Hallo,
Vielen Dank für die Rückmeldung! Ich habe derart viele Briefe übersetzt, auch mit Bezug zu den genannten Forts, die ich aber bisher nicht alle veröffentlicht habe. Aber du hast recht, in diesem Punkt ist meine Ankündigung sicher etwas überzogen. Ich plane noch einen zweiten Teil herauszugeben, der dann hier in die Tiefe geht.
Aus dem hier beschriebenen Buch kann ich dir beispielhaft folgende Ausschnitte mitgeben, vielleicht ja interessant für dich:
Nallhille, den 3.11.1914
Geehrter Herr Pfarrer!
Ich teile Ihnen mit, dass ich die Zigarren von der geehrten Kirchgemeinde erhalten habe, wofür ich mich bestens bedanke. Den Fall von Antwerpen werden Sie in der Zeitung gelesen haben, aber ich will Ihnen einige Kleinigkeiten mitteilen. Am 1.Oktober sollten wir das Fort Waelhem vom Außengürtel Antwerpens stürmen, das schon vier oder fünf Tage von unserer Artillerie beschossen wurde. Bei unserem Vorgehen wurden wir vom Feind so stark beschossen, dass wir uns eingraben und 800 Meter vor dem Fort liegen bleiben mussten. Am 2.Oktober, nachmittags um ½ 5 Uhr, fiel es, da die weiße Flagge gezogen wurde. Nun war meine Kompagnie die erste die einzog, aber die Verwüstung, die unsere schwere Artillerie angerichtet hatte, war schrecklich. Dann an der Nethe hatte sich der Feind stark verschanzt, wurde aber aus seiner Stellung von der 1.Infanterie-Division herausgeworfen und zog sich in wilder Flucht zurück. Es ging nun hinterher. Die vielen Geschütze, Maschinengewehre, Gewehre und Munition fielen in unsere Hände. Drei Tage darauf hat sich Antwerpen ergeben. Ehe wir einzogen, mussten wir erst die Forts vom Innengürtel absuchen, machten noch einige Gefangene, die sich versteckt hatten. Am 11.10. zogen wir ein, am 20.10. ging es wieder fort über Brügge nach Nachtigal, wo wir am 25.10. bis 28.10. in das Gefecht bei Langemarck eingreifen mussten, da der Feind einen Durchbruch versuchte und zurückgeworfen wurde. Von dort ging es hierher nach Nallhille, wo wir einige Tage liegen. Wie ich erfahren habe, sollen wir die Küste besetzen. Hochachtungsvoll Oskar Hager, Pillmannsgrün. Abs.: Gefreiter Hager, 4.Kompagnie, 5.Bataillon, 1.Marine-Infanterie-Regiment in Belgien
Zum Thema Ernüchterung zur Kriegseuphorie in meinem Buch: Nachstehend habe ich ein paar Ausschnitte aus den Briefen eines 16-jährigen Schülers beigefügt, welcher an seinen Vater, einem Professor an einem Realgymnasium, und seiner Mutter schreibt. Der Schüler hatte sich mit Sondererlaubnis des Vaters an die Front gemeldet und seine Ernüchterung kam dann sehr zügig, nachdem er nach der Grundausbildung Ende Oktober 1914 an die Front in Belgien kam. Sein Vater appellierte an die Moral seines Sohnes und war erzürnt über das in einem Brief mitgeteilte „Requirieren“. Hier Ausschnitte der Antwort des Sohnes:
Schwere 12cm Batterie am Kanal zwischen Yser und Kanal, 1 Stunde von Nieuport am 27.November 14, Freitag…….….Was soll ferner die dumme Moraldenke in Sachen requirieren und Appell an die moralische und sittliche Kraft? Ich bin nie ein Unmensch gewesen, aber ich kenne den modernen Krieg jetzt, woselbst ein furchtloser Mann sich nicht scheuen braucht zu sagen: “Mein Herz erbebte vor Grauen.“ Gewiss, es gibt Stunden wo man lacht und fröhlich ist und sich freut. Aber sie kann man zählen. Du weißt nicht, wie es ist, wenn man abgestumpft gegen alles kraftlos, willenlos, sittenlos zur Maschine wird. Das ist kein Kämpfen voll Liebe und Freude (anbei der Aufsatz übers Granatfeuer; er legt dir das auseinander). Du brauchst mir keine Verhaltensregeln ins Feld zu senden als ganz Grüner. Wenn das Zeug in einer Ecke achtlos am Boden liegt, weshalb soll man es verkommen lassen oder warten bis ein anderer es holt? Wenn das das Schlimmste wäre, das Requirieren, dann ging es noch. Und was sich absolut nicht miteinander verträgt ist Moral und Krieg, vor allem aber moderner Krieg. Kurz gefasst kann ich auf solche Auseinanderlegungen deiner Art nur erwidern: „Du hast ne Ahnung“……….
