Benjamin Franklins Rassentheorie: "Deutsche sind dunkelhäutig"

Interessant ist, dass Benjamin Franklin das Wort "Complexion". Der Begriff stammt aus der Temperamenten- und Säftelehre und bedeutete auch so viel wie Gesinnung. Erst später wurde der Begriff auf Teint oder Hauptfarbe übertragen. Ähnliche Farbsymboliken gibt es auch in der Rassentheorie von Linné und Kant.
Schwarze und weiß kann auch im übertragenen Sinne für andere Dichotomien wie gut und schlecht, sauber und schmutzig usw. gemeint gewesen sein.

Er sieht rot auch positiv. Was damals galt, ist ungewiss. Neuere Autoren bezeichnen Charactere mit Farben. Passt nicht direkt zu Franklin.
Aber:
red (Leaders; Bold & Brash)

Dominance (D); Red

White > Green (Most Selfless; Relaxed, Friendly, & Loyal)
Das ist eine gute Erklärung .Oder nicht ?
 
Und wenn man unterstellt, Franklin habe die Sachsen als Leute gesehen, die im heutigen Norddeutschland leben oder gelebt haben, was für die Zeit der Migration nach Britannien ja in etwa zutrifft und heute ja noch für die Leute in Niedersachsen gilt, dann war seine Vorstellung wohl auch nicht total falsch: Zumindest der Anteil hellhaariger Menschen ist im Norden Deutschlands ja wohl höher als im Süden.
Es hat wenig Sinn, zu versuchen Erklärungen, wonach, die Unterscheidung zwischen "Saxons" und "Germans" auf tatsächliche Unterscheidungen in der Hautfarbe hinausliefen, rationalisieren zu wollen, das führt meiner Meinung nach in die Falsche Richtung.

Die "Saxons" von den übrigen "Germans" zu trennen dürfte vor allem 2 Probleme im Auge gehabt haben:

1. Durch die frühmittelalterliche sächsiche Wanderung auf die britischen Inseln und die Gründung und den Bestand der sächsichen /angelsächsischen Reiche, ihr nicht zu verleugnendes Erbe in der englischen Sprache etc. (alles Dinge, die Franklin durchaus bewusst gewesen sein dürften), wird es schwierig da eine scharfe Grenze zwischen den Engländern und den "Germans" zu ziehen, es sei denn man fände eine Begründung warum jetzt die "Saxons" anders wären, als die übrigen "Germans". Eine gewisse Besonderheit der "Sachsen", ließe sich ja z.B. dadurch herleiten, dass diese im Gegensatz zu anderen als "German" gelesenen Gruppen erst sehr spät und gegen viel Widerstand in das fränkische Reich Karls des Großen inkorporiert wurden und eben die überseeische Wanderung auf die britischen Inseln vollzogen.

2. Und der Punkt dürfte möglicherweise schwerer wiegen, jedenfalls ist er praktischerer Natur:

Der Text stammt von 1751, also noch mitten aus der amerikanischen Kolonialzeit.
Nun möge man sich daran erinnern, dass damals gerade der 2. Hannoveraner Georg auf dem englischen Thron saß. Im Gegensatz zu seinem in Großbritannien ausgewachsenen Enkel George III., war George II. noch in Braumschweig-Lüneburg (vulgo "Kurhannover") aufgewachsen und erzogen worden, man merkte ihm seine norddeutsche Herkunft wohl durchaus deutlich an.

Möglicherweise diente also die explizite Ausklammerung der "Saxons" (wenn man davon ausgeht, dass er damit in erster Linie das Gebiet des alten Stammesherzogtums und heutigen Niedersachsens gemeint hat, nicht etwa die heute als "Sachsen" angesprochene Region in Ost-Mittel-Deutschland) aus dem Kontext der übrigen Germans einfach dazu sich vor dem Vorwurf der Majestätsbeleidigung zu schützen, denn den eigenen König zum Mitglied einer, welcher Gestalt auch immer minderwertigen Gruppe zu deklarieren, wäre wohl bei diversen Zeitgenossen nicht so gut angekommen und bei den königlichen Vertretern/Gouverneuren in den Kolonien schon gar nicht.
Wenn da also der Gedanke vorhanden war, dass innerhalb der kolonialen Gesellschaft zu veröffentlichen, wäre es also durchaus sinnvoll gewesen, den Inhalt so zu biegen, dass er keinesfalls als Angriff auf die Obrigkeit verstanden werden konnte.
 
