Patriotismus gestern und heute

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von hpbrill, 22. April 2015.

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  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    bzgl. Aida:
    also bei Sklavengirl Aida kann ich weder ordinäres Heimweh noch Verfassungspatriotismus ? Wikipedia als Motivation erkennen ;)
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wer redete denn von Verfassungspatriotismus, noch dazu beim Sklavengirl?
    Meine Bemerkung zu einem in der Aida verquirrlten Themen zielte auf die Loyalität des Generals, so wie das in der Ansprache des Publikums gewirkt haben mag.

    Dass Du beim 'O Patria mia' vom verschleppten Sklavengirl kein Heimweh erkennst, mag sein. Wirkt auf mich heute aber so, wird halt bei jedem anders sein. Damals beim italienischen Publikum wird das vielleicht eine aktuelle und brennende patriotische Ansprache gewesen sein.

    Ich bin zwar weder Soziologe noch Mediziner, aber bei so etwas wird sicher ein ordentlicher Hautarzt helfen.:winke:

    Es ging nicht um einzelne Fälle, auch nicht kleinere Eliten oder diejenigen, für die Patriotismus BrotundButterGeschäft ist. Schau mal hier:

    Encyclopedia of Social Psychology, 2007: Zum Beispiel Stichworte Interference, Social Influence, Ingroup und Self-Serve Bias, Self-Esteem, und der Übergang zum Narzismus. Sorry für die Anglismen, ist aber unter Ökonomen, Journalisten, B-Promis oder in Casting-Shows nicht wirklich besser.

    Psychologen haben sich unter vielen Facetten mit dem Phänomen Patriotismus beschäftigt. Wenn man bei Stichwort Psychologie nicht auch gleich Hautausschlag hat, ist das ganz lesenswert zum Verständnis.

    Es gibt hier Forum einige, die sind da sachkundig. Aber ich kann gern versuchen, das hoffentlich nicht zu stümperhaft zusammenzufassen. :D
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist natürlich bedauerlich, dass ich solch ein „Quark“ schreibe und das noch „sehr simpel“. Aber ich verspreche, hart daran zu arbeiten, in Zukunft weniger Quark, weniger simpel zu schreiben und den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Ich bin ja – wenigstens – lernfähig und – immerhin – selbstkritisch.

    Allerdings irritiert mich – trotz meiner schlichten Art - dennoch das harte ablehnende Urteil zu Habermas denn doch ein wenig, zumal er, angefangen mit der „Rekonstruktion des Historischen Materialismus“, über die „Theorie des kommunikativen Handels“ systematisch die „Sprechakttheorie“ von Searle und handlungstheoretische Konzepte von Mead, Schütz und Wittgenstein eine Synthese mit der struktur-funktionalistischen Systemtheorie von Parsons und von Luhmann vorgenommen hatte.

    Und damit – international anerkannt – eine neue integrierende Theoriebildung vorgenommen hat, die sogar bis in die USA zurück gewirkt hat. Daß das nichts „Neues“ gewesen sein sollte, wie Du - irrig - vermutest, entbehrt nicht einer gewissen „Originalität“ des Urteils.

    Man erkennt an diesen Zeilen – leider - die Wissensdefizite in Bezug auf die deutsche Geschichte nach 1866 und den damit zusammenhängenden Problemen der „inneren Reichsgründung“ (auf den „Sozialimperalismus“ wurde bereits verwiesen) Du unterschätzt oder verstehst nicht die Mechanismen, die eine Vergesellschaftung – und somit Nationalstaaten – erst überhaupt ermöglicht haben. Das Reich wurde zwar 71 gegründet, aber es war deswegen noch lange kein Nationalstaat mit einem einheitlichen Nationalismus und auch keinem einheitlichen staatstragenden Patriotismus, wie beispielsweise bei Hewitson, „National Identity and Political Thought in Germany“ dargestellt.

    Und vor allem der letzte Aspekt war ein zentraler Punkt, den Tönnies und beispielsweise auch Durkheim aufgegriffen haben und diese Mechanismen der gesellschaftlichen Solidarität erst in ein konzeptionelles Raster integriert haben. Und beispielsweise bei Geulen im Rahmen einer ausführlichen Darstellung systematisiert wurde [3 ].

    In diesem Sinne ist der Aufbau einer „patriotischen Haltung“ ein mehr oder minder gezielter Akt der politischen Sozialisation und wird über das kulturelle System vermittelt. Und dieses System, ist, wie Parsons m.E. zu Recht festhält, eng an das politische System gebunden und ermöglicht die Integrationsleistung, die bereits häufiger angesprochen worden ist [8, S. 284].

    Und es ist ein Parsons [7, S. 26ff] der auf die enge Verbindung der Theorie von Freud zu Durkheim hinweist, um die Entwicklung der individuellen Werte im Kontext einer Gruppenidentität zu beschreiben. Dabei interagieren soziale und politische Normen auf das Engste, wie Elster betont [2, S, 209].

