Entwicklungskeule "Nationalstaat"

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Pope, 12. September 2005.

  1. manganite

    manganite Neues Mitglied

    Aber in Asien sind die Staaten doch viel homogener oder es sind Laender, die in der Form schon eine sehr lange Geschichte haben. Viele Bereiche Asiens waren auch nie in der Form fremdbestimmt, wie in Afrika. Und dort, wo es so war, brechen auch immer wieder ethnische Konflikte auf, sei es in Indien und den angrenzenden Staaten, sei es in Indonesien oder im Irak oder eben Israel. Kunststaaten, ohne einheitliche Landesgeschichte und ohne tiefgehende Identifikation von grossen Teilen der Bevoelkerung mit dem Staat, in dem sie leben muessen.
     
  2. Arne

    Arne Premiummitglied

    Die Verbindung zum Sambesi war Sinn des Caprivi-Zipfels. Die Landverbindung nach DOA war ein Gedankenspiel, das einmal als Kriegsziel des ersten Weltkrieges mit einer Neuordnung der Kolonien angedacht war und dann spaeter ca. 1940 noch einmal, als man sich Hoffungen auf einer Wiedererrichtung eines deutschen Kolonialreiches auf Kosten der Englaender machte.
    (das aus dem Handgelenk ohne Buecher zur Hand)
     
  3. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Warum sollte man auf die Definition, die bei wikipedia zum Begriff des "Nationalstaates" zu finden ist, Rücksicht nehmen müssen? Man kann unter dem Begriff des Nationalstaates durchaus etwas anderes verstehen als den Staat eines Volkes oder einer Ethnie. Im "Lexikon der Politik", herausgegeben von Hanno Drechsler, Wolfgang Hilligen und Franz Neumann, 9. Auflage, 1995, findet man zum Beispiel folgende Definition: Nationalstaat ist ein "souveränder, nur sich selbst verantwortlicher Staat, in dem sich eine Gesellschaft politisch organisiert, die sich als Nation begreift oder als solche angesehen wird." Von einer einheitlichen Ethnie oder einem staatstragenden Volk ist dort nicht die Rede. Würde man dieses Kriterium zum wesentlichen Kennzeichen eines Staates erheben, dann wären die USA wohl kein Nationalstaat, obwohl sich fast jeder US-Amerikaner als Angehöriger der amerikanischen Nation versteht.

    Im Prozeß der Dekolonialisierung Afrikas verstanden sich die verschiedenen Stämme, die in einer afrikanischen Kolonie zusammenlebten, häufig als eine "afrikanische Nation", die gegen ihre weißen Kolonialherren die Unabhängigkeit erkämpfte. Doch nach Erreichung dieser Unabhängigkeit wurde dieses Verständnis von einer Nation in vielen afrikanischen Staaten durch interne Konflikte um Macht, Geld, Ressourcen, etc. auf eine harte Probe gestellt.

    Ethnische Konflikte spielten dabei durchaus eine Rolle. Doch Collo hat bereits darauf hingewiesen, dass ausgerechnet Somalia, ein Land mit homogener Bevölkerung, als eines der ersten afrikanischen Länder auseinander gefallen ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich Länder wie Tansania, die von sehr vielen unterschiedlichen Stämmen und Völkern (über 130 Gruppen und Untergruppen) bewohnt werden, - für afrikanische Verhältnisse - als relativ stabil erwiesen haben.

    Ich möchte mal auf folgendes hinweisen: Die Idee des Staates (Staatsvolk, Staatgebiet, Staatsgewalt) ist eine europäische Idee der Neuzeit. Diese wurde im Absolutismus ausgebildet und erlebte im Zeitalter der Nationalstaaten ihren Höhepunkt. Dem europäischen Altertum (polis, imperium) und dem Mittelalter (Reich, Königtum, Lehnsherrschaften, Stadtrepubliken - Personalverbände) war diese Idee unbekannt. Diese in Europa entwickelte und den europäischen Besonderheiten einer bestimmten Zeit Rechnung tragende Idee wurde im Rahmen der Kolonialisierung und Entkolonialisierung globalisiert.

