4. Kreuzzug: Ablenkung nach Konstantinopel, Zufall oder Intrige ?

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von OttoI, 24. November 2010.

  1. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Vermutlich bezog sich Dieter darauf, dass der Titel noch bis 1383 geführt wurde. Zumindest formal hatten die Lateinischen Kaiser auch weiterhin die Oberhoheit über diverse Gebiete in Griechenland.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es ging hier um die Auslotung langfristiger machtpolitischer Konsequenzen. Ohne den Bruch von 1204, der unzweifelhaft Byzanz in seinen Grundfesten erschütterte, hätte Byzanz einer osmanischer Bedrohung vielleicht widerstanden, die nur 100 Jahre später Wirklichkeit wurde. Am 27. Juli 1302 führten die Osmanen ihre erste Schlacht gegen eine byzantinische Armee (Schlacht von Bapheus/Schlacht von Koyunhisar), die für die Osmanen mit einem Sieg endet.

    Wenn du meinen Beitrag dazu sorgfältig gelesen hättest, wäre dir aufgefallen, dass ich unseren User Otto lediglich gebeten habe, über eine solche Hypothese nachzudenken - er bat nämlich darum, Fragen aufzuwerfen, die im Für oder Wider erörtert werden könnten:

    Otto: "Neben dem Grund dass ich mich dafür interessiere halte ich mein Abitur über den 4, Kreuzzug und brauch noch ne kritische Frage, für die es Für und Wider Argumente gibt und ich eigenständig etwas erarbeiten muss ..."
     
  3. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Sehr richtig.
    Generell darf man ja bei der Beurteilung historischer Personen und ihrer Entscheidungen nicht das eigene Wissen über viel spätere Entwicklungen voraussetzen.
    Unter den Rahmenbedingungen seiner Zeit und mit dem ihm verfügbaren Wissen war Dandolos Handeln völlig vernünftig und erfolgreich.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ist aus zeitgenössischer Sicht sicher richtig, obwohl die Plünderung einer christlichen Stadt durch christliche Kreuzfahrer denn doch ein wenig Hautgout hat.

    Aber wie dem auch sei: Die Konsequenzen des Vierten Kreuzzugs waren unbestritten fatal!
     
  5. joshua

    joshua Neues Mitglied

    ...innozenz III. war eine von sich selber stark überzeugte persönlichkeit. er selber sah sich zwischen gott und mensch. er selber träumte wohl von der vereinigung der ost- und westkirche unter seiner führung, sah also vielleicht in einem neuen kreuzzug die chance zum zusammengehen beider kirchen(auch byzanz betrieb im 12.jhdt. aussenpolitik in richtung westen, natürlich mit dem ziel des eigenen machtanspruches über beide kirchen), hoffnung zur annäherung gab es also. hier haben wir eine motivation. eine andere dürfte wohl gewesen sein, verlorengegangenes prestige im eigenen machtbereich wiederzuerlangen. vorangegangenes schisma und häretische lehren bedrohten den machtanspruch des pontifikats unter innozenz.

    ...venedig unter dandolo war ein unversöhnlicher gegner der byzantiner, sowohl wegen der handelskonkurrenz und der antivenezianischen progrome in den vorangegangenen jahren, als auch wegen der persönlichen erlebnisse dandolos mit den "intriganten" byzantinern.

    ...der 4.kreuzzug in seinem verlauf beruht meiner meinung nach auf den kausalen zusammenhängen. anzeichen für eine verschwörung im vorfeld gibt es nicht.
    die kreuzzügler hatten die stadt ja schon eingenommen ohne plünderung, lagerten vor den toren und hofften auf entlohnung. da es in der stadt unter den byzantinern wieder zu einer der vielen politischen umstürze kam und der von den kreuzzüglern unterstützte herrscher getötet wurde kam es zum unabwendbaren angriff auf die stadt, in der sich dann die wut der einfachen kreuzzugsleute gegen die einfachen stadtbewohner entlud.
    es trifft hauptsächlich die kleinen, das ist immer so und wird immer so bleiben.
    bei der plünderung wurden unzählige kunstschätze und reliquien in sämtliche westeuropäischen länder verschleppt.
     
  6. Diago

    Diago Neues Mitglied

    nur Kausalzusammenhänge?

