Das Römische Reich in der Byzantike – Ein notwendiger Epochenbegriff

Wie byzantinisch war das frühe Byzanz?​


Eine Anmerkung zu Edward Gibbon

Es gehört zu den großen Leistungen der Geschichtsschreibung, Ordnung in das Chaos der Vergangenheit zu bringen. Zu ihren noch größeren Leistungen gehört es allerdings, Chaos dort zu entdecken, wo zuvor Ordnung vermutet wurde.

Besonders eindrucksvoll gelang dies den Historikern des 18. Jahrhunderts. Sie entdeckten nämlich, dass das Byzantinische Reich ein zutiefst dekadenter, intrigantenreicher und moralisch fragwürdiger Staat gewesen sei.

An der Spitze dieser Bewegung stand Edward Gibbon, dessen monumentales Werk über den Niedergang des Römischen Reiches Generationen von Lesern prägte.

Die Byzantiner, so lernte man, seien in Hofzeremoniell erstarrt gewesen, hätten sich in theologischen Spitzfindigkeiten verloren, sich gegenseitig vergiftet, geblendet, entthront und kastriert und dabei den Ernst echter Staatskunst aus den Augen verloren.

Soweit die Theorie.

Betrachten wir nun kurz das frühe Byzanz.

Dieses begann bekanntlich mit einem Brudermord.

Anschließend vertrieben die Byzantiner ihre Könige, führten jahrhundertelang erbitterte Machtkämpfe innerhalb ihrer Aristokratie, verwüsteten große Teile der bekannten Welt und entwickelten ein politisches System, dessen regelmäßige Funktionsweise darin bestand, dass ehrgeizige Feldherren mit Armeen auf die Hauptstadt marschierten.

Im frühen Byzanz ließ man politische Gegner verbannen, enteignen oder ermorden.

Man führte Bürgerkriege.

Man setzte Diktatoren ein.

Man erklärte ganze Bevölkerungsgruppen zu Staatsfeinden.

Man kaufte Wahlen.

Man bestach Richter.

Man proskribierte Senatoren.

Gelegentlich ließ man sogar ganze Städte auslöschen.

Ein besonders bemerkenswerter byzantinischer Herrscher namens Caligula erklärte sein Pferd zum Konsul.

Ein anderer namens Nero spielte Musik, während seine Hauptstadt brannte.

Wieder ein anderer, Commodus, hielt sich für Herkules und trat öffentlich als Gladiator auf.

Während der sogenannten Byzantinischen Soldatenkaiserzeit wurden Kaiser mit einer Geschwindigkeit ermordet, die selbst spätere Hofeunuchen vor organisatorische Schwierigkeiten gestellt hätte.

Die Prätorianergarde versteigerte zeitweise den Kaiserthron an den Höchstbietenden.

Man könnte meinen, die spätere Byzantinistik hätte ihre Vorbilder bereits gefunden.

Dennoch gelten all diese Vorgänge gewöhnlich als Episoden der ehrwürdigen römischen Geschichte.

Warum?

Vermutlich deshalb, weil sie sich vor dem Jahr 395 ereigneten und daher automatisch den Nimbus klassischer Größe genießen.

Nach 395 hingegen verwandelt sich dieselbe Mischung aus Ehrgeiz, Intrige, Machtkampf und menschlicher Schwäche plötzlich in ein spezifisch „byzantinisches“ Phänomen.

Der Historiker steht damit vor einer schwierigen Frage.

Wenn Caligula, Nero, Commodus und die Soldatenkaiser Römer waren — wann genau wurden ihre Nachfolger Byzantiner?

Und falls sie Byzantiner wurden:

Weshalb verhielten sie sich weiterhin so erstaunlich römisch?

Vielleicht besteht die eigentliche Leistung der Byzantiner darin, dass sie über tausend Jahre hinweg erfolgreich jene Eigenschaften bewahrten, die man gewöhnlich schon bei ihren Vorfahren bewundern konnte.

In diesem Fall wäre Byzanz nicht der Gegensatz Roms.

Sondern dessen konsequenteste Fortsetzung.

Die Byzantiner lassen jedenfalls freundlich grüßen.
 
1. Das staatliche Gewaltmonopol (Keine Fehden): Während im westlichen Mittelalter das Faustrecht, Ritterfehden und private Blutrache völlig normal waren, galt in "Byzanz" bis 1453 das ur-römische Prinzip: Nur der Staat straft. Es gab ein funktionierendes, hierarchisches Gerichtssystem. Ein Bürger zog vor den Richter, statt den Nachbarn zu erschlagen. Das war damals im Vergleich zum restlichen Europa absolut außergewöhnlich.
Für mich stellt sich die Frage, wie das etwa in den italienischen Stadtstaaten war.
Dennoch gelten all diese Vorgänge gewöhnlich als Episoden der ehrwürdigen römischen Geschichte.

Warum?

Vermutlich deshalb, weil sie sich vor dem Jahr 395 ereigneten und daher automatisch den Nimbus klassischer Größe genießen.

Nach 395 hingegen verwandelt sich dieselbe Mischung aus Ehrgeiz, Intrige, Machtkampf und menschlicher Schwäche plötzlich in ein spezifisch „byzantinisches“ Phänomen.
Wenn man der „Dekadenztheorie“ folgt, begann der Niedergang aber schon vor 395. (Auch Gibbons Werk setzte früher ein.) Wahlweise schon mit dem Niedergang der vielgepriesenen Republik oder mit der Errichtung des Dominats durch Diokletian (womit das Kaisertum plakativ zu einer „orientalischen Despotie“ wurde – buh!) oder mit der Durchsetzung des Christentums (buh! böse – vor allem das römisch-katholische!) ab Konstantin I.
Gerade im 18./19. Jhdt. hatte man vielfach eine stark überhöhte Vorstellung von der römischen Republik, teils beeinflusst von antiken Autoren wie Cicero, teils durch den Zeitgeist: Schließlich strebten im 18./19. Jhdt. die gebildeten bürgerlichen Schichten nach politischer Mitsprache – oft aber bitte nur für sich selbst, nicht auch für den „Pöbel“ (oder gar für Frauen). Diesen „Idealvorstellungen“ entsprach die römische Republik mit ihrem stark oligarchischen Element einigermaßen.
Und vom römisch-katholischen/orthodoxen Christentum hielt man außerhalb römisch-katholischer/orthodoxer Kreise schon im 18./19. Jhdt. recht wenig.

Man brauchte eine Erklärung für den Niedergang des Römischen Reiches. Immerhin war Rom von einem mittelitalischen Stadtstaat unter vielen zur Beherrscherin des Mittelmeerraums aufgestiegen. Ebenso unbestreitbar war aber, dass das Reich zugrundeging. Also warum? Da lag es nahe zu analysieren, was spätestens ab der Spätantike anders war, und darin dann die Ursache zu sehen. Wenn das dann noch mit eigenen Vorurteilen (absolute Monarchie mit Hofzeremoniell – buh! „orientalischer“ Umgang mit Konkurrenten; große Bedeutung der – christlichen – Religion – buh!) zusammenpasste, umso besser.

Trotz Deiner Auflistung, was im Reich immer schon so gewesen sei:
Einiges war ab der Spätantike bzw. im byzantinischen Reich ja tatsächlich anders. Z.B. dass Personen geblendet oder kastriert wurden – früher hatte man sie einfach nur umgebracht oder verbannt. Oder die starke Stellung des Christentums. Auch das byzantinische Hofzeremoniell mit der Proskynese und dem extrem ausdifferenzierten System von Hofrängen und Titeln unterschied sich durchaus von der frühen Kaiserzeit.
Also es gab schon Punkte, die anders waren und man für eine Dekadenztheorie aufgreifen konnte (wenn man wollte).
 
