Massaker und Völkermorde - ein weiterer Diskussionsversuch

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von jschmidt, 19. August 2010.

  1. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Aus der Fülle der Publikationen liegen mir zwei Monographien und ein Reader vor, die sich auf den „kulturellen“ Aspekt konzentrieren:

    Davidson [1] geht dabei auf folgende historische Beispiele ein:

    • [Nord-] Amerikanische Indianer
    • Juden in Russland im 19. Jh.
    • Palästinenser
    • Tibet
    Sautmans [2] Autoren befassen sich mit:

    • Ainus in Hokkaido
    • Ureinwohner von Taiwan
    • Ureinwohner von West-Papua
    • Naga-Kopfjäger in Indien
    • Tibet
    Rodriguez’ [3] Interesse gilt den Philippinen.

    Zur These von der „zunehmenden Bedeutung“ des kulturellen Genozids zitiere ich Davidson. Er hält für denkbar, dass es weitere Genozide geben wird und stellt folgende Frage in Bezug auf die (zukünftigen) Täter – „aggressive und expansionistische Gruppen innerhalb von Nationalstaaten“ – (S. 19): „Warum setzen sie nicht einfach die alte imperialistische und kolonialistische Praxis der physischen Auslöschung fort?“ Ein Antwortvorschlag lautet: „Der Holocaust wirkt nach wie vor wie ein Schock auf die westlichen Mächte und hält sie – und vielleicht andere Kulturen, die Anschluss an den Westen beanspruchen – davon ab, physischen Genozid zu praktizieren.“

    Provokative, keineswegs zynisch gemeinte Frage also: Darf kultureller Genozid (auch) als eine „kompatiblere“ Form des physischen gedeutet werden?


    [1] Lawrence Davidson: Cultural Genocide. New Brunswick, NJ 2012
    [2] Barry Sautman (Ed.): Cultural Genocide and Asian State Peripheries. New York, NY 2006
    [3] Dylan Rodriguez: Suspended Apocalypse. White Supremacy, Genocide, and the Filipino Condition. Minneapolis, MN 2010
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielen Dank für die Darstellung der weiteren Sichten / Theoretiker

    Aus der Lemkinschen Sicht gehören die physische und die kulturelle Destruktion beide zusammen zu einem Genozid.

    Das halte ich für eine sinnvolle analytische "Setzung", auch um zu Verhindern, was der "Whitaker Report der UN ja auch betont, dass es zu einer "Genozid-Inflation" bei der Verwendung des Konzepts kommt.

    Daneben ist es sicherlich angemessen, subtilere Formen der Auslöschung von Gruppen bzw. deren kollektive Identität analytisch korrekt zu beschreiben und das Konstrukt des "cultural genocide" bietet sich da an.

    Vor dem Hintergrund der Universalität von Menschenrechten ist der Eingriff und die Modifikation durch einen Aggressor in die soziale, politische, kulturelle etc. Identität ein "cultural genocide".

    Das wäre aber zunächst nur das "analytische Ergebnis", bei dem m.E. nicht eindeutig ist, ob es völkerrechtlich relevant ist.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zu den völkerrechtlichen Überlegungen kurz:
    Rethinking Cultural Genocide Under International Law

    Das erwähnte subsidiäre Verständnis zeigt die Grenzen dieses Kriteriums. Ich würde bei Lemkin vermuten, dass er damit die "Umgehung" einer (eigentlich) physischen Vernichtungsabsicht greifbar machen wollte.

    Wie weit das Kriterium völkerrechtlich operational ist, bleibt wohl offen. Das ist wohl eher eine Frage, wie weit man Grenzen dieses Kriteriums überhaupt zu definieren vermag, damit nicht Sachverhalte ohne physische Vernichtungsabsicht erfasst werden (als Beispiel etwa "Integrationsdruck").
     
  4. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Diese Hinweise auf Form/Ablauf/zeitliche Umstände (siehe #21, Ziffern 4 und 5) sind sehr wichtig! Das "Nicht-erkennen-können" (oder "Nicht-glauben-wollen") seitens der Opfer spielt ja den Tätern direkt in die Hände, wobei man das Drei-Phasen-Modell natürlich nicht buchstäblich nehmen sollte.

    In der Konsequenz bedeutet dass auch: Ob es sich um einen Genozid, ein genozidales Massaker, eine genozidale Handlung überhaupt handelt, ist möglicherweise erst anhand der letzten Phase(n) zweifelsfrei erkennbar, d.h. dann, wenn etwa durch die physische Vernichtung von Gruppenmitgliedern irreversible Tatsachen [1] geschaffen worden sind.