    Es ist in diesem Zusammenhang m.E. nicht hilfreich, die Prozesse der Vergesellschaftung, die durch die Psychologie erklärt werden, gegen die Erklärungen der Sozialpsychologie bzw. Analytischen Soziologie oder der allgemeinen oder politischen Soziologie auszuspielen. Sie betrachten lediglich verwandte Phänomene aus unterschiedlichen Sichtwinkeln und kommen im günstigsten Fall zu komplementären Ergebnissen.

    Und da mag der eine "Juckreiz" bekommen und der andere kann über die Erklärungen der Soziologie sich die relevanten Konstrukte erarbeiten, die die evolutionäre Entwicklung von Gesellschaften und National-Staaten erst erklären helfen.

    Präzises Lesen kann da durchaus beim Verständnis helfen. Es wurde sehr konkret von mir eine bestimmte historische Situation angesprochen und versucht, die Radikalisierung der NS-Wähler nach 32 zu erklären, zumal die NSDAP vor der Wirtschaftskrise – also 28 - eine marginalisierte politische Partei war. Das Argument war, dass es nicht der für fast alle Wähler aller Parteien geltende Nationalismus war, der als Erklärung für ihren Erfolg taugte, sondern die Interaktion zwischen Nationalismus und wirtschaftlicher Deprivation, die Hitler demagogisch zielgruppenorientiert, teils auch konträr in den Inhalten, aufzubereiten und auszunutzen verstand.

    Die weltweiten Gegenbewegungen gegen die Globalisierung können insofern als „patriotisch“ definiert werden, als sie ihre kulturelle Identität erhalten wollen, die an lokale, regionale oder auch überregionale politische Organisationen gebunden sein können. Und an diesem Punkt wurde lediglich die Ähnlichkeit einer defensiven Haltung erkannt, die sich teilweise aggressiv nach außen wendet. Dass es nicht selten eine enge Beziehung zwischen innen- und außenpolitischen Themen gibt, ist wohl Allgemeingut.

    Andere Formen des Patriotismus, wie der Patriotismus eines Scharnhorst, zu anderen Zeiten und für andere sozialen Schichten sind überhaupt nicht angesprochen worden und es wurde auch keine „Theorie des Patriotismus“ thematisiert.

    Gut, dass das nochmal festgestellt wurde. Nur, wer hatte das denn behauptet?
    Es wurde argumentiert, dass „Patriotismus“ teilweise im Westen sehr eng mit dem „modernen Westen“ (ab ca. 18. Jahhundert) und dann mit dem „National-Staat“ verbunden wird. Und das ist aus einer Reihe von Gründen m.E. nicht korrekt. Historisch wurde beispielsweise von Dodge die Haltung der karthagischen Elitenmit einem „lack of patriotism“ [1, S. 15] bezeichnet und er beschreibt ebenfalls die politische Haltung der Römer im Rahmen des Konzepts des „Patriotimus“ mit Rom als gesellschaftlichem und politischem System, aber definitiv nicht als „National-Staat“. Ebenso spricht Wickham 9, S. 598] beispielsweise von einem „urban patriotism“, der sich lokal auf bestimmte politische Institutionen bezieht.

    In diesem Sinne kann sich Patriotismus um sehr unterschiedliche ideologische Konstrukte herum anlagern. Und sofern beispielsweise Religion zur Identitätsstiftung für eine große Gruppe von Menschen herangezogen wird, wie im Rahmen der Mobilisierung einer politischen Bewegung [6] und sofern das auf die Gründung eines politisches Verbandes, beispielsweise auch auf einen Staat, hinausläuft, dann ist diese Religion analytisch als eine Form von Patriotismus anzusprechen, da sie eine staatstragende Einstellung ist.

    Und in diesem Sinne ist es Unsinn, was bei Wiki steht und die Bezugnahme auf einen „National-Staat“ zum alleinigen Kriterium zu erheben.

    Andererseits ist es natürlich legitim ist, eine enge Beziehung zwischen dem Nationalstaat und dem Patriotismus herzustellen, wie es die Operationalisierungen der entsprechenden Konstrukte bei Kostermann und Feshbach zeigen. [5 ]

    1.Dodge, Theodore Ayrault (1993): Hannibal. A history of the art of war among the Carthaginians and Romans down to the Battle of Pydna, 168 B.C., with a detailed account of the second Punic War. London, England, Pennsylvania, USA: Greenhill Books; Stackpole Books.
    2.Elster, John (2011): Norms. In: Peter Hedström und Peter S. Bearman (Hg.): The Oxford handbook of analytical sociology. Oxford, New York: Oxford University Press ([Oxford handbooks]), S. 195–217.
    3.Geulen, Dieter (1989, ©1977): Das vergesellschaftete Subjekt. Zur Grundlegung der Sozialisationstheorie. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    4.Hedström, Peter; Bearman, Peter S. (Hg.) (2011): The Oxford handbook of analytical sociology. Oxford, New York: Oxford University Press
    5.Kosterman, Rick; Feshbach, Seymour (1989): Toward a Measure of Patriotic and Nationalistic Attitudes. In: Political Psychology 10 (2), S. 257–274.
    6.Opp, Karl-Dieter (2009): Theories of political protest and social movements. A multidisciplinary introduction, critique, and synthesis. London, New York: Routledge.
    7.Parsons, Talcott (1997): Sozialstruktur und Persönlichkeit. 5., unveränd. Aufl. Eschborn bei Frankfurt am Main: Klotz.
    8.Parsons, Talcott; Jensen, Stefan (1976): Zur Theorie sozialer Systeme. Opladen: Westdt. Verl.
    9. Wickham, Chris (2006): Framing the early Middle Ages. Europe and the Mediterranean, 400-800. Oxford, New York: Oxford University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  4. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Ich hab mich gestern im Ton vergriffen und entschuldige mich ohne wenn und aber.