Für mich stellt sich die Frage, wie das etwa in den italienischen Stadtstaaten war.

Wenn man der „Dekadenztheorie“ folgt, begann der Niedergang aber schon vor 395. (Auch Gibbons Werk setzte früher ein.) Wahlweise schon mit dem Niedergang der vielgepriesenen Republik oder mit der Errichtung des Dominats durch Diokletian (womit das Kaisertum plakativ zu einer „orientalischen Despotie“ wurde – buh!) oder mit der Durchsetzung des Christentums (buh! böse – vor allem das römisch-katholische!) ab Konstantin I.
Gerade im 18./19. Jhdt. hatte man vielfach eine stark überhöhte Vorstellung von der römischen Republik, teils beeinflusst von antiken Autoren wie Cicero, teils durch den Zeitgeist: Schließlich strebten im 18./19. Jhdt. die gebildeten bürgerlichen Schichten nach politischer Mitsprache – oft aber bitte nur für sich selbst, nicht auch für den „Pöbel“ (oder gar für Frauen). Diesen „Idealvorstellungen“ entsprach die römische Republik mit ihrem stark oligarchischen Element einigermaßen.
Und vom römisch-katholischen/orthodoxen Christentum hielt man außerhalb römisch-katholischer/orthodoxer Kreise schon im 18./19. Jhdt. recht wenig.

Man brauchte eine Erklärung für den Niedergang des Römischen Reiches. Immerhin war Rom von einem mittelitalischen Stadtstaat unter vielen zur Beherrscherin des Mittelmeerraums aufgestiegen. Ebenso unbestreitbar war aber, dass das Reich zugrundeging. Also warum? Da lag es nahe zu analysieren, was spätestens ab der Spätantike anders war, und darin dann die Ursache zu sehen. Wenn das dann noch mit eigenen Vorurteilen (absolute Monarchie mit Hofzeremoniell – buh! „orientalischer“ Umgang mit Konkurrenten; große Bedeutung der – christlichen – Religion – buh!) zusammenpasste, umso besser.

Trotz Deiner Auflistung, was im Reich immer schon so gewesen sei:
Einiges war ab der Spätantike bzw. im byzantinischen Reich ja tatsächlich anders. Z.B. dass Personen geblendet oder kastriert wurden – früher hatte man sie einfach nur umgebracht oder verbannt. Oder die starke Stellung des Christentums. Auch das byzantinische Hofzeremoniell mit der Proskynese und dem extrem ausdifferenzierten System von Hofrängen und Titeln unterschied sich durchaus von der frühen Kaiserzeit.
Also es gab schon Punkte, die anders waren und man für eine Dekadenztheorie aufgreifen konnte (wenn man wollte).

Es ist richtig beobachtet, dass Gibbon und viele seiner Nachfolger nicht einfach willkürlich argumentierten. Sie beschrieben reale Veränderungen: Christianisierung, Hofzeremoniell, sakrale Monarchie, Proskynese, Kastrationen, stärkere Hofhierarchien, stärkere Zentralisierung.

Das alles existierte tatsächlich. Der eigentliche Streitpunkt lautet heute aber: Sind diese Veränderungen Ursachen des Niedergangs oder Anpassungsreaktionen eines Staates, der vor völlig neuen Herausforderungen stand? Genau hier setzen übrigens Historiker wie Peter Heather an. Heather argumentiert vereinfacht gesagt nicht:

„Rom verfiel innerlich.“

Sondern eher:

„Rom wurde durch äußere Machtverschiebungen zunehmend überfordert.“

Vor allem: Wanderungsbewegungen, hunnischer Druck, germanische Großverbände, veränderte geopolitische Kräfteverhältnisse. Dadurch verschiebt sich die Diskussion weg von moralischen Kategorien wie „Verfall“ oder „Dekadenz“. Freilich ist Heathers Sicht nicht unumstritten und andere Historiker plädieren für eine weiter gefasste Betrachtung, die sowohl innere wie äußere Umstände zusammenlegen.

__

Die italienischen Stadtrepubliken sind übrigens tatsächlich ein interessanter Sonderfall, weil sie viele Elemente römischer Urbanität und Rechtskultur bewahrten. Sie besaßen: Gerichte, Magistrate, Ratsversammlungen, Senatoren-ähnliche Gremien, kodifiziertes Recht, kommunale Verwaltung. Viele dieser Strukturen waren tatsächlich post-römische Fortentwicklungen antiker Traditionen. Vor allem Italien war niemals vollständig von seiner römischen Vergangenheit getrennt.

Mein Vergleich zielte eher auf den Unterschied zwischen dem fortbestehenden zentralen Staatsapparat des Römischen Reiches und den stärker fragmentierten Herrschaftsverhältnissen vieler feudaler Regionen Europas. Die italienischen Stadtrepubliken waren nicht die Antithese Roms, sondern eine alternative Entwicklungslinie römischer Urbanität.
 
Sie beschrieben reale Veränderungen: Christianisierung, Hofzeremoniell, sakrale Monarchie, Proskynese, Kastrationen, stärkere Hofhierarchien, stärkere Zentralisierung.

Das alles existierte tatsächlich. Der eigentliche Streitpunkt lautet heute aber: Sind diese Veränderungen Ursachen des Niedergangs oder Anpassungsreaktionen eines Staates, der vor völlig neuen Herausforderungen stand?
Das verstehe ich nicht.
Das oströmische Reich war ab ovo längst christlich (lassen wir mal die Spielerei mit deinem Byzantike-Begriff beiseite, denn z.B. Gibbon kannte diesen nicht, und ich vermute stark, dass heuer Heather diesen auch nicht kennt oder verwendet), d.h. da war Christianisierung keine Veränderung.
Und weiterhin verstehe ich nicht, wie Proskinese und Kastrationen "Anpassungsreaktionen" sein sollen... woran passt man sich denn an, wenn man dergleichen betreibt??
 
Das verstehe ich nicht.
Das oströmische Reich war ab ovo längst christlich (lassen wir mal die Spielerei mit deinem Byzantike-Begriff beiseite, denn z.B. Gibbon kannte diesen nicht, und ich vermute stark, dass heuer Heather diesen auch nicht kennt oder verwendet), d.h. da war Christianisierung keine Veränderung.
Und weiterhin verstehe ich nicht, wie Proskinese und Kastrationen "Anpassungsreaktionen" sein sollen... woran passt man sich denn an, wenn man dergleichen betreibt??
Ich meinte nicht, dass jede einzelne Erscheinung wie Proskynese oder Kastrationen unmittelbar eine Anpassungsreaktion auf äußere Bedrohungen gewesen sei. Ich erwähne ja stärkere Hofhierarchien, stärkere Zentralisierung. Mein Punkt war vielmehr, dass Gibbon aus solchen Veränderungen häufig allgemeine Verfallserscheinungen ableitete, während die neuere Forschung stärker danach fragt, welche politischen, sozialen oder institutionellen Funktionen diese Entwicklungen innerhalb des spätantiken und byzantiken Reiches erfüllten. „Warum entstand diese Institution, und welche Aufgabe erfüllte sie im jeweiligen historischen Kontext? Niemand führte Kastrationen ein, weil Perser an der Grenze standen. Der Zweck war vielmehr: Loyalität sichern, dynastische Konkurrenz reduzieren, vertrauenswürdige Hofbeamte schaffen, Zugang zur Kaiserfamilie kontrollieren. Das ist eine institutionelle Entwicklung.