Ich weiß von Mark Twain eigentlich nicht mehr, als man durch die Lektüre von Tom Sawyer lernt, insofern kannst du recht haben, dass da, bei der Debatte in Amerika, tatsächlich (auch) die Assoziationen zu Afroamerikanern/(Schwarz-) Afrikanern eine Rolle spielt. Das Wort an sich ist aber älter, und wurde auch in Europa gebraucht. ME sind da viel ältere Assoziationen am Werke; Assoziationen, die auf Jahrhunderten innereuropäischer Geschichte beruhen. Aber richtig finde ich den Hinweis, dass hier viel eher kulturelle Faktoren auschlaggebend sein dürften, die nur sekundär oder indirekt wirklich was mit dem Aussehen zu tun haben.
Mein Problem ist, dass ich mich was sollche Zuschreibungen angeht, zu wenig mit der englischen/britischen Geschichte des Mittelalters und der FNZ auskenne, meine Kenntenisse der britischen Geschichte beziehen sich vor allem auf das 18. Jahrhundert und folgend. Da müsste man vielleicht jemanden dazu fragen, der auf dem Feld sattelfester ist.
Es kann sicherlich eine viel ältere Assoziation sein, sowas gab es ja durchaus in Europa. In den "Rus-Fürstentümern" und später Muskowien/Russland wurde z.B. zwischen sogenannten "schwarzen" und "weißen" Bauern unterschieden, wobei schwarz und weiß in diesem Fall nichts mit der Hautfrabe zu tun hatten, sonern auf den Rechtsstatus der jeweiligen Bauern verwiesen.

Ich weiß nicht, ob es solche Zuschreibungen in GB jemals mit einem ähnlichen Wording gab.

Ich denk immer noch, dass das Hauptproblem bei dieser Debatte die Übersetzung von "swarthy" mit "dunkelhäutig" ist, die ich an der Stelle für falsch halte.
Das ist halt die Frage. man scheint es ja nicht nur mit "dunkelhäutig", sondern auch einfach mit "dunkel"/"düster" übersetzen zu können.

Dunkel oder Düster, ließe natürlich aber auch als Gegensatz zu "enlighted", also "aufgeklärt" zu verstehen, was jetzt im Zeitalter der Aufklärung ggf. keine ganz unwichtige Kategorie war.
Wenn man das so ließt, könnte man "schwärzlich/düster" auch weniger auf die Hautfarbe, sondern mehr auf den mentalen Zustand und die geistige Kultur beziehen.

Franklin schreibt (dank an @ursi für das Verlinken des Textes):

"23. In fine, A Nation well regulated is like a Polypus; take away a Limb, its Place is soon supply’d; cut it in two, and each deficient Part shall speedily grow out of the Part remaining.4 Thus if you have Room and Subsistence enough, as you may by dividing, make ten Polypes out of one, you may of one make ten Nations, equally populous and powerful; or rather, increase a Nation ten fold in Numbers and Strength.5


And since Detachments of English from Britain sent to America, will have their Places at Home so soon supply’d and increase so largely here; why should the Palatine Boors be suffered to swarm into our Settlements, and by herding together establish their Language and Manners to the Exclusion of ours? Why should Pennsylvania, founded by the English, become a Colony of Aliens, who will shortly be so numerous as to Germanize us instead of our Anglifying them, and will never adopt our Language or Customs, any more than they can acquire our Complexion.