    Aber mein Juckreiz bleibt. Ich versteh auch beim fünften Durchlesen nicht ansatzweise auf was du raus willst. Also langsam.

    Ich hab dich so verstanden, dass die Wähler der NSDAP Abstiegsängste hatten. Dass sie deswegen auch anti-kapitalistisch dachten.

    So weit bin ich vollkommen bei dir. Für mich ist das jetzt nichts sonderlich aufregendes.

    Aber warum soll das Patriotismus sein? Die Wähler der DKP waren doch auch anti-kapitalistisch und wahrscheinlich wirft ihnen nicht mal Habermas Patriotismus vor.

    Und dann die Beispiele von Dodge und Wickham. Was soll das denn? Die Römer und Karthager waren Patrioten (oder halt nicht so sehr). Ist doch wurscht ob auf Stadt, Region oder Land bezogen. Das sind doch beim besten Willen keine
    Man sollte doch schlussfolgern, dass die Motivation der NS-Wähler weit über Patriotismus- Nationalismus hinausging. Und nicht alle Beweggründe als patriotisch bezeichnen.
    Ich krieg einfach die Kurve von wirtschaftlichen Ängsten zu Patriotismus nicht.

    Und wenn du nur sagen willst, dass Patriotismus sich nicht nur auf den Nationalstaat bezieht, dann sag dass doch.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Alles im grünen Bereich. :friends:

    Problem:
    Ich versuche aus meiner Sicht die Argumentation nochmal zu vertiefen.

    Der Prozess der Verschiebung der Wählergunst, so Childers [3] und Falter [4 und 5], verlief in zwei Phasen. In der ersten Phase lösten sich die nationalistisch bzw. völkisch gesinnten Wähler der bürgerlichen Mitte von den traditionellen Parteien, da sie im wesentlichen eine sehr ausgeprägte Interessenpolitik betrieben haben, die nicht mehr in Einklang stand mit den zunehmenden wirtschaftlichen Problemen. Parallel dazu verlief die straffe zentralistische Organisation der NSDAP durch Goebbels, die durch ihre paramilitärische Ausstrahlung, Effektivität und Durchsetzungsvermögen ausstrahlte und der Aufbau eines quasi messiannischen Images von Hitler, der umfassende Problemlösungen versprach durch das „Führerprinzip“ [6]. Erst in der zweiten Phase, nach 32, kamen die erdrutschartigen Wählerwanderungen im Rahmen von Protestwahlen zustande und führten zur politischen Polarisierung und dann zur Implosion der Reste der durch Hindenburg und seiner „Präsidial-Kabinette“ ausgehölten Weimarer Republik.

    „Beides aber waren wichtige Voraussetzungen dafür, dass sich in der bevorstehenden Krise die Hoffnungen, Sehnsüchte und Ressentiments verängstigter und desorientierter Menschen aus allen Schichten in solchem Maße um diese Extrempartei kristallisieren konnte“ [1, S. 94]

    Wichtig ist, dass die NSDAP vor der Wirtschaftskrise nicht in der Lage war, Wähler aufgrund des in der Bevölkerung vorhandenen nationalistischen Potentials an sich zu binden, sondern erst danach.

    Die anti-modernistische und anti-kapitalistische Haltung war für sich sicherlich keine patriotische Orientierung. Es war allerdings ein individueller und kollektiver emotionaler Treibsatz, der die Dringlichkeit einer politischen Lösung der Auswirkungen der Wirtschaftkrise erklärt - die Betroffenheit - und somit auch die Militanz sich selber und die Zukunft der Familien schützen zu wollen.

    Zu einer Frage des „Patriotismus“ wurden die wirtschaftlichen Probleme durch das Vorzeigen des „Sündenbocks“, der die bemerkenswerte Synthese aus anti-Semitismus und anti-Marxismus beinhaltete. Und damit gleichzeitig den anglo-amerikanische Finanzkapitalismus als Schuldigen benannte und den sowjetischen Bolschewismus als zersetzendes Element diagnostizierte. [3, S. 267]

    Vor diesem Hintergrund konnte die subjektive Betroffenheit der Wähler in Bezug auf die wirtschaftlichen Probleme aufgegriffen werden und daraus auch ein nach innen - Pogrome - und nach außen gerichtetes Programm - Anschlüsse und Krieg - formuliert werden, in dessen Kern der Schutz der Deutschen vor diesen ausländischen Kräften stand. Und dieses konnte, so die Propaganda von Goebbels, nur ein Mann leisten, der als „Führer“ die Fäden in der Hand hielt und Deutschland vor den „schändlichen“ und „zersetzenden“ Auswirkungen der „Raffgier“ und der „Wühlarbeit“ seiner Feinde schützte. Diese Argumentation bildete das ideologische Gerüst des NS-Staates, um seine politische Legitimation zu sichern.