Ähnlich bei der Proskynese. Sie entstand nicht als Reaktion auf einen konkreten Feind. Sondern als Teil einer zunehmend sakralisierten Monarchie. Der Kaiser sollte: unnahbarer, ehrfurchtgebietender, übermenschlicher erscheinen. Wenn man diese Beispiele alleine nimmt, dann kann man das gewiss als dekadent bezeichnen. Hätte ein Kaiser übrigens alles befolgt, was in der Handschrift "Über die Zeremonien" Konstantins VII. Porphyrogennetos niedergeschrieben stand, dann wäre kein Kaiser je wieder zu Regierungsgeschäften gekommen, sondern hätte nur Hofzeremoniell betrieben. Proskynese und Kastrationen sind also nicht einfach "Anpassungsreaktionen" im selben Sinne wie eine Militärreform.

Aber daraus folgt noch nicht, dass Gibbon recht hatte. Denn die eigentliche moderne Kritik an Gibbon lautet:

Aus der Existenz solcher Institutionen folgt nicht automatisch ein Niedergang. Wo wir wieder bei Peter Heather wären, der ja herausgearbeitet hat, dass das Reich der Spätantike durchaus ein funktionierender Staat gewesen ist, dessen Provinzen Wohlstand generierten, auf die der Staat Zugriff hatte. Das ist der entscheidende Punkt.

Abgesehen davon wird weit unterschätzt, wie lange der Übergang zum christlichen Römischen Reich dauerte. Selbst unter Justinian I. finden wir noch: pagane Philosophen, klassische Bildungstraditionen, heidnische Restkulte, nichtchristliche Bevölkerungsgruppen. Die berühmte Schließung der platonischen Akademie im Jahr 529 wirkt gerade deshalb so symbolisch, weil sie zeigt, dass diese Traditionen überhaupt noch existierten.

Der Übergang war also kein Schalter, der unter Konstantin umgelegt wurde. Er zog sich über Jahrhunderte.
 
war der "Schalter" nicht offiziell unter Theodosius "umgelegt"?
Hochoffiziell sogar. Aber ein wenig rührte der große Konstantin ja schon an der Sache...

wir müssen hier den primär literaturgeschichtlich "hochwertigen" Gibbon bzw. seine Dekadenzthese, die obsolet ist, nicht diskutieren - und diese Dekadenzthese vertritt hier auch niemand in der Diskussion.
Oh, da bin ich aber offiziell beruhigt!
 
Zuletzt bearbeitet:
Abgesehen davon wird weit unterschätzt, wie lange der Übergang zum christlichen Römischen Reich dauerte. Selbst unter Justinian I. finden wir noch: pagane Philosophen, klassische Bildungstraditionen, heidnische Restkulte, nichtchristliche Bevölkerungsgruppen. Die berühmte Schließung der platonischen Akademie im Jahr 529 wirkt gerade deshalb so symbolisch, weil sie zeigt, dass diese Traditionen überhaupt noch existierten.
Das Heidentum überdauerte selbst Justinian, Leppin schreibt dazu:

"Als Justinian (527 - 565) bewusst und unter großem Einsatz die letzten Reste des Heidentums ausmerzen wollte, gelang ihm das nicht vollständig. Sogar die Athener Philosophen, die nach Persien ausgewandert waren, kehrten in das Reich zurück, und über ihre Werke lebten die spätantiken Heiden fort, oft vermittelt durch christliche Autoren. Die Anhänger des alten Glaubens trugen wesentlich zu der ungeheuren geistigen Produktivität der Spätantike bei."
(Leppin, Hartmut: Theodosius der Große, Darmstadt 2003, S. 177)

Ich möchte einen Begriff in die Debatte einführen, den ich in meinem kommenden Buch „Das Römische Reich in der Byzantike“ etabliere: Die Byzantike.
Die Geschichtsschreibung leidet seit Jahrhunderten unter dem künstlichen Konstrukt „Byzanz“. Staatsrechtlich gab es nach 476 keinen Bruch: Der Kaisertitel fiel an Konstantinopel zurück; das Imperium blieb de jure eine Einheit unter einem Alleinherrscher. Der spätere Wechsel zur griechischen Amtssprache war reiner Pragmatismus, keine Abkehr von der römischen Identität.
Daher ist es irreführend, von einem „Nachfolger“ oder „Erbe“ Roms zu sprechen. Es war Rom selbst. Um den Charakter dieser Zeit zwischen Antike und Moderne zu fassen, ohne die Identität des Staates terminologisch zu opfern, schlage ich die Byzantike als Epochenbegriff vor. Sie beschreibt das Römische Reich in seiner mittelalterlichen Phase. Byzanz ist kein Staat, sondern der Geist einer Epoche – der Byzantike.

Während ich mich mit der Bezeichnung "Byzantinisches Reich" nie anfreunden konnte, überzeugt mich der Begriff "Byzantike" außerordentlich.

Er trennt Staat und Epoche. Man kann weiter von einem durchgehend existierenden Römischen Reich sprechen, dass aber in sinnvolle Epochen eingeteilt wird.

Dabei muss man bereits bestehende (Unter-)Epochenbegriffe nicht völlig verwerfen: Man kann weiterhin von Früh-, Mittel- und Spätbyzantinischer Zeit oder besser von Früh-, Mittel- und Spätbyzantike sprechen.

Natürlich bestehen erhebliche Unterschiede zwischen dem Staat eines Augustus und dem eines Manuel I., aber unterlag der römische Staat in seiner Geschichte nicht unzähligen, teilweise epochalen, Wandlungen? Ist diese Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit nicht eines der wichtigsten Merkmale der Römer? Immerhin hat das Imperium u.a. einen vollständigen Wechsel seiner Staatsreligion vollzogen!

Nicht zuletzt waren die Bewohner des Ostreichs in ihrer Selbstwahrnehmung Römer. Dies allein mag nicht genügen, ist doch beispielsweise das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ein überzeugendes Gegenbeispiel: Das HRR war weder heilig, noch römisch, während der längsten Zeit seiner Geschichte sicher kein von einer starken Zentralmacht geführten, zur Verteidigung oder gar zur Expansion fähiges Reich, es umfasste nicht nur deutschsprachige Gebiete und war sicher keine Nation.

Doch wie wurde Ostrom von seinen Nachbarn wahrgenommen? Niemand kam auf die Idee, zu behaupten, dass das Römische Reich 476 mit Romulus Augustus endete.

Odoaker sendete die Insignien an den Kaiser in Konstantinopel und auch die Sassaniden stellten sicher nicht in Zweifel, dass das Römische Reich weiterexistierte. Konstantinopel mit dem Osten war ohnehin lange vor dem Fall Westroms zum Machtzentrum des Reiches geworden.

"Faktisch konnte es den Byzantinern zwei Jahrhunderten nach der Neugründung ihrer Stadt kaum gleichgültiger sein, wie die Leute in Rom über sie dachten. [...] In Ktesiphon, am Hof ihrer bedeutendsten Rivalen, kam bestimmt niemand auf die Idee, die ungebrochene Macht der Kaiser in Frage zu stellen."
(Holland, Tom: Mohammed - Der Koran und die Entstehung des Arabischen Weltreichs, Stuttgart 2017, S. 147 f.)

Man sollte auch nicht die Ausstrahlungskraft Konstantinopels unterschätzen und auch nicht die Legitimität derjenigen, in deren ununterbrochenen Besitz sich diese Stadt (zumindest bis zum Vierten Kreuzzug 1204) befand.

