Mitgliederdatei der NSDAP online - welche Erfahrungen habt Ihr gemacht und Treffer erzielt?

Das allergrößte Rätsel ist mir aber, wie eine 17-jährige schüchterne Gymnasiastin, die Gedichte schrieb, in ihrem speziellen Elternhaus Mitglied der NSDAP gewesen sein soll. Ihr Vater, mein Großvater, war Jurist,
So viel ich weiß konnte man erst mit 18 in die Partei eintreten, ich bin aber auf dem Gebiet kein Experte.
 
Hallo @Miriam mir stellt sich die Frage, ob umgekehrt der Großvater noch ruhige Tage gehabt hätte, wenn die Enkelin bei HJ oder NSDAP Funktionären geschildert hätte, dass es in ihrer Familie Ablehnung gegenüber ihres Eintritts gibt. Ich komme auf diesen Gedanken, weil eine entfernt ähnliche Situation (Vater in innerer Emigration, Sohn begeistert in HJ) in einem Roman vorkommt (Arno Schmidt "aus dem Leben eines Fauns").
Zur Frage, ob und wie man an Akten zu deiner Suche gelangt, kann ich mangels Erfahrung leider nicht beitragen.
Hallo dekumatland,
Vielen Dank für den Hinweis auf Arno Schmidt. Und Du triffst meine Gedanken so etwa. Wäre meine Mutter mit Überzeugung Parteimitglied gewesen, so wäre das für den Rest ihrer Familie lebensgefährlich gewesen. Sie wäre ja quasi als Agentin bei Widerständlern aufgetreten. Es ist alles unvorstellbar für uns. Nur zwei Beispiele, die Mutti saß oft bei ihrer Großmutter in der Küche, wenn Goerdeler und andere kamen und sich einsperrten. Die Oma habe dann immer furchtbare Angst gehabt. Und ihr Großvater zeigte ihr manchmal, wie die Häuser der Nazigegner gekennzeichnet wurden.
Wenn meine Mutter als junges Mädchen Nationalsozialistin war, wie hat die Familie dann miteinander leben können? Wir stehen vor Rätseln. Tatsache ist, meine Mutter und ihr Vater haben sich viel später so überworfen, dass der Kontakt für immer abbrach. Das hatte aber keine politischen Gründe. DIe Auseinandersetzung wurde über Anwälte und bis vor Gericht geführt, aber eine NSDAP-MItgliedschaft wurde nie erwähnt. Dass es weitere Akten gibt, die für Klärung sorgen würden, glaube ich nicht.

Dankeschön!
 
Also, ich habe bis vor einigen Wochen noch an die mittlerweile offensichtlich widerlegte Behauptung geglaubt, dass ganze HJ-Jahrgänge tw. ohne ihr Wissen in die NSDAP überführt wurden. Das ist wohl offensichtlich nicht so. Nun ist es so, dass jemand, der 1942 in die NSDAP eingetreten ist und damals 17 Jahre alt war, im Prinzip seit dem achten Lebensjahr mit Nazi-Propaganda berieselt worden. In dem Alter ist eine gewisse Naivität noch in Ordnung, sofern man nicht an Verbrechen beteiligt war.


Auf den Karteikarten ist ja nicht umsonst Platzalter für das Datum des Aufnahmeantrags und das Datum der Aufnahme (des Parteieintritts).
Relativ normal war, dass die Aufnahme zum bzw. am 20. April erfolgte ("Führers Geburtstag"):

Anhang anzeigen 25872

Ich nehme an, du hast geprüft, ob alle Daten stimmen? Also Geburtsdatum und -ort? Angaben des Gau (um Ortsnamengleichheiten auszuschließen?)
Hallo El Quijote,
Mit Sicherheit war auch meine Mutter von Nazipropaganda berieselt worden. WIr empfinden es nicht als schlimm, dass unser Vater mit 18 Jahren Mitglied wurde. Man macht in diesem Alter Fehler. Das Problem ist für uns, dass unsere Mutter keinen Grund gehabt hat, eine frühe MItgliedschaft zu verschweigen, schon wegen ihres Ehemanns und unserer offenen Diskussionen in der Familie. Und sie hat viel erzählt, z. B. vom Reichsarbeitsdienst und ihrer dortigen Vorgesetzten, die lebenslang eine Freundin blieb und natürlich Parteimitglied gewesen war. Sie könne das verstehen und vergeben. Wir kennen aber unsere Mutter nicht als verlogen und nicht als einen politisch agierenden Menschen. So sind wir jetzt alle völlig vor den Kopf geschlagen. Und wie ich schon schrieb, wie soll das denn zugegangen sein in einer Nazigegnerfamilie? Konkret, war es denkbar, dass ihre Mitgliedschaft mit 17 Jahren geheim war und die eigenen Eltern, Großeltern und der Bruder nichts davon wussten?

