Na, das mach mal deinem Froher klar. "Ich komme gleich. Ich muss Nour noch schnell die Zeitung zu Ende lesen."
Die Bauern und Kossäthen haben damals ein heute unvorstellbares Arbeitspensum geleistet.
Das das Arbeitspensum der unfreien Bauern und der unterbäuerlichen Schichten in Ostelbien ziemlich hoch war, was die geschuldeten Dienste angeht, ist mir durchaus bekannt. Nichts desto weniger ist allerdings landwirtschaftliche Arbeit in weiten Teilen saisonale Arbeit und Phasen, in denen auf den Feldern nicht so viel passierte und jedenfalls Grundsätzlich Zeit vorhanden war, (auch wenn viel dvon mit Heimarbeit zugebracht wurde).
Hinsichtlich des Arbeitspensums kommt allerdings, wenn man es mit der heutigen Zeit vergleichen möchte natürlich etwas relativierend der Umstand hinzu, dass damals natürlich keine mit heute vergleichbaren Anreisewege zum Arbeitsplatz anfielen.
Wenn man Weg- und Pausenzeiten in den Arbeitstag einrechnet kommen ja auch heute viele Arbeitnehmer auf eine Zeit von 10-11 Stunden, die sie mit irgendetwas verbringen, was im Bezug zu ihrer Arbeit steht und die sie jedenfals nicht zu ihrer freien Verfügung haben.
Das dürfte, was das rein zeitliche Pensum angeht, gar nicht mal so weit von den damaligen Verhältnissen entfernt sein. Der bäuerliche Abreitstag war ja stark durch die vorhandenen Lichtstunden bestimmt und begann häufig mit Sonneaufgang und endete mit Sonnenuntergang.
Bei einem Jahresmittel von 12 Lichtstunden, im Sommer mehr, im Winter weniger, kommt das auf eine ähnliche Dauer des Arbeitstages raus.
Natürlich war das damals schwere körperliche Arbeit und es gab keine Urlaubsansprüche etc.
Abgesehen davon, ist das aber nicht so unbedingt weit von der heutigen Arbeitswelt entfernt, was das Zeitpensum betrifft (gilt übrigens auch für das Abgabenpensum), sondern folgre vor allem einem anderen Rhytmus.
Die Bauern mussten jederzeit die Arbeit auf ihren Feldern liegen lassen (selbst zur Erntezeit) und auf den Feldern ihrer Gutsherrschaft arbeiten.
Wer nicht gehorchte, der wurde verprügelt.
Diese Darstellung ist so nicht korrekt. Das Arbeitspensum war hoch, aber durchaus nicht völlig willkührlich und die Arbeiten waren in der Regel durchaus auch im Vorhinein mit dem Herren/Grundherren abgesprochen.
Der hatte ja durchaus ein Interesse daran, dass die Arbeitskraft seines Leibeigenen/Grunduntertänigen erhalten blieb und dementsprechend eher wenig Interesse daran, diesem die Ernterträge zu schmählern.
Da hätte er sich ja ins eigene Fleisch geschnitten.
Und dann ist eine Zeitung von von damals ja auch nicht mit einer heutigen vergleichbar. Die meisten damaligen Zeitungen erschienen i.d.R. nicht als Tageszeitungen (gab es sicherlich zum Teil in den größeren Residenzstädten, wo es viel Klatsch gab, aber eher weniger in den Provinzstädten) sondern in größeren zeitlichen Abständen und recht kleinen, begrenzten Auflagen, so dass sie zum Teil auch nicht verkauft, sondern verliehen/vermietet wurden,
Wenn der Informationsfluss noch so niedrig ist, dass Nummern einer Zeitung wöchentlich oder in größeren Abständen erscheinen, ist die Zeit für die Zeitungslektüre nicht unbedingt die kritische Ressource.
Dass zu der Zeit vielen Menschen auf dem Land noch nicht lesen und schreiben konnten, habe ich ja schon geschrieben. Die Kreuze unter den Verträgen legen davon Zeugnis ab.
Ja, aber es war ja schon zur Zeit der Reformation gang und gäbe, dass den noch analphabeten Teilen der Gesellschaft Informationen vorgelesen wurden.
Es wird im ländlichen Raum genügend engagierte Priester gegeben haben, die hin und wieder neben der geistlichen Fürsorge auch andere Dinge vorlasen um etwas nützliches ins Leben der Bevölkerung einzuführen (Beschreibungen neuer Arbeitstechniken zum Beispiel, wenn diese Erträge erhöhen oder Lebensmittel besser konservieren konnten oder dergleichen).
Und dann kommen im ausgehenden 18. Jahrhundert natürlich auch langsam Sonntagsschulen, Leihbibliotheken und Lesezirkel auf, die sich zum Teil auch in den ländlichen Raum verbreiteten und wo sicherlich über das Vorlesen die analphabeten Teile der Bevölkerung auch noch allerhand anderes an Informtationen durch Vorlesen erhalten konnten.
