Da Wieluń als Kleinstadt eine geringe Bevölkerungszahl aufwies und keinen einzuschüchternden militärischen Gegner innerhalb seiner Mauern barg, stand nicht zu erwarten, dass sich durch Terrorangriffe eine kriegswirksame Demoralisierung erzielen ließ. »Bombenterror gegen eine Kleinstadt, obwohl tatsächlich militärische Ziele in der Nähe waren, scheint nicht unbedingt die plausibelste Erklärung zu sein116.«
In der völkerrechtlichen Diskussion des Problems der Menschlichkeit hat sich bis heute der Standpunkt als dominant erwiesen, der in den 50er Jahren am Göttinger Institut für Völkerrecht erarbeitet wurde. Für die kriegsrechtliche Beurteilung der Bombardierung der Bevölkerung war damals die Frage maßgeblich, ob Luftangriffe auf Wohnviertel als Unterstützung des Heeres bei der Belagerung einer Stadt verstanden wurden, wie im Falle Warschaus. So betrachtet kamen keine Zweifel daran auf, dass die Einsätze der Luftwaffe auf die polnische Metropole im Einklang mit der Haager Landkriegsordnung standen, »da Warschau eine verteidigte Stadt war«. Zur Rechtfertigung der Luftangriffe bemühte man auch noch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, weil man die Verluste der Bevölkerung, gemessen an der Einwohnerzahl, als »nicht sehr hoch« erachtete. Darüber hinaus herrschte bis in die jüngste Gegenwart hinein, zumindest in der westdeutschen Gesellschaft, beeinflusst von öffentlichkeitswirksamer Memoirenliteratur und von der Historiografie nur selten in Zweifel gezogen, die von der Rechtsgeschichte begründete Überzeugung, »dass der Polenfeldzug von deutscher Seite ritterlich und menschlich geführt wurde«117. Da im alliierten Nürnberger Prozess nur die Spitze der Wehrmacht verurteilt wurde, deutsche Gerichte wegen ihrer personellen Verflechtung mit der Wehrmachtjustiz Untersuchungen von Kriegsverbrechen tendenziell unterließen bzw. verschleppten, die militärische Memoirenliteratur sich befleißigte, ein Bild der »sauberen Wehrmacht« zu verbreiten, blieb es – spät genug – den Historikern überlassen, die Wehrmachtverbrechen aufzuarbeiten. Hinsichtlich des Polenfeldzuges liegt eine erste umfassende Studie erst seit Neuestem vor 118
118 Jochen Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt a.M. 2006.