    Nun, ist es wirklich so offensichtlich dass es sich um "Kausalzusammenhänge" gehandelt haben könnte?

    Ich würde gerne auf die "kritischen Fragen" einer Abiturarbeit zurückkommen.

    Ich unterstelle einmal, dass es dem Lehrer prinzipiell egal gewesen sein könnte, über welchen Kreuzzug hier etwas erarbeitet werden würde. (Für mich wäre es zudem eine interessante Frage, warum man sich gerade dieses Thema ausgesucht hatte, was man sich im Vorfeld dabei dachte usw., auf was man hinaus wollte ...)

    Falls es OttoI noch lesen sollte, - hier hätte ich noch einige Vorschläge.

    Das Thema "Krieg im Namen Gottes", um mal den Titel von Peter Milgers Buch zu benutzen ist ja eigentlich hochaktuell.


    • Eine Kardinalfrage wäre ja, meiner Ansicht nach, was glaubten und wollten die Kreuzzugsteilnehmer. Das kann man durchaus differenziert betrachten. Fakt ist jedoch am Ende, dass man das Heer umlenkte auf "christliche Ziele", und, was noch wesentlicher ist, dass man sich hatte umlenken lassen!

    Unter dieser Fragestellung rangieren noch Unterpunkte ...


    • Der Faden zu diesem Thema liest sich ein bisschen so, als wären die Motive der Kreuzfahrer selbst, allein religiöser Natur gewesen. Es stellt sich aber immer die Frage nach den menschlichen Schwächen, wenn ich es einmal so nennen darf. Mit dem Wissen, dass die "Ungläubigen" als rechtlos zu betrachten waren, und die Aneignung ihrer Güter folgenlos blieb, man sich zudem durch den Ablass im Himmel quasi einkaufen konnte, wären diese "religiösen Motive" eben zu hinterfragen, oder?

      Ich zitiere hier einmal einen Satz aus der Wikipedia, der wohl sicher irgendwo belegt wurde. (?)
      Hier, beim Thema IV. Kreuzzug kommt ja eine gewisse Offensichtlichkeit hinzu. Auch wenn man den Kreuzfahrern nur "Geldnöte" zubilligen möchte, sind wir dennoch an dem Punkt, das der Krieg den Krieg ernähren sollte, und das unter dem ursprünglichen Ruf "Gott will es", welcher ja schon damals als ein Inbegriff für den "gerechten Krieg" verstanden werden sollte.


    • Stellt man die Interessen der Kreuzfahrer selbst hinten an, dann erscheinen jene der Venezianer doch noch weit profaner. Ist doch die Einhelligkeit bezüglich des gemeinsamen Glaubensfeindes nicht erkennbar, zumindest lässt sich eine pragmatischere Sichtweise der Leute aus der Seehandelsstadt erkennen.

      Zitieren möchte ich noch einmal die Wikipedia, wer möchte, kann es ja einmal präzisieren, wenn notwendig:

      Meiner Ansicht nach muss man das nicht als Verschwörung am Kreuzzug deklarieren, aber durch die "Vorkasse" der Venezianer gehörte doch letztlich von vorneherein das Beutemachen zum Programm, d.h. die zu eroberten (ägypt.) Gebiete mussten Bestandteil des Kriegsziels sein als zu erwartender Ausgleich für die "Investition", und so wurde es wohl von vorneherein ausgehandelt.

    Das "Ausweichziel", die Plünderung Konstantinopels mit den einhergehenden Gräueltaten stellten die Kreuzfahrer dann scheinbar auch zufrieden. ?!
    Zu den ganzen Exzessen der "Kriegerkaste" während der Kreuzzüge müsste man sich auch überlegen, woher diese selbst kam, bzw. wer diese stellte. (soziale Gruppe) ...


    • Weitere Folgen, neben der schon angesprochenen Schwächung des christlichen "Pufferstaates":


    Der Bezug zu heute ist m.E. der Begriff des vermeintlich "gerechten Krieges", und das propagandistische Moment der Parolen wie bspw. "im Namen Gottes".
     