    Und damit bekam der bisherige auf die Ablehnung des VV konzentrierte Patriotismus eine neue Richtung und eine neue Aggressivität, ideologisch fundiert durch „Mein Kampf“ . In diesem Sinne spricht Burleigh auch von einem „Super-Patriotismus“ [2].

    1.Broszat, Martin (1984): Die Machtergreifung. Der Aufstieg der NSDAP und die Zerstörung der Weimarer Republik. Originalausg. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
    2. Burleigh, Michael (2000): The Third Reich. A new history. London, New York: Macmillan; Hill and Wang.
    3.Childers, Thomas (1983): The Nazi voter. The social foundations of fascism in Germany, 1919-1933. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
    4.Falter, Jürgen W. (1991): Hitlers Wähler. München: Beck.
    5.Falter, Jürgen W.; Lindenberger, Thomas; Schumann, Siegfried (1986): Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten, 1919-1933. München: C. H. Beck
    6.Herbst, Ludolf (2011): Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl. (Fischer, 18562 : Die Zeit des Nationalsozialismus).
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. April 2015
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es geht in die Richtung. Patriotismus bezieht sich – im weitesten Sinne - auf eine „Institution“, die die Funktionen eines Staates wahrnehmen sollte. Und selbst bei einer Definition, was denn Patriotismus sein könnte, wird es schwierig, da die Deutungshoheit umstritten ist.

    Am genauesten ist die definitorische Fragestellung im Rahmen einer empirisch orientierten politischen Psychologie ausformuliert. Die einzelnen, unterschiedlichen theoretisch Konstrukte werden dabei im Rahmen von Fragebatterien durch einzelne Items/Fragen operationalisiert. Im zweiten Schritt werden die Antworten der Teilnehmer statistisch analysiert und – unter anderem - mit Hilfe von explorativen bzw. konfirmatorischen Faktorenanalysen und auf ihre Dimensionalität hin beurteilt.

    Die einzelnen Konstrukte sind bei „Gesis“ sehr gut dargestellt und deshalb habe ich den Text komplett übernommen.

    http://zis.gesis.org/appendix/Patriotismus.htm

    Moderner Patriotismus ist eine individuelle Einstellung, die durch eine kritische Distanz zur eigenen Nation charakterisiert ist, die deren Idealisierung trotz einer positiven Identifikation entgegenwirkt. Der Staat und die Nation würden nicht unterstützt werden, wenn ihre Ziele zerstörerisch und unmenschlich wären. Diese Art von Patriotismus ist deshalb anders als eine nationalistische Einstellung nicht mit der klischeehaften Abwertung anderer Völker und Minderheiten verknüpft.

    Synonyme sind wahrer Patriotismus (Levinson, 1950), konstitutioneller Patriotismus (Steinberger, 1990; Habermas, 1990b) und konstruktiver Patriotismus (Staub, 1997). Zentrales, zugrundeliegendes Konstrukt ist das der Nationalen Identität. Antonyme Begriffe sind Nationalismus, Pseudo-Patriotismus (verbunden mit Ethnozentrismus, Levinson, 1950) und blinder Patriotismus (Staub, 1997):
    Patriotismus und Nationalismus schließen zwar beide die Bereitschaft des Individuums ein, aktiv zum Wohl der Gemeinschaft beizusteuern. Ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Konstrukten ergibt sich jedoch aus der jeweiligen Definition des nationalen Selbstkonzepts, dessen Ziele und Kategorien für den Gruppenvergleich genutzt werden (Staub, 1997; Blank, Wittenberg & Schneider, 1999). Individuen mit patriotischer Einstellung fordern anders als solche mit nationalistischer Vorstellung gesellschaftliche Vielfalt. Individualisierung und kulturelle wie auch religiöse Vielfalt werden nicht missbilligt. Minderheiten innerhalb der Gesellschaft erfahren Schutz, Unterstützung und Solidarität. Damit ist auch eine unterschiedliche Vorstellung über die Beziehung von Staat und Individuum verbunden.

    Demokratische Prinzipien und eine Vielzahl von politischen Beteiligungen machen den Staat zu einem Instrument seiner Bürger (Staub 1997; Cohn-Bendit & Schmid, 1992; Blank Wittenberg & Schneider, 1999). Mit anderen Worten: während Personen mit nationaler Einstellung versuchen, die Vielfalt zu verringern, akzeptieren diejenigen mit patriotischer Einstellung die Vielfalt ihrer Gesellschaft.