Aber wie gesagt: Zeitungen hatten, damals vergleichsweise kleine Auflagen und waren vor allem in den städtischen Räumen verbreitet. Es werden sich sicherlich ältere Nummern von Zeitungen bei den entstehenden Lesezirkeln angesammelt haben, aber auf dem Land, dürfte das größte Problem erstmal gewesen sein, überhaupt regelmäßig an aktuelle Ausgaben einer Zeitung heran zu kommen.
Mein Dorf in Brandenburg wurde Anfang des 19. Jh separiert. Ab 1806 fanden umfangreiche Vermessungsarbeiten statt.
Spannfähige Bauern und Kossäthen (und nur diese) konnten ihre Separation beantragen. Ihre verstreuten Acker- und Wiesenstücke wurden gegen ein zusammenhängendes Stück eingetauscht.
Dieses vertuschte und verwilderte Land musste aber erst mal urbar gemacht werden.
Die Gräben die du siehst, wenn du über Land fährst, stammen aus dieser Zeit. Das waren Grenzgräben, die von Hand gegraben werden mussten. Und davon gab es zu der Zeit sehr viel mehr als heute. In den alten Flurkarten findest du das ursprüngliche Grabensystem.
Der Krieg hat die Landbevölkerung gebeutelt.
Jo, die typischen Flurbereinigungen und Meliorationsarbeiten halt.
Die Franzosen haben Preußen besiegt, die Soldaten (fliehende preußische Soldaten und besetzende französische) hielten sich an den Bauern schadlos. Sie mussten die Soldaten unterbringen und verköstigen.
Wobei allerdings Brandenburg vergleichen mit dem Rheinland und Süddeutschland, die über 25 Jahre eine Besatzung nach der anderen, mal durch die Franzosen, mal durch die Österreicher/Preußen/Russen erlebten, relativ glimpflich davon kam.
Auf diese Rechte mussten sie in den Separationen verzichten. Die Bauern erhielten zwar ein großes Stück Land, aber dafür war die Bodenqualität schlechter. Eine größere Fläche (als Ausgleich) bewirtschaften, bedeutet mehr Krafteinsatz, mehr Materialverschleiss, mehr Düngemittelverbrauch. Also teurer das Ganze. Dazu musste das Feuerholz jetzt gekauft werden.
Ja, Ablösung der alten Allemenderechte und Auflösung der dörflichen Allmende überhaupt, dass ist durchaus typisch für die Zeit. Und auch der Umstand, dass die Aufhebung der Leibeigenschaft in der Regel zu Konditionen lief, die für die vormals leibeigenen Bauern eher nachteilig waren.
Wobei du es hier allerdings etwas einseitig beschreibst. Düngemittel (im besonderen künstliche/chemische Düngemittel) gab es ja noch kaum, Der Materialverschließ mag bei schlechteren Böden größer gewesen sein, dafür fielen mit der stetigen Verbesserung der Produktionstechniken allerdings auch die Preise für neue Werkzeuge, wenn alte nicht mehr reparaturfähig waren.
Und natürlich sparte die Flurbereinigung und die Neuaufteilung des Bodens natürlich jede Menge an Wegzeit, ein, wenn ein Bauern nicht mehr ständig zwischen auseinanderliegenden, ihm zugehörigen Flurstücken hin und her musste.
Und mit der Anlage von Drainagen, dem Wegfall reiner Brachflächen durch die im 18. Jahrhundert aufkommende Besömmerung und dem vermehrten Anbau von Kartoffeln, statt Getreide erhöte sich auch die Produktivität der landwirtschaftlichen Flächen deutlich.
Das Problem im Besonderen der Kleinbauern war um 1800 und danach oft weniger die Sicherung der eigenen Subsistenzgrundlage, als das Bestreiten der drückenden Kosten für die Ablösezahlungen bezüglich der Leibeigenschaft.
Die persönliche Unfreiheit war auf der einen Seite eine Last, auf der anderen Seite aber auch für viele Kleinbauern insofern vorteilhaft, dass es mit ihrem relativ bescheidenen Landbesitz für sie wesentlich einfacher war Hand- und Spanndienste/Scharrwerksdienste zu verrichten, als Geldzahlungen zu entrichten.
Gerade die Kleinbauern, die mit ihrem eigenen Stück Land relativ schnell fertig werden konnten, was die Bearbeitung angent, hatten ja vergleichsweise viel Zeit und wenn sie ihre geschuldeten Abgaben gewissermaßen in geleisteter Arbeitszeit entrichten konnten, war das für sie ökonomisch durchaus vorteilhafter, als relativ bescheidenen Erträgen Geld auftreiben zu müssen, um Geldabgaben bezahlen zu können.