  7. joshua

    joshua Neues Mitglied

    wer sind denn die kreuzzügler?
    eine handvoll führer,
    einige wenige hundert edelmänner,
    und die tausenden armen.
    die armen sind die befehlsempfänger, wenn die führer ihren schäfchen eine passende propaganda erzählt und den kreuzug nach australien gepredigt hätten, wäre der kreuzzug nach australien gegangen(entschuldigung für die kleine überspitzung).
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dabei übersiehst Du aber die Volkskreuzzüge, die ohne hochadlige Anführer auskamen, sondern von irgendwelchen Predigern niederer Herkunft organisiert wurden.

    Außerdem schleppten auch die "normalen" Kreuzzüge nicht Massen von Armen mit sich. Was hätten sie denn mit denen anfangen sollen? Die adligen Anführer waren Profis genug, um zu wissen, dass sie für den Erfolg echte Krieger brauchten und nicht irgendwelche Schwärmer.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2010
  9. joshua

    joshua Neues Mitglied

    ...naja, von hochadeligen führern war ja auch keine rede

    ... und soviel ich weiß, waren sehr viele einfache arme menschen unter den kreuzzüglern, auch wenn sie nicht gekämpft haben, gehörten sie zum tross, machten geschäfte(prostitution) oder dienten sich den etwas bemittelteren an
    ...sie starben natürlich genauso wie alle anderen bei feindlichen überfällen, die es ja zu hauf auf dem langen weg ins heilige land gab

    ...es gibt viele als kreuzzug deklarierte unternehmungen(wendenkreuzzug, kinderkreuzzug etc. und die unsäglich traurige unternehmung gegen die katharer)
    was verstehst du unter volkskreuzzug? es gibt immer beeinflusser(Führer)und beeinflusste(Ausführer)---ich glaube der jugendliche führer des kinderkreuzzug hieß peter, ein einfacher mensch beseelt von etwas, ausgestattet mit der gabe zu beeinflussen und andere für seine anschauung zu gebrauchen, oder glaubst du, das ein unternehmen aus mehreren hundert bis tausend menschen so funktioniert, das alle individuell überlegen und entscheiden wie, warum, wohin der kreuzzug gehen soll, einige wenige tun das und das sind dann die führungsschichten, egal ob arm oder reich oder mittel entscheiden sie aber für alle und das nach ihren ureigenen werten und motiven.
     
  10. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Das mit den tausenden Armen sollte man etwas diferenzieren. Spätestens seit dem dritten Kreuzzug waren die Anführer, in der Regel hohe Fürsten oder Könige, darauf bedacht einen Kreuzzug nach militärischen Maßstäben zu organisieren. Dazu gehörte die Mitführung kampfunfähriger Personen zu untersagen, wenn ich micht recht entsinne gab es dazu sogar eine päpstliche Richtlinie, die es Leuten verbat, Heim und Herd für einen Kreuzzug zu verlassen, wenn man nicht in der Lage war sich dafür zu rüsten.

    Im 13. Jahrhundert ist mir kein Beispiel bekannt, indem auf Kreuzzügen größere Gruppen bäuerlichen Standes teilgenommen hatten. Im Gegenteil, der sogenannte Kinderkreuzzug und die Hirtenkreuzzüge stehen bewusst außerhalb der offiziellen vom Papst sanktionieren Kreuzzüge.

    Wer auf dem vierten Kreuzzug wirklich etwas zu sagen hatte, hielt übrigens der Graf von Saint-Pol in einem Brief fest, indem er die Namen jener nannte die bei Zara 1202 die Umleitung des Kreuzzuges beschlossen.
    * Markgraf Bonifatius von Montferrat (der offizielle Anführer des Kreuzzuges)
    * Graf Ludwig von Blois
    * Mathieu von Montmorency-Marly
    * Conon von Béthune
    * Gottfried von Villehardouin (Marschall der Champagne, Chronist)
    * Miles der Brabanter
    * Anseau von Cayeux
    * Renier von Trith
    * Bischof Garnier Trainel von Troyes
    * Bischof Konrad von Halberstadt
    MGH, SS 17, S. 812

    Sich selbst und den Grafen von Flandern, den späteren Kaiser, hat sich der Graf von Saint-Pol nicht zu jenen genannt, was aber wohl eine bewusste Unterschlagung ist, den zu jenem Zeitpunkt als der Brief geschrieben wurde war die päpstliche Haltung zu dem Unternehmen bereits bekannt.
     