Alle Daten stimmen, Geburtsdatum, Adresse (ein Einfamilienhaus), Wohnort, Gau, sie ist es eindeutig. Ihre Aufnahme erfolgte am 01.09.1942, das soll ein bekanntes Datum gewesen sein bei Übergang von der Hitlerjugend. Die Aufnahme wurde aber erst beantragt am 14.10.1942. Ich sah jetzt allerdings, dass dieser merkwürdige Zeitablauf öfter vorkam.

Herzlichen Dank fürs Mitdenken!
 
Mal eine Frage.Jeden Link den ich anklicke den ich bei Google gesucht habe,führt mich nicht weiter.Eine US seite ging auf,man konnte oben den Titel lesen aber sonst die seite weiss.Bin ich zu blöde ?
 
Mal eine Frage.Jeden Link den ich anklicke den ich bei Google gesucht habe,führt mich nicht weiter.Eine US seite ging auf,man konnte oben den Titel lesen aber sonst die seite weiss.Bin ich zu blöde ?
Ich bin hier ganz neu und technisch unbegabt. Aber ich habs grad nochmal versucht, bei mir auch weisse Seite. Wird dort eine Störung sein momentan oder überlastet? Vor einer Stunde ging es problemlos.
 
Wir haben heute nochmal vieles angeguckt und beschlossen, als ersten Schritt einer Klärung beim Bundesarchiv anzufragen, ob ihr Aufnahmeantrag erhalten ist. Laut Homepage sind ingesamt 600.000 dieser Anträge erhalten, wenig, aber auch nicht gar nichts. Dabei wollen wir auch fragen, wieso Eintritte früher datiert sind als Aufnahmeanträge.

Über einen Punkt haben wir gegrübelt: Die Historiker sind uneins, ob es unwissentliche NSDAP-MItgliedschaften gab. Es gab und gibt hochanerkannte Fachleute, die das klar bejahen, aber andere schließen es aus. Das an sich ist ja schon eigenartig. Auf der Seite des Bundesarchivs steht ein Beitrag, der es verneint und trotzdem eine Hintertür offen hält. Es habe doch Fälle von Unterschriftsfälschung gegeben, aber legal sei es nicht möglich gewesen.
Ich meine, in einem Punkt ist die Argumentation der Fachleute, die das verneinen, sehr problematisch. Begründet wird nämlich die Unmöglichkeit mit den noch vorhandenen Aufnahmeanträgen. Die haben die Historiker ausgewertet und mit den MItgliedskarteikarten verglichen. Fehlerhafte oder nicht unterschriebene Anträge wurden zurück gewiesen. Aber kann man daraus schließen, es habe keine unwissentlichen Mitgliedschaften gegeben? Kann man sicher sein, dass nicht einfach Namen eingetragen wurden, die aus der Hitlerjugend vorlagen, um Erfolge vorzuweisen? Jedenfalls, wenn ich heute lese, wie sicher Menschen wie Erhard Eppler oder Hildebrandt sagten, sie seien nie beigetreten, ist mein Gefühl, man glaubte ihnen vor allem deshalb nicht, weil die Debatten in den letzten zwanzig Jahren immer wertender und immer weniger sachlich wurden. Man hat sie doch sehr schnell für Lügner erklärt.

Wir gucken nun, wie das weiter geht. Nach wie vor kann uns niemand erklären, wie meine Mutter mitten in einer Nazigegnerfamilie Nationalsozialistin gewesen sein soll als junges Mädchen. Heute fiel mir ein alter Text von ihr in die Hände, in dem sie berichtete über die Treffen des Goerdelerkreises und die dazugehörigen Ehefrauen in der Küche meiner Urgroßmutter. Da war die Mutti 18 Jahre alt, und eine Dame forderte, sie müsse sofort das Haus verlassen, denn Kinder könnten was ausplaudern. Worauf meine Urgroßmutter gesagt haben soll, sie lege ihre Hände ins Feuer für ihre Enkelin, sie sei vernünftig und verschwiegen. Ja, es wäre eine irre brisante Situation gewesen, wenn meine Mutter damals als NSDAP-Mitglied mit in der Küche gesessen hätte.
Klar ist so viel, meine Mutter hat niemals die Treffen verraten. Das beweist die Geschichte. Daher glaube ichs weiter nicht.

Herzlichen Dank für Eure Gedanken dazu!
 
