Man sollte auch etwas anderes bedenken: Der Gegner des nationalistischen Polens war das zaristische Russland.
Das stimmt bis zum Ende des 1. Weltkrieges nicht oder nur sehr bedingt.
Man darf nicht übersehen, dass die polnische Nationalbewegung bereits vor dem 1. Weltkrieg in verschiedene Lager gespalten war, die durchuas unterschiedliche Ansätze verfolgten.
Während die Polnischen Sozialisten (PPS) um Józef Piłsudski als mehr oder weniger zentrale Figur, sich zunächst auf die Seite der Zentralmächte stellte, eine eigene polnische Legion aufstellten und tatsächlich während des Weltkrieges auch gegen das zaristische Russland kämpften, verfolgte ausgerechnet, die sich als konservativer Gegenpol dazu verstehende polnische Nationaldemokratie um Roman Dmowski eine Politik, die davon ausging, dass der gefährlichste Feind, der der polnischen Unabhängigkeit im Weg stünde, nicht Russland, sondern Deutschland sei und daher dieses vorrangig bekämpft werden müsse, was dazu führte, dass während des 1. Weltkriegs die polnische Nationaldemokratie und ihre Anhänger eher auf das Bündnis mit der zarischen Autokratie setzten.
Der Krieg 1919 erfolgte allerdings gegen ein kommunistisches Regime, dessen Vertreter bis zu den Säuberungswellen Stalins z.T. jüdisch geprägt waren.
Jedenfalls fand man in den höheren Rängen der Bolschewiki einige, die in der Familie irgendwann man einen jüdischen Hintergrund hatten, sich allerdings selbst nicht unbedingt so definierten.
Nun waren es ja aber nicht die konservativen Rechten, die in Polen 1918/1919 die politische Macht übernahmen. Dmowski und Mitstreiter hatten wie gesagt darauf gesetzt im Bündnis mit dem zaristischen Russland die Deutschen zu schlagen und sich dann mit den Russen irgendwie arrangieren zu können, was zugegeben als vorstellung etwas schräg anmutet, andererseits aber vielleicht auch nicht unbedingt schräger, als die Haltung deutscher Sozialdemokraten, die 1914 hofften, durch ihren Kriegseinsatz die Beteiligung der Sozialdemokratie an der Regierung des Kaiserreiches und die Reform des preußischen Wahlrechts erkaufen zu können.
Das Problem dieser Strömung der polnischen Politik war nur: sie hatte sich verzockt und für den Moment selbst aus dem Spiel gebracht.
Diese Leute hatten während des Krieges für Russland getrommelt und zu mobilisieren versucht und die mussten, als Deutschland das polnische Territorium besetzte und Russland am Ende militärisch zusammenbrach vielfach abtauchen und außer Landes gehen.
Das Lager der polnischen Nationaldemokratie war dasjenige dass naturgemäß bei den Entente-Mächten und auf der Pariser Friedenskonferenz eher das Gehör der Entente für seine Wünsche hatte (weil sie halt auf der Seite Russlands und damit der Entente gestanden hatte, wohingegen es ihre Gegenspieler teilweise mit den Zentralmächten gehalten hatten und außerdem dem Sozialismus erheblich näher standen), sie hatten aber im Land selbst gegen Ende des Weltkrieges wenig verbliebene Aktivposten.
Piłsudski landete zwar zwischenzeitlich in Festungshaft und die polnischen Kräfte, die aus seinen Leuten gebildet worden waren 1917 zwar zum großen Teil aufgelöst worden, weil sie sich weigerten sich in das deutsche Heer eingliedern und auf Wilhelm II. vereidigen zu lassen, sie hatten aber immerhin drei Dinge erreicht, die ihnen 1918/1919 einen Vorteil verschafften:
- Sie galten den Zentralmächten mindestens mal als angenehmere Personen und Verhandlungspartner, als die Dmowski-Leute, die sich klar für die Entente entschieden hatten.
- Sie verfügten über Kader mit Kampferfahrung
- Durch ihren Kampfeinsatz als weitgehend unabhängige Verbände und ihre letztendliche Weigerung, sich auf den deutschen Kaiser vereindigen zu lassen und dafür Internierung hinzunehmen, konnten sie glaubhaft machen, für die polnische Sache zu stehen, während ihre Gegner die sich mit dem untergegangenen Zarentum liiert hatten, in dieser Hinsicht eher komprommitiert waren.
