Punkt 1: Wer den Antisemitismus als Rassismus definiert, steht vor dem Problem, Wahnvorstellungen wie die jüdische Weltverschwörung oder die Wahnidee vom angeblich gierigen Geldjuden erklären zu müssen.
Nein, eigentlich nicht, denn die Gier ist ja nur eine der in diesem Fall rassistisch definierten Gruppe zugeschriebene Eigenschaft.
Der Antisemitismus hat definitiv christliche Wurzeln. Diese Wurzeln merkt man selbst dem Antisemitismus des 21. Jahrhunderts immer noch an.
Nein, denn dann müsste er ein an das Christentum gekoppeltes Phänomen sein, dass anderswo, wo diese Grundlage fehlt nicht vorkommt, aber das entspricht wohl kaum der Realität z.B. in diversen muslimischen Ländern im nahen Osten.
Das Christentum hört da auf, wo dem Konvertiten die Anerkennung als solchem verweigert wird. Was darüber hinausgeht und das Judentum als unveränderlich definiert, hat keine christlichen Wurzeln mehr, sondern ist qualitativ etwas anderes und zwar etwas, wofür es (der Antisemitismus in muslimischen Ländern belegt das), des Christentums nicht bedarf.
Antisemitismus ist eine bestimmte Form des Antikapitalismus.
Nö. Denn wenn man sich z.B. den Antisemitismus im NS anschaut, wurden Juden oder als jüdisch gelesene Personen immer mit mehrfachen Vorwürfen in verschiedene Richtungen belastet.
Waren sie wohlhabend, wurden sie wegen ihres Wohlstands verteufelt, während die NS-Propaganda gleichzeitig aber auch Juden als zerlumpt und schmutzige Habenichtse darstellte und sie dafür anprangerte.
Da war nichts stringent antikapitalistisch, zumal es ohnehin nichts mit Antikapitalismus zu tun hat, wenn nur der tatsächliche oder angebliche Kapitalismus einer einzigen Gruppe kritisiert, bei anderen aber geduldet oder gar als honorig anerkannt wird.
Personen, die das Motiv vom gieriegen Geldjuden hochhielten, gleichzeitig aber die Interessenparteien des Großkapitals, wie die DVP oder die DNVP wählten, waren antisemitisch, aber nicht antikapitalistisch.
Punkt 2: Auswanderung aus den deutschen Ländern erfolgte mitunter auch aus religiösen und politischen Gründen (1848er Revolution!)
Es gab 1848 mal eine politisch bedingte Emigrationswelle, das ist richtig, aber die war mehr oder minder ein Einzelphänomen.
Anders als die zentral organisierten Staatengebilde Westeuropas boten die deutschen Kleinstaaten, was die religiösen Problematiken angeht ja immer durchaus genügend Ausweichmöglichkeiten für Abweichler in der näheren Umgebung, so dass dafür niemand über den großen Teich musste.
Und von Verfolgung, konnte anders als bei den ersten Auswanderern aus Großbritannien 200 Jahre vorher, als es mit der deutschen Massenauswanderung losging keine Rede sein, die gab es schlicht nicht.
Die deutsche Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Man denke nur an die
Mennoniten,
Schwarzenauer Brüder,
Schwenkfelder,
Pietisten und
Böhmische Brüder.
Die Böhmischen und Mährischen Brüder waren eher ein tschechisches Phänomen, als ein Deutschens, außerhalb von Böhmen und Mähren hatten die ja kaum Anhänger, viele Mennoniten folgten zunächst mal der Einladung Katharina II. nach Russland, aber diese Gruppe litt eigenlich in den deutschen Landen nicht unter Verfolgung, sondern anderswo wurden bessere Konditionen geboten.
Und die Pietisten waren im 19. Jahrhundert, als es mit der Massenauswanderung aus Deutschland losging keine bedrängte Minderheit, sondern eine Einflussreiche und durchaus anerkannte Strömung des Protestantismus lutherischer Prägung.
Unter anderem Bismarck dankte Vertretung dieser Richtung Protektion und Hilfe dabei in der Politik Fuß zu fassen.
Es mag sein, dass es ein paar Leute gegeben hat, die irgendwann im ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert auf Grund religiöser Intoleranz von Deutschland aus mal nach Amerika rübergemacht und sich in Pennsylvania niedergelassen haben, aber als es mit der Massenauswanderung aus Deutschland losging, war das keine Triebferder mehr.
Religion und Kolonialismus sind im 19. Jahrhundert kein Widerspruch.
Ich behaupte auch nicht, dass das ein Widerspruch wäre, sondern nur dass Religion bei der Kolonisation und den Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts, soweit es die deutschen Gebiete betrifft, ein allenfalls nachgerodnetes Motiv war. Bei der Auswanderung aus anderen Teilen Europas, etwa aus dem russischen Zarenreich, wo es um die Jahrhundertwende herum antijüdische Pogrome gab und die polnischen und litauischen Katholiken massiven Repressionen ausgesetzt waren, mag das anders ausgesehen haben.
Für Deutschland wird Religion erst ab der ausgehenden Weimarer Zeit wieder zu einem verstärkten Motiv für Auswanderung, in diesem Fall dann sich zunehmend diskriminiert und repressiert sehender jüdischer Personen.
Punkt 3: Die Ideen von 1830 und 1848 waren nicht frei von Antisemitismus. Auch hier irrst Du Dich.
Ich habe nie behauptet, sie wären frei von Antisemitismus gewesen, sondern ich habe geschrieben, dass ich außerordentlich unzufrieden damit bin die politischen Ideen des Vormärz und von 1848 unterschiedslos zusammen mit denen von 1918 (oder meinetwegen auch 1900)-1945 rum unter "Nationalismus" zu subsummieren.
Natürlich zeigten sich 1848 durchaus schon Anzeichen dafür, wohin das möglicherweise gehen würde, sowohl in der Auseinandersetzung um die Zukunft der polnischsprachigen Gebiete Preußens, als auch im Streit mit Dänemark um Schleswig-Holstein.
Nichts desto weniger, fallen die frappierenden Unterschiede ins Auge.
Als 1832 die national begeisterten Studenten zum Hambacher Schloss zogen wurden dabei lebhafte Sympathien auch für die polnische Nationalbewegung bekundet und 1848 ist es ein Anliegen des liberal dominierten kleindeutschen Nationalismus eine nationalstaatliche Lösung in einem Rahmen zu finden, in dem möglichst wenig nicht deutschsprachige Gebiete einbezogen werden, weswegen sie sich auf die Vorstellung eines deutschen Staates ohne Einbeziehung Österreichs verlegen.
Das ist inhaltlich etwas fundamental anderes, als die Wilhelminische Weltgeltungs- und Weltmachtpolitik oder die deutsch-nationale Gangart nach dem 1. Welrktieg jede deutsche Sprachinsel in Osteuropa "heim ins Reich" holen zu wollen.
Das sind frappierende Unterschiede.
Und ähnlich weit klaffen für mich die Ideen der Zionisten des 19. Jahrhunderts und heutiger "Groß-Israel"-Ideologen auseinander. Ich finde das schwierig eine solche Spannweite sinnvoll unter einem Begriff zu subsummieren.