14.12.14, vor Nieuport
….... Übrigens fällt mir bei dem Wort „gefunden“ wieder Vaters Moralgedanke ein. Damals im ersten Ärger habe ich alle die schönen Sachen fortgeworfen, jetzt ärgert es mich natürlich. Denn wie so manches Mal, so hatte der liebe Alte auch diesmal Unrecht. Werfe also um Gottes Willen deinen Idealismus und deine Illusionen ab und glaube nur nicht, dass wir etwa durch unsere Moral siegen werden oder gesiegt haben. Es war mir zuerst auch schwer, dies einsehen zu wollen. Aber ich war zu ehrlich und auch zu hart gegen mich selbst. Ich sagte mir, du darfst dich nicht selbst täuschen und ich habe meine äußersten Konsequenzen gezogen und mich über nichts hinweggetäuscht, sondern mir rücksichtslos eingestanden: Wir sind eben so schlimm, wenn nicht schlimmer wie alle anderen. Wir siegen nur durch unsere „rohe Kraft“, wodurch wir schon zu Cäsars Zeiten gesiegt haben. Falls ich aus diesem Feldzuge heimkehre, so werde ich nicht innerlich befriedigt sein, auch wenn wir siegen. Die Freiheitskämpfer von 1814 waren es sicher. Wir müssten uns selbst belügen, wenn wir das behaupteten. Glaube mir, man wird hier ein anderer. Man sieht ein, dass aller Idealismus erlogen ist, dass es ein leerer Wahn und ein Trugbild ist. Im Übrigen brauchst du gar nicht denken, dass das Pessimismus sein soll, ich will damit nur sagen, dass ich den Idealismus für etwas weibisches (du verstehst mich, so etwas Pensionat und Dichteralbummäßiges, Marke brauner Lederumschlag und mit Gold „Poesie“ drauf), falsches, Erfundenes halte. Du müsstest mal sehen, wie unsere tapfere Marine und unser Seebataillon, eine unserer besten Truppen, hier gehaust haben. Schließlich wir sind alles Menschen, aber liege mal 24 Stunden im Granatfeuer, womöglich bis an den Bauch im Wasser, wie jetzt hier, mache dann einen Sturmangriff und besieh dich dann selbst. Da erlebst du ein blaues Wunder, besonders in Sachen Moral. Mir wird schon schlecht beim Klang dieses Wortes, denn er ist ein falscher. In diesem Krieg jedenfalls sicher. Und was Cäsar anbetrifft, so sehe ich ihn jetzt genauso an, wie damals Dr. Hoffmann. Vielleicht erinnerst du dich noch an das Gespräch über Franktireurs. Auch Bismark muss so eingeschätzt werden. Glaube doch nicht, dass die immer nach Moral gefragt haben oder gar Napoleon……….
Westende, 15.1.15
…. Wir wohnen in Mittelkerke in einer zerschossenen Bude und lösen uns alle 36 Stunden in den Dünen ab. In Mariakerke lagen wir in einer Villa, in der die Kulis, das sind die überall, auch bei uns verfluchten Matrosen, die wegen ihrer Niedertracht und Feigheit bekannt sind. Die Bude war vollkommen ausgeräumt und wir mussten uns im Schweiße unseres Angesichts wieder einrichten, Matratzen requirieren, etc. Auf die amtlichen Mitteilungen übrigens scheiß ich von jetzt ab aus Prinzip. Die kennen zu lernen, hatte ich vor ein paar Tagen Gelegenheit. Vor Weihnachten oder kurz danach, ich weiß es nicht mehr genau, verloren die Kulis bei St.Georges unseren besten Schützengraben mit elektrischem Licht usw. und ließen sich 400 Mann stark gefangen nehmen. Und was stand in der Zeitung? Wir hätten das Gehöft St.Georg aus strategischen Rücksichten geräumt und solch Schmuns noch viel mehr. Alles Lügen! Dazu ist es kein Gehöft, sondern ein Dorf und wichtiger Stützpunkt. Seht ihr, so wird das gemacht………. Wie ich eben höre ist unser Sturm auf Nieuport (Nacht am 14ten auf 15ten 2.30 Uhr) unter großen Verlusten für uns glänzend abgeschlagen. Es ist zum toll werden. Tote, Tote und dreimal Tote. Das ist alles was wir uns hier holen, aber keine handbreit Boden. Man kann nur in ohnmächtiger Wut mit den Zähnen knirschen. Du glaubst gar nicht, was das für ein Kampf in den Dünen ist, wo jeder Schritt vorwärts Ströme deutschen Blutes kostet………
Und hier noch ein Ausschnitt zum Thema Spionage/Franktireuers:
Ostende Küstenverteidigung, 12.11.14
……….Außerdem haben die Schweine überall Spione. So hatten sie das Hotel ausfindig gemacht, indem die Offiziere zu Mittag speisten. Eines Tages kommt da ein Kanonenboot heran, schießt genau zur Mittagszeit ein paar Granaten hinein und verschwindet wieder. Der Oberstabsarzt und zwei hohe Offiziere waren tot. Und dabei hatten wir noch verhältnismäßig Glück, denn die Granaten flogen mitten in den Speisesaal, eine direkt auf dem Platz vom Oberstabsarzt. Na, der kann sein Fleisch und Knochen am jüngsten Tage in dem besagten Hotel von Decke und Wände kratzen. Bei seiner Beerdigung lag eine Strohpuppe im Sarg. So genau hatten die Kanallien es ausspioniert auf Ort und Stunde. Gut, dass sie nur mit einem Kanonenboot sich unauffällig nähern konnten und daher nur kleine Kaliber zur Verfügung hatten.
Der kleine „Wauwau“ hat einen Gesichtsschuss? Der arme Kerl. Er gab so viel auf sein Milchgesicht. Ja, so geht es. Cäsar sagte seinen Soldaten bei Pharsalos ja auch, immer schön auf die glatten Wangen der römischen Pflastertreterchen zu zielen. Vielleicht war der französische General ein ähnlicher Charakter. Na vielleicht heilt es wieder zu. Er wird sich wohl freuen, dass er raus ist aus dem grauen und dem roten Tod, denn tatsächlich, wenn früher der Krieg ein ritterliches Handwerk war, heute ist er ein Zerfleischen hirnloser und blutrünstiger Bestien. Jeder ist es, auch ich und die anderen. Nichts ist furchtbarer als der moderne Krieg……….
Wie gesagt, es sind viele interessante Erlebnisberichte inkludiert, also nicht das übliche "wie geht es dir, mir geht es gut" oder die fortlaufenden Anfragen nach dem nächsten Essens-Paket. VG Marc