Frühe Neuzeit - Priesterweihe mit angeborener Behinderung?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Mischa, 4. September 2014.

  1. Mischa

    Mischa Aktives Mitglied

    Hallo :)

    ich beschäftige mich gerade (mal wieder) mit dem französischen Staatsmann Talleyrand.

    Der musste ja wegen einer körperlichen Behinderung höchst unwillig Priester werden. Wobei nicht klar ist, ob die Behinderung nun - wie Talleyrand selbst immer behauptete - Folge eines Unfalls oder angeboren war. (Heutige Biographen tippen auf Marfan oder ein verwandtes Syndrom)

    Was mich jetzt daran interessiert: Ich habe vage in Erinnerung, dass zumindest zu Talleyrands Zeiten niemand mit einer angeborenen körperlichen Deformation zum Priester geweiht werden durfte. Stimmt das oder irre ich mich?
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Es gibt im Alten Testament eine entsprechende Vorschrift:

    3.Mose 21 - Luther 1984 :: Bibleserver.com


    Für die Priesterweihe in der katholischen Kirche ist diese Vorschrift aber nicht von Bedeutung.
    (Kann sie auch zu Talleyrands Zeiten nicht gewesen sein.)
     
  3. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Ich lese in wiki, dass er einen "Klumpfuß" hatte. Schätze ich ähnlich ein wie Sepiola. Das dürfte kein Hindernis zur Weihe gewesen sein. Man müsste im ziemlich unübersichtlichen Corpus Iuris Canonici suchen, wenn man's schwarz auf weiß haben wollte. Im heutigen Codex Iuris Canonici wird das Thema, soweit ich das überblicke, nur in einem Satz angerissen:
    "Can. 1029: Weihen sind nur jenen zu erteilen, die [...] sowie über andere der zu empfangenden Weihe entsprechende physische und psychische Eigenschaften verfügen."
    Die erforderlichen "physischen Eigenschaften" werden nicht näher erläutert. Ich könnte mir vorstellen, dass z. B. jemand, der extrem gebrechlich ist oder eine schwere Behinderung hat, so dass er von vorneherein gehindert ist, gottesdienstliche Handlungen zu vollziehen, Sakramente zu spenden usw., den Anforderungen an die Weihebewerber nicht entspricht. Ich weiß das aber nicht genau. Jedenfalls wurde in der Kirche körperliche Unversehrtheit m. W. nie zur Bedingung des Weiheempfangs gemacht, wie das etwa bei den jüdischen Hohepriestern noch bis Ende des Zweiten Tempels der Fall gewesen war.

    Edit:
    Hab gerad noch Can. 1051 gefunden, woraus hervorgeht, dass heute auch "eine gehörige Untersuchung" über "den physischen und psychischen Gesundheitszustand" des Weihebewerbers erforderlich ist, die "seine Eignung für die Ausübung des Dienstes" bestätigt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. September 2014
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  4. excideuil

    excideuil unvergessen

    Fürst Talleyrand schreibt in seinen Memoiren, dass "ich wegen meines zu kurzen Fusses nicht in die Armee eintreten konnte, und dass mithin für einen jungen Mann meines Namens und meiner Geburt nur der geistliche Stand als der passendste übrig blieb." (Memoiren, Bd. I, Seite 15)
    Auf die Zeit um 1770 bezogen, als dies für ihn klar wurde, bedeutete dies, dass für den zweitgeborenen Sohn eines Adelshauses oft nur der geistliche Weg blieb, um seine Zukunft zu sichern. Denn die Talleyrands gehörten zwar dem Hochadel an, waren aber materiell eher gar nicht vermögend.

    Aus seinen Worten und aus der Historie ergibt sich, dass seine Behinderung kein Hindernis war, Priester und später Bischof zu werden. Ich kenne auch die Vermutungen/Erkenntnisse von Biografen, dass T. Behinderung möglicherweise angeboren war. In keinem mir bekannten Fall allerdings wird darüber spekuliert, dass eine angeborene Behinderung vertuscht werden sollte, um seine Karriere als Kirchenmann nicht zu gefährden.

    Grüße
    excideuil
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    CIC - Buch 4


    Damit war er wohl kein Einzelfall:
    Hilarion-François de Chevigné de Boischollet ? Wikipedia
     
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