    In vielen "Staaten" Afrikas etablierten sich infolgedessen "Regierungen", die zwar nach außen hin den Anspruch erheben, ihren Staat zu vertreten. Im Innern wird jedoch das Leben der Bevölkerung - wie eh und jeh - durch Personenverbände und deren Chefs bestimmt. Das Geschick eines solchen Landes wird deshalb stark vom Verhältnis zwischen der Zentrale und den Clans betimmt:
    • Unstabile Verhältnisse kommen vielen Clanchefs entgegen. Je weniger sich die Zentrale durchsetzen kann, desto größer ist der Einfluß der Clanchefs. Im Extremfall beherrschen Warlords das Land und der "Präsident" des Landes ist in Wirklichkeit so etwas wie der Oberbürgermeister der Hauptstadt.
    • Versucht sich hingegen eine Zentrale gegen Clanchefs durchzusetzen, können diese diesen Machtkonflikt leicht "ethnisch" aufladen und so ihren Clan hinter sich sammeln.
    • Befindet sich die Zentrale in der Hand von nur einem Clan, kann durchaus die Gefahr bestehen, dass dieser mit den Machtmitteln der Zentrale versucht, den Einfluss des eigenen Clans zu Lasten anderer Clans auszuweiten.
    • Je größer die Clans im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sind, desto stärker kann sich ein solcher Konflikt zwischen Zentrale und Clanchefs entladen. Unruhen, Bürgerkriege und Völkermordexzesse können die Folge sein.
    • Je kleiner der Clan ist, desto größer lastet auf diesem der Druck, sich zu arrangieren. Verfügt er allerdings über starke Machtmittel (z.B. die der Zentrale) kann es ebenfalls zu Unruhen, Bürgerkriegen und Völkermordexzessen kommen.
    Bei solch undurchsichtigen Verhältnissen kann sich ein Kontinent wie Afrika wirtschaftlich natürlich nur schwer entwicklen. Immerhin legen Investoren größten Wert auf stabile Verhältnisse. Solche Verhältnisse finden sie im asiatischen Kontinent, in dem zentrale Autoritäten aufgrund einer anderen kulturellen Entwicklung eine starke Bedeutung haben, sehr viele eher als in Afrika.
     
  4. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Es ist auch bezeichnend, dass in vielen ehemaligen Britischen Kolonien Inder und Chinesen den Handel in der Hand haben ...
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das verstehe ich nun wieder nicht.
    Für was bezeichnend?

    Die Tatsache, dass die Chinesen und Inder in vielen Staaten den Handel in Händen haben ist allerdings unbestritten.
    Für Asien kann man das durchaus auch auf die ehemaligen holländischen und französischen Kolonien ausdehnen. Zumindest was die Chinesen betrifft. Ob das auf das heutige Vietnam noch zutrifft, kann ich im Moment nicht sagen, die Masse der "Cap Anamur"-Leute waren jedenfalls Chinesen. Auch in Indonesien gab es schon "Chinesen-Pogrome".
    Die Inder handeln in Ostafrika meines Wissens seit dem Mittelalter (wenn nicht schon länger)

    Grüße Repo
     
  6. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Bezeichnend dafür, dass Inder und Chinesen mit dem Unternehmertum besser zurecht kamen, als die "Einheimischen". Sie verstanden zumindest die Basics der Wirtschaftsabläufe und der Unternehmensführung, während viele Afrikaner nur die subsistente Landwirtschaft kannten. Jene Afrikaner, die die LW aufgaben, landeten in Fabriken oder auf Plantagen, wo sie kaum zu Unternehmern ausgebildet worden sind. Und noch heute versucht man vielen "afrikanischen" Kleinsthändlern und Handwerkern beizubringen, wie ökonomisches Denken funktioniert ... (siehe CEFE-Tool der GTZ)
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2005
  7. collo

    collo Aktives Mitglied

    das ich einmal einer meinung mit gandolf sein werde...

    zunächst einmal zum beispiel indiens, was ich durchaus für vergleichbar mit der situation schwarzafrikas halte: künstliche grenzen, gewaltsame teilung, kriege, bürgerkrieg (in einer region), hungersnöte, soziale, ethnische und religiöse unterschiede und konflikte, ein machtbewussetr clan...

    dennoch hat sich das land in den letzten jahrzehnten weitestgehend alleine aus dem sumpf gezogen und ist unbestritten auf dem weg zu einer politischen, militärischen und wirtschaftlichen grossmacht.

    und wieder zurück zu afrika.

    m.e. kann man die probleme afrikas auf 3 gründe aus der kolonialzeit zurückführen.

    1. die willkürliche grenzziehung. daraus sind aber nur ganz wenige konflikte entstanden: eritrea, ogaden
    2. die ethnische zusammensetzung (die sich aus 1 ableitet). auch hier, relativ wenig konflikte: biafra, sierra leone, liberia, ruanda, z.t. auch zaire/kongo
    3. die entkolonialisierung erfolgte überstürzt, es gab zuwenig ausgebildetes einheimischen fach- und führungspersonal. aber diesen einwand kann man nach 40 und mehr jahren nicht mehr gelten lassen.

    ABER!
    es gibt auch ein paar "nicht-koloniale" gründe, warum es in den letzten 40 jahren nicht besser geworden ist.

