Konflikt und Gewalt durch komplexere neolithische Gesellschaften?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von silesia, 12. Februar 2015.

  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Augusto ich verstehe deine Wertung nicht, denn vergangene Realitäten haben nicht den Auftrag, dir oder mir zu gefallen.
    Eindeutige Funde bzgl. kollektiver Gewalt belegen, dass die moralphilosoph. Idealvorstellungen eines goldenen Urzustands eher im Bereich der Fiktion anzusiedeln sind - und seit man derartige Funde überhaupt macht und untersuchen kann, gibt es keinen Grund, Idealvorstellungen zurück zu projizieren.
    (aus dem Link) in diesem Zitat ist der letzte Satz bemerkenswert, da er sozusagen qualitative Abstufungen (so krass das auch klingt) vorgeschichtlicher Massaker andeutet.
     
  2. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Hier passt nach dem Witwe-Bolte-Prinzip*) ein Beitrag von mir aus dem Jahre 2009 :
    *) wovon sie besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt
     
  3. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Sicher nicht. Aber ich habe mir Mitleid mit den Opfern erlaubt, die (und das ist die im Link beschriebene "neue Qualität") nicht "nur" auf der Flucht von hinten erschlagen, sondern offenbar bei lebendigem Leib gefoltert wurden, z.B. durch systematisches Brechen ihrer Beine.
     
  4. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Ich habe einige Schwierigkeiten mit deiner Formulierung:
    a) so menschlich wie sympathisch Mitleidsempfinden auch ist, es ist eine Übertragung heutiger Moralvorstellungen und Denkmuster. Wir wissen so gut wie nichts über die Umstände warum diese Menschen zu Tode gekommen sind. Was wenn sich die "Massakrierten" zuvor in ähnlich brutaler Weise gebärdet haben, der auf uns gekommene Fund in einen Rache-Kontext einzuordnen wäre - nur eine denkbare Option.
    b) wie sie zu Tode gekommen sind bleibt ebenso spekulativ. Folterung ist möglich muss aber nicht so gewesen sein. Zudem lassen mir bei lebendigem Leibe gebrochene Beine ein Erschlagen von hinten auf der Flucht eher unwahrscheinlich erscheinen.
    c) ob da zudem eine "neue Qualität" von Brutalität vorliegt ist meines Erachtens schwer zu sagen. Einem solchen Ereignis kann ein einmaliger, völlig ausufernder Exzess zu Grunde liegen, der in keiner Weise repräsentativ sein muss.

    Sorry wenn ich gerade korinthenkackerisch mit deinem Post umgehe, doch bei über die vorliegende Tatsache, dass da Menschen zu Tode gekommen sind, hinausgehenden Interpretationen des Funds öffnet sich ein weites Feld der Möglichkeiten...
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da will ich auch noch ein paar Sachen aufwärmen:

    Brutale Gewalt gibt es nicht erst seit dem Neolithikum:


    Und auch Jäger-und-Sammlergesellschaften sind keine gewaltfreien Paradiese:




    Totschlag im Paradies - bild der wissenschaft

    Menschliche Gewalt - Hauen und Stechen unter Jgern und Sammlern - Wissen - Sddeutsche.de
     
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  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Abgesehen von dem einen, beinahe beiläufigen Satz zu einer anhand der Gräberfelder als militarisiert einzustufender kulturellen Grenze, kann ich eigentlich in den hier veröffentlichten Auszügen zur Michelsberger Kultur keine Hinweise auf eine politisch-territoriale Einheit erkennen.
     
  7. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Ins selbe Horn stößt Jared Diamond in seinem Buch "Vermächtnis", dass meines Wissens nicht mehr die Aufmerksamkeit anderer Titel von ihm erreichte. Abgesehen davon, dass seine Wertungen zur Gewalt in "zivilisierten" und "unzivilisierten" Gesellschaften durchaus kontrovers sind, konstatiert er bei den von ihm beobachteten ursprünglichen Gesellschaften ein extremes Territorialverhalten. Grenzübertritte von einem Stamm zum anderen würden sehr genau beobachtet und es könne dabei rasch zu gewalttätigem Verhalten kommen.
     
