CarnifexUltra

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Heute ist Kinostart und Rezensionen sind raus, der filmdienst gibt dem 4/5 Sterne und Sehenswert. Mir hat der Trailer nicht sehr gefallen. Hier ist jedenfalls was sie so schreiben:

Die in gedämpften Naturfarben strahlende Adaption des homerischen Epos liest den Mythos des listenreichen Protagonisten gegen den Strich und schlägt damit eine Brücke in die politische Gegenwart. Inszenatorisch bewegt sich der knapp dreistündige Film zwischen Genre-Glanzstücken, gediegener Fantasterei und einer eleganten Verschränkung von Prosaischem mit popkultureller Fantasy entlang der Motive Schuld und verlorener Menschlichkeit. - Sehenswert ab 16.
Die Gesänge des Mittelteils, die Odysseus hier selbst erzählt, sind das Herzstück dieser wunderbar homerischen und zugleich wundersam geerdeten Adaption. Nolan inszeniert sie als gediegene Fantasterei und verleiht ihr mit überzeichnetem Design in einer betont natürlichen Umgebung eine gedämpft-moderne Grandezza. Der bis an die Schwelle des Hades führende Mittelteil der homerischen Gesänge verschränkt den Mythos elegant mit dem Prosaischen und der Sword-and-Sorcery-Popkultur. Homer ist bei Nolan farblos und bunt zugleich, die Odyssee ein primärfarbenfeindliches und doch in Naturfarben strahlendes Epos, das sich zwischen kleinen Genrestücken in der Höhle des Polyphemos und dem Haus der Kirke sowie dem ultragroßformatigen IMAX-Pathos des endlosen Ozeans und der mythischen Inseln entfaltet.

 
Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass die positiven "offiziellen" Kritiken (zumindest zum Teil) eine bewusste Reaktion auf die im Vorfeld (von Fans des Stoffes) geäußerte Kritik an Ausstattung, moderner Sprache und vor allem Besetzung sind. (Natürlich hatten die beruflichen Kritiker außerdem den Vorteil, den Film tatsächlich schon gesehen zu haben.) Dass sich der überaus polarisierende Elon Musk auf die Seite der inoffiziellen Kritiker schlug, befeuerte das wohl. Historiker, die eine schwarze Helena verteidigen und mit Rassismus-Vorwürfen um sich schlagen, fanden sich natürlich auch.
 
Vielleicht ist das trivial: die Verfilmung ist dann gelungen, wenn sie ein guter Film geworden ist, nicht wenn viel vom Epos selbst auf die Leinwand geholt wurde.
 
Man kann aber nicht so einfach die Verfilmung von ihrer Vorlage trennen - zumindest nicht, wenn man sie kennt.
Wer einer Vorlage ohnehin nicht gerecht werden will, der soll halt nicht eine Vorlage verfilmen, sondern gleich einen selbsterdachten Stoff.

(Das gilt ebenso für historische Stoffe. Ich denke da z.B. an "Gladiator II", einen der miesesten Filme, die mir seit langem untergekommen sind. Der erste Teil war zwar auch nicht historisch korrekt, aber es ging noch. Aber der zweite Teil? Abgesehen von der großteils völlig unrealistischen Action waren auch die Handlung und die Charaktere ein Vollschmarrn: Eine am Meer gelegene unabhängige Numiderstadt im frühen 3. Jhdt. (n. Chr.!), die durch einen reinen Seeangriff angegriffen wird? Caracalla und Geta als Witzfiguren, die nichts mit ihren historischen Vorbildern zu tun haben. Ein Macrinus, auf den das sogar noch weniger zutrifft ... Handlung und Charaktere hatten dermaßen wenig mit der Historie zu tun, dass man genausogut auch gleich völlig fiktive Namen nehmen und das ganze in einer Fantasy-Welt spielen lassen hätte können.)

Genug der Abschweifung. Beim Odysseus-Film scheint das immerhin weit weniger schlimm zu sein.
Es macht meiner Meinung nach aber auch einen Unterschied, ob irgendeine Novelle, die eh so gut wie niemand kennt, verfilmt wird oder ein Stoff von weltliterarischer Bedeutung. Die "Odyssee" ist ja nicht irgendein Epos, gemeinsam mit der "Ilias" steht sie am Beginn der europäischen Literaturgeschichte und war zugleich bereits der später unerreichte Höhepunkt der europäischen Epik, dem die meisten späteren europäischen Epiker nacheiferten. Ein solcher Stoff sollte schon mit dem gehörigen Respekt behandelt werden.
Muck sprach es in einem anderen Thema bereits an: Es spricht absolut nichts dagegen, sondern wäre im Gegenteil sogar wünschenswert, wenn mehr Stoffe aus Afrika, Asien oder Altamerika verfilmt würden, um für mehr "Diversität" zu sorgen. Aber wenn sich Hollywood ausnahmsweise einmal darüber traut, kommt leider erst wieder nur eine Geschichtsverfälschung wie "The Woman King" heraus. Hier wie da will man "progressiv" und "divers" sein - und biegt sich die Filmwelt den eigenen Anschauungen und Wünschen entsprechend zurecht. Wahre "Diversität" wäre es, auch Stoffe zu präsentieren, die nicht ins gewünschte Weltbild passen.
 
Das sehe ich schon etwas anders. Erst mal: Wer von einem literarischen Werk wirklich beeindruckt ist, wird eine Verfilmung fast zwangsläufig enttäuschend finden, weil die Vorlage im Kopf des Rezipienten schon lebendige Gestalt angenommen hat, die sich naturgemäß stark vom Film unterscheiden wird.

Ich hab mal einen Artikel von Edgar Reitz gelesen überzeugend gefunden, in dem er kritisiert, dass es heute Rechte an Stoffen gibt, die Autoren anders als früher daran hindern, Stoffe von anderen fort- oder umzuspinnen.

Vielleicht ist es so, dass eine Adaption, die gar nichts von den Stärken des ursprünglichen Werks hinüberrettet, im Allgemeinen auch für sich selbst misslungen ist, schon weil sie dadurch so viele Chancen ungenutzt lässt. Ich würde mal vermuten, dass der Gladiator 2 einfach ein schlechter Film war, aber nicht, weil der historische Caracalla nicht getroffen wurde.

Übrigens, moderne Verfilmungen antiker Stoffe, die mich (vor Jahrzehnten) beeindruckt haben, und in denen ich sogar einen antiken Geist zu erkennen glaubte: Ödipus von Pasolini und Satyricon von Fellini.

Man sollte haltgrundsätzlich keine schlechten Filme machen, aber weniger aus dem Grund, dass Vorlagen nicht beschädigt werden dürfen.
 
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