Verse wie „Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas' und krummer Hos' / Schlängelt sich zur hohen Börse / Tiefverderbt und seelenlos“ (Wilhelm Busch)
sollte man, auch speziell bei diesem satirischen Meisterwerk, nicht aus ihrem Kontext reißen.
1872 erschien Wilhelm Buschs "die fromme Helene", ein satirisches Meisterstück. Es setzt mit einer Anklage wider die verlotterten Sitten der Großstadt ein,
aus der Perspektive des kleinbürgerlichen Spießers mit allen seinen Ressentiments:
Wie der Wind in Trauerweiden
Tönt des frommen Sängers Lied,
Wenn er auf die Lasterfreuden
In den großen Städten sieht.
Ach, die sittenlose Presse!
Tut sie nicht in früher Stund
All die sündlichen Exzesse
Schon den Bürgersleuten kund?!
Offenbach ist im Thalia,
Hier sind Bälle, da Konzerts.
Annchen, Hannchen und Maria
Hüpft vor Freuden schon das Herz.
Kaum trank man die letzte Tasse,
Putzt man schon den ird'schen Leib.
Auf dem Walle, auf der Gasse
Wimmelt man zum Zeitvertreib.
Wie sie schauen, wie sie grüßen!
Hier die zierlichen Mosjös,
Dort die Damen mit den süßen,
Himmlisch hohen Prachtpopös.
Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas' und krummer Hos'
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tiefverderbt und seelenlos.
Schweigen will ich von Lokalen,
Wo der Böse nächtlich praßt,
Wo im Kreis der Liberalen
Man den Heil'gen Vater haßt.
Schweigen will ich von Konzerten,
Wo der Kenner hoch entzückt
Mit dem seelenvoll-verklärten
Opernglase um sich blickt,
Wo mit weichen Wogebusen
Man schön warm beisammen sitzt,
Wo der hehre Chor der Musen,
Wo Apollo selber schwitzt.
Schweigen will ich vom Theater,
Wie von da, des Abends spät,
Schöne Mutter, alter Vater
Arm in Arm nach Hause geht.
Zwar man zeuget viele Kinder,
Doch man denket nichts dabei.
Und die Kinder werden Sünder,
Wenn's den Eltern einerlei.
»Komm Helenchen!« sprach der brave
Vormund - »Komm, mein liebes Kind!
Komm aufs Land, wo sanfte Schafe
Und die frommen Lämmer sind.
Da ist Onkel, da ist Tante,
Da ist Tugend und Verstand,
Da sind deine Anverwandte!«
So kam Lenchen auf das Land.
Onkel und Tante auf dem Land der sanften Schafe und frommen Lämmer, wo man sich im Gegensatz zur verlotterten großen Stadt Tugend und Verstand selbst attestiert: deren Perspektive, also Vorurteile und Haltungen des aus dem späten Biedermeier stammenden Spießbürgers des frühen Kaiserreichs, karikiert er - und das sprachlich brillant (lesenswert ist zu Wilhelm Busch Gert Ueding!)
Im Katalog der großstädtischen Laster erscheint der Geldjude weder an erster Stelle noch als Steigerung zuletzt, sondern zwischendurch:
1. sittenlose Medien (Presse)
2. Operette, Ball, Geselligkeit als moralisch höchst anrüchig und sexualisiert
3. die "hohe Börse" wird vom Geldjuden auf krummen Pfaden, also dubios infiltriert
4. die Lokale der gottlosen Liberalen
5. Konzert & Opernglas
6. Theater
Hier 5. & 6. wieder wie 2. als anrüchig sexualisiert: dem Spießbürger mangelt es an Argumenten, um Kultur sachlich diskreditieren zu können, wobei sein Hang, dies einzig unter der Gürtellinie anzusiedeln, decouvrierend ist. 1. der Presse wird Sensationsgier statt Berichterstattung unterstellt, 3. der Geldjude wird mit den Mitte des 19. Jhs. typischen Stereotypen abgekanzelt, 4. den aufrührerischen Liberalen wird Gottlosigkeit/Atheismus unterstellt.
- von Tugenden handelt der Spießer kaum, obwohl er sich diese attestiert und sich zur moralisch und sittlich integren Gruppe der sanften Schafe und frommen Lämmer zählt.
Schon allein diese erste oberflächliche Sichtung demonstriert, dass und wie Busch den Spießer brillant demontiert. Wenn wir uns jetzt den viel zitierten und gerne missdeuteten bzw aus seinem Kontext herausgenommenen Vierzeiler anschauen:
Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas' und krummer Hos'
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tiefverderbt und seelenlos.
Einem tugendhaften Biedermeierbürger mit Verstand wären eigentlich Reime etc ohne Wortverkürzungen wegen des Rhythmus möglich gewesen, etwa
der Jude mit der krummen Nase oder ähnliches - stattdessen gleichsam plump stampfend dreimal krumm und dazu unbeholfen die Verkürzungen Jud-Nas-Hos. Der sanft-fromme Tugendspießer muss im lasterhaften Gewimmel viele Fersen gesehen haben, dass er da so differenzieren kann...
kürzen wir es ab: ihm gelingen nur krumme Verse, mit denen er sich selbst und seine Haltungen lächerlich macht! Krumme Ferse und krumme Hose sind inhaltlich vorgeführter Unsinn, krumme Nase das altbekannte Stereotyp. Vom ehemaligen Zinsverbot weiß der sanft-fromme nichts, stattdessen spricht er von der "hohen Börse" (vgl. "man sagte `an Böase` und macht so ein Gesicht dabei", Buddenbrooks) und es passt ihm nicht, dass es Juden in der Finanzwelt zu prosperieren gelang: deshalb unterstellt er ihnen, verdorben und seelenlos auf krummen Wegen ("schlängelt sich") dorthin gelangt zu sein.
...viel zu bieten hat er nicht, der sanft-fromme Spießer.
Und diesen satirisch zu demontieren ist das Anliegen der brillanten Einleitung der frommen Helene.
Und eigentlich hat Buschs Helene bzw. die darin enthaltene Demontage inhaltlich nicht eben viel zu suchen im Umfeld der Shoa.