  8. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Der Thread http://www.geschichtsforum.de/f22/frostige-volksz-hlung-50999/ bezieht sich auf eine Studie zur Abschätzung der Bevölkerungsdichte in der Eiszeit.

    Ein Einwand war :
    Die Fälle von Gewaltanwendung sprechen dafür, dass es tatsächlich so war, dass die Bevölkerung bis an die Grenzen wuchs, die durch die Ernährungssituation möglich war, und dann entweder (a) die "überschüssigen" Menschen verhungerten, (b) (natürliche oder soziale) Mechanismen zur Senkung der Geburtenzahl einsetzten und/oder, wie hier behandelt, (c) der Kampf um die Nahrungsressourcen zum Kampf auf Leben und Tod eskalierte.


    (Zu Erinnerung noch ein Uralt-Thread : http://www.geschichtsforum.de/f35/wieviel-platz-gibt-es-auf-der-erde-26482/ )
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ist das nicht ein bisschen kurz gesprungen?

    In der Geschichte der Menschheit ist es auch in Situationen, wo für alle Beteiligten genug zu beißen da war, öfters zu Fällen von Gewaltanwendung gekommen.
     
  10. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Oft ging es aber offensichtlich um Nahrungsressourcen :
    In langen Zeiträumen führt eine Geburtenrate (inkl. Erreichen der Geschlechtsreife) von leicht unter 1,00 Töchtern pro Frau zum Verschwinden der Population, bei leicht über 1,00 zu unbegrenztem Wachstum - schon ein Überschuss von 5 % führt nach 100 Generationen die 130-fache Bevölkerungszahl. Es ist nicht einzusehen, dass eine Gruppe Menschen rein zufällig genau die 1,00000 treffen würde, die zu einer konstanten Bevölkerungszahl führt. Es muss einfach Rückkopplungsmechanismen geben, die proportional zur Bevölkerungszahl zu einer Verringerung derselben führen. Da ist doch die Nahrungsmittelbasis eine naheliegende Möglichkeit.

    Damit wären wir wieder beim Thema des Threads : Durch die neolithische Revolution wurde die Nahrungsmittwelbasis vergrößert, und tatsächlich führte sie zu einer dramatischen Erhöhung der Bevölkerungszahlen. Vermutlich hätte diese schon vorher stattgefunden, wenn es mehr Nahrung gegeben hätte.

    Natürlich hat der neue (Nahrungs-)Reichtum zu neuen Konflikten, auch wegen der Nahrung, geführt. Einer davon war der zwischen Ackerbauern und nomadischen Viehhaltern. Den haben, wie es in der Geschichte von Kain und Abel überliefert ist, erstere (Kain) mit brachialen Mitteln für sich entschieden (wg. der höheren Bevölkerungsdichte, die sich mit Ackerbau ernähren lässt), obwohl die Sympathien offenbar auf der Gegenseite lagen.

    Diese Ausbreitung mit Hilfe einer landwirtschaftlichen Ernährung findet sich später übrigens bei den Bantu in Afrika wieder, die sich von der Hochebene von Nigeria/Kamerun ausgehend in das östliche und südliche Afrika ausgebreitet und dort die Vorbevölkerungen von Jägern und Sammlern verdrängt haben.
     
  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Richtig, und oft ging es offensichtlich nicht um Nahrungsressourcen:

