FriedrichRudolf
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Zusammenfassung und Erweiterung
Zunächst meinen Dank an Ravenik für seinen schnellen Hinweis auf Cicero’s Bemerkung zu der seinerzeit üblichen Deutung von Kometenerscheinungen. Denn darauf will ich hinaus!
Sodann hier eine Aufzählung aller römischen Berichte zur Erscheinung der Kometen nach Caesar’s Tod. Die Aufstellung stammt von A.A.Barrett, ‚Observations of Comets in greek and roman sources before AD 410’, University of British Columbia, Vancouver, 1978.
Die Textauszüge sind daher alle in Englisch. Barrett’s Aufzählung zum Jahr 44 BC lautet:
Seneca, 7.17.2: ‚(the comet) that appeared after the death of the divine Julius during the games of Venus Genetrix about the eleventh hour of the day.‘
Suetonius, Caesar 88: (during the games) ‚a comet shown for seven continuous days, rising about the eleventh hour’.
Plinius, 2.93: (the comet) that appeared at the beginning of his reign (i.e. Augustus) at the games he was holding for Venus Genetrix not long after the death of Caesar, his father’.
Plutarch, Caesar 69.3: ‚among the divine portents there was also the great comet; it appeared very bright for seven nights after the murder of Caesar, then disappeared.‘
Cassius Dio, 45.7.1: ‚but when a certain star appeared during all those days in the north towards evening, some calling it a comet …‘
Calpurnius Siculus, 1.83: ‚when, on the murder of caesar, a comet pronounced fatal war for the wretched people‘
Obsequens, 68: ‚a bright star blazed for seven days’
Servius, on Aeneid 8.681: ‚for three days a star appeared in the north‘
Servius, on Eclogue 9.46: ‚Baebius Macer says that about the eighth hour, a very large star, covered with ribbon-like rays, rose in the north‘.
Soweit A.A. Barett, er übersah aber noch einen wichtigen, echten Zeugen und Akteur:
Octavian Augustus, Memoirs, fr. 6: ‚On the very days of my games (the ludi Venus Genetrix), a comet (sidus crinitum) was visible over the course of seven days, in the northern region of the heavens. It rose about the eleventh hour of the day and was bright and plainly seen from all lands. The common people believed, that this star (sidus) signified that the soul of Caesar had been received among the spirits of the immortal gods. On this account, it (a star, sidus) was added as an adornment to the head of the statue that I not long afterwards dedicated in the forum.‘ (Zitiert n. Ramsey, Licht, The Comet of 44 BC and Caesar’s Funeral Games, University of Illinois, Chikago 1997)
Als Anhang hierzu noch eine Textstelle von Cassius Dio, 45.17.4, die in das Jahr 43 BC datiert wird: (‚a torch moved quickly from east to west and a new star could be seen for several days‘.) This was included among the portents of the civil war that followed the death of Caesar. Octavian, the future emperor Augustus, was suffect consul in the second half of this year. (A.A.Barrett)
Dieser Kommentar von Barrett als ein weiterer Hinweis zur Frage der Deutung von Kometenerscheinungen: ‚portents‘ sind ‚böse Omen‘, s.o. Cicero.
Wozu die Aufzählung?
Es ist die Zusammenfassung wohl aller schriftlichen Berichte, die wir dazu haben. Dabei muß man berücksichtigen, daß keiner der Autoren das Ereignis selbst erlebt hat und alle wohl von einander abgeschrieben haben, mit Ausnahme von Octavian. Seine Ausführung dazu ist auch als die eines sich im richtigen Licht wissenden Akteurs zu werten. Aber alles in allem läßt sich doch folgendes konstatieren:
Es muß am Himmel ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden, daß sich in seiner Art deutlich von einem ‚normalen‘ Verlauf einer Kometenerscheinung unterschied. Denn die römische Gesellschaft, die sicherlich durch den Mord bereits höchst sensibilisiert war, stellte sich, vorgewarnt durch den Kometen nach den Iden des März (Plutarch), nun auf kommende, schwere Zeiten ein.
Die alljährlich stattfindenden Festspiele zu Ehren der Venus Genetrix wurden kurzerhand von Octavian für Caesar’s Begräbnisfeierlichkeiten genutzt. Diese Umdeutung der Spiele konnte er ohne politische Gegenwehr durchsetzen, da die Spiele ohnehin ein paar Jahre vorher erst von Caesar ins Leben gerufen waren. Octavian (und die Parteigänger der Julier) wollten natürlich in der Frontenbildung der beginnenden Bürgerkriegsauseinandersetzung um die Nachfolge Caesar’s ein Ereignis mit möglichst großer öffentlicher Wirkung für sich nutzen.