    Blank und Schmidt formulieren die Annahme, dass Patriotismus und auch Nationalismus mit Loyalitätswerten verbunden sind (Lemberg, 1964). So definierte Levinson (1950) z.B. Ethnozentrismus als eine ideologische Weltauffassung, die bestimmte Einstellungen der Nation spiegelt. In ähnlicher Weise können mehrere allgemeine Weltauffassungen, allgemeine Wertvorstellungen und Normvorstellungen für Nationalismus und Patriotismus als eine spezifische Einstellung zum Volk bezeichnet werden (Allport, 1979).

    Staub (1997) identifizierte z.B. Werte des prosozialen Handelns als Prädiktoren für Patriotismus. Adorno et al. (1950) führten autoritäre Merkmalsstrukturen als Ursache für Nationalismus an. Mit Bezug auf diese Einschätzungen hat Nationalismus seinen Ursprung in Wertvorstellungen wie Dogmatismus, Sozialdarwinismus und im Verlangen nach Herrschaft, in der Akzeptanz autoritärer Strukturen und in dem Bedürfnis nach Homogenität mittels Selbsteinstufung nach ethnischen Kriterien (Evans, 1952; Allport 1979; Blank & Schmidt, 1994; Hermann & Schmidt, 1995). Im Gegensatz dazu zeichnet sich konstitutioneller Patriotismus durch Werte wie Freiheit, Gleichberechtigung, Brüderlichkeit, Menschlichkeit und Individualismus aus. Dies beinhaltet auch prosoziales Verhalten, die Anwendung von Bürgerrechten und die Akzeptanz kultureller Vielfältigkeit (Habermas 1990, 1993; Sternberger, 1990; Cohn-Bendit & Schmid, 1992; Staub, 1997). Ein weiteres in diesem Zusammenhang wichtiges Konstrukt ist das der Ethnizität.


    Die völlig unterschiedlichen Sichtweisen, was denn nun „Patriotismus“ sei, kommt in den beiden folgenden Beispielen sehr gut zur Geltung.

    1. Ethnischer Patriotismus
    http://zis.gesis.org/pdf/Dokumentation/Weiss+%20Patriotismus%20%28Wien%29.pdf

    2. konstitutioneller Patriotismus
    http://zis.gesis.org/pdf/Dokumentation/Wittenberg+%20Patriotismus-Kurzskala.pdf


    Letztlich kann somit wohl jeder - mit einem gewissen subjektiven Anspruch - bestimmte staatsbejahende Meinungen als „Patriotismus“ deklarieren, aber wird akzeptieren müssen, dass andere komplett andere Werte als Patriotismus ansehen. Ein Beispiel für diesen Konflikt über die richtige Form des Patriotismus konnte man erkennen an der unterschiedlichen Sicht bei hitlertreuen Offizieren und solchen im militärischen Widerstand. Die sich beide - mit unterschiedlichen Begründungen - als deutsche Patrioten definiert haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. April 2015
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Erstmal Dank für die weitergehenden Erläuterungen.

    Diese betreffen Sichtweisen, Konzepte, Kontexte von Patriotismus, bis hin zur historischen Abgrenzung "weicher", "defensiver", "instituionalisierter" Erscheinungsformen (grob verallgemeinert unter "Patriotismus") bis hin zu "offensiven", "agressiven", "ethnischen" (und/oder religiösen) Erscheinungsformen bis hin zu nationalistischen Tendenzen.

    Was offen geblieben ist: wie sind diese soziozentrierten "Verhaltensweisen" (als Gegensatz zu egozentrierten Verhaltensweisen) in einer "cultural psychology" oder i.w.S. anthropologisch zu erklären? Was verstärkt sie, was schwächt sie ab, was macht sie für Beeinflussungen empfänglich?
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zwei alternative Deutungen würden mir einfallen, bei dem das Individuum im Zentrum der Betrachtung steht.

    Von Adorno wurde als Erklärung für einen "traditionellen Nationalismus" das Konstrukt des "autoritären Charakters" herangezogen.

    Eine andere Erklärung, die den "konstitutionellen Patriotismus" zu erklären versucht, greift auf die Stufen der Entwicklung von "Moral-Modell" zu, die durch Piaget bzw. Kohlberg formuliert worden sind.

    In welche Richtung gehen dabei denn Deine Überlegungen?
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es geht in die Richtung von "Moral-Modell", der Entwicklung kultureller Identitäten durch Adaption von cultural knowledge, die prägend für das Selbstwertgefühl wirken.

    Brewer/Yuki: Cultural and Social Identity (Handbook of Cultural Psychology).

    Ohne jetzt Entwicklungsmodelle im Detail zu diskutieren, wird wohl allgemein in der frühen Kindheitsphase (zB ab etwa zwei Jahre) ein Übergang bzw. eine Erweiterung zu soziozentrierten Verhaltensweisen bzw, soziozentrierten Wahrnehmungen angenommen.