24. Which leads me to add one Remark: That the Number of purely white People in the World is proportionably very small. All Africa is black or tawny. Asia chiefly tawny. America (exclusive of the new Comers) wholly so. And in Europe, the Spaniards, Italians, French, Russians and Swedes, are generally of what we call a swarthy Complexion; as are the Germans also, the Saxons only excepted, who with the English, make the principal Body of White People on the Face of the Earth. I could wish their Numbers were increased. And while we are, as I may call it, Scouring our Planet, by clearing America of Woods, and so making this Side of our Globe reflect a brighter Light to the Eyes of Inhabitants in Mars or Venus, why should we in the Sight of Superior Beings, darken its People? why increase the Sons of Africa, by Planting them in America, where we have so fair an Opportunity, by excluding all Blacks and Tawneys, of increasing the lovely White and Red? But perhaps I am partial to the Complexion of my Country, for such Kind of Partiality is natural to Mankind."

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Franklin stellt "swarthy" also als irgendein Zwischending zwischen zwischen "black", "tawny" und "purely white" dar.

Die Frage wäre, was genau meint er mit dem Wort "purely"?

Meint er damit im Sinne rassenbiologischer Ideen "unvermischte weiße Hautfarbe" oder ist sein Konzept eher in die Richtung gehend, dass dazu "purely white" zu sein, nicht nur eine entsprechende Hautfarbe, sondern auch ein demgemäßes inneres Wesen gehören würde, dass dann mit kulturellen Kategorien zu tun hätte und dass man ggf. darin übersetzen könnte, dass "purely white" nur sein könnte, wer auch "innerlich weiß" (also aufgeklärt, protestantisch und idealser Weise Sprecher der englischen Sprache) wäre?

Im vorrangegangenen Absatz geht es ja daraum, dass Einwanderung (in diesem Fall von Pfälzer Bauern) abgelehnt wird, wobei mehr oder weniger offen Überfremdungsvorstelltungen zum Ausdruck gebracht werden und die sprachliche Assimilierung eine Rolle spielt, respektive die Angst davor, die Mundart der nach Pennsylvania eingewanderten Pfälzer könne sich dort durchsetzen.

Wenn man das mal auf den letzten Absatz bezieht und die nach Franklins Meinung falsche sprachliche Assimilation im Beziehung zu dem Begriff "darken", also "verdunkeln" setzt, geht es da möglicherweise weniger um ethnische Ressentiments, sondern um Kulturelle.
 
Warum zu einem offen rassistischem Text nach kulturellen Begründungen suchen, wenn der Autor diese nicht liefert?

Er schreibt ja unverdrossen von der so schönen / wunderbaren Gelegenheit zum Ausschließen aller die schwarz oder braun sind:
"in America, where we have so fair an Opportunity, by excluding all Blacks and Tawneys, of increasing the lovely White and Red?"

Oder spricht er hier von Shakespeare's Dramen und Händels Feuerwerkmusik?
 
Zuletzt bearbeitet:
Die "Saxons" von den übrigen "Germans" zu trennen dürfte vor allem 2 Probleme im Auge gehabt haben:

1. Durch die frühmittelalterliche sächsiche Wanderung auf die britischen Inseln und die Gründung..
Mich brauchst du da nicht zu überzeugen, aber ich meine, vielleicht hat Franklin so gedacht.
Was ich mir auch gut vorstellen kann: Dass die Personalunion zwischen Hannover und England ihn in seinen Auffassungen bestärkt haben könnte.
 
Warum zu einem offen rassistischem Text nach kulturellen Begründungen suchen, wenn der Autor diese nicht liefert?
Tut er ja gerade doch, wenn er die sprachliche Assimilation an die deutschsprachigen Einwanderer in Pennsylvania als Schreckensszenario an die Wand malt, oder hatten die deutschen Dialekte Hautfarben?
Für brachialen Hautfarbenrassismus, der sich einzig darauf als Merkmal kaprizierte, ist der Text eigentlich zu früh drann.

In meinen Augen ist die Stoßrichtung des Textes auch weniger systematisch rassistisch, als viel mehr im allgemeinen xenophob, was Einwanderer betrifft.

Denn wenn man mal annimmt, dass Franklin den Saxons vor allem deswegen als einziger Gruppe neben den Engländern zugestanden hat "purely white" zu sein, weil alles andere eine rechtlich heikle kulturalistische oder gar rassistische Herabwürdigung des eigenen Königs bedeutet hätte, sagt der Text eigentlich, dass die Engländer für sich genommen (wohlbemerkt Engländer, nicht etwas Briten) die am höchsten, exklusiv über allen anderen Gruppen stünden, weswegen sie das mehr oder weniger exklusive Recht hätten dort in den Kolonien zu sein.