  11. Diago

    Diago Neues Mitglied

    Webseite

    Es lassen sich zu dem Thema sogar Texte von Peter Milger im Netz finden. Das Kapitel zum IV. Kreuzzug wird hier mit vielen Aussagen einzelner Zeitzeugen aufbereitet.

    Die Bevorzugung solcher Teilnehmer die materiell abgesichert schienen, mag ja die Beweglichkeit gewährleistet haben, zu Plünderungen, Mord und Raub kam es aber trotzdem, wie man nachlesen kann. Die Landschaften durch die sich Heere bewegten standen übrigens generell vor diesen Problemen, noch bis in die Neuzeit.


    Wenn man sich zudem einmal die Ereignisse besonders in Konstantinopel zuführt, möchte man eigentlich daran zweifeln, ob nicht schon von Anfang an die "Erlangung des Seelenheils" mit weitaus "niederen Beweggründen" bei diesem oder jenen verküpft worden war.

    Was meiner Ansicht nach einen interessanten Stoff für die Arbeit des Fragestellers darstellt, mit aktuellen Bezügen. Der Autor der Webseite stellt hier sehr gut Parallelen heraus, wie ich finde.

    Peter Milger, Der Kreuzzug gegen Byzanz (2 Teile)
     
  12. OttoI

    OttoI Neues Mitglied

    Hey
    klar hab ich alles ausführlich mitverfolgt und danke euch alles für die spannende Diskussion. Da ich länger kein Internet hatte schreib ich jetzt erst und fänds super, wenn das noch jemand lesen würde.
    Und zwar kennt ihr gute Fachliteratur auf deutsch über das Thema ? Gute fachliteratur in English gibs massenhaft, genauso wie original quellen. Aber habt ihr Tips für deutsche Bücher ?
    Vielen Dank Otto I
     
    1 Person gefällt das.
  13. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    sollst Du haben:
    Gerhard E. Sollbach (Hrsg.): Chroniken des Vierten Kreuzzugs (1202–1204). Die Augenzeugenberichte von Geoffroy de Villehardouin und Robert de Clari
    Nikolas Jaspert: Die Kreuzzüge
    Ralph-Johannes Lilie: Byzanz und die Kreuzzüge
    Georg Ostorgorsky: Byzantinische Geschichte 324 bis 1453
    Walter Zöllner;Geschichte der Kreuzzüge
    S.Kindlimann:Die Eroberung Konstantinopels als politische Forderung des Westens im Hochmittelalter
    H.E.Mayer:Kreuzzüge und lateinischer Osten

     
    1 Person gefällt das.
  14. OttoI

    OttoI Neues Mitglied

    vielen dank
     
  15. Dandolò

    Dandolò Neues Mitglied

    @Stilicho: das ist nicht auszuschließen Xb
    @der ganze Rest: Ich denke schon dass mein Namensvetter da mehr als nur ein bisschen nachgeholfen hat. das war auch nicht schwer in der Situation.
    Und mit der Exkommunikation danach das hat Dandolò nicht unbedingt gejuckt, höchstens ne Prestigeangelegenheit. Könnte mer wer dankenswerterweise das Zitat von dem eienn Papst schicken über Venezianer und Glauben am besten mit der Quelle ich schreib Facharbeit über La Serenissima und da passt das ausgezeichnet.

    Dandolò, sagen viele, sei die Verkörperung des typisch venezianischen Verlangens (damals, bis etwa 16./17. Jahrhundert) nach Macht, Reichtum und Fortschritt.
    Aber verschwörung ist nicht das richtige Wort dafür.

    Sämtliche Rechtschreibfehler erkläre ich zur Alkoholtat oder der Einflüsterung des BÖSEN.
     
  16. LotharPawliczak

    LotharPawliczak Neues Mitglied

    Kürzlich nachgedruckt worden ist die grundlegende Arbeit zum 4. Kreuzzug Ludwig Streit: Venedig und die Wendung des vierten Kreuzzuges gegen Konstantinopel. Anklam 1887, Reprint o_O o.J. (2010), wo die grundlegenden Fragen zum 4. Kreuzzug schon vor über 100 Jahren geklärt worden sind.
    Ernsthafte Historiker wie
    Franz Gertz und Heinrich Kretschmayr haben, wenn sie auf das Thema „Konstantinopel 1204“ zu sprechen kommen, die Analyse von Ludwig Streit angemessen gewürdigt (Die Eroberung von Konstantinopel durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204 von Gottfried von Villehardouin, Marschall der Champagne nach der Ausgabe von P. Paris übersetzt und herausgegeben von Franz Getz. Leipzig. 1915 S. 3-8 und Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig. Gotha 1905, Nachdruck Darmstadt 1964, 2. Neudruck Aalen 1986 und Nachdruck als „Anonymous“ o_O.o.J. (2010) S. 474-489).