    Nach meiner (widerlegbaren) Einschätzung geht genozidalen Aktivitäten in der Regel keine "Ankündigung" voraus, welche die Opfer warnen und gegebenenfalls Verteidigungsanstrengungen hervorrufen könnte. Die Täter nutzen im Gegenteil die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer bzw. das Überraschungsmoment aus. Als Ausnahme von der Regel mag das historische Beispiel eines öffentlich und schriftlich propagierten Maßnahmenplans dienen, der, jedenfalls dem Wortlauf nach, auf die Zerstörung einer Gruppe (im Sinne des heutigen Völkerstrafrechts) abzielt: [2]
    1. Schulen der Gruppe in Brand stecken
    2. Häuser der Gruppenmitglieder zerstören
    3. Gruppenmitgliedern alle identitätsbildenden Schriften wegnehmen
    4. Lehrtätigkeiten bei Androhung der Todesstrafe untersagen
    5. Freizügigkeit der Gruppenmitglieder aufheben
    6. Geldvermögen der Gruppenmitglieder beschlagnahmen
    7. Gruppenmitglieder zur Zwangsarbeit heranziehen
    Ultima ratio: Gesamte Gruppe aus dem Land hinaustreiben


    [1] Im Gegensatz etwa zur Suspendierung von Bürgerrechten, die ja, bei erfolgreichem Widerstand im Innern oder rechtzeitiger Intervention von außen, zurückgewonnen werden könnten.
    [2] Hier gekürzt und sprachlich vereinfacht wiedergegeben.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das sehe ich auch so. Und es ist wohl auch so, dass bei manchen Genoziden diese letzte Phase der direkten physischen Vernichtung auch nicht notwendigerweise Weise zu Beginn der Diskriminierung von Gruppe geplant sein muß oder intendiert.

    So wird ja beispielsweise in Bezug auf die Herero die unmittelbar physische Vernichtung, als ein Element eines Genozids (vgl. beispielsweise # 40), als Ergebnis einer Eskalation begriffen. Das zum Teil in der Ideologie imperialistischer Großmächte angelegt war bzw. in der militärischen Tradition und auch der situativen Entwicklung und dem kommandierenden Protagonisten und seinem Weltbild geschuldet war. Somit durchaus keiner Zwangsläufigkeit unterlag.

    Insofern lassen sich in der Regel Genozide in ihrer zeitlichen Abfolge und in ihren einzelnen Aspekte nur nachträglich rekonstruieren. Unabhängig davon, dass einzelne Handlungen bereits als problematisch oder Kriminell bereits von Augen- oder Zeitzeugen eingeschätzt wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juli 2016
  6. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Womit wir dann z.B. wieder bei der tausendfach diskutierten Fragestellung wären: Konnten die (deutschen) Juden voraussehen, z.B. aufgrund der Lektüre von "Mein Kampf", dass Hitler einen Völkermord plante? Ganz offensichtlich konnten sich das nur die Wenigsten vorstellen, weil jene Programmschrift hinreichend diffus war.

    Im Vergleich dazu ist der von mir in #44 zitierte 8-Punkte-Plan sehr konkret formuliert und enhält viele der von Lemkin erwähnten Einzelmaßnahmen, die der physischen Vernichtung vorausgehen (könnten).

    Wenn sich der Tatbestand des Genozids nur mit einer Ex-post-Analyse feststellen lässt (und ein Gegenargument drängt sich derzeit nicht auf), hat das eine äußerst fatale Folge: Es gibt keine wirksame Möglichkeit zur Prävention!

    Auch Interventionen von außen sind davon betroffen: Ab welcher "Eskalationsstufe", wenn es überhaupt Stufen gibt, wäre z.B. der Staat A berechtigt, Gewalt gegen den Staat B auszuüben, der auf seinem Territorium die Gruppe C mit der Vernichtung bedroht?
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die finale Dimension des Holocaust überstieg - vermutlich - das Vorstellungsvermögen selbst der engsten „Paladine“ von Hitler im Jahr 1933 und vermutlich sogar noch bis 1939. Auch die Gegner der NSDAP gingen in 1933 von einem „normalen“ autoritären Regime aus und die antizipierte Blaupause der - möglichen - Unterdrückung lieferten die Sozialistengesetze und die Verfolgung im kaiserlichen Deutschen Reich.

    Vor diesem Hintergrund wollte die SPD, um Hitler zu verhindern, in 1933 noch nicht einmal zum Mittel des Generalstreiks greifen, da dieses Mittel als nicht legal angesehen wurde (vgl. z.B. Harsch und Smaldone)

    Als Erfahrungshorizont, der einen Maßstab für die Beurteilung der hitlerschen Rhetorik bieten konnte, standen den Deutschen mit einem jüdischen Glauben im wesentlichen massenhafte Gewaltanwendung in Mitteleuropa wie die Bartholomäusnacht, der französiche Bürgerkrieg oder das Abschlachten von Mitliedern der Pariser Kommune bzw. Pogrome zur Verfügung.

    Diese Ereignisse bildeten den „Maximalrahmen“ des Vorstellbaren, wobei man sich derartige Entwicklungen für Deutschland in der dann einsetzenden Konsequenz nicht hat vorstellen können.