Nun ist das Kaprizieren auf eine einzige national definierte Gruppe für rassistische Vorstellungswelten aber eher untypisch. Selbst die Nazis in ihrem absoluten Wahn, was das betrifft, hatten ja die Vorstellung, dass es jedenfalls noch so etwas wie "artverwandte germanische Rassen" gäbe, die biologisch jedenfalls annähernd gleichwertig sein.
Auch bei anderen rassistischen Vorstellungen war das eigentlich immer der Fall. Das 19. und frühe 20. Jahrhundert hat von "Germanischen", "Slavischen", "Lateinischen" (die Franzosen hatten da ein paar entsprechende Vordenker vor allem in der Mitte des 19. Jahrhunderts) Rassen, Brudervölkern etc. fabuliert, aber eigentlich nicht im Bezug auf eine einzige nationale Gruppe.

Auch bei rassistischen Vordenkern am Ende des 18. Jahrhunderts wäre mir das nicht bekannt. Ein Immanuel Kant etwa hat ja durchaus mit fragwürdigem Hautfrabenrassismus herumexperimentiert, sich so weit mir bekannt aber nie dazu verstiegen diese Begriffe so weit zu verengen.

Natürlich hat der Hautfarbenrassismus an und für sich immer schräge Postulate fabriziert, wie etwa dasjenige einen Andalusier "weiß", einen Nordmarokkaner aber "schwarz" zu nennen, während die beiden im Zweifel gerade mal 30 Km Seezone von einander trennen.
Aber an gewisse Grundbeobachtungen (immerhin wollten Rassisten sich selbst ja als Naturwissenschaftler verstanden wissen, nicht als irgendwelche Philosophen oder Esoteriker) wie der Umstand, dass in Afrika aufs Ganze betrachtet dunklere Hauttypen vorherrschen als in Europa, sind in den einschlägigen Theorien ja durchaus vertreten und erfüllen den Zweck dem ganzen Scheinplausibilität zu verschaffen.

Demgegenüber Fällt was Franklin schreibt aber aus dem Rahmen, weil sie seine Zuordnungen so in keiner Weise plausibel finden als Beobachtungen finden.

Man mag versuchen können das zu rationalisieren, wenn man sich bei seinem Sermon auf die Aussagen über Südeuropäer bezieht und sicherlich konzedieren können, dass man sicherlich Spanier und Süditaliener findet, deren Teint dunkler ist, als der des Normalbriten und wenn man dann noch die Provence und Südtirol als Beispiele bemüht, lässt sich das vielleicht noch auf Teilgruppen Bei Franzosen und Deutschen (im damaligen Verständnis) anwenden.

Nur: Er unterstellt das ja auch bei Russen (große Teile der Ukraine und der Kaukasus gehörten damals noch nicht unmittelbar dazu) und Schweden.

Und das wiederrum wirft alle Vorstellungen, von Wegen man könnte ja da zwischen Engländern und Süddeutschen, wegen Sonnenstunden usw. evt. vielleicht graduelle Unterschiede ausmachen, ad absurdum, bzw. wirft das gesamte Konzept um.

Denn mit Schweden einem Land/einer Bevölkerung, deren Zentren von England aus betrachtet eher im Norden und deutlich näher am Polarkreis liegen (zumal da damals ja auch Finnland noch dazu gehörte) in irgendeiner Form dunklere Hautfarbe zu attestieren als den Engländern, ist offensichtlich absurd und nicht realiter beobachtbar gewesen.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Für mich macht das nach wie vor den Eindruck, dass es da nicht um ein rassistisches System geht, sondern darum den eigenen Anspruch auf Vorrechte, in Form, der oben bereits erwähnten "Rechte freier Engländer" irgendwie in ein pseudonaturrrechtliches Gewandt zu kleiden und aus diesem Grund Gründe herbei zu erfinden, warum alle anderen Gruppen den Engländern unterlegen seien.
Aber ohne da tatsächlich pseudobiologistische Beobachtungen stringend anzustrengen oder einzuarbeiten.