    Ludwig Streit resümierte die Diskussion zum Thema (S. 2-5) und fragte: „Und kommen nicht die bestimmten Anklagen gegen die Venetianer grösstentheils aus den Reihen ihrer Feinde und Rivalen?“ (S. 2), um dann die vielfältigen, gegeneinander gerichteten, mit wechselnden Bündnissen vorangetriebenen Expansionsbestrebungen jener Zeit, nämlich des byzantinischen Kaisers selbst, der deutschen Kaiser, der Engländer, der fränkischen Herrscher, des Papstes, der sizilianischen Normannen, des Königs von Ungarn, der See(handels)mächte Genua, Pisa und natürlich nicht zuletzt Venedig ebenso detailliert wie konzentriert darzulegen. Nicht nur durch seine christlichen Brüder, auch durch Awaren, Bulgaren, Seldschuken und andere von Osten heranstürmende Völker war des byzantinische Reich in Todesgefahr. Hinzu kam Dekadenz und tödliche Machtkämpfe der Herrschenden im Innern. Ludwig Streit kommt zu dem Schluß: „Die Erhaltung des byzantinischen Reiches war also damals (1189) noch das erste Ziel der venetianischen Politik.“ (S. 18) Aber: „In den Jahren 1202 und 1203 hatte Venedig keine Wahl mehr. Es war durch die Verhältnisse gezwungen, bei dem Einsturz des Griechenreiches mit rascher und fester Hand zuzugreifen und in der völligen Anarchie, welcher dasselbe verfallen war, sich alles das zu sichern, was für sein eigenes Leben von Bedeutung war.“ (S. 32; die zuletzt zit. Sätze sind im Original durch gesperrten Druck besonders hervorgehoben) Zum gleichen Ergebnis kommen auch neuere Untersuchungen: Michael Angold: The Fourth Crusade (Harlow/London/New York 2003 S. 57ff); Thomas F. Madden,Donald Queller: The Fourth Crusade. The Conquest of Constantinople (Philadelphia 2. Auflage 1997). Wer sich ernsthaft für das Thema interessiert, kommt auch nicht vorbei an Karl-Herrmann Necker: Dandolo. Venedigs kühnster Doge (Wien/Köln/Weimar 1999) zu studieren sowie Donald E. Queller, Susan J. Stratton: A Century of Controversy on the Fourth Crusade. In: Studies in Medieval an Renaissance History hg. v. W. M. Bowsky. Bd. VI/1969 S. 233-278.

    Noch ein paar Beispiele für neuere, in deutscher Sprache publizierte Texte, zu "Konstantinowel 1204 die da nicht ernst zu nehmen sind: Ulrich Ackermann: Die Eroberung Konstantinopels durch das Kreuzfahrerheer 1204. München 2004 (insbes. S. 10); Helmut Dumler: Venedig und die Dogen. Düsseldorf/Zürich 2001 S. 139-144; ErnleBradford: Der Verrat von 1204. Die Zerstörung und Plünderung Konstantinopels. Berlin 1978, München 1984 (zuerst unter dem Titel: Verrat am Bosporus. Die Eroberung Konstatinopels 1204 (Original London 1970)); Manfred Hellmann: Grundzüge der Geschichte Venedigs. Darmstadt 1976, 3. Auflage 1989 (insbes. S. 69);Klaus Hillingmeier: Reise durch Venedig. Würzburg 2010 S. 15; Franz Kurowski: Venedig. Dogen, Gold und Diplomaten schufen ein Weltreich. Aachen 2008; Mary McCarthy: Venedig. Lausanne 1956, München/Zürich 1968, Köln 1984, München1999 (Original: Venice Observed) S. 37; Jan Schönherr: Ursachen und Folgen der europäischen Kreuzzüge. Norderstedt 2004 (insbes. S. 12); Jan (James) Morris: Großmacht Venedig. Eine Seereise durch die Geschichte. München 1981 (Original: London/Boston 1980) S. 28; Hermann Schreiber: Das Schiff aus Stein: Venedig und die Venezianer. München 1981, Reinbek 1988, München 1992 S. 95f, 100, 102, 133; Gerhard E. Sollbach (Hrsg.): Chroniken des Vierten Kreuzzugs (1202–1204). Die Augenzeugenberichte von Geoffroy de Villehardouin und Robert de Clari. Pfaffenweiler 1998 (insbes. S. 96). Diese Autoren muß man nicht gelesen haben!
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2011
  17. Cromwell