    Das grundsätzliche menschliche Verhaltensmotiv der Selbstachtung (bzw. das Anstreben von "Bestätigung" und "Beachtung") wird in enger Verbindung zu Sozialer Identität gesehen, weil (regelmäßig) aus der "Gruppe" wichtige und zahlreiche Bestätigungen der Selbstachtung (in Form einer enormen Bandbreite an Verhaltensweisen und Reaktionen) gezogen werden. (logischerweise sehr kritisch sind dann gegenteilige Erfahrungen, ebenso ausgeblendet sind hier Extreme oder Störungen wie Narzissmus etc.)

    Das hat ganz nützliche Effekte für "Überlebensstrategien" von Gruppen: es gibt damit eine Art Verhaltensautomatismus, unterschiedliche "Paradigmen" in der Gruppe zu minimieren: Förderung des "Gruppenvorteils" (es gibt Randthesen, die sich hier bis auf Erklärung von Altruismus ausdehnen), erstrebte "hohe" Positionierung, Kopieren von "Gruppenstandards" etc.

    Eine psychologische Richtung sieht nun hierin einen erzeugten Druck, "ingroup"-Beziehungen positiv/negativ gegen "outgroups" anzugrenzen. Das wäre - so verstehe ich das - sozusagen ein Verhaltensreflex, die für die eigene Selbstachtung prägende "eigene Gruppe" positiv gegen "Fremdgruppen" abzugrenzen. Tajfel geht hier sogar von daraus erzeugtem Druck auf die eigene Persönlichkeit aus: "Positive Differentation" (solche Ansätze dienen zB auch der Deutung von Rassismus, religiösem Fanatismus etc.).

    Solche grundsätzlichen Verhaltensweisen (irgendwelche "Störungen" jetzt mal außer Acht gelassen, ebenso Folgefragen wie Bedeutung von Minderheiten in der Gruppe, Anstreben von Führerschaften etc.) vom persönlich bekannten, eng begrenzten Gruppen-Umfeld auf komplexe Gesellschaften übertragen, bedeutet dann Patriotismus letztlich als Reflex dieser Sozio-Zentrierung von Menschen im engen persönlichen Umfeld zu sehen.

    So nach verschiedenen Artikeln in Encyclopedia of Social Psychology

    Um das Vorgesagte auszuweiten, die "Soziozentrierung" bzw. das ausmaß kultureller und sozialer Identifikation wird auch situativ oder dynamisch flexibel verstanden:

    Es gibt eine Reihe psychologischer Experimente, dass die "Soziozentrierung" (hier auf das direkte persönliche Umfeld der "ingroup" beschränkt) extrem ansteigt, wenn eine direkte persönliche Bedrohung vorliegt (oder auch nur wahrgenommen wird).

    Im Extrem liegt diese Verbindung bis zur Todesangst vor, bei der sich (auch außerhalb der Bedrohung zB der Nachkommenschaft - das ist eine andere Situation) erstaunlicherweise nicht der Selbsterhaltungstrieb als "Egozentrierung", sondern eine Soziozentrierung extrem ausweitet. Beobachtungen solcher Art wurden zB bei Soldaten auf eine situative Entwicklung - Bedrohungslage - von (defensivem) Patriotismus zu (offensivem) Nationalismus hin beobachtet. Biologisch betrachtet ist das sozusagen die Aufhebung des Selbsterhaltungstriebes zugunsten der Gruppe.

    Solche Extrembetrachtungen könnte man nun auf auf "kleinere" Verschiebungen und wahrgenommene Bedrohungen im persönlichen Umfeld übertragen.

    ME gibt es solche Ansätze in der psychologisch ausgerichteten Soziologie und Politologie.
     
  10. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Um mal meine völlig unsoziologische Sicht der Dinge in den Ring zu werfen:
    Patriotismus als Phänomen abstiegsbedrohter Schichten oder gefährdeter Lebenswelten sehe ich , obwohl ich Habermas sehr schätze und mit ihm schon mal ein Bier auf einer Unifete in Frankfurt getrunken habe, zumindest aus historischer Sicht so nicht.Diese Theorie scheint eher der Betrachtung der Weimarer Republik und des Naziregimes als einer Gesamtbetrachtung des Phänomens Patriotismus geschuldet.
    Zumindest bis zu einem gewissen Punkt in der Geschichte scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein.: aufsteigende ,bürgerliche Eliten bedienen sich des Patriotismus um einen Gegenentwurf zum hergebrachten religiös fundamentierten feudalen Wertesystem zu entwickeln und sich gleichzeitig einerseits zu legitimieren und andererseits damit auch die Massen zu kontrollieren.
    Wenn man die französische und die amerikanische Revolution als Geburt auch des jeweiligen Patriotismus und Nationalismus sieht. so waren es dort gerade die neuen Eliten,die diese Bewegung förderten. Gleiches gilt wohl auch im postnapoleonischen und insbesondere auch im wilhelminischen Deutschland ,wo Patriotismus zunächst von den Studenten und dann von den Eliten getragen ist . In Italien haben wir ein ähnliches Phänomen
     
  11. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Offenbar wird in der Diskussion der Begriff "Patriotismus", der eine gegen niemanden gerichtete Liebe zum eigenen Land bezeichnen soll, immer mehr in die Nähe des Begriffs "Nationalismus" gerückt, der bezeichnet, dass der Wert des eigenen Staates als höher angesehen wird als der anderer Staaten, woraus sich die Rechtfertigung einer Einflussnahme bzw. Eroberung bzw. Vernichtung ergibt.