In diesem Sinne, würde ich sagen, dass zummindest der in der Überschrift gewählte Begriff "Rassentheorie" nicht wirklich passt, denn eine ausgefeilte Denke, für die sich zummindest biologistische Scheinargumente fänden, die es plausibel erscheinen lassen könnten, ist das eigentlich nicht.

Wenn Franklin sich öffentlich hingestelt und gemäß dieser Lesart behauptet hätte, Schweden seien im Vergleich mit Engländern "dunkelhäutig" dann hätte er dafür wahrscheinlich einige gute Lacher geerntet und wäre für deppert erklärt worden.
Wenn man nicht davon ausgehen möchte, dass er sich von vorn herein selbst lächerlich machen wollte, sollte man ernsthaft in Erwägung ziehen, ob sein Konzept von "swarthy" über die Hautfarbe hinaus und in den Bereich kultureller Merkmale hineinging.
 
Gut, @Shinigami spricht den Rechtsstatus an, den Engländer und Sachsen in einer Kolonie hatten, die der Krone unterstand.

dass es da nicht um ein rassistisches System geht, sondern darum den eigenen Anspruch auf Vorrechte, in Form, der oben bereits erwähnten "Rechte freier Engländer" irgendwie in ein pseudonaturrrechtliches Gewandt zu kleiden und aus diesem Grund Gründe herbei zu erfinden, warum alle anderen Gruppen den Engländern unterlegen seien.

Diese Intention ist sicherlich Kern von Franklins Schreiben.

Die kruden Äußerungen sind nichtsdestotrotz rassistisch.
 
bevor man Annahmen über Texte stülpt, sollte man eigentlich sich in einer textimmanenten Lesart Klarheit verschaffen - so jedenfalls die philologische Vorgehensweise.
Und bevor man einen Textinhalt unkritisch übernimmt, sollte man ihn im Zusammenhang mit seinem historischen Kontext betrachten, so jedenfalls die historisch-kritische Vorgehensweise.

Fällt dir denn ein sinnvoller textimmanennter Grund ein, die "Saxons" als einzige Gruppe unter den "Germans" nicht abzuqualifizieren, außer das zufällig einer von denen gerade König war und es deswegen Majestätsbeleidigung gewesen wäre, während der Text selbst mehr oder weniger alle anderen nicht englischen Gruppen abqualifiziert?
 
Fällt dir denn ein sinnvoller textimmanennter Grund ein, die "Saxons" als einzige Gruppe unter den "Germans" nicht abzuqualifizieren, außer das zufällig einer von denen gerade König war und es deswegen Majestätsbeleidigung gewesen wäre, während der Text selbst mehr oder weniger alle anderen nicht englischen Gruppen abqualifiziert?
Die Idee mit dem Königshaus ist interessant, aber den primären Grund würde ich darin sehen, dass die Engländer (Anglo-Saxons) ihre enge Verwandschaft mit den (Nieder-) Sachsen nun wirklich nicht verbergen können. Wenn man nicht annimmt, Horsa und Hengest seien bei ihrem Trip über die Nordsee spontan ausgebleicht, sind entweder Engländer und Sachsen beide weiß, oder beide "swarthy"... ;)
 