"Und sicherlich machte die Hauptstadt der rivalisierenden Weltmacht selbst auf einen Diplomaten, der die Größe und Herrlichkeit Ktesiphons kannte, den Eindruck von einer fast überirdischen Majestät berührt zu sein. Wer sich Konstantinopel näherte, wurde überwältigt vom imposantesten Stadtbild auf dem ganzen Erdkreis."
(ebenda, S. 148)

Für wesentlich halte ich in diesem Zusammenhang auch die Herausstellung des Oströmischen Reiches als fortbestehendes Römisches Reich und nicht als Nachfolgestaat.

Die Osthälfte des Römischen Reiches ist nicht untergegangen oder wurde neugegründet. Die germanischen Staaten, das Frankenreich Karls des Großes, das Heilige Römische Reich, (das Sultanat der Rum-Seldschuken), das Osmanische Reich und zuletzt das Zarentum Russland als "Drittes Rom" waren Nachfolgerstaaten, oder besser "Nachahmerstaaten", die sich auf Rom beriefen, aber nicht Rom waren.

Meines Erachtens hält auch die Argumentation nicht stand, dass das Byzantinische Reich eher griechisch als römisch war und deshalb nicht das Römische Reich war.

Die Osthälfte des Römischen Reiches war immer griechisch geprägt und hatten die Griechen nicht zuletzt auf die Römer in Italien einen großen Einfluss ausgeübt?

"Die Langlebigkeit von Byzanz war auf die Kombination dreier Faktoren zurückzuführen: die griechische Kultur, der christliche Glaube und das römische Konzept der Staatlichkeit. Der Mann, dem es gelang, all dies zusammenzuhalten und die römische Zivilisation am Goldenen Horn neu zu begründen, war ein großer Kaiser: Justinian."
(Cazzulo, Aldo: Ewiges Imperium - Wie das Römische Reich die westliche Welt prägt, Hamburg 2024, S. 236)

Interessant finde ich auch, wie Dante die römische Geschichte in seiner Göttlichen Komödie in der Form der Reise des römischen Adlers zunächst von Ost (Aeneas von Troja) nach West und dann wieder nach Osten verarbeitet.
(vgl. Ewiges Imperium S. 237 ff. bzw. Alighieri, Dante: Die göttliche Komödie, München 2017 (Anaconda Verlag), Das Paradies – Sechster Gesang, S. 432 ff.)

Der bereits erwähnte Heather stellt die Bedeutung Ostroms (vor allem des Corpus Iuris Civilis) für das übrige Europa ebenfalls heraus:

„Er [Justinian] sicherte sich damit einen Ruf als Gesetzgeber – von seiner Bedeutung im Mittelalter zeugt nicht zuletzt seine herausragende Position im dritten Teil von Dantes Göttlicher Komödie, wo er als Schutzherr von Recht und Gerechtigkeit auftritt.“
(Heather, Peter: Die letzte Blüte Roms – Das Zeitalter Justinians, Darmstadt 2018, S. 206)

Betrachtet man die Wirkungsmacht des Corpus Iurius Civilis weit über die Grenzen Ostroms hinaus und erkennt diesen eindeutig als charakterlich römisch (also in seinen Grundlagen auf dem in Rom entwickelten Rechtsverständnisses) an, so muss man anerkennen, dass auch das verkleinerte Oströmische Reich des Mittelalters in seiner Wirkungsmacht nicht vom Römischen Reich der Antike verstecken braucht.

„Das römische Recht des Corpus Iurius Civilis, das in starkem Maße auch das Kirchenrecht beeinflusst hat, erlangte aufgrund seiner komplexer Rezeptionsvorgänge seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert in den deutschen Territorien sowie nahezu überall in Kontinentaleuropa als ius commune Geltung. Von Europa aus ist es dann um die Welt gegangen; fast alle Rechtsordnungen sind von ihn und seiner Methode mehr oder minder stark geprägt.
Im Deutschen Reich wurde das römische Recht – von landesrechtlichen Vorbehalten abgesehen – erst mit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs am 1.1.1900 in complexu außer Kraft gesetzt. Bis dahin hatte es in der durchj ahrhunderte Praxis gewonnenen Ausgestaltung und Modifizierung als ‚gemeines Recht‘ noch für rund 16,5 Millionen Einwohner – ein Drittel der damaligen Reichsbevölkerung – unmittelbar gegolten. In Wissenschaft und Ausbildung war seine Stellung ohnehin beherrschend.
Im heute geltenden Recht wirkt das römische Recht in vielfältiger Weise nach. Dies gilt sowohl in für Grundwertungen und Einzelregelungen unserer Privatrechtsordnung als auch für Begrifflichkeit, System und Methode.“
(Behrends, Knütel, Kupisch, Seiler: Corpus Iurius Civilis – Die Institutionen, Berlin 2007, S. V)

Die „Herabsetzung/Herabwürdigung“ des „Ostteils des Römischen Reichs“ zum „Byzantinischen Reich“ beruht meines Erachtens darauf, dass der Westen (v.a. das Papsttum, das Kaisertum seit Karl dem Großen, usw.) das Ziel verfolgte, dem Osten die Legitimität zu entziehen und sich selbst als Nachfolger der Römer zu legimitieren (man denke nur an die Konstantinische Schenkung) und dieser Versuch zieht sich (vielleicht unbewusst) bis heute.
 
Einen anderen Aspekt finde ich auch betrachtenswert: Ostrom (vor allem der im 7. Jahrhundert zusammengeschrumpfte Rumpfstaat) zog seine Legitimität auch daraus, dass er nicht nur der „Völkerwanderung“ sondern auch der Islamischen Expansion getrotzt hatte.

„Ostrom blieb lebensfähig. Auf dieser Basis hatte Justinian sein Restaurationswerk errichtet. […] Die Gewissheit, dass das Reich Konstantins unzerstörbar war, überdauerte alle Not und Erniedrigung durch Barbaren innen und außen, alle Demütigung durch gottlose und unfähige Tyrannen.“
(Eickhoff Ekkehard: Macht und Sendung – Byzantinische Weltpolitik, Stuttgart 1981, S. 36)

Ist dies nicht auch eine Konstante der römischen Geschichte (auch bereits zu Zeiten der Republik), auch nach schwersten Niederlagen (man denke an Cannae) nicht nachzugeben?

Um auf Gibbon/Heather einzugehen: Gibbon sieht im Christentum einen wesentlichen Faktor, der zum Untergang des Römischen Reiches führte. Heather schreibt dazu:

„[…] Gibbon griff diese allgemeine Argumentationslinie auf und erblickte im Christentum einen Faktor, der massiv zu dieser Leidensgeschichte beitrug. In seinen Augen säte die neue Religion durch den Streit über die Glaubensinhalte innere Zwietracht im Imperium, entzog der Gesellschaft Führungspersönlichkeiten, indem sie diese ermunterte, in ein Kloster einzutreten, und unterminierte die römische Kriegsmaschinerie, da sie zu einer Politik nach dem Grundsatz aufrief, dem Gegner ‚die andere Wange hinzuhalte.‘
Es mag sich einiges anführen lassen, dass diese Betrachtungsweise zu stützen geeignet ist, aber es gibt ein Gegenargument, das sie zu einer bloßen Fußnote in der Debatte macht. Jede Darstellung des Zerfalls des Weströmischen Reichs im 5. Jahrhundert muss unbedingt berücksichtigen, dass das Ostreich nicht nur überlebte, sondern im 6. Jahrhundert sogar eine Blütezeit erlebte. All die Übel, die dem westlichen System zugeschrieben wurden, waren ebenso Bestandteil des östlichen. Wenn hier überhaupt ein Unterschied bestand, dann der, dass das Oströmische Reich noch christlicher und den Glaubensdebatten gegenüber noch aufgeschlossener war. Es hatte dasselbe Wirtschaftssystem und ging auf die gleiche Art des Regierens damit um. Dennoch überlebte Ostrom, während der Westen unterging. Schon das widerlegt die These, dass es einem dem System des Spätreichs innewohnenden Fehler gegeben habe, so dass es unter seiner eigenen Last zusammenbrechen musste.
(Heather, Peter: Der Untergang des Römischen Weltreichs, Stuttgart 2021, S. 508)
 