    Warum ist das so ? Warum ertragen die Diskutanten nicht die Existenz eines unaggressiven Patriotismus ohne ihn in die Nähe von Krieg und Völkermord zu ziehen ?

    Wenn es dereinst eine Weltgesellschaft geben sollte (sorry, Utopie), in der alle Menschen ohne Staaten, Religionen, Hautfarben, Fußballvereine usw. friedlich zusammenleben, und wenn dann alle Bürger dieser Erde diese ihre Heimaterde lieben, und wenn es auch dann immer noch keine Außerirdischen gibt, gegen die man Krieg führen könnte - muß man dann diese Erdenpatrioten auch als Erdennationalisten
    branntmarken, hinter derem Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gesellschaft in Wahrheit nur die Lust zu Krieg und Unterdrückung lauert ?

    Ich finde, nicht.
     
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  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Kabarettist Max Uthoff (die Anstalt) zitiert das in seinem 2015 Programm "Gegendarstellung". Ob das Zitat aber auf Uthoffs eigene Gedankengänge zurückgeht oder ob er jemand anderen zitiert, weiß ich nicht.
     
  13. Anthropos

    Anthropos Neues Mitglied

    Die Partei "Die Partei" hatte dazu einen interessanten Spruch. Ich weiß aber nicht ob ich den hier zitieren kann?
    Diese Einteilung in "gute Patrioten" und "böse Nationalisten" ist ja schon etwas älter, wenn man sich aber mal das Ergebnis des Psychologen Cohrs anschaut, dann kann man erkennen, dass diese Einteilung falsch ist. Cohrs hat es so formuliert: "Menschen mit patriotischen Einstellungen lehnen Nationalismus nicht ab. Vielmehr geht beides oft Hand in Hand." und auch Wilhelm Heitmeyer kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Da die Liebe zu dem eigenen immer auch etwas abwertendes gegenüber etwas anderem hat gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus.
    Man kann hier mit den beiden Liebesbegriffen arbeiten die es gibt. Der Agape ("der gebenden Liebe") und dem Eros ("der nehmenden Liebe"). Patriotismus - genauso wie Nationalismus - beziehen sich auf diese - allzu menschliche - egoistische Liebe des Eros. Der Patriot liebt sein Land und will es für sich haben, genauso wie der Nationalist.
    Auch zeigte die Studie der Psychlogin Julia Becker, dass auch der "harmlose Fussballpatriotismus" während der WM 2006 dazu führte, dass die Vergleichsgruppen sich nach der WM nationalistischer äußerten als vor der WM.
    (Die Links zu den verschiedenen Studien und weiteren finden sich in diesem Artikel: Fragwrdige Liebe zum Land - Weltoffene Demokraten - eine aussterbende Spezies - Wissen - Sddeutsche.de)
    Patriotismus ist einfach nur die lautstarke Höherbewertung der eigenen Gruppe, bei stillschweigender Abwertung der anderen Gruppe. Nationalisten werten ihre eigene Gruppen genauso lautstark auf, nur scheuen sie sich nicht ihre Meinung zur Abwertung der anderen Gruppen auch lautstark kundzutun.

    Wenn es dereinst eine Weltgesellschaft geben sollte (sorry, Utopie), in der alle Menschen ohne Staaten, Religionen, Hautfarben, Fußballvereine usw. friedlich zusammenleben, und wenn dann alle Bürger dieser Erde diese ihre Heimaterde lieben, und wenn es auch dann immer noch keine Außerirdischen gibt, gegen die man Krieg führen könnte - muß man dann diese Erdenpatrioten auch als Erdennationalisten branntmarken, hinter derem Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gesellschaft in Wahrheit nur die Lust zu Krieg und Unterdrückung lauert ?
    .[/QUOTE]
    Patriotismus/Nationalismus richtet sich auch immer gegen Mitglieder der eigenen Gruppe (Stichwort "Volksverräter"). Deshalb kann es auch Nationalisten/Patrioten geben, wenn es nur noch ein Land gäbe. Da sich dann der Hass aber nicht mehr gegen Mitglieder der anderen Gruppe UND Mitglieder der eigenen Gruppe richten kann, wird er sich nur noch gegen die "Verräter" der eigenen Gruppe richten. Früher wären es die Menschen gewesen, welche "nicht deutsch genug" sind, und in dieser Zukunft wären es die Menschen, die "nicht menschlich" genug sind.
     
