Liebe im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Jan Kluczewitz, 27. Juni 2008.

  1. Jan Kluczewitz

    Jan Kluczewitz Neues Mitglied

    Hallo!

    Gab es auch im Mittelalter die neuzeitliche Vorstellung von Liebe?
    Ich weiß, dass in den Texten von unterschiedlichen Formen von Liebe die Rede ist (zum Beispiel hier: http://www.stud.uni-hannover.de/~thog74/pdf,files/0303,02.0020.04,re,02,mittelalterliebe,01.pdf). Ich spreche auch nicht von der Minne. Ich meine, gab es auch im Mittelalter Menschen, die sich unsterblich ineinander verliebten und das Gefühl hatten, einfach zusammen zu gehören und deshalb dafür kämpften. Oder ist das eine Idee der Neuzeit, auf die damals niemand gekommen wäre. Ich halte es absolut für möglich, dass Liebe in diesem Sinne keine biologische sondern eine kulturelle Erfindung ist. Ähnlich wie andere Konzepte (Menschenrechte, Wissenschaft und Experiment...), die erstmal vorgedacht werden mussten und sich dann in der Gesellschaft und in den Gedanken des Individuums als selbstverständlich verankerten.

    Gibt es dazu Quellen? Kennt sich da jemand aus?

    Gruß aus Hamburg!

    Jan
     
  2. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Was soll das denn sein, die neuzeitliche Vorstellung von Liebe. Diejenige des Casanova oder die von Martin Heidegger?

    Oh ja, die gab es. Denke nur an Heloise und Abaelard oder an eine der wenigen Liebeshochzeiten des Spätmittelalters zwischen Albrecht IV. von Bayern und Kunigunde. Bertha, die Tochter Karls des Großen hat ihre heimliche Liebschaft sogar auf dem Rücken in seine Unterkunft zurückgetragen, damit er keine Spuren im Schnee hinterließ. Das sind die Liebesepisoden, die mir spontan einfallen, ich mach mir heute nachmittag noch ein paar Gedanken. Doch sehe ich keine Veranlassung, bei mittelalterlichen Menschen ein anderes Verhältnis zu ihrer Gefühlswelt die Liebe betreffend anzunehmen.

    Eine Episode aus der Heiligenvita des Korbinian von Arbeo von Freising erzählt von einer unrechten Verbindung zwischen Grimoald und der Witwe seines verstorbenen Bruders. Lange wurde von den beiden um ihre Liebe gekämpf, doch letztendlich (wie sollte es in der Hagiographie anders enden?) mussten sie sich auf Druck von Korbinian trennen.
     
  3. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Fällt mir die Sage von der "Weibertreu" bei Weinsberg ein.

    Und dann natürlich die Zimmersche Chronik, gibts ja mittlerweile digitalisiert. Ist zwar schon beginnende Neuzeit, aber iimmerhin.
    Nur handelt es sich darin mehr um die "sterbliche" Liebe.:D
     
  4. Jan Kluczewitz

    Jan Kluczewitz Neues Mitglied

    Danke für die Antwort. Der Inhalt freut mich!

    Ich meinte weder noch. Ich meinte eher die von Romeo und Julia. Und diese Vorstellung von der "wahren Liebe" ist doch den meisten geläufig und ein Ideal, das sich viele wünschen. Also inklusive der "romantischen" Liebesheirat. Und die ist demnach relativ jung:

    Wobei das nicht direkt mit der Liebe zusammenhängen muss, sondern natürlich eher mit der gesellschaftlichen Subventionierung dieser.

    Danke für die zahlreichen Beispiele. Ich werde die Mal näher begutachten. Und wenn Dir noch mehr einfallen: gerne her damit!

    Edit:
    Und danke auch für Deine (jetzt erst gelesenen) Beispiele, Repo.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Juni 2008
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nur so zum Vergleich, wie sieht denn die Vorstellung von Liebe von Casanova aus?
    Obwohl sein Bruder als Künstler ja schon eine gewisse Berühmtheit hatte, war Casanova in die Kunst wohl eher nicht verliebt. Er war ein Glücksspieler, beschäftigte sich auch mit der mathematischen wie philosphischen Seite des Glücks, aber hat das etwas mit seinem Begriff von Liebe gemein?
     
  6. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

  7. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Was hat der Beruf seines Bruders mit der Vorstellung von Liebe bei Giacomo selbst zu tun?

    Jung ist die Liebesheirat, aber wie du schon richtig schreibst, handelt es sich zuvor um eine Art gesellschaftlichen Konsens, dass zumindest in den oberen Schichten die Liebe an sich eher nebensächlich war. Da Du aber nach der Liebe an sich frägst, erscheint mir dieser Umstand nicht unbedingt von großer Relevanz.
     
  8. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Mir ist noch ein frühmittelalterliches Beispiel eingefallen, was vielleicht daran liegt, dass ich gerade viel an Arbeo von Freising arbeite:

    Die Herzogstochter Uta, Tochter des Agilolfingers Theodo I., die eine Affäre mit einem Höfling einging, schwanger wurde und damit den Tod des heililgen Emmeram mitverschuldete.
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Auch da würde ich es nicht so arg übertreiben. Auch in der Oberschicht war die Liebesehe zwar selten in der Frühen Neuzeit, aber nicht so selten, dass ich direkt von einem "Phänomen" des 19. Jh. sprechen würde.
     