Die „Herabsetzung/Herabwürdigung“ des „Ostteils des Römischen Reichs“ zum „Byzantinischen Reich“ beruht meines Erachtens darauf, dass der Westen (v.a. das Papsttum, das Kaisertum seit Karl dem Großen, usw.) das Ziel verfolgte, dem Osten die Legitimität zu entziehen und sich selbst als Nachfolger der Römer zu legimitieren (man denke nur an die Konstantinische Schenkung) und dieser Versuch zieht sich (vielleicht unbewusst) bis heute.
An und für sich ein Beitrag, der mir sehr gut gefällt, nur die letzte These halte ich dann doch für zu steil.
 
Während ich mich mit der Bezeichnung "Byzantinisches Reich" nie anfreunden konnte, überzeugt mich der Begriff "Byzantike" außerordentlich.

Er trennt Staat und Epoche. Man kann weiter von einem durchgehend existierenden Römischen Reich sprechen, dass aber in sinnvolle Epochen eingeteilt wird.

Dabei muss man bereits bestehende (Unter-)Epochenbegriffe nicht völlig verwerfen: Man kann weiterhin von Früh-, Mittel- und Spätbyzantinischer Zeit oder besser von Früh-, Mittel- und Spätbyzantike sprechen.

Natürlich bestehen erhebliche Unterschiede zwischen dem Staat eines Augustus und dem eines Manuel I., aber unterlag der römische Staat in seiner Geschichte nicht unzähligen, teilweise epochalen, Wandlungen? Ist diese Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit nicht eines der wichtigsten Merkmale der Römer? Immerhin hat das Imperium u.a. einen vollständigen Wechsel seiner Staatsreligion vollzogen! ...
Danke für diesen außerordentlich erhellenden Beitrag, der einen weiteren wichtigen Aspekt beleuchtet.

Gerade die von dir angeführten Beispiele zeigen meines Erachtens, welchen Gewinn die begriffliche Trennung von Staat und Epoche ermöglicht. Der Begriff Byzantike erlaubt es, von einem fortbestehenden Römischen Reich zu sprechen, ohne die tiefgreifenden Wandlungen seiner Geschichte zu leugnen. Im Gegenteil: Erst dadurch werden diese Wandlungen als Entwicklungen desselben politischen Organismus sichtbar. Die Zeitgenossen waren sich der Krisen ihrer Gegenwart durchaus bewusst. Sie sahen den Verlust westlicher Provinzen, die Gefährdung der Grenzen und die tiefgreifenden religiösen und gesellschaftlichen Veränderungen. Was jedoch kaum jemand grundsätzlich in Frage stellte, war die Fortexistenz des Römischen Reiches selbst. Der Hinweis auf Odoaker ist hierfür besonders aufschlussreich. Als er die kaiserlichen Insignien nach Konstantinopel übersandte, handelte er gerade nicht so, als sei das Reich untergegangen, sondern als sei die westliche Kaiserwürde im bestehenden Reich entbehrlich geworden.

Noch deutlicher wird dies bei der Rückeroberung Italiens unter Justinian. Die Stadt Rom selbst stand wieder unter unmittelbarer römischer Herrschaft. Steuern wurden nach Konstantinopel abgeführt, die Verwaltung erfolgte im Rahmen der Reichsstrukturen, und selbst Kaiser Konstans II. besuchte Rom im Jahr 663 persönlich. Dass dieser Besuch aufgrund seiner Plünderungen keinen allzu guten Eindruck hinterließ, ist eine andere Frage. Entscheidend ist: Niemand hätte behauptet, ein fremder Herrscher habe die Stadt besucht. Es war der Kaiser des Reiches, dem Rom staatsrechtlich weiterhin angehörte.

Besonders interessant erscheint mir deshalb die Entwicklung des 8. Jahrhunderts. Als die militärische Schutzfunktion Konstantinopels in Italien zunehmend als unzureichend empfunden wurde und sich die Spannungen im Zusammenhang mit dem Bilderstreit verschärften, wandte sich das Papsttum an die Franken. Gerade die berühmte Konstantinische Schenkung zeigt dabei indirekt, wie bewusst man sich offenbar der juristischen Problematik dieses Schrittes war. Die Schenkung war eine Fälschung, doch gerade deshalb ist sie historisch so aufschlussreich: Sie sollte eine Legitimation schaffen, wo die tatsächlichen Rechtsverhältnisse Schwierigkeiten bereiteten.

Vielleicht liegt hier ein Kern des Problems. Viele spätere Darstellungen setzen voraus, dass das Römische Reich längst verschwunden gewesen sei. Die Quellenlage zeigt dagegen, dass sich selbst die Stadt Rom noch bis weit ins 8. Jahrhundert hinein als Teil des Reiches verstand, Steuern nach Konstantinopel abführte und dass die Loslösung vom Reich ein langwieriger Prozess war, nicht der natürliche Zustand der Dinge. Gerade deshalb überzeugt mich der Begriff Byzantike. Er erlaubt es, die tiefgreifenden Veränderungen der Epoche anzuerkennen, ohne zugleich die Kontinuität des Staates aus dem Blick zu verlieren. Das Reich eines Augustus und das eines Manuel I. waren nicht identisch – aber sie gehörten derselben politischen Tradition an, die sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder wandelte und neu erfand.
 
An und für sich ein Beitrag, der mir sehr gut gefällt, nur die letzte These halte ich dann doch für zu steil.
Die These ist sicherlich zugespitzt formuliert, enthält meines Erachtens aber einen historischen Kern.

Tatsächlich finden wir im mittelalterlichen Westen zahlreiche Versuche, die Stellung des Kaisers in Konstantinopel zu relativieren oder umzudeuten. Die Konstantinische Schenkung ist dafür ein bekanntes Beispiel. Ebenso begegnen uns in diplomatischen Auseinandersetzungen immer wieder Formulierungen, welche die römische Kaiserwürde des Ostens in Frage stellten. Wenn Friedrich Barbarossa Manuel I. Komnenos als „König der Griechen“ ansprach, dann geschah dies nicht zufällig, sondern im Kontext konkurrierender Ansprüche auf das römische Erbe.

Man sollte dabei allerdings zwischen mittelalterlicher Polemik und moderner Forschung unterscheiden. Die meisten heutigen Historiker bestreiten keineswegs, dass das Reich von Konstantinopel staatsrechtlich aus dem Römischen Reich hervorging und sich selbst als Rom verstand. Die eigentliche Diskussion dreht sich eher um die Frage, welche Begriffe wir verwenden sollten, um diese Kontinuität angemessen zu beschreiben.

Vielleicht liegt gerade hierin die besondere Stärke des Begriffs Byzantike. Er macht es möglich, die Eigenart dieser Epoche hervorzuheben, ohne die Kontinuität des römischen Staates aufzugeben. Damit löst er ein Problem, das bereits die Zeitgenossen beschäftigte: Wie beschreibt man ein Reich, das sich tiefgreifend gewandelt hat und dennoch dasselbe geblieben ist?
 