     
  12. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Manchmal hilft ein Blick in die Quelle. Zum Beispiel zur Feststellung, daß ich hier nicht spekulierte, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse paraphrasierte. Aus dem von Ravenik verlinkten Artikel (meine Hervorhebung):
    Die im SZ-Artikel verlinkte Ur-Publikation abstrahiert (meine Hervorhebung):
    Das ist übrigens auch deutlich eine andere Qualität als Gattenmord am Lagerfeuer, oder zwei aneinander geratene Alfa-Männchen während der alljährlichen Brautschau beim gemeinsamen Treff zur Winterrobbenjagd, an Wasserstellen oder im Flint-/ Obsidiansteinbruch.
    Ich bin mit Dir einig, sepiola, daß die Steinzeit alles andere als "Friede, Freude, Eierkuchen" war. Gewalt lediglich auf fehlende Hierarchien zurückzuführen, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz. Es gab die demographische Notwendigkeit, sich mit anderen Gruppen zu verständigen, um die statistisch unvermeidlichen zeitweiligen Frauen- oder Männerüberschüsse in den einzelnen Kleingruppen auszugleichen, und (extremen) Inzest zu vermeiden. Wem solche Verständigung nicht gelang, konnte sich kurzfristig mit Frauenraub behelfen; langfristig war die Gruppe aber zum Aussterben verdammt. Dieser extrem wirksame kulturelle Selektionsmechanismus hat schon früh soziale Normen hervorgebracht - Geschenke, als Urform des Handels, das Prinzip der Gastfreundschaft, und vermutlich auch eine Art Thing- oder Weihnachtsfrieden während der alljährlichen Zusammenkünfte.
    Die spannende Frage ist, warum solche sozialen Normen zeitweilig versagten, oder - neutraler formuliert - wann und unter welchen Bedingungen sie effektiver, wann weniger effektiv waren. Da lohnt ein genauer Blick auf einzelne Zeitstellungen. Die LBK war lange Zeit relativ gewaltfrei, dann eskalierte die Gewalt offenbar, und zwar während bzw. am Ende einer "kleinen Eiszeit" (das Phänomen ist ja auch für Völerwanderungszeit, und Spätmittelalter/ früher Neuzeit bekannt). Ich bin jetzt in die Zeitstellung für Große Ofnet-Höhle nicht tiefer eingestiegen, aber gab es da vielleicht auch eine Klimaverschlechterung?
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2015
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  13. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    @Augusto
    Ich wollte dir kein Spekulieren unterstellen, da habe ich unsauber formuliert - sorry!
    Womit ich Schwierigkeiten habe, ist die Übernahme wissenschaftlicher Interpretationen ohne wie ich finde solch entscheidende Worte wie "wahrscheinlich", "vermutlich" oder "sie gehen davon aus"...
    Anbei, ich hatte die Quelle gelesen, bevor ich schrieb. ;)

    Die seitens der Forscher für das Massengrab von Schöneck-Kilianstädten angedachte Interpretation für ein mit Sicherheit äußerst brutales Ereignis mit dem Ziel des Frauenraubs ist meines Erachtens eine Wahrscheinliche, aber für mich nur eine von möglichen Optionen.
    Dass ein zum Tod durch Erschlagen zeitnahes systematisches Zerbrechen der Beinknochen vorliegt scheint wohl gesichert, ob das Folterung gewesen sein muss, stelle ich in Zweifel. Ein nach der Tötung erfolgtes rituelles Zerbrechen der Beinknochen um ein Wandern rachedurstiger Geister zu verhindern wäre für mich eine ebenso denkbare Option, von sicher noch weiteren denkbaren Möglichkeiten.
    Aus dem was ich bislang über den Fund gelesen habe, geht für mich gleichfalls nicht zwingend hervor, dass ein gesamtes Dorf ausgelöscht worden sein muss, die Getöteten könnten ebensogut von Angreifern wie überlebenden Angehörigen beerdigt (verscharrt) worden sein.

    Mich irritiert bei der Interpretation von vorgeschichtlichen Funden, trotz verwendeten Konjuntivs, mitunter die "Geradlinigkeit" mancher Interpretationen. Wir wissen doch oftmals viel zu wenig, nicht nur hinsichtlich der archäologischen Funde selbst, sondern vor allem von der geistigen Lebenswelt der damaligen Menschen, auch wie räumlich differenziert Verhaltensweisen von Einzelnen, Dorfgemeinschaften und Stämmen gewesen sein könnten.
    Eine Auffächerung der Gedankenpfade würde ich meist viel lieber lesen - auch auf die "Gefahr" hin, dass die Publikationen dann halt viel länger werden.

    Den Ansatz von die Lebenswelt verändernden (verschlechternden) klimatischen Faktoren als Mit- oder gar Erst-Auslöser für sich veränderndes Interagieren und möglichen Normenzerfall von Gruppen wie Individuen in Betracht zu ziehen halte ich übrigens für ziemlich plausibel.
     
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  14. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Interessant, dass der Eine bei "Klimaverschlechterung" an Nahrungsmangel, der Andere an Normenzerfall denkt.
    Vielleicht stimmt ja beides ?
     