    Cromwell Neues Mitglied

    Zum Thema kann ich eigentlich nur sagen, dass Papst Innozenz III., dem die Kreuzzüge besonders am Herzen lagen, den Vierten Kreuzzug initiierte. Dieser famose Glaubensfeldzug führte zur Errichtung es Lateinisches Kaiserreiches. Die Kreuzritter nahmen gegen den Willen Innozenz III., der das Patrimonium Petri erheblich erweiterte, Konstantinopel und die weite Umgebung ein.
     
  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Antwort auf einen Beitrag aus einem anderen Thread:
    Wohl allenfalls als vage Zukunftshoffnung, aber ohne konkreten Plan. Wie hätten sie denn das hinbiegen wollen? Irgendeinen Vorwand brauchten sie ja wohl, um gegen Byzanz ziehen zu können. Chronologisch haut das kaum hin: Alexios entkam erst 1201 (genauer kann ich das leider nicht eingrenzen) aus seiner Gefangenschaft und floh zu Philipp von Schwaben nach Deutschland. Der Kreuzzug war aber schon 1198 beschlossen worden, und im Frühling 1201 einigten sich die Kreuzfahrer bereits mit Venedig über den Transport. Erst im Herbst 1201 traf sich Bonifatius von Montferrat mit Philipp von Schwaben und Alexios, da werden sie dann wohl den Plan geschmiedet haben, Alexios auf den byzantinischen Thron zu setzen. Zu dem Zeitpunkt, als Venedig den Kreuzfahrern den Transport bewilligte, hatten die Venezianer also vermutlich noch gar keinen Vorwand für eine Eroberung Konstantinopels. Im Gegenteil: Wäre es ihnen wirklich darum gegangen, den Feldzug nach Konstantinopel zu lenken, wäre es aus venezianischer Sicht zum damaligen Zeitpunkt besser gewesen, den Kreuzfahrern den Seetransport zu verweigern und sie stattdessen auf die Landroute zu verweisen und dann bei Konstantinopel irgendeinen Zwischenfall mit den Byzantinern zu inszenieren, der einen Angriff auf die Stadt gerechtfertigt hätte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2012
  19. huski

    huski Gesperrt

    Also gut Freunde, jetzt habt ihr einen Nerv bei mir getroffen.