    In seinem Buch zu deutschen Kontinuitäten geht Smith der Frage nach, ob es eine „eliminatorische Tradition“ vom 2. Reich, über Weimar zum 3. Reich gab. Und zumindest auf der Ebene der Ideologie kann man auf der äußersten Rechten im Umfeld der „Alldeutschen“ eine kontinuierliche Radikalisierung des anti-Seminismus erkennen. In seinem „Wenn ich Kaiser wär“ werden Überlegungen erörtert, die ethnische Säuberungen beinhalten. Eingebettet ist dieser militante anti-Semitismus und ein radiales nationalistisches und undemokratisches Weltbild, in dem „Juden“ und „Sozialdemokraten“ als Feinde dargestellt werden, die es zu bekämpfen gilt.

    Heinrich Claß: Der Jude ist an allem schuld |*ZEIT ONLINE

    So radikal diese Sichten auch im Einzelnen vorgetragen wurden, enthielten sie im Einzellfall lediglich die einzelnen „Komponenten“, die dann im Rahmen der „Endlösung“ systematisch in Theorie und Praxis integriert umgesetzt wurden. Bis in die Mitte/Ende der dreißiger Jahre standen ja auch nur“ Modelle zur ethnischen Säuberung einzelner Regionen zur Diskussion und betrafen beispielsweise die Ansiedelung in Madagaskar (vgl. Brechtken)

    Zudem: Die ersten KZ wurden ab 1933 sogar in der nationalkonservativen Presse positiv beurteilt, da negative „Elemente“ (also führende Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten) zur „Besserung“ dort zusammengefaßt wurden. Unabhängig davon, dass natürlich auch die universelle und obligatorische „Arbeitsplatzbeschaffung“ durch KZ positiv beurteilt wurde (vgl. Evans „Rise..“)

    Abschließend: Mir ist zumindest kein Zeitzeuge aus beispielsweise 1933 bekannt, der die Entwicklung der „Endlösung“ bzw. des Holocaust einigermaßen zutreffend prognostiziert hat. Vielleicht mag Ursi dazu etwas sagen?

    Doch! Es gibt sie. Die konsequente Verfolgung eines „Verfassungs-Patrotismus“, der die aufgeklärte Zivilgesellschaft auf der Basis einer rechtsstaatlichen, gewaltenteilenden und demokratischen Verfassung propagiert. Es ist beispielsweise ein Habermas der zutreffend konstatiert: „Man kann über alles streiten, nur nicht über den Weg wie der Streit“ ausgeführt wird.“ Und dieser Weg ist der Weg des aufgeklärten, auf individuelle Emanzipation ausgerichteten gesellschaftlichen bzw. politischen Diskurses. Dabei ist natürlich eine zentrale Voraussetzung, die Bereitstellung von Informationen durch eine unabhängige und pluralistische Medienlandschaft.

    Vor diesem „rationalen“ und „wertebasierten“ Modell einer aufgeklärten Zivilgesellschaft wird es schwer möglich sein, eine Verletzung von Werten vorzunehmen, die massiv den kantischen kategorischen Imperativ verletzen:
    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“

    Das wäre wohl die wirksamste Form der Prävention gegen "Diskriminierung", Rassismus", Ausbeutung oder Unterdrückung. Sie würden einem rationalen Diskurs in der Begründung nicht standhalten.

    Schwieriges Thema, das sicherlich das Völkerrecht und die Uno betrifft. Vielleicht ein eigenes Thema für die Periode zwischen 45 und 90 und die Rolle von „Paktorganisationen“ und der „UNO“?

    Brechtken, Magnus (1998): "Madagaskar für die Juden". Antisemistische Idee und politische Praxis 1885 - 1945. 2. Aufl. München: Oldenbourg-Verlag
    Frymann, Daniel; aka Class, Heinrich (1914): Wenn ich der Kaiser wär. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten. Leipzig: Dieterich`sche Verlagsbuchhandlung.
    Harsch, Donna (1993): German social democracy and the rise of Nazism. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
    Smaldone, William (2009): Confronting Hitler. German Social Democrats in defense of the Weimar Republic, 1929-1933. Lanham, Md.: Lexington Books.
    Smith, Helmut Walser (2008): The continuities of German history. Nation, religion, and race across the long nineteenth century. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juli 2016
  8. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Schöner Beitrag, Thane! :winke: Und ganz in meiner Muttersprache! :streichel:

    Merkwürdig, den Autor hatte ich ganz vergessen. Dabei habe ich ihn vor 6 Jahren in einem Thread von ElQ
    http://www.geschichtsforum.de/f138/historiker-h-lt-holocaust-f-r-deutsche-kontinuit-t-32427/
    auch herangezogen. Damals endete leider die Diskussion ganz abrupt, was uns hier nicht passieren sollte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juli 2016

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