Fällt dir denn ein sinnvoller textimmanennter Grund ein, die "Saxons" als einzige Gruppe unter den "Germans" nicht abzuqualifizieren, außer das zufällig einer von denen gerade König war und es deswegen Majestätsbeleidigung gewesen wäre, während der Text selbst mehr oder weniger alle anderen nicht englischen Gruppen abqualifiziert?
zunächst bestätigt deine Gegenfrage, dass auf der textimmanenten Ebene Franklin eben doch anhand von wertenden Zuschreibungen zu den Hautfarben wenig qualifiziert und viel abqualifiziert - aus heutiger Sicht eine eindeutig (proto)rassistische Sichtweise, durchaus typisch für die Entstehungszeit. Ein Novum freilich wäre, solche (proto)rassistischen Zuschreibungen durchsichtig zurechtzubiegen, um einer eventuellen Majestätsbeleidigung zu entgehen (nebenbei: das erinnert an die Späße zum "dinarischen Typ Arier" in Rosendorfers "deutscher Suite") - - was bzgl. der Person des Autors Verwirrung stiftet, ist das dem Text von 1751 nicht zu entnehmende Faktum, dass der Verfasser später "Gründervater" einer dezidiert nicht rassistischen Verfassung wurde - einer Verfassung, deren komplexe Entstehung durch das duldende Stillhalten zur rassistischen Sklavenhalterei (Südstaaten) sozusagen einige Makel enthält.
Was die Diskussion hier mit ihrem angestrengten Versuch betrifft, offensichtlichen Proto- oder Frührassismus auszublenden, so verwundert mich das, da ansonsten jeder Verdacht in diese Richtung gerne mit Strenge und Unnachgiebigkeit vertreten wird (ich erinnere mich amüsiert an die vor über 10 Jahren hier vertretene Ansicht, dass Twains Huck Finn in einer nicht vom Autor stammenden textverfälschenden Kinderbuchfassung unbedingt und strengstens von "rassistischen Passagen" bereinigt werden müsse - ausgerechnet Twain als Rassist...) ;) :D
 
Die Idee mit dem Königshaus ist interessant, aber den primären Grund würde ich darin sehen, dass die Engländer (Anglo-Saxons) ihre enge Verwandschaft mit den (Nieder-) Sachsen nun wirklich nicht verbergen können.
...war Franklin um 1750 in norddeutschen Gefilden in Sachen vergleichender Völkerkunde unterwegs? ;)
 
@Reinecke wenn man um 1750 weit weg in Übersee so dezidierte Kenntnisse des Aussehens norddeutscher und britischer Bevölkerung behauptet: heuer würde man dafür entweder der Trollerei verdächtigt oder nach entsprechenden Quellen befragt ;) - - Franklin hätte es in dieser Angelegenheit heute schwerer, hier zu posten statt damals zu publizieren ;)
 
Für brachialen Hautfarbenrassismus, der sich einzig darauf als Merkmal kaprizierte, ist der Text eigentlich zu früh dran.
Das würde ich nicht so sehen. Bereits in früheren Jahrhunderten hat man den Hautfarbenrassismus geübt und diesen biblisch begründet. Für den biologistischen Rassismus ist der Text zu früh dran, aber nicht für den Hautfarbenrassismus.
Im iberoamerikanischen Raum hat man ja auch die die castas (der mit Indien bzw. dem Hinduismus verbundene Begriff Kastenwesen hängt mit Portugal als erster europäischer Kolonialmacht in Indien zusammen, es steckt darin also ein portugiesisches, kein indisches oder englisches Wort) nach Hautfarben und Mischungen klassifiziert. Also der Mischling aus "weiß" und "rot" (Mestize) stand höher, als der Mischling aus "weiß" und "schwarz" (Mulatte). Nur war dieser Rassismus nicht allein auf den Hautfarben begründet, sondern auch auf dem Geburtsort: zwei spanische Geschwister, die beide zu 100 % dieselben biologischen Eltern hatten, konnten unterschiedlichen castas angehören, je nachdem, ob ein Kind in Spanien und das andere in den Americas geboren wurde.
Auch Sklaverei wurde indirekt hautfarbenrassistisch-biblisch begründet: Es war zwar nur der Sohn Kana'an, der von Hams Söhnen als Sklave der anderen verflucht wurde, aber es wurde dann später auf alle Söhne Hams ausgeweitet. Da man die Nachkommen Hams in Afrika verortete, wurde dieser Fluch dann auf dunkelhäutige Menschen angewandt.

bevor man Annahmen über Texte stülpt, sollte man eigentlich sich in einer textimmanenten Lesart Klarheit verschaffen - so jedenfalls die philologische Vorgehensweise.
Und bevor man einen Textinhalt unkritisch übernimmt, sollte man ihn im Zusammenhang mit seinem historischen Kontext betrachten, so jedenfalls die historisch-kritische Vorgehensweise.
Schön, dass ihr euch über methodische Vorgehensweisen unterhaltet, aber ihr solltet sie nicht gegeneinander ausspielen.
 