Wie war das eigentlich mit dem Mitgliedsbeitrag? War der nicht monatlich zu zahlen, auch ein Minimalbeitrag von Leuten, die kein Einkommen hatten?
Wie wurden diese Beiträge bezahlt? Was geschah, wenn man nicht bezahlte? Kam jemand vorbei oder gab es eine schriftliche Aufforderung? Was hatte ein Ortsgruppenkassenleiter zu befürchten, wenn er nicht alle Beiträge der gelisteten Parteimitglieder einzog und nach oben weitergab?
Gibt es Abrechnungsdokumente dazu?
 
Die Mitgliedschaft der NSDAP ist das eine. Was ist mit den Listen der Mitgliedschaft in den elitären Verbänden?
  • NSD Studentenbund
  • NS Altherrenbund der Deutschen Studenten
  • NSD Ärztebund
  • NS Lehrerbund
  • NSD Rechtswahrerbund
  • NS Kriegerbund
  • NS KK (Kraftfahrerkorps)
  • NSD Jägerbund
Hier finden sich doch diejenigen, die eine überdurchschnittliche und aktive Teilnahme am verbrecherischen Regime anstrebten.

 
Wie war das eigentlich mit dem Mitgliedsbeitrag? War der nicht monatlich zu zahlen, auch ein Minimalbeitrag von Leuten, die kein Einkommen hatten?
Wie wurden diese Beiträge bezahlt? Was geschah, wenn man nicht bezahlte? Kam jemand vorbei oder gab es eine schriftliche Aufforderung? Was hatte ein Ortsgruppenkassenleiter zu befürchten, wenn er nicht alle Beiträge der gelisteten Parteimitglieder einzog und nach oben weitergab?
Gibt es Abrechnungsdokumente dazu?
Ich habe mir sehr viele Mitgliedskarten angesehen in den letzten Wochen. Bei Schülern ist teilweise auf der Karte die Freistellung von Gebühren vermerkt worden.
Allerdings war das wohl nicht einheitlich so, jedenfalls steht es nicht immer drauf. Wie auch generell mich überrascht hat, wie extrem verschieden diese Akte geführt wurden. Teilweise mit Fotos und detaillierten Angaben zu Wohnsitzen, Beruf, Verwarnung, Ausschluss, Tod, vermisst, usw. Bei anderen Karten hat nach dem Eintritt nie wieder einer was drauf geschrieben.
 
Die Mitgliedschaft der NSDAP ist das eine. Was ist mit den Listen der Mitgliedschaft in den elitären Verbänden?
  • NSD Studentenbund
  • NS Altherrenbund der Deutschen Studenten
  • NSD Ärztebund
  • NS Lehrerbund
  • NSD Rechtswahrerbund
  • NS Kriegerbund
  • NS KK (Kraftfahrerkorps)
  • NSD Jägerbund
Hier finden sich doch diejenigen, die eine überdurchschnittliche und aktive Teilnahme am verbrecherischen Regime anstrebten.

Zumindest teilweise waren das auch die Ausweichmitgliedschaften in den Jahren zwischen 1933 und 1937, als man nicht mehr direkt Parteimitglied werden konnte.
 
Von meinen Großvätern habe ich also erwartungsgemäß keinen gefunden. Allerdings war mein Großonkel (mütterlicherseits, die Familie ist kleiner und überschaubarer) in der NSDAP und den habe ich auch nicht gefunden!
Mh... der Großonkel, der in der NSDAP war, ist immer noch nicht gefunden, dahingegen habe ich überraschenderweise seinen Schwager, meinen Großvater gefunden. Da der Geburtsort relativ klein ist, der Wohnort aber mehr als 200 km entfernt und alle Daten stimmen, kein Zweifel.
Eintritt im Mai 1933 Mitgliedsnummer bei 3,25 Millionen. Ich muss noch mal mit der Lupe durch's Fotoalbum gehen.

Zudem habe ich auch meinen Onkel gefunden, der 1944 mit 17 zu Führers Geburtstag in die Partei aufgenommen wurde, Aufnahmeantrag im Februar. Der hat mir nie erzählt, dass er in die Partei eingetreten ist und der ist mit fast 100 Jahren erst vor kurzer Zeit verstorben und hat mich bereits als ich noch Kind war stets mit historischer Literatur versorgt. Er wusste also, dass mich das interessierte.
Naja, vermutlich war irgendwann war der Zeitpunkt verpasst, dass er mir das sagen konnte. Ob seine Kinder das wussten? Das weiß ich nicht. Da ich mit denen eigentlich seit 25 Jahren keinen Kontakt habe (einfach, weil es nie zu gemeinsamen Treffen kam und der Altersunterschied erheblich ist) will ich jetzt auch nicht den Kontakt wieder aufnehmen mit: "wusstet ihr eigentlich, dass euer Vater mit 17 in die Partei eingetreten ist?"
Oder hat er seine Parteimitgleidschaft verdrängt?
 
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