf Artikel 29GG, der erst neu gefasst werden musste.
 
Zwei kleine Gebiete waren 1949 noch französisch, und die Franzosen wollten sie ihrem Staatsgebiet eingliedern.

Die Stadt Kehl, die wieder zu Baden zurückkam

Der Mundatwald bei Weißenburg, der zu Rheinland-Pfalz kam, aber im Besitz der Stadt Weißenburg blieb.
 
Der Mundatwar war und ist unbewohnt.

Aber aus Kehl wurden die Deutschen erst mal vertrieben.
Erst nach Jahren durften sie zurückkehren.
 
Im übrigen ist das eine merkwürdige deutsche Spezial-Diskussion. In anderen föderalistischen Staaten (insbesondere den Paradebeispielen USA und Schweiz) gibt es so etwas nicht. Da werden auch deutlich größere Unterschiede zwischen den Regionen nicht als Problem, sondern als Bereicherung gesehen.
Solche Diskussionen gab und gibt es auch in den USA und der Schweiz. Nur bekommt man die Diskussionen vor allem in den USA hier nur selten mit.

Ein Beispiel dafür ist vorgeschlagener neuer Staat aus Teilen des nördlichen Kaliforniens und südlichen Teilen von Oregon, der Jefferson State.

Die Hürden für solche Änderungen sind aber hoch, da sowohl die beteiligten Staaten als auch der Kongress zustimmen müssten. Da ist auch das Problem, dass durch neue Staaten die Balance von Demokraten und Republikanern im Senat und bei der Präsidentenwahl beeinflusst würde. Der vorgeschlagene Jefferson State würde sehr wahrscheinlich republikanisch wählen und das würde dann zwei zusätzliche Senatssitze für die Republikaner bedeuten.


In der Schweiz gab es den Jurakonflikt, bzw. die Jurafrage, bei der es um die Frage der Abspaltung des überwiegend französischsprachigem Jura vom deutschsprachigen Kanton Bern ging. Dabei blieb es auch nicht bei Diskussionen, sondern es kam auch zu Krawallen und einer Vielzahl von Brand- sowie teilweise Sprengstoffanschlägen.

Daraufhin kam es ab 1974 zu den sog. Juraplebisziten, bei denen die Bezirke und Gemeinden über einen neuen Kanton, bzw. über ihre Zugehörigkeit zu dem neuen Kanton oder zum bisherigen Kanton Bern entscheiden. In der Folge wurde dann der neue Kanton Jura gegründet. Das deutschsprachige Laufental, der nun keine Verbindung zum Kanton Bern mehr hatte, entschied sich schließlich zu einem Wechsel nach Basel-Landschaft, 1994 vollzogen wurde.

Damit war der Jurakonflikt aber nicht gelöst, da ein Teil des Juras sich für einen Verbleib bei Bern entschieden hatte, mit z. T. knapper Mehrheit, vor allem im Hauptort Moutier.

Es gab dann eine Reihe von weiteren Abstimmungen, die z. T. wegen Unregelmäßigkeiten aufgehoben und wiederholt wurden. Der Hauptort des Berner Jura, Moutier votierte 2017 mit knapper Mehrheit für einen Wechsel zum Kanton Jura. Die Abstimmung musste dann 2021 wiederholt werden, wo sich dann eine etwas größere Mehrheit der Bevölkerung für den Wechsel aussprach. Vollzogen wurde der Wechsel erst Anfang dieses Jahres, am 1. 1. 2026. Für die Kantons- und Bundesbehörden gilt der Konflikt damit als beigelegt, allerdings sind immer noch nicht alle mit dem Verbleib der restlichen Teile des Berner Juras beim Kanton Bern einverstanden.


In Deutschland kam es 1993 zu einem Wechsel des Amtes Neuhaus, heute die Gemeinde Amt Neuhaus, die nordöstlich der Elbe liegt, von Mecklenburg-Vorpommern zu Niedersachsen, aufgrund historischer Verbindungen zu Hannover und Lüneburg und aufgrund des Wunsches der lokalen Bevölkerung.

Der Wechsel erfolgte relativ geräuschlos durch Staatsvertrag zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Vermutlich haben die meisten Deutschen davon überhaupt nichts mitbekommen.


 
Zurück
Oben