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  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Göttinger Historiker Rudolf von Thadden hat vor etlichen Jahren mal ein Hauptseminar gehalten zum Thema "Vom linken zum rechten Nationalismus in Deutschland vom Untergang des Heiligen Römischen Reichs bis zur Reichsgründung 1870/71. Gar so lange gibt es ja einen deutschen Patriotismus/Nationalismus ja noch gar nicht. kein Wunder, denn es gab ja gar kein einiges Deutschland, sondern viele deutsche Länder, deren Bewohner sich als Bayern, Sachsen, Schwaben, Hessen, Preußen oder Österreicher fühlten. Das Bewusstsein einer gemeinsamen Identität basierend auf Sprache, Kultur und Brauchtum bildete sich erst spät. Es gab sicher schon vor der Reichsgründung 1870/71 so etwas wie einen Reichspatriotismus, aber das Alte Reich war weder heilig, noch römisch, noch deutsch. Im Siebenjährigen Krieg gab es eine gewisse Identifikation mit Preußen und seinem König. Goethe berichtet in "Dichtung und Wahrheit" dass die jüngeren Mitglieder der Familie Johan Caspar und Johann Wolfgang "fritzisch" gesonnen waren, aber die Vorstellung einer gemeinsamen nationalen Identität existierte am Ende des 18. Jahrhunderts nur in den Köpfen einiger Intellektueller, nicht aber auf der politischen Landkarte. Am Anfang einer gemeinsamen deutschen Identität war Napoleon wie der Historiker Thomas Nipperdey treffend sagte. Als die Gebrüder Grimm nach urdeutschen kulturellen Wurzeln suchten und dabei die moderne Germanistik und Volkskunde begründeten, als die frühen Romantiker eine gemeinsame deutsche Identität entdeckten, geschah das aus einem gewissen Gefühl der Unterlegenheit. Den Grimms ging es ganz sicher nicht um eine Überhöhung des Deutschtums, sondern sie betonten den kulturellen Eigenwert einer deutschen Identität. Einer Identität, die viele der frühen Romantiker glaubten, gegen eine Art französischen Kulturimperialismus verteidigen zu müssen. Der deutsche Nationalismus erschien den Kräften der Restauration äußerst suspekt, und die während der Befreiungskriege versprochenen Reformen wurden fast alle kassiert. Die Werke Bettina von Arnims, Ernst Moritz Arndts, Heinrich Heines, Hofmann von Fallersleben, Ernst Ludwig Jahn und Gottlieb Fichte verfielen der Zensur. Das erwachende Nationalgefühl der Romantiker ging aber in vielen Fällen einher mit einem radikalen Antisemitismus und einem ebenso radikalen Hass auf den "Erbfeind" Frankreich. Die Schriften Theodor Körners oder des "Turnvaters" Jahn erscheinen in vielen Passagen heute fast unfreiwillig komisch. Komisch war aber keineswegs die Radikalität gegen "Volksverräter" und "Nestbeschmutzer". Beim Wartburgfest 1817 wurden Bücher missliebiger Autoren verbrannt, was Heinrich Heine später zu seinem hellsichtigen Kommentar "Dort wo Bücher verbrannt werden, verbrennt man irgendwann auch Menschen". Zu den verbrannten Werken gehörte der Code Civil, die Schriften von Saul Ascher und August von Kotzebue. Dieser wurde 1819 von dem Burschenschafter und Theologiestudent Carl Ludwig Sand ermordet, weil er sich über die Deutschtümelei der Burschenschaften und deren Idol, den "Turnvater" Jahn lustig gemacht hatte. Dieser politische Mord lieferte den Vorwand für die Karlsbader Beschlüsse.
     
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Das sehe ich genauso, wenn man sich die Geschichte des deutschen Nationalismus seit den Befreiungskriegen und der Romantik ansieht, so ging die Dynamik vor allem von den Hochschulen und bürgerlichen Eliten aus, und die Besitzbourgeosie hat auch am meisten davon profitiert. Ähnlich war der Verlauf der nationalen Bewegungen im 19. Jahrhundert in Griechenland, Italien, Polen und den Balkanstaaten. Übersteigerter Nationalismus, Jingoismus, Spread Eagleism, etc hat sich allerdings immer als probates Mittel erwiesen, Bevölkerungsgruppen einzubinden, sich deren Abstiegs- und Überfremdungsängste zunutze zu machen, um sie gegen Minderheiten oder andere Bevölkerungsgruppen auszuspielen, die ausdrücklich nicht als Teil der Gemeinschaft betrachtet werden.

    Die Sklaverei in den Südstaaten der USA führte zu einem enormen Eigentumsgefälle. Die Mehrheit der kleinen Farmer und Handwerker hat niemals Sklaven besessen und eigentlich nur Nachteile gehabt von einem Wirtschaftssystem, das längst zu einem schreienden Anachronismus geworden war. Dennoch haben sie erbittert gekämpft gegen die Union, im Glauben ihren Heimatstaat zu verteidigen. Die Rassentrennung erwies sich als Kitt der Gesellschaft, denn selbst ein analphabetischer Kleinbauer konnte sich einem schwarzen Sklaven gegenüber als unendlich überlegen fühlen.
     

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