Franklin stellt "swarthy" also als irgendein Zwischending zwischen zwischen "black", "tawny" und "purely white" dar.

Die Frage wäre, was genau meint er mit dem Wort "purely"?

Meint er damit im Sinne rassenbiologischer Ideen "unvermischte weiße Hautfarbe" oder ist sein Konzept eher in die Richtung gehend, dass dazu "purely white" zu sein, nicht nur eine entsprechende Hautfarbe, sondern auch ein demgemäßes inneres Wesen gehören würde, dass dann mit kulturellen Kategorien zu tun hätte und dass man ggf. darin übersetzen könnte, dass "purely white" nur sein könnte, wer auch "innerlich weiß" (also aufgeklärt, protestantisch und idealser Weise Sprecher der englischen Sprache) wäre?

Im vorrangegangenen Absatz geht es ja daraum, dass Einwanderung (in diesem Fall von Pfälzer Bauern) abgelehnt wird, wobei mehr oder weniger offen Überfremdungsvorstelltungen zum Ausdruck gebracht werden und die sprachliche Assimilierung eine Rolle spielt, respektive die Angst davor, die Mundart der nach Pennsylvania eingewanderten Pfälzer könne sich dort durchsetzen.

Wenn man das mal auf den letzten Absatz bezieht ...

- und die Tatsache in Rechnung stellt, dass die Sachsen ja keinesfalls Englisch sprechen, sondern halt auch einen deutschen Dialekt
- und wir Franklin unterstellt, dass ihm diese Tatsache bekannt war

... dann kommen wir nicht darum herum, Franklin zu unterstellen, dass er genau das gemeint hat, was er geschrieben hat. Es geht um vier Kategorien von Hautfarben, um nichts anderes:

pure white: richtig weiß
swarthy: nicht mehr richtig weiß, sondern schon deutlich dunkler
tawny: noch dunkler, schon bräunlich
black: schwarz
 
"swarthy" meint in der Tat 'dunkel'.
'complexion' bedeutet per Cambridge Dictionary "the natural appearance of the skin on a person's face, especially its colour or quality".
Und da schliesst sich der Kreis wieder: im 18. Jahrhundert arbeiteten die meisten Leute in der Agrarwirtschaft, ergo 'braungebrannt.
Schaut man sich nur einen Teil der unzaehliegen Gemaelde damaliger und frueherer Aristokratie an, so sieht man dort keine 'swarty' Aristokraten...weil... die nicht von frueh bis Abend auf den Feldern gewirtschaftet hatten. Waren Queen Victoria oder Albert oder sonst irgendjemand deutscher oder franzoesischer od. hollaendischer Aristokratie 'dunkelhäutig' oder hatten eine 'swarthy complexion?"

Queen Victoria aus dem Haus Hannover und Albert von Sachsen-Coburg und Gotha dürften Franklin wohl kaum bekannt gewesen sein. Seiner Hautfarben-Systematik zufolge sind sie natürlich als "pure white" einzuordnen.

Seine Systematik berücksichtigt nicht, ob jemand auf dem Acker schuftet oder im Schloss residiert, sondern welchem Volk bzw. welcher Region er entstammt.
Weiß sind die Engländer und Sachsen.
Dunkler (swarthy) sind die sonstigen Europäer (Spanier, Italiener, Franzosen, Russen, Schweden, Deutsche außer Sachsen)
Noch dunkler (tawny) sind alle indigenen Amerikaner, die meisten Asiaten und teilweise die Afrikaner
Schwarz sind... die Schwarzafrikaner.

Dass diese Systematik ebenso schief und teilweise lächerlich ist wie andere rassistischen Hautfarbenlehren (die indigenen Amerikaner sind ebensowenig "rot" wie die Chinesen "gelb" oder die Engländer "rein weiß"), bedarf keiner Erörterung.


Kleine Nuancen in der Hautfarbe kann man vielleicht schon feststellen, wenn man will...