    1. verfehlte entwicklungspolitik, zumindest bis in die 80er jahre. es wurden megaprojekte statt die hilfe zur selbsthilfe gefördert.
    2. stellvertreterkriege, aber die gabs auch in asien.
    3. die bevölkerungsexplosion, jeder wirtschaftliche fortschritt wurde/wird dadurch aufgefressen.
    4. die ausbeutung der länder durch skrupellose, unfähige herrschaftseliten, die nur ihren eigenen kurzfristigen vorteil sehen, während die infrastruktur etc. den bach runter geht.

    und in zukunft aids, welches v.a. das relativ gut entwickelte südliche afrika bedroht.
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    OK dies sehe ich auch als möglichen Grund, aber warum bezeichnend für die ehemaligen britischen Kolonien?
    Dagegen spricht aber (ob britisch oder nicht), dass die Europäer die Wirtschaftsabläufe eigentlich auch kennen, im Wirtschaftsleben dieser Staaten aber kaum bis gar nicht in Erscheinung treten.

    @Gandolf
    Meyers Lexikon der Geschichte
    Nationalstaatsgedanke: Verantwortlich für die Gründung neuer Staaten wie Deutschland und Italien und die Zerschlagung alter wie die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich.
    dito Bayer/Wende Wörterbuch der deutschen Geschichte.

    Grüße Repo
     
  9. Pope

    Pope Neues Mitglied

    1. Die Briten haben insbesondere chinesische Straßen- und Bahnbauarbeiter und indische Verwaltungsbeamte rekrutiert. War wohl am billigsten ...

    2. Die Europäer sind oft im Exportsektor (cash-crops, Rohstoffabbau) hängen geblieben und nach der Unabhängigkeit der Kolonien nicht selten geflohen oder verjagd worden. Die Farmen wurden an die Afrikaner verteilt und die Rohstoffindustrie verstaatlicht. So habe ich das in Erinnerung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2005
  10. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied

    Hier sind übrigens die Parallelen zwischen Trinidad/Tobago, Mauritius und Fidschi in etlichen Punkten äußerst frappierend
     
  11. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Und weiter? Wir diskutieren hier doch über den Transport des Konzeptes des Nationalstaates nach Afrika und nicht über die Bedeutung des Nationalstaatsgedankens für die Gründung des Deutschen Reiches oder Italiens oder der Türkei, etc.

    Entgegen anders lautenden Gerüchten ist der Begriff des Nationalstaates viel unklarer, was sich vor allem aus dem Umstand ergibt, dass der Begriff der Nation sehr vieldeutig ist. Konrad Fuchs und Heribert Raab, Wörterbuch Geschichte, 11. Auflage, 1998: "Nation: Ein vieldeutiger Begriff, dem urspr. allg. die Bedeutung Volk zukam, der aber häufig auch für den Staat gebraucht wurde und im At. noch ohne einen eindeutigen Unterschied neben gens (Geschlecht, Stamm) und popolus (Volk, Gemeinde) stand. Eine für alle Teile der Welt verbindliche Begriffsbestimmung konnte bis heute noch nicht erreicht werden. (...)"

    Bei einem solch vieldeutigen Begriff macht es keinen Sinn, Rücksichtnahme auf die wikipedia-Begriffsbestimmung einzufordern. Zudem halte ich die These, dass der Begriff des Nationalstaates im Gegensatz zum Vielvölkerstaat bzw. zum Nationalitätenstaat stünde, für etwas eigenwillig. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet stand der Begriff des Nationalstaates im Gegensatz zum absolutistischen Fürstenstaat.
     
  12. hyokkose

    hyokkose Gast

    Ich halte sie schlicht für unhaltbar.

    (Um mal wieder auf eine Uralt-Diskussion zu verweisen: http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=1338)
     
  13. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Volle Zustimmung! Die "Nation" ist doch ein sehr subjektiv bestimmter Begriff. Eine Gesellschaft sieht sich als Nation oder wird als solche angesehen. Dem Gefühl, eine Nation zu sein, geht so etwas wie ein Selbsterweckungserlebnis voraus, ab dem sich eine Gesellschaft als Nation versteht (z.B. Sturm auf die Bastille) oder als solche verstanden wird. Dieses Erlebnis ist von Nation zu Nation verschieden. Mit objektiven Kriterien wie Ethnie und Volk kommt man da nicht weiter.

    In Afrika entwickelten die Schwarzen in ihrem Kampf gegen die weißen Kolonialherren das Gefühl eine afrikanische Nation zu sein. Vom Nationalstaat-Konzept kam wohl primär dieses Gefühl an. Doch darf bezweifelt werden, ob die dortigen Länder wirklich mit dem Begriff des "Staates" zutreffend beschrieben werden und möglicherweise führten die Mängel im "staatlichen", soll heissen nichtstaatlichen, Zusammenleben auch wieder zum Verblassen des Nationalgefühls.
     
  14. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Hoffe ich doch. Weil das eigentlich der Sinn dieses Strangs war ...
     

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