  15. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Diese Zweifel lassen sich noch vermehren: es dürfte unmöglich sein, festzustellen ob die Beinbrüche vor, während oder nach dem finalen Keulenschlag auf den Kopf zugefügt worden sind.

    Wirklich sicher scheint nur eines zu sein: dass man mehrere Funde gemacht hat, die eindeutig massive Gewalt nachweisen (das ist ja nicht der einzige "Massakerfund") - die Spekulation beginnt schon, wenn man überlegt, ob es sich um Ausnahmefälle handelt oder ob dergleichen quasi zur Tagesordnung gezählt hatte (man aber erst nur wenige Funde gemacht hat, es aber viel mehr davon geben könne (abgesehen davon, dass man sehr viel nicht finden kann, weil die natürlichen Konservierungsbedingungen vielerorts ungünstig sind))
     
  16. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Der "beiläufige" Satz (eigentlich ein ganzer Absatz in einem fünf Absätze zählenden Abriß eines Jahrtausends) bezog sich nicht mehr auf die Michelsberger Kultur, sondern..
    ... auf deren Nach-Nachfolgekultur, die Bernburger Kultur, eine Spätform der unter Einfluß der Michelsberger Kultur entstandenen Trichterbecherkultur. Zu der militarisierten Grenze ist erwähnenswert, daß beide "Kontrahenten" ein sehr unterschiedliches genetisches Profil zeigen: Bei den Bernburgern dominiert mit fast 40% die mesolithische mtDNA U5 (70% Anteil bei nordischen Jägern und Sammlern). Die typisch danubisch-frühneolithischen Haplogruppen HV, J und N1 fehlen dagegen ganz. Bei der Salzmünder Gruppe findet sich dagegen 20% J , 10% N1a und 5% HV, aber nur 5% U5*.
    Spulen wir etwas zurück: Die Trichterbecherkultur hatte zwei prägende Elemente. Das namensgebende knüpft an die keramische Kultur des Elbe-Saale Raums an. Das augenfälligere, megalithische Element ("Hünengräber") hat ungeklärte Wurzeln, zeigt frühen geographischen Schwerpunkt auf den dänischen Inseln und in Ostholstein, und expandierte ab Mitte des 4. Jahrtausends ca. 100 km/ Jhd. nach Süden. Zunächst noch durch die siedlungsarme norddeutsche Tiefebene, aber um den Harz herum wurde es dann, im alten neolithischen Siedlungsraum, deutlich voller.
    Voller unter anderem auch deswegen, weil in Salzmünde ein frischer Schub mtDNA J, und, v.a. die sowohl damals als auch heute in Europa extrem rare mtDNA U3 angekommen war. Heute hat U3 die höchsten Konzentrationen in Jordanien, gefolgt von Armenien, Libanon, Irak und Georgien. Bei mtDNA J reden wir heute von Saudi-Arabien, Yemen, Ossetien, Kuwait und Iran, die Haplogruppe war aber auch schon in der Starčevo-Kultur auf dem Balkan gut vertreten*. mtDNA J hielt sich recht gut in Mitteleuropa (heute 9% in D, U3 wurde nach dem Ende von Salzmünde so gut wie nicht mehr gesehen. [Die Sachen mit den Salzmünder Pferdegräbern, und der zu dieser Zeit beginnenden Kupferverarbeitung im Elbe-Saale-Raum vertiefen wir wohl besser im Indogermanen-Thread].