1769268337467.png



1769268380819.png
 
Zuletzt bearbeitet:
@Reinecke wenn man um 1750 weit weg in Übersee so dezidierte Kenntnisse des Aussehens norddeutscher und britischer Bevölkerung behauptet: heuer würde man dafür entweder der Trollerei verdächtigt oder nach entsprechenden Quellen befragt ;) - - Franklin hätte es in dieser Angelegenheit heute schwerer, hier zu posten statt damals zu publizieren ;)
Ich behaupte nur keine dezidierten Kenntnisse, sondern dass auch in Amerika nicht völlig in Vergessneheit geraten ist, woher die Engländer mal kamen. Sry, aber willst du echt erzählen, dass die Addressaten von Franklins Text das nicht wussten?
 
Ich behaupte nur keine dezidierten Kenntnisse, sondern dass auch in Amerika nicht völlig in Vergessneheit geraten ist, woher die Engländer mal kamen. Sry, aber willst du echt erzählen, dass die Addressaten von Franklins Text das nicht wussten?
wenn die Adressaten sowie der Verfasser tatsächlich umfangreiche Kenntnisse frühmittelalterlicher Migrationen hatten*), dann haben sie in diesen Quellen zur historischen Bildung so ziemlich nichts (!) über Hautfarben oder Teints erfahren können (keine frühmittelalterliche Quelle teilt uns mit, ob Hengist, Horsa, Aelle, Artus oder später gar Richard Löwenherz white, swarthy oder tawny waren) - kurzum, das Hautfarbenblabla stammt nicht aus historischen Kenntnissen. Ansonsten wiederhole ich dazu:
dass auf der textimmanenten Ebene Franklin eben doch anhand von wertenden Zuschreibungen zu den Hautfarben wenig qualifiziert und viel abqualifiziert - aus heutiger Sicht eine eindeutig (proto)rassistische Sichtweise, durchaus typisch für die Entstehungszeit. Ein Novum freilich wäre, solche (proto)rassistischen Zuschreibungen durchsichtig zurechtzubiegen, um einer eventuellen Majestätsbeleidigung zu entgehen (nebenbei: das erinnert an die Späße zum "dinarischen Typ Arier" in Rosendorfers "deutscher Suite") - - was bzgl. der Person des Autors Verwirrung stiftet, ist das dem Text von 1751 nicht zu entnehmende Faktum, dass der Verfasser später "Gründervater" einer dezidiert nicht rassistischen Verfassung wurde - einer Verfassung, deren komplexe Entstehung durch das duldende Stillhalten zur rassistischen Sklavenhalterei (Südstaaten) sozusagen einige Makel enthält.
und verweise noch auf:
Seine Systematik berücksichtigt nicht, ob jemand auf dem Acker schuftet oder im Schloss residiert, sondern welchem Volk bzw. welcher Region er entstammt.
Weiß sind die Engländer und Sachsen.
Dunkler (swarthy) sind die sonstigen Europäer (Spanier, Italiener, Franzosen, Russen, Schweden, Deutsche außer Sachsen)
Noch dunkler (tawny) sind alle indigenen Amerikaner, die meisten Asiaten und teilweise die Afrikaner
Schwarz sind... die Schwarzafrikaner.

Dass diese Systematik ebenso schief und teilweise lächerlich ist wie andere rassistischen Hautfarbenlehren (die indigenen Amerikaner sind ebensowenig "rot" wie die Chinesen "gelb" oder die Engländer "rein weiß"), bedarf keiner Erörterung.
_______
*) woran ich einige Zweifel habe, denn etliche Quellen waren erst im 19. Jh. "wiederentdeckt" worden, auch gab es noch keine "Germanistik", die Aufschluss über sprachliche Verwandtschaften erteilte - der Wissenstand in historischen Angelegenheiten um 1750 ist nicht mit dem heutigen vergleichbar.
 
Ich denke schon, dass die Engländer um 1750 dachten, sie stammten hauptsächlich von den Angelsachsen ab, und die seien aus Germanien gekommen, und da seien die Leute vorwiegend hellhäutig und blond gewesen - unabhängig davon, ob das Quatsch war oder nicht.
Beda Venerabilis wurde nicht erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt.
 
Zurück
Oben