Ich sitze vor dem Bildschirm. In der Mitte eure Fragen in Arial 15. Es ist schon spät, soll ich wirklich schreiben?
Was ist ein guter Historischer Roman? Wieviel Detail ist zuviel, welche Menge zu wenig? Wieviel Recherche ist genug?
Ich rufe mir die Fragen zu. "Was sagst du dazu?"
Schweigen. Noch einmal lese ich euer lustvolles, ironisches und kritisches Schweifen in Bücherregalen. "Beschreib es doch einfach!"
Ich wollte meinen Beitrag kurz aufklären. Mich interessiert eure Debatte sehr, aus der Sicht von jemanden der dabei ist (allerdings schon lange) einen historischen Roman zu schreiben. Mich beschäftigen genau die Fragen, die hier aufgeworfen werden. Ich empfinde es eine besondere Herausforderung, dem sich ein Schreibender oder eine Schreibende eines historischen Romans stellen muss.
Details: ich kann mich extrem in ein Detail verbeißen, und beginne Literatur zu wälzen, und bei meinem Sujet stelle ich dann z.B. fest, das selbst Poseidonios von Apameia nie selbst an einem religiösen Ritual der Gallier teilgenommen hat. Schön, dann kann ich ja meiner Fantasie freien Lauf lassen! Nein, ich will es wenigstens annäherungsweise schaffen, dass ein kritischer Experte bzw. Expertin nickt und leise murmelt, hm, akzeptabel.
Mein Anspruch ist, dass die Lesenden sich mit einer "fremden Welt" auseinandersetzen, ohne zu Expert*innen werden zu müssen. Wieviel Dosis keltisch ist zu viel - wie umfangreich kann ein Glossar werden? Ich lese bei Herodot gerne auch noch jede Anmerkung. Aber das machen doch nur Nerds wie hier im Geschichtsforum. Ich kann jedoch auch nicht darauf verzichten. Wieviel Altertümlichkeit mute ich den Lesenden zu? Steigen sie dann aus, oder sind sie fasziniert?
Es gibt ein Thema, das ich oftmals in historischen Romanen wiederfinde: eigenes Wissen muss der Schreibende aus Stolz mitteilen, zulasten der Erzählung. Muss beim Packen einer Zeltgemeinschaft römischer Legionäre wirklich jede Dolabra ausführlich genannt werden?
Muss jedes Essen bis ins Detail, abgeschrieben aus Apicius Kochbuch, beschrieben werden? Meiner Ansicht nach sollte, bzw. es wäre mein Anspruch, dass die Erzählung nicht leiden darf, dass die Historizität leicht und elegant einfließt, oder auch einmal schwer und hart, aber nie so, dass beim Lesen gedacht wird: jetzt weiß ich, dass eine römische kaiserzeitliche Legion aus 10 Kohorten, eingeteilt in Doppelzenturien und Zenturien, vier Turmae berittener Kundschafter und Meldereiter und 250 Offizieren und Stabssoldaten bestand, aber wohin wollten die noch einmal aufbrechen und warum? Extremes Beispiel war für mich der historische Roman eines Historikers, er spielte linksrheinisch, in der späten Antike, und das Wissen um jedes Aquädukt und jede römische Straßenstation war umfänglich vorhanden - doch die Charaktere waren uninteressant und klischeehaft, Ausführungen langatmig und der Plot, den habe ich tatsächlich vergessen. Es könnte sein, dass ich das Buch irgendwo in der Therme in Augusta Treverorum beiseite gelegt und vergessen habe.
Literarische Brillianz: die will ich mir gar nicht anmaßen. Alleine das Thema Spannungsbogen! Was heißt das in einer schnellebigen Zeit,
in der die Aufmerksamkeitsspanne eher sinkt als zunimmt? Passiert zu wenig? Gelingen Überraschungen wirklich, oder sind vermeintliche Überraschungen so auffallend orchestriert, dass routinierte Lesende nach zehn Seiten wissen, der Mörder ist wieder der Gärtner. Oder es stellt sich die Frage: will ich der Familiensaga wirklich 150 Jahre durch drei Bände folgen? Für mich: bin ich selbst überzeugt von der Grunderzählung?
Ich empfinde Schreiben ein hartes, mühseliges Werk. Es wäre schön es würde einfach von selbst fließen, aber wenn es wirklich so ist, fängt die Arbeit erst an.