In diesem Moment in der zweiten Hälfte des Juli 44 BC, in dem ohnehin alles schon auf’s Höchste gespannt ist, erscheint am Himmel ein (weiterer) Komet (s.o. unsere Kronzeugen). Der erste Komet zu den Iden des März ist - sicherlich wie immer schon - als böses Vorzeichen aufgenommen worden. Aber jetzt ist alles anders: Die Himmelserscheinung muß auf Grund ihrer besonderen ‚Ausformung’ das einfache Volk dazu bewegt haben, seine sonst skeptische Sichtweise einzutauschen gegen eine positive Deutung des laufenden Staatsakts zum Begräbnis Caesar’s.
Und dieses Ereignis hat so eine lang anhaltende Wirkung in der Erinnerung der Volksseele gehabt, daß Octavian sich ohne Glaubwürdigkeitsverlust in den Glanz dieses ‚sidus julius‘, des Stern Caesar’s, stellen konnte. Was er auch nutzte: Er heftete sofort einen Stern an Caesar’s Statue, s. Memoiren, als ein Zeichen der Apotheose Caesars. Weiterhin veranlassten seine Parteigänger die staatliche Münze Geld zu schlagen mit dem besonderen Motiv des ‚Divus Julius’ - ein geschickter Schachzug der Propaganda. Denn jeder Römer, der diese Münze jetzt in seiner Hand hielt, wurde dazu angeregt, sich selber ein Urteil zu bilden zu der Frage:
Ist Octavian glaubwürdig?
Und Glaubwürdigkeit ist essentiell in Zeiten eines weiteren aufkommenden Bürgerkriegs, nachdem Caesar und Pompeius sich schon über mehrere Jahre hinweg befehdet hatten.
Als Summenstrich ist zu sagen:
Wir suchen ein außergewöhnliches Ereignis am Himmel, wie man es vielleicht nur einmal im Jahrhundert geboten bekommt. Und dieses Ereignis hat im Juli/August stattgefunden und nicht - wie die Annalen der chinesischen Kometensichtungen melden - im Mai/Juni 44 BC.
Octavian und andere geben einen Hinweis: Der Komet war bereits am Tage zu sehen, ab der elften Stunde!
Kann mir da jemand folgen?
FR
Zunächst meinen Dank an Ravenik für seinen schnellen Hinweis auf Cicero’s Bemerkung zu der seinerzeit üblichen Deutung von Kometenerscheinungen. Denn darauf will ich hinaus!
Sodann hier eine Aufzählung aller römischen Berichte zur Erscheinung der Kometen nach Caesar’s Tod. Die Aufstellung stammt von A.A.Barrett, ‚Observations of Comets in greek and roman sources before AD 410’, University of British Columbia, Vancouver, 1978.
Die Textauszüge sind daher alle in Englisch. Barrett’s Aufzählung zum Jahr 44 BC lautet:
Seneca, 7.17.2: ‚(the comet) that appeared after the death of the divine Julius during the games of Venus Genetrix about the eleventh hour of the day.‘
Suetonius, Caesar 88: (during the games) ‚a comet shown for seven continuous days, rising about the eleventh hour’.
Plinius, 2.93: (the comet) that appeared at the beginning of his reign (i.e. Augustus) at the games he was holding for Venus Genetrix not long after the death of Caesar, his father’.
Plutarch, Caesar 69.3: ‚among the divine portents there was also the great comet; it appeared very bright for seven nights after the murder of Caesar, then disappeared.‘
Cassius Dio, 45.7.1: ‚but when a certain star appeared during all those days in the north towards evening, some calling it a comet …‘
Calpurnius Siculus, 1.83: ‚when, on the murder of caesar, a comet pronounced fatal war for the wretched people‘
Obsequens, 68: ‚a bright star blazed for seven days’
Servius, on Aeneid 8.681: ‚for three days a star appeared in the north‘
Servius, on Eclogue 9.46: ‚Baebius Macer says that about the eighth hour, a very large star, covered with ribbon-like rays, rose in the north‘.