    Fangen wir bei der Führung des Zuges an.
    Diese wurde nach längerem hin und her Bonifaz von Montferrat übertragen,
    der jedoch nicht vom Papst, sondern von dem überwiegend französischen Adel gewählt wurde der wiederum schon unter Löwenherz gedient hatte und dem der Kreuzzug in sofern gerade recht kam, als dass Er (der Adel) so irgendwelchen Nachstellungen durch die französische Krone entgehen konnten; dies geschah zu Soissons.
    Ursprünglich sollte Löwenherz den Zug übernehmen, dann Thibaut von der Champagne und dann, ja dann war guter Rat teuer.
    Bonifaz ist in sofern eine ungewöhnliche Wahl, als dass er ja Lombarde war und damit Parteigänger Heinrichs VI. Die Verdienste seines Bruders Konrad im Heiligen Land bei den vorangegangenen Zügen fielen dabei nicht wenig ins Gewicht. Schon bevor Bonifaz das Kreuz nahm, hatte er immer wieder mit Phillip von Schwaben dem damaligen deutschen König enge Beziehungen unterhalten, welcher sich wiederum im Kirchenbann befand und für Alexios Bemühungen in Europa Anhänger zu finden um sich selbst wieder auf den Thron von Konstantinopel zu setzen ein offenes Ohr gehabt hatte.
    So wundert es nicht, dass neben Franzosen und Lombarden auch einige deutsche Ritter sich dem Zug anschlossen.
    Last but not least die Venezianer. Unter Führung des damaligen Dogen Enrico Dandolo, der sich bereits in seinen Neunzigern befand und aufgrund früherer Unannehmlichkeiten mit den Byzantinern sein Augenlicht verloren hatte wurden die Kreuzfahrer um eine sehr weltlich und ökonomisch denkende Komponente erweitert. Die Chroniken schildern Dandolo als asketischen und rationalen Charakter, dem jeder Sinn für unüberlegtes, religiöses Eifern fehlte. Genau der richtige für einen Kreuzzug, was?
    Hinzu kommt, dass aufgrund der Tatsache dass Venedig enge Handelsbeziehungen nach Ägypten unterhielt (es existieren sehr genaue Verträge zwischen der Serinissima und dem Reich al Maliqs al Adils, war die Begeisterung der Venezianer im Hinblick auf einen Angriff Ägyptens von vornherein mäßig.
    Es wurde ein Vertrag aufgesetzt, in dem der Transport der Truppen von Venedig aus geregelt werden sollte. Das Problem; ein Großteil des Heers tauchte garnicht erst dort auf, sondern schiffte sich in eigener Iniative von anderen Mittelmeerhäfen aus ein um direkt ins Heilige Land zu segeln, vornehmlich um dort in die Thronwirren zwischen Bohemund IV. und den armenischen Christen im Fürstentum Antiochia einzugreifen.
    In der Folge fehlte es massiv an Geld um die Venezianer zu bezahlen die keinen Cent abrückten von ihrem Vorschuss. Dandolo schlug daher vor, die Schulden fallen zu lassen,unter der Bedingung die Stadt Zara zu erobern.
    Man gab dem statt und verwüstete gleich die gesamte Umgebung mit, wobei man sogar gegen andere Kreuzfahrer unter dem ungarischen König kämpfte.
    Hier erst erfuhr Innozenz III. von der Umleitung des Zuges und wusste nicht wie er darauf reagieren sollte. Es folgte der Kirchenbann, der jedoch wenig später wieder zögerlich zurückgenommen wurde, da man sich wohl noch Hoffnungen machte den Zug doch noch zum Erfolg zu führen.
    Im Lager vor Zara tauchten wieder Phillip und Alexios auf mit ihrer Idee Konstantinopel für Alexios und dessen Vater zu erobern.
    Dandolo sah darin die Chance sich ein für alle mal der byzantinischen Vormundschaft zu entledigen und stimmte ebenfalls dafür.
    Ich kürze hier mal ab und komme zum Endergebnis;
    Alexios wurde durch Rebellen ermordet und ein gewisser Murzefalos bestieg den Thron, der von den Kreuzfahrern jedoch nichts wissen wollte.
    Man nahm die Stadt und teilte sie unter sich auf unter Einberufung eines Rates
    in dem 6 von 12 Stimmen an Venedig fielen, der Rest verteilte sich auf die anderen Parteien. Damit war Byzanz' Schicksal klar.
    Der Grund für diesen Verlauf des Zuges liegt für mich in drei Punkten:
    1. Innozenz III. hatte es versäumt, dem Zug eine klare, der eigentlichen Sache verbundene Direktive zu geben.
    2.Der Zug war zu heterogen. Die Einen reisten sofort ab und auf eigene Kosten, die Anderen dackelten brav nach Venedig.
    3.Durch die Verwicklung in die Thronwirren Byzanz', gab man den Venezianern die Gelegenheit das Ruder in die Hand zu nehmen.
    Letzten Endes ist auch hier der Papst Schuld, weil er dieses Verhalten nicht scharf genug tadelte und Maßnahmen ergriff, weniger praktisch als symbolisch, um vielleicht doch noch die Opposition unter den Kreuzfahrern die sich immer noch für ein rasches Weiterfahren nach Ägypten oder eben dem Heiligen Land aussprach zu stärken.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2012
  20. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Und welche Macht hätte Venedig dann noch in Konstantinopel gehabt?
    Wenig bis gar keine vermutlich.
    Die tatsächlichen Ereignisse machten sie allerdings zum großen Sieger und entscheidenden Machtfaktor in der Region.
     
    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen