Mach es einen Unterschied (und wenn ja welchen), ob der Roman eine fiktive Geschichte mit fiktiven Charakteren erzählt, halt nur vor einem anderen historischen Hintergrund, oder ob er direkt historische Personen und Ereignisse in den Mittelpunkt stellt? Ich schätz mal, die Ansprüche an zweitere Variante sind (zumindest hier im Forum) wesentlich höher, weil man mehr falsch machen kann. Auf der anderen Seite ist es vielleicht einfach uninteressant, keine realen Bezüge zu haben.
Grad die literarisch brillanten Historischen Werke können ja einen erheblichen Einfluss auf die Geschichtsrezeption haben. Provokant gefragt (an alle): Fallen euch bekannte Werke ein, die ob ihres verfälschenden Einflusses besser nicht verfasst worden wären? Und ich mein jetzt nicht offensichtliche Propaganda, das wär zu einfach. Ab wann reißen literarische Qualität oder meinetwegen auch Unterhaltungswert es raus, dass alle Welt denkt, "Mitbürger! Freunde! Römer!" sei tatsächlich ein Zitat aus der Antike?
Zu deiner ersten Frage: es macht aus meiner Sicht dann einen Unterschied, wenn eine historische Person oder ein Ereignis sehr bekannt sind. Würde ich um den unbekannteren Ezzelin I. von Enn einen Roman spinnen, mit der Auseinandersetzung zwischen der Stauferpartei und den Päpsten, dem Lombardischen Bund und den Städten Reichsitaliens, dann hätte ich als Autor für die Entwicklung des Akteurs größere Freiheit - und könnte weniger Fehler machen.
Doch der historische Rahmen würde vom Fachpublikum sicher auf Plausibilität, Recherchiertheit und Zeitgebundenheit (wie
@El Quijote schrieb) überprüft werden. Wieviel Freiheit habe ich da? Ich denke, und ich bin gespannt auf eure Sicht, wenn ein Roman allzu klischeehaft und oberflächlich bleibt, würden hier viele das Interesse verlieren. Aus meiner Sicht sollte ein Roman dazu beitragen, ein tieferes Verständnis für eine Zeit, einen Konflikt, eine Lebenswelt zu erhalten, einen "veränderten Einblick". Ein Roman hat aus meiner Sicht nicht den Anspruch ein wissenschaftliches Werk zu sein, doch er sollte den Lesenden in der Zeit fesseln, in der er spielt, auch mit Humor, philosophisch, mit Wortwitz, Farbenpracht oder Dunkelheit.
Ich hatte neulich einen schönen Roman gelesen, Montaignes Katze von Nils Minkmar, und hatte danach den Eindruck, das Buch hat verschiedene Wissensstränge, die ich hatte, über die Hugenottenkriege, die Pariser Bluthochzeit, das Ränkespiel der Mächte um Frankreich, neu verknüpft und zu einem besseren Verstehen beigetragen warum Henry IV. von Navarra König von Frankreich werden konnte, obwohl er Führer der Hugenotten war.
Und warum Bürokraten schon immer ein furchtbar anstrengender Menschenschlag sind.
Zur zweiten Frage: Homer ist nicht gefeit davor, was 2600 Jahre später Hollywood aus seinen Epen macht. Den Autor für alle Zeit für sein Werk haftbar zu machen, und auch für alle Möglichkeiten der Rezeption, halte ich für unmöglich. Sind Uderzo/Goscinny verantwortlich dafür, dass ich als Kind dachte, alle Gallier tragen Schnauzbärte und essen ständig Wildschweine (sicher eine lässliche Schuld)? Wenn ein Roman ein nationalisitisches Klischee verstärkt, dann ist ihm das auch möglich, weil es Nationalismus gibt, er ist nicht ursächlich verantwortlich.