  10. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Spreche ich von einem Phänomen des 19. Jahrhunderts? Vielmehr habe ich doch ein paar Beiträge zuvor ins Spätmittelalter verwiesen.
     
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nein, die Passage war von Jan Klucewitz, also nicht auf Dich beziehen. Du kennst ja auch die Herrscherfamilien der Frühen Neuzeit...;):bussi:
     
  12. Jan Kluczewitz

    Jan Kluczewitz Neues Mitglied

    Ich habe die Liebeshochzeit angeführt, weil sie mich auf den Gedanken gebracht hat, dass die "wahre Liebe" eventuell keine anthropologische Konstante ist, sondern eine Mode. Aber den Quellen nach zu Urteilen, scheint dem nicht so.
     
  13. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Noch eine kurze Anmerkung zu den Quellen: Eben weil die mittelalterliche Überlieferung (zumindest Früh- und Hochmittelalter) aus dem klerikalen Bereich stammt, könnte man zu dem Schluß kommen, dass viele Ereignisse, die uns bei dieser Fragestellung weiterhelfen könnten, gar icht überliefert wurden. Insofern rechtferigen schon wenige Beispiele, die sich konstant über die Periode von einigen Jahrhunderten verteilen die Vermutung, dass sich in der Gefühlswelt des Menschen die Dinge nicht grundlegend verändert haben. Wir können uns ja auch heute noch mit Personen aus antiken Theaterstücken oder Epen identifizieren, ebenso können wir uns die Verzweiflung ausmalen, in der sich Tristan und Isolde wiedergefunden haben müssen.
     
  14. Jan Kluczewitz

    Jan Kluczewitz Neues Mitglied

    Das leuchtet alles unmittelbar ein.
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Wie ist da die Dichte an Wissen? Es ist ja schon schwierig, zu sagen, wann es sich um eine Liebeshochzeit handelte, wenn man die genauen Gründe für eine bestimmte Brautwahl nicht kennt. Zumeist kann man bei Ehen des Mittelalters doch maximal sagen, dass diese harmonisch verliefen. So wissen wir von einer glücklichen Ehe der Elisabeth von Thüringen mit Ludwig IV., aber über eine Liebe konkret ließe sich nur spekulieren.
     
  16. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Richtig. :yes:

    Entschuldige, dass ich auf Deinem Abstecher zum Casanova so rumreite, ich kann nicht anders.:red::D
     
  17. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

  18. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    :autsch: Wie konnte ich sie nur vergessen?

    Agnes Bernauer, wegen der die Linie Bayern-München beinahe ausgestorben wäre: Agnes Bernauer ? Wikipedia

    Dann sei noch die innige Liebe von Dante zu seiner Betrix erwähnt und wer mehr aufs körperliche steht: Boccaccios Decamerone
     
  19. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Wie der Diskussionsverlauf gezeigt hat, müssen wir hier wohl zwischen zwei Aspekten differenzieren:
    1. Heirat als gesellschaftliche Konvention
    2. Liebe und Zuneigung als emotionale menschliche Komponente

    Beide Aspekte hat es im Verlauf der Menschheitsgeschichte stets gegeben, wiewohl sie zum einen nicht miteinander einfach vermengt werden dürfen und zum anderen auch zu beachten ist, daß bspw. auch aus Heiraten, welche aus politischen u.ä. Gründen stattfanden und eben keine Liebesheiraten waren, durchaus enge Zuneigung entstehen konnte - auch im Mittelalter.
    Ein Beispiel gefällig?
    Et viola: beide Vermählungen von Otto I.
    Otto I. (HRR) ? Wikipedia
    OTTO-1-DER GROSSE Deutscher König + 973
    Edgitha ? Wikipedia
    Edgitha von Wessex Deutsche Königin + 946
    Adelheid von Burgund (931?999) ? Wikipedia
    adelheid_von_burgund_999
     
  20. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Während Brissotin und Borgia sich bei Casanova aufhalten (ich will gar nicht spekulieren, warum;)), gehe ich noch mal zurück ins Mittelalter.

    Man sollte zwei deutliche Unterscheidungen machen: Die eine ist die Zäsur, die durch die "Okkupation" der Ehe durch das Kirchenrecht - irgendwann um die Jahrtausendwende (±100 J.) - eintrat. Die zweite ist die Unterscheidung zwischen Verhalten und Sitten im Adel (der Elite) einerseits und im gemeinen Volk andererseits.

    Dinzelbacher schreibt, dass die Liebe im Mittelalter mentalitätsgeschichtlich bisher kaum untersucht wurde: "Die herkömmliche Betrachtungsweise von Liebe als epochenunabhängige anthropologische Konstante entspricht einer quellenmäßig nicht abgedeckten Rückprojektion gegenwärtiger Gegebenheiten" (in: Handbuch des Mittelalters, Bd. 5, Sp. 1965).

    Aus literaturgeschichtlicher Sicht hat Eggers von einer "bestürzend neuen" Entdeckung der Liebe im Hochmittelalter gesprochen, bezogen auf den Fürstenhof, später auf die Stadt. "Das anfänglich elitäre Liebeskonzept dringt ab dem 14. Jahrhundert auch ins Bürgertum ein, wo es z. B. im Meistersang und im Volksbuch [...] (nach)-formuliert wird." (aaO, Sp. 1967).
     

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