Gerade der Punkt, dass sie eher im Lager der Zentralmächte gestanden haben, erlaubte ihnen auch die frühere Rückkehr nach Polen, als man von deutscher Seite allmählich einsah, dass man zum Frieden kommen müsse und es ohne ein Unabhängiges Polen nicht ging, war es natürlich naheliegend, dann wenigstens dafür zu sorgen, dass diejenigen Kräfte mit denen man selbst zusammengearbeitet hatte Einfluss auf die polnische Politik gewinnen würden, als diejenigen, die schon immer auf der Seite der Entente standen und ihren Hauptfeind in Deutschland sahen.
Unter diesen Vorraussetzungen, konnten vor allem die Piłsudski-Leute relativ schnell nach Polen zurückkehren, ihre bewaffneten Formationen reaktivieren und in dem Gebiet, im Bündnis mit bäuerlichen Interessengruppen, die politische Macht übernehmen.
Diese Leute waren aber keine eingefleischten Gegner des Sozialismus, sondern sie kamen selbst zu weiten Teilen aus dem sozialdemokratischen und sozialistischen Untergrund des Zarenreiches, waren Teil der gleichen Netzwerke gewesen, wie die Bolschewiki und hatten mit diesen über Jahre im Kontakt gestanden, ebenso wie mit dem am Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Jüdischen Arbeiterbund:
Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund – Wikipedia
Die haben in der zaristischen Zeit zum Teil durchaus wohl zusammengearbeitet.
Und man darf auch nicht übersehen, dass die Polen, im Gegensatz etwa zu den deutschen Nationalisten und Nazis später das russische Imperium aus der Innenansicht kannten und selbst Opfer repressiver Politik waren. Bis zur Revolution 1905, war es in Russland mehr oder weniger illegal frei in polnischer Sprache zu publizieren und es gab erheblichen Russifizierungsdruck.
Piłsudski der einen Großteil seiner Jugend in Wilna verbracht hat und wegen seines politischen Dissidententums und damit verbundener Aktivitäten in der sibirischen Verbannung gelandet war und wohl auch Misshandlungen erlebt hatte, kannte die Repressionspolitik und die meisten anderen polnischen Anführer, die nicht aus der Diaspora kamen kannten die auch.
Für die Deutschen Nationalisten, aus der Außenperspektive, die die Verhältnisse nicht kannten, konnte der Bolschewismus als irgendwie jüdisches Projekt erscheinen (vorrausgesetzt, dass sie rassistisch genug drauf waren), aber die Polen wussten um die Repression und denen dürfte auch weitgehend klar gewesen sein, dass bei den Bolschewiki gerade deswegen so viele Personen mit jüdischem Hintergrund landeten, weil die besonderen Repressionen ausgesetzt waren. Ein guter Teil der Piłsudski-Leute hatte sich ja selbst wegen der Repression und dem Assimilationsdruck der russischen oder der polnisch-litauischen oder polnisch ausgerichteten Sozialdemokratie angeschlossen, weil ihnen diese Zustände unerträglich waren.
Von dem her dürfte das Narrativ, der Sozialismus/Kommunismus/Bolschewismus sei irgendeine Art "jüdischer Verschwörung", bei den meisten polnischen Anführern um 1918/1919 herum eher nicht gegriffen haben.
Dafür hatten sie selbst zu viele Berührungspunkte mit Sozialdemokratie und Sozialismus und dafür war auch ihre eigene Biographie derjenigen der russisch-jüdischen (oder so gelesenen) Dissidenten zu ähnlich.
Dies passte in das klare Feindbild des bürgerlichen Polens, später auch in das Feinbild der bäuerlichen polnischstämmigen Bevölkerung der Ukraine.
Aber nicht unbedingt in die dass des offiziellen Polen Ende der 1910er, Anfang der 1920er Jahre.
Bei der Bäuerlichen Bevölkerung, vor allem im Galizien (wo es ja bereits während des Weltkrieges zu Pogromen und verbrechen an der jüdischen Bevölkerung gekommen war), sah das sicherlich mitunter etwas anders aus.