    Auch vorher war es im Elbe-Saale-Raum (und wohl nicht nur dort) genetisch fleißig hin und her gegangen. Die auf LBK folgende Rössener Kultur war stärker südwesteuropäisch geprägt (deutliche Zunahme von mtDNA H, dominierend bei südwesteuropäischen Jägern/Sammlern sowie im baskischen u. portugiesischen Neolithikum, dazu HV0/V, heute stärkste Konzentration ini Spanien und im Maghreb, insbes. Berber, auch im portugies. Neolithikum repräsentiert). Mit der nachfolgenden Schöninger Gruppe wurde es wieder westkarpatisch-danubisch (Hg J/K - dazu erstes "Einsickern" nordeuropäischer Jäger/Sammler), die Baalberger Kultur (originäre Elbe-Saale Trichterbecherkultur) tendierte dann genetisch wieder "westlich" (H), diesmal jedoch ohne südiberisch-maghrebinischen Einschlag (HV0/V)*.
    Nach dem Siedlungsbefund verliefen diese Wechsel im Elbe-Saale-Raum weitgehend friedlich - die Vorbevölkerung starb teilweise aus (Krankheiten?), und gab landwirtschaftlich schlechtere Lagen auf, die dann die Zuwanderer neu besiedelten. Am Rhein ging es aber offenbar zeitweise heftig zur Sache. Schön wärs, wenn wir vom Rhein und aus Belgien/ Nordfrankreich auch mal ein bißchen neolithische aDNA bekämen, dann könnte man besser erkennen, wie einschneidend die Bevölkerungsverschiebungen dort waren. Für die norddeutsche Tiefebene und Dänemark gilt ähnliches - trotz jahrhundertelanger Plünderung von Hünengräbern müßte sich ja hier und da noch ein auswertbares Stück Knochen finden lassen.
    Langer Rede, kurzer Sinn - Expansionen aus (Süd-)West- nach Mitteleuropa sind archäologisch und genetisch faßbar, aber ihre Intensität ist bislang noch weitgehend unbekannt. Dies betrifft, neben Rössen, vor allem die Michelsberger Kultur. Wir wissen von befestigten Höhensiedlungen an Rohstoffzentren (Salz, hochwertiger Werkzeugstein), einem weitreichenden Austauschsystem (Piemonteser Jadeit verbreitet über ganz Westeuropa, mit sekundärem Veredelungszentrum in Carnac), technischen Innovationen (hitzebeständige Keramikplatten zum Brotbacken, verbreitet auch in die frühe Trichterbecherkultur) und neuen, sich schnell ausbreitenden, "megalithischen" Grabformen (Galeriegräber) in technisch anspruchsvoller Ausführung. Für mich hat das Ensemble ein bißchen was von "La Tene light".
    Weiterhin wissen wir von einer aktiven Rolle der Michelsberger Kultur bei der wirtschaftlichen Integration und letztlich auch Neolithisierung der "Peripherie" - nicht nur im westbaltischen Raum (Ertebölle->Trichterbecher), sondern auch in den Niederlanden (Swifterband) und auf den britischen Inseln. Skandinavische frühe Neolithiker zeigen die engste genetische Ähnlichkeit zu heutigen Basken. Allerdings zeigen auch die genetischen Spuren der Saami nach Iberien. Der Genfluß mag also schon auf die meerseitige mesolithische Re-Kolonialisierung Norwegens am Ende der Eiszeit zurückgehen, und muß nicht aktive Aufsiedlung Skandinaviens bedeuten.
    Also: Territorial - sicherlich, im Sinne von miteinander vernetzten Handelszentren. Geeint - durch weiträumigen Austausch von (Prestige-)gütern, Technologie, Baustilen und Begräbnissitten. Sprachlich - steht zu vermuten, ohne lingua franca funktioniert solch Netzwerk nicht. Politisch - Prestigegüter wie Jadeitäxte deuten auf soziale Differenzierung, die Höhenfestungen auf systematische Ausbeutung und Monopolisierung von Ressourcen.
    Die Monopolisierung wird nicht alle glücklich gemacht haben. Ein paar Indizien für krisenhafte Entwicklung, z.B. die vorerwähnten Brandspuren am holzverkleideten Steinwall von Michaelsberg/Bruchsal gibt es, aber die Gründe für den Zerfall sind noch weitgehend unbekannt. Um 3.500v. Chr. brach, wohl infolge Klimaabkühlung und Vergletscherung der hochliegenden Fundstelle, die Jadeitzufuhr aus dem Piemont ab. Gleichzeitig begann das Kupfer von der unteren Donau aus seinen Siegeszug durch Europa, verbunden mit dem Vorrücken der Badener Kultur. Diese brachte, wie ihr Ausläufer Salzmünder Gruppe zeigt, nicht nur neue Technologie, sondern auch neue Siedler nach Mitteleuropa.