An und für sich ein Beitrag, der mir sehr gut gefällt, nur die letzte These halte ich dann doch für zu steil.
Die These ist sicherlich zugespitzt formuliert, enthält meines Erachtens aber einen historischen Kern.

Tatsächlich finden wir im mittelalterlichen Westen zahlreiche Versuche, die Stellung des Kaisers in Konstantinopel zu relativieren oder umzudeuten. Die Konstantinische Schenkung ist dafür ein bekanntes Beispiel. Ebenso begegnen uns in diplomatischen Auseinandersetzungen immer wieder Formulierungen, welche die römische Kaiserwürde des Ostens in Frage stellten. Wenn Friedrich Barbarossa Manuel I. Komnenos als „König der Griechen“ ansprach, dann geschah dies nicht zufällig, sondern im Kontext konkurrierender Ansprüche auf das römische Erbe.

Man sollte dabei allerdings zwischen mittelalterlicher Polemik und moderner Forschung unterscheiden. Die meisten heutigen Historiker bestreiten keineswegs, dass das Reich von Konstantinopel staatsrechtlich aus dem Römischen Reich hervorging und sich selbst als Rom verstand. Die eigentliche Diskussion dreht sich eher um die Frage, welche Begriffe wir verwenden sollten, um diese Kontinuität angemessen zu beschreiben.
Tatsächlich habe ich hier überspitzt formuliert. Mir geht es aber vor allem darum zu zeigen, dass meines Erachtens die Tendenz besteht, das Oströmische / Byzantinische Reich ab einem gewissen Zeitpunkt als römischen Nachfolgestaat darzustellen. (Meistens ab dem Zeitpunkt, als Ostrom im Zuge der Islamischen Expansion nur noch auf Griechenland und Kleinasien beschränkt ist und sich die griechischen Elemente verstärkt durchsetzen). Staatsrechtlich ist das Oströmische Reich aber nicht untergangen. Das passierte erst 1204 bzw. 1453.

Es stellt sich die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt der Begriff Byzantike anwendbar ist. Meiner Meinung nach ist dieser Epochenbegriff so lange anwendbar, so lange das Oströmische Reich die griechisch-römische Antike bewahrte und solange es sich vom übrigenen Europa unterschied.

Noch deutlicher wird dies bei der Rückeroberung Italiens unter Justinian. Die Stadt Rom selbst stand wieder unter unmittelbarer römischer Herrschaft. Steuern wurden nach Konstantinopel abgeführt, die Verwaltung erfolgte im Rahmen der Reichsstrukturen, und selbst Kaiser Konstans II. besuchte Rom im Jahr 663 persönlich. Dass dieser Besuch aufgrund seiner Plünderungen keinen allzu guten Eindruck hinterließ, ist eine andere Frage. Entscheidend ist: Niemand hätte behauptet, ein fremder Herrscher habe die Stadt besucht. Es war der Kaiser des Reiches, dem Rom staatsrechtlich weiterhin angehörte.
Eine gewisse Ironie oder gar Tragik liegt darin, dass es gerade Justinians Gotenkrieg war, der das "Römische", das unter der Gotenherrschaft weiter existierte, zerstörte. Interessant ist auch, dass man Italien schon vor Justinian nicht mehr als schützenswertes römisches Gebiet, sondern eher als Feindesland betrachtete:

"[...] Anastasios hatte also kaum vor, Theoderichs Herrschaft auszuhebeln, um dadurch wieder Italien oder gar weitere Gebiete des ehemaligen Weströmischen Reiches unter Kontrolle zu bekommen. Signifikant ist in diesem Zusammenhang die Flottenexpedition gegen die Küsten Unteritaliens im Jahr 507/508: Wie schon angedeutet, befanden sich in den angegriffenen Gebieten nur wenige Goten, stattdessen vor allem Römer; nicht ohne Grund beklagt sich daher Marcelinus Comes (der allerdings ohnehin feindselig gegenüber Anastasios eingestellt ist) darüber, dass der Kaiser ohne Skrupel Römer - und noch dazu im italischen Kernland! - angreifen ließ: 'Nachdem sie das Meer durchmessen hatten, brachten sie dem Kaiser Anastasios einen Sieg ohne Ehre ein, den Römer Römern in einem Piratenunternehmen wegrafften.' Auch Iordanes spricht abfällig von einem Krieg gegen Italien, der eher nach Piratenmanier als offen ausgetragen worden sei. Derartige Bemerkungen sind zunächst einmal aus einer grundsätzlichen Ablehnung des Kaisers gespeist, aber sie zeigen doch auch, dass Zeitgenossen durchaus wahrnahmen, was in den Jahren um 500 geschah: Italien lag jetzt offensichtlich jenseits der Sphäre, die es zu schützen galt, und konnte durchaus dauch einmal durch die eigenen Truppen wie Feindesland gebrandschatzt werden. Hier zeichnen sich Entwicklungen ab, die direkt in das skrupellose Vorgehen der oströmischen Heere in Justinians Gotenkriegen seit 535 einmünden, die entsetzliche Entbehrungen für die italische Bevölkerung bereithalten sollten."
(Meier, Mischa: Anastasios I. - Die Entstehung des Byzantinischen Reiches, Stuttgart 2010, S. 237 f.)

Besonders anschaulich wird das am Beispiel der Eroberung Neapels:

"[...] Damit fiel Neapel wieder an das Reich. Das heißt, was von der Stadt noch übrig war. Belisar hatte der Bevölkerung von Neapel zu Beginn der Belagerung mitteilen lassen, er werde sein Heer, dass sich schließlich zu einem großen Teil aus halbwilden Barbaren rekrutierte, im Falle eines Widerstands nicht von Mord, Vergewaltigung und Plünderung abhalten, denn seine Soldaten würden dies nach Einnahme der Stadt für ihr gutes Recht halten. Dieser Warnung hatte die Bevölkerung tapfer wiederstanden, sodass sie nun noch zusätzlich einen Preis für ihren heroischen Kampf zahlen musste. Erst nach vielen Stunden veranlasste Belisar die aus Alanen, Isauriern und Hunnen zusammengewürfelten Horden, ihre Fäuste, Schwerter und Speere ruhen zu lassen und in ihre Lager zurückzukehren. [...] Die Einnahme und Verwüstung Neapels durch das byzantinische Heer versetzte der Moral der Goten einen schweren Schlag. [...]"
(Norwich, John Julius: Byzanz - Der Aufstieg des oströmischen Reiches, Düsseldorf 1998, S. 252 f.)

Auch Rom wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen:

"Mit der Unterbrechnung sämtlicher Aquädukte nach Rom, die die Goten sogleich zu Beginn dieser Zeit vornahmen, versetzten sie der Stadt einen Schlag, von dem sie sich tausend Jahre lang nicht erholte."
(ebenda S. 255 bzw. Heather, Peter: Die letzte Blüte Roms – Das Zeitalter Justinians, Darmstadt 2018, S. 185)
 
Andererseits setzte sich Justinian für den Wiederaufbau und für die Reorganisation Italiens ein:
"Schon 554 ordnete Justinian mit der 'Pragmatischen Sanktion' die Rechts- und Lebensverhältnisse in dem zurückgewonnenen Italien. In Rom sollten die Kornzuteilungen an das Volk wiederaufgenommen, Lehrer und Professoren an den öffentlichen Schulen wieder besoldet und die Unterhaltung und Reparatur der Aquädukte und der öffentlichen Bauten finanziell neu fundiert werden. Um der Senatsaristokratie den Übergang unter die Herrschaft des im fernen Konstantinopel residierenden Kaisers zu erleichtern, bestimmte Justinian, dass in Italien die Provinzgouverneure auf Vorschlag der lokalen Bischöfe und Großgrundbesitzer ernannt werden sollten. Diese Neuerung war vermutlich als Kompensation für die Verluste gedacht, die Italien durch die Aufhebung der zentralen Ämter des weströmischen Kaisertums erlitt. Diese hatten auch unter ostgotischer Herrschaft fortbestanden. Es war Justinians Wille zur Wiederherstellung der Reichseinheit, der die letzten Reste des seit 364 bestehenden Doppelkaisertums beseitigte."
Clauss, Manfred (Hrsg.): Die römischen Kaiser - 55 historische Portraits von Caesar bis Justinian, München 2010, S. 439)

Justinian hatte dann auch Liberius, ein Mitglied der italischen Senatsaristokratie mit der Operation in Spanien beauftragt.
(ebenda S. 439 f.)