Soweit A.A. Barett, er übersah aber noch einen wichtigen, echten Zeugen und Akteur:
Octavian Augustus, Memoirs, fr. 6: ‚On the very days of my games (the ludi Venus Genetrix), a comet (sidus crinitum) was visible over the course of seven days, in the northern region of the heavens. It rose about the eleventh hour of the day and was bright and plainly seen from all lands. The common people believed, that this star (sidus) signified that the soul of Caesar had been received among the spirits of the immortal gods. On this account, it (a star, sidus) was added as an adornment to the head of the statue that I not long afterwards dedicated in the forum.‘ (Zitiert n. Ramsey, Licht, The Comet of 44 BC and Caesar’s Funeral Games, University of Illinois, Chikago 1997)
Als Anhang hierzu noch eine Textstelle von Cassius Dio, 45.17.4, die in das Jahr 43 BC datiert wird: (‚a torch moved quickly from east to west and a new star could be seen for several days‘.) This was included among the portents of the civil war that followed the death of Caesar. Octavian, the future emperor Augustus, was suffect consul in the second half of this year. (A.A.Barrett)
Dieser Kommentar von Barrett als ein weiterer Hinweis zur Frage der Deutung von Kometenerscheinungen: ‚portents‘ sind ‚böse Omen‘, s.o. Cicero.
Wozu die Aufzählung?
Es ist die Zusammenfassung wohl aller schriftlichen Berichte, die wir dazu haben. Dabei muß man berücksichtigen, daß keiner der Autoren das Ereignis selbst erlebt hat und alle wohl von einander abgeschrieben haben, mit Ausnahme von Octavian. Seine Ausführung dazu ist auch als die eines sich im richtigen Licht wissenden Akteurs zu werten. Aber alles in allem läßt sich doch folgendes konstatieren:
Es muß am Himmel ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden, daß sich in seiner Art deutlich von einem ‚normalen‘ Verlauf einer Kometenerscheinung unterschied. Denn die römische Gesellschaft, die sicherlich durch den Mord bereits höchst sensibilisiert war, stellte sich, vorgewarnt durch den Kometen nach den Iden des März (Plutarch), nun auf kommende, schwere Zeiten ein.
Die alljährlich stattfindenden Festspiele zu Ehren der Venus Genetrix wurden kurzerhand von Octavian für Caesar’s Begräbnisfeierlichkeiten genutzt. Diese Umdeutung der Spiele konnte er ohne politische Gegenwehr durchsetzen, da die Spiele ohnehin ein paar Jahre vorher erst von Caesar ins Leben gerufen waren. Octavian (und die Parteigänger der Julier) wollten natürlich in der Frontenbildung der beginnenden Bürgerkriegsauseinandersetzung um die Nachfolge Caesar’s ein Ereignis mit möglichst großer öffentlicher Wirkung für sich nutzen.
In diesem Moment in der zweiten Hälfte des Juli 44 BC, in dem ohnehin alles schon auf’s Höchste gespannt ist, erscheint am Himmel ein (weiterer) Komet (s.o. unsere Kronzeugen). Der erste Komet zu den Iden des März ist - sicherlich wie immer schon - als böses Vorzeichen aufgenommen worden. Aber jetzt ist alles anders: Die Himmelserscheinung muß auf Grund ihrer besonderen ‚Ausformung’ das einfache Volk dazu bewegt haben, seine sonst skeptische Sichtweise einzutauschen gegen eine positive Deutung des laufenden Staatsakts zum Begräbnis Caesar’s.
Und dieses Ereignis hat so eine lang anhaltende Wirkung in der Erinnerung der Volksseele gehabt, daß Octavian sich ohne Glaubwürdigkeitsverlust in den Glanz dieses ‚sidus julius‘, des Stern Caesar’s, stellen konnte. Was er auch nutzte: Er heftete sofort einen Stern an Caesar’s Statue, s. Memoiren, als ein Zeichen der Apotheose Caesars. Weiterhin veranlassten seine Parteigänger die staatliche Münze Geld zu schlagen mit dem besonderen Motiv des ‚Divus Julius’ - ein geschickter Schachzug der Propaganda. Denn jeder Römer, der diese Münze jetzt in seiner Hand hielt, wurde dazu angeregt, sich selber ein Urteil zu bilden zu der Frage:
Ist Octavian glaubwürdig?
Und Glaubwürdigkeit ist essentiell in Zeiten eines weiteren aufkommenden Bürgerkriegs, nachdem Caesar und Pompeius sich schon über mehrere Jahre hinweg befehdet hatten.
Als Summenstrich ist zu sagen:
Wir suchen ein außergewöhnliches Ereignis am Himmel, wie man es vielleicht nur einmal im Jahrhundert geboten bekommt. Und dieses Ereignis hat im Juli/August stattgefunden und nicht - wie die Annalen der chinesischen Kometensichtungen melden - im Mai/Juni 44 BC.
Octavian und andere geben einen Hinweis: Der Komet war bereits am Tage zu sehen, ab der elften Stunde!
Kann mir da jemand folgen?
FR
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