    * Vgl. die vor kurzem im "anderen" Neolithik-Faden von silesia verlinkte Studie, insbes. Datasets S8 ("ancient DNA") und S14 (aktuelle mtDNA) aus dem Data Supplement
    Tracing the genetic origin of Europe's first farmers reveals insights into their social organization | Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences
     
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  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Augusto das ist eine beeindruckende Liste - lässt sich denn irgend eines der ergrabenen Massaker eindeutig einer dieser Kulturen zuordnen?
     
  18. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Schon o.k. Und sorry meinerseits, daß ich Dir implizit Lesefaulheit unterstellte -jetzt weiß ich, welche Gedanken Dich eigentlich umtrieben.
    Ich verfolge Gronenborns Forschung schon länger - er und sein Team machen aus meiner Sicht eine Super-Arbeit. Von daher war mir präsent, in welchen Analysekontext er die neuen Befunde einordnet. Hier ist eine Kurzpräsentation vom Archäologentag 2011, die etwas mehr Hintergrund bietet, als im SZ-Artikel zu finden ist:
    http://www.dirk-schimmelpfennig.de/ag_neo/pdf/AG-Neo_2011_Programm_Bremen.pdf
    Also zwei Faktoren - Trockenheit, die das Kulturmodell (wohl Ackerbau plus Rinderhaltung) in Frage stellt, und externer Druck durch (neu einsiedelnde?), besser an Trockenheit angepasste Gruppen (Schafe & Ziegen, mediterrane Kulturpflanzen?).​
    Zur "geistigen Lebenswelt" Auszüge aus zwei weiteren Präsentationen der selben Tagung:​
    Ressourcen / Land wurde knapp, man stritt sich ums Erbe, tauschte keine Keramik mehr mit dem Nachbardorf - auch in der frühen Jungsteinzeit "menschelte" es offenbar schon ordentlich.​
    Die Krise ist auf allen Ebenen greifbar. Warum sich das Rheinland dann letztendlich vor 5.000 Jahren komplett entvölkerte, wo doch vorher mit allen Tricks um den Erbhof gekämpft wurde, bleibt aber nach wie vor rätselhaft. (Bürger-)Krieg (man sollte auch nicht vergessen, daß um diese Zeit Doggerland versank und die Nordsee massiv vorrückte)? Klimatisch-ökologische Krise? Epidemien bei Mensch und/oder Tier? Fest steht, daß so gut wie keine frühneolithische mtDNA in der heutigen mitteleuropäischen Bevölkerung vorkommt - die ersten Bäuerinnen starben aus, und zwar spätestens um 4.000 v. Chr.
     
  19. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Richtig, nur hat das so niemand behauptet.

    Die eine einfache Erkärung für Mord und Totschlag gibt es nun mal nicht.

    Oder?

    Emilia: O my good lord, yonder’s foul murders done!
    Othello: What, now?
    Emilia: But now, my lord.
    Othello: It is the very error of the moon,
    She comes more nearer earth than she was wont
    And makes men mad.
     
  20. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Stand so in einem Deiner Zitate weiter oben. Aber wir haben hier ja keinen Dissens.
    Neben dem Einfluß des Mondes auf den Hormomhaushalt verdient unter den sonstigen, nicht zeitspezifischen Aspekten auch der im Rheinland für die LBK belegte Mohnanbau Erwähnung. Mohnkuchen buken die, mangels "Backblechen" (erst für TRB/ Michelsberger Kultur belegt) daraus wohl nicht. Für die mesolithischen Ertebölle (Holstein/ Dänemark/Schonen) und Swifterband (Niederlande/Ostfriesland) -Kulturen gibt es Anzeichen für Bierbrauen aus Haselnüssen. Obstweine (Wildäpfel, Brombeeren etc.) waren wohl auch nicht unbekannt. Die spezifische Form der Trichterbecher wird teilweise damit erklärt, daß die Auswölbung im unteren Teil des "Trichters" Braurückstände (abgestorbene Hefe etc.) effektiv zurückhielte.
    In Sibirien ist Gebrauch von Fliegenpilzen als Rauschmittel ethnologisch gut belegt. Wie lang die Tradition zurückreicht, ist allerdings unklar.
     

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