Das große Teile Italiens kurz nach Gotenkriegen an die Langobarden verloren gingen ist weniger Justinian (dieser bevorzugte den Erhalt eines ostgotischen Pufferstaates) als vielmehr Belisar zuzuschreiben:
"Nach der Invasion der Langobarden war die italische Halbinsel zweigeteilt; einen Teil regierte Konstantinopel, den anderen eine germanisch geprägte Macht. Längerfristig ähnelte das Ergebnis von Justinians Eroberung deutlich dem Teilungsvertrag, den Witichis Ende 538 vorgelegt hatte und den der Kaiser im Dezember 539 beinahe doch noch akzeptiert hätte. Dass er dies dann doch nicht tat, war auf Belisars Überzeugung zurückzuführen, dass ihm die militärische Situation Ende 539 die - möglicherweise einzigartige - Chance bot, die gesamte Halbinsel unter seine Kontrolle zu bringen; die militärischen und diplomatischen Initiativen, die er zu diesem Zweck in Angriff nahm, machten alle Verhandlungen über eine Teilung null und nichtig. [...] Es spricht also einiges dafür dass Belisars Fehleinschätzung vor Ort und nicht Justinians Politik in Konstantinopel die Hauptursache dafür war, dass das Imperium seine Ressourcen überstrapazierte - was es letztlich den Langobarden erleichterte, in Italien einzufallen.
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Ostrom ohne Langobarden seine Herrschaft nicht wie schon in Nordafrika hätte konsolidieren können. Die Verwaltungsstruktur der neuen Präfektur baute auf einem längst etablierten römisch-gotischen Erbe auf und hätte mit Sicherheit ganz effektiv funktioniert. Zweifellos wären zunächst, wie damals in Nordafrika, diverse hochrangige Beamte aus Konstantinopel nach Italien versetzt worden (wie es Anfang der 540er Jahre ja auch geschah), und mit der Pragmatischen Sanktion versuchte man, lokale Eliten in die politische sensible Aufgabe der Steuererhebung einzubeziehen; zahlreiche Exilanten aus Italien kehrten zurück, die bereits in die gesellschaftlichen und staatlichen Netzwerke Ostroms eingebunden waren. Zu gegebener Zeit wurden dann auch die oströmischen Streitkräfte in Italien durch lokale Rekruten aufgestockt."
(Heather: Die letzte Blüte Roms, S. 324 f.)

An dieser Stelle könnte man fragen, ob der Begriff Byzantike ideologisch einteilbar ist: Bis Anastasios I. "Wir (Konstantinopel + Ostrom) sind Rom" und seit Justinian: "Wir sind Rom und beanspruchen alle ehemaligen Territorien des einstigen Imperiums." Auch Justinians Nachfolger gaben diesen Anspruch niemals auf. Man hielt Teile Italiens mit letzten Kräften noch fast ein halbes Jahrtausend.
 
Es stellt sich die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt der Begriff Byzantike anwendbar ist. Meiner Meinung nach ist dieser Epochenbegriff so lange anwendbar, so lange das Oströmische Reich die griechisch-römische Antike bewahrte und solange es sich vom übrigenen Europa unterschied.
Ein interessanter Punkt. Pragmatisch würde ich die Byzantike bis 1453 denken, damit die gesamte "oströmische" Reichsepoche abgebildet ist und man nicht das Spätmittelalter als Epochenklammer heranziehen muss. Ich weiss aber ungefähr, wo du gedanklich hinzielst. Der kulturelle Vorsprung Konstantinopels war in gewisser Weise dahin und die allerletzte Spätphase war von Außeneinflüssen stark mitgeprägt, während andererseits römische Traditionen trotzdem weiterhin bewahrt wurden. Dieser letzte Akt fand zumal in einem immer kleiner werden Schmelztiegel statt. Dass dieser Zeitraum schwer zuordenbar erscheint, liegt freilich in der Natur der Dynamik.

Eine gewisse Ironie oder gar Tragik liegt darin, dass es gerade Justinians Gotenkrieg war, der das "Römische", das unter der Gotenherrschaft weiter existierte, zerstörte. Interessant ist auch, dass man Italien schon vor Justinian nicht mehr als schützenswertes römisches Gebiet, sondern eher als Feindesland betrachtete:

Ob man daraus eine allgemeine außenpolitische Formel machen kann, ist die Frage, andererseits war Außenpolitik stets auch von situativen Erwägungen getragen, aber fest steht, dass Italien unter Theoderich noch ein relativ blühendes kulturelles Wesen führte, an welchem kaum abzulesen war, dass es keinen Westkaiser mehr gab. Das römische Zivil-Leben ging wie gewohnt seinen Gang. Erst die Gotenkriege Justinians haben Rom und Italien in ein regelrechtes humanitäres Katastrophengebiet verwandelt. Die Menschen in Rom flüchteten aus den Anhöhen der Stadt in die Niederungen des Tiber, weil kein Wasser mehr in die höhergelegenen Stadtteile geleitet wurde. Diese erst provisorischen Notunterkünfte wurden als Dauerinstallation praktisch der Kern des mittelalterlichen Rom. Für einen Wiederaufbau fehlte schlicht das Geld, für die Verteidigung Italiens standen nicht genug Soldaten zur Verfügung. Den Rest besorgte die Pest. Als die Langobarden einfielen, fanden sie die Trümmer eines einst blühenden kulturellen Raumes vor, den erst die justinianische Eroberungspolitik verödet hat.

An dieser Stelle könnte man fragen, ob der Begriff Byzantike ideologisch einteilbar ist: Bis Anastasios I. "Wir (Konstantinopel + Ostrom) sind Rom" und seit Justinian: "Wir sind Rom und beanspruchen alle ehemaligen Territorien des einstigen Imperiums." Auch Justinians Nachfolger gaben diesen Anspruch niemals auf. Man hielt Teile Italiens mit letzten Kräften noch fast ein halbes Jahrtausend.
Der betrachtete Zeitraum zwischen 476 und dem Regierungsantritt Justinians ist sehr schmal, der Verlust Roms praktisch noch frisch, und mit dem Ostgotenreich stand zumal mit Theoderich ein Rex an der Spitze, der nominell dem Ost-Kaiser unterstellt war. Das Verhältnis blieb freilich ambivalent, wie Anastasius' Pirateneskapaden bezeugen. Ansonsten dürfte reiner Pragmatismus in dieser Zeit geherrscht haben. Vor Justinian gab es aber durchaus Überlegungen, den Westen und Italien zurückzugewinnen, es fehlte jedoch schlicht an militärischer Kapazität, finanziellen Mitteln und der geeigneten politischen Konstellation für ein solches Großprojekt. Im Grunde hat erst der von Anastasius I. angehäufte Staatsschatz die oströmische Reconquista finanziell ermöglicht.
 
Zuletzt bearbeitet:
Es stellt sich die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt der Begriff Byzantike anwendbar ist. Meiner Meinung nach ist dieser Epochenbegriff so lange anwendbar, so lange das Oströmische Reich die griechisch-römische Antike bewahrte und solange es sich vom übrigenen Europa unterschied.
Bewahrt hat das Oströmische Reich die griechisch-römische Antike im Prinzip bis zu seinem Untergang. Noch unter den Palaiologen lernten die Gebildeten Rhetorik anhand von Demosthenes, studierten die Philosophie von Platon und Aristoteles, lasen Homer, Hesiod, Aristophanes und die attischen Tragiker. Auch in manch anderer Hinsicht lebte die „Antike“ fort. So sind noch für das 14. Jhdt. in Konstantinopel Tierhetzen wie im alten Rom belegt.
Daneben spielte aber natürlich seit der Spätantike auch das Christentum eine wesentliche Rolle. Gebildete, die Platon und Aristoteles lasen, lasen in der Regel auch die Bibel und die Schriften der Kirchenväter. (Oder auch umgekehrt: Gebildete Geistliche beschränkten ihre Lektüre nicht auf christliche Literatur.) Das zog sich durch die gesamte Geschichte des Oströmischen Reiches hin.

Die Unterschiede zum Westen blieben bestehen und verschärften sich im Spätmittelalter eher noch, als der Siegeszug des Palamitismus in Konstantinopel die kirchenpolitische Spaltung gegenüber dem Westen noch vertiefte (und Versuche einer Kirchenunion zusätzlich erschwerte). Die meisten gebildeten Oströmer interessierten sich nicht für die kulturellen Errungenschaften des Westens und wollten nicht einmal Latein lernen. (Eine entsprechend geringe Rolle spielte die antike und mittelalterliche lateinische Literatur im Osten. Bei der Rhetorik etwa war Demosthenes das Maß aller Dinge, nicht Cicero.)

Der Unterschied zum „übrigen Europa“ verflüchtigte sich weniger durch Entwicklungen im Oströmischen Reich als mehr durch die Entwicklungen im „übrigen Europa“, als es (zumindest Italien) in das Zeitalter von Humanismus und Renaissance eintrat und die Antike wiederentdeckte.
 
Als die Langobarden einfielen, fanden sie die Trümmer eines einst blühenden kulturellen Raumes vor, den erst die justinianische Eroberungspolitik verödet hat.
als die Langobarden in Italien einfielen, war Kaiser Justinian schon seit drei Jahren unter der Erde.
Die Frage, ob Italien während der Ostgotenherrschaft überhaupt noch ein derart blühender kultureller Raum wie vor der Reichsteiluing 395 war, scheint mir schwer beantwortbar. Mein Eindruck ist, dass man sich seitens der Ostgoten unter Theoderich und nachfolgend kurz unter der Regentschaft Amalaswinthas Mühe gab, sich so darzustellen, als schaffe man es tatsächlich, an die früheren "guten Zeiten" anzuknüpfen - aber war da Itlalien wie überhaupt die römische Kulturlandschaft in den westlichen Provinzen nicht schon sehr angeschlagen, ziemlich heruntergewirtschaftet und teilweise nahezu verschwunden? Mir scheint, dass die Gotenkriege den kulturellen und wirtschaftlichen Niedergang nicht ausgelöst oder gar verursacht haben, der hatte doch schon längst eingesetzt.
Und selbst wenn wir doch entscheiden, dass die justinianische (Rück)Eroberungspolitik das schon welk gewordene Italien verödet hat: konnte man das in Konstantinopel absehen, als man dem wankelhaften Theodahad den Krieg erklärte? Der Erfolg gegen die Vandalenherrschaft hatte keine Verödung der zurückeroberten Provinz zur Folge.
 
Der Unterschied zum „übrigen Europa“ verflüchtigte sich weniger durch Entwicklungen im Oströmischen Reich als mehr durch die Entwicklungen im „übrigen Europa“, als es (zumindest Italien) in das Zeitalter von Humanismus und Renaissance eintrat und die Antike wiederentdeckte.
Ja. Das Römische Reich ("Ostrom") wandelte sich vom ursprünglichen Impulsgeber zum "gleichwertigen Player" auf dem absteigenden Ast.
Und selbst wenn wir doch entscheiden, dass die justinianische (Rück)Eroberungspolitik das schon welk gewordene Italien verödet hat: konnte man das in Konstantinopel absehen, als man dem wankelhaften Theodahad den Krieg erklärte?
Wahrscheinlich nicht.

Der Erfolg gegen die Vandalenherrschaft hatte keine Verödung der zurückeroberten Provinz zur Folge.

Das liegt im Verlauf und der Dauer der jeweiligen Kriege sowie in der unterschiedlichen Integration der germanischen Eroberer begründet. Während die Rückeroberung Nordafrikas in einem Blitzkrieg gelang, zogen sich die Kämpfe um Italien über fast zwei Jahrzehnte hin.

In Nordafrika besiegte Belisar die Vandalen in nur zwei entscheidenden Schlachten (Ad Decimum und Tricamarum). Das gesamte Reich unterwarf sich innerhalb weniger Monate. Die Kriegszerstörungen hielten sich in engsten Grenzen. Im Gegensatz dazu leisteten die Ostgoten in Italien erbitterten Widerstand. Die Gotenkriege (535–552) entwickelten sich zu einem extrem verlustreichen Stellungskrieg mit verheerenden Plünderungen, Hungersnöten und der Zerstörung wichtiger Infrastruktur, was die oben beschriebene Verödung Italiens bedingte.

Die Vandalen bildeten in Nordafrika zudem eine kleine, geschlossene Oberschicht (ca. 80.000 Menschen), die in den Städten, insbesondere in Karthago, lebte. Sie bewirtschafteten das Land nicht selbst, sondern lebten vom Reichtum der dortigen römischen Provinzen. Als die Führungsschicht der Vandalen gestürzt oder deportiert wurde, lief das Verwaltungssystem der Provinzen nahtlos weiter. Die Ostgoten in Italien waren hingegen ein zahlenmäßig größeres Volk, das sich in Italien flächendeckend niederließ und das Land militärisch und politisch verteidigte.

Hinzu kommt, dass die vandalische Oberschicht die katholische Mehrheitsbevölkerung teilweise stark unterdrückte, wodurch sich die Einheimischen den Oströmern oft als Befreiern anschlossen. Die Ostgoten in Italien hatten sich arrangiert und genossen weithin die Akzeptanz der römischen Senatorenklasse, weswegen die Fronten im Gotenkrieg viel tiefer und zerstörerischer verliefen.
 
Bei Nordafrika sollte man aber nicht übersehen, dass es nach dem Blitzsieg über die Vandalen eigentlich erst richtig los ging. Die Römer hatten dort noch lange mit Einheimischen (Numidier, Mauren, Berber; dazu auch vandalische Aufständische) und verschiedenen Usurpatoren (Stotzas, Guntarith, Iohannes) zu kämpfen. Es dauerte noch etwa eineinhalb Jahrzehnte, bis die Römer das Land (zumindest den Kernbereich) tatsächlich einigermaßen im Griff hatten.
Das wird leider häufig übersehen bzw. ausgeblendet: Zuerst besiegt Belisar die Vandalen, dann geht es weiter gegen die Goten. Was inzwischen in Nordafrika geschah, interessiert nicht mehr.
 
Zurück
Oben