Sammelthread - Kurzkritiken über neue Spielfilme mit historischen Inhalten

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von lynxxx, 18. Januar 2007.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Aha, danke. Jedenfalls trug gleich in der Anfangsszene jeder zweite irgendwie nen anderen Rock. Irgendwie sahen diese Gardes du Corps aber auch nicht wirklich nach Reitern aus.

    Gibt es irgendwelche Belege, dass die Livreen, die im Film gezeigt wurden, damals in Versailles existierten?
    Man sah Diener in Livree ja ohnehin fast nur unten in der Dienstboten"kantine".
     
  2. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Der Vorleser

    Ich weiss nicht, ob der Film in diesen Thread gehørt, er ist ja eine fiktive Geschichte - dennoch, gestern hat mich "Der Vorleser" sehr beeindruckt.

    Eine faszinierender Film mit klasse Schauspielern, besonders die "Hanna" war exzellent gespielt.
    Ich bin ja nicht nah am Wasser gebaut, aber der Film hat mich sehr beruehrt. Das lag uebrigens auch an der Musik im Film.

    Was man dann nicht machen sollte, ist, sich bei Wiki ueber das Buch zu erkundigen - man ærgert sich, es nicht gelesen zu haben und vermutet, dass der Film im Vergleich zum Buch um einiges schlechter sein muss...

    Gruss, muheijo
     
  3. Conzaliss

    Conzaliss Mitglied

    Der Film hat mir auch sehr gefallen...
     
  4. huski

    huski Gesperrt

    Valhalla Rising

    Nicht umsonst mein Profilbild.
    Der Regisseur (Nicolas Winding Refn) war mir schon von der Filmbiografie
    Michael Gordon Peterson's aka. "Charles Bronson" bekannt.
    Dieser Film hielt m.M. nach nicht ganz was er versprach aber VR hatte es dafür umso mehr in sich. Es ist schwierig den Film zu kategorisieren und viele schauen ihn sich gar nicht erst an, da sie ein schlecht gemachtes Hackebeil-Kostümkino im Wikingerlook vermuten aber dem ist nicht so.
    Wenn auch nicht im klassischen Sinn Independent, so bewegt sich VR doch auf einer Ebene weit abseits des Hollywood Kommerzes und schlägt am ehesten noch eine Gangart á la "Das siebente Siegel" von Ingmar Bergman ein. Zu sehen ist ein Endzeitdrama, eine Dystopie par exellence.
    Der Untergang findet jedoch nicht dort draußen statt, sondern in den Köpfen bzw. den Seelen und dem Verstand der Protagonisten. Der Hauptdarsteller,
    im Verlauf des Films nur als "Einauge" benannt, ist dabei Katalysator, Projektionsfläche und Strippenzieher zugleich. Seine Visionen sind
    (Natur-)Gesetz und niemand, auch nicht er selbst vermag ihnen zu entgehen.
    Was folgt ist das Psychogramm menschlicher Abgründe in Körper (sehr brutal das Ganze) und Geist.
    Fazit: die Angst vor dem Weltuntergang am Tage X ist unbegründet.
    Sie stirbt und verwelkt jede einzelne Sekunde unseres Lebens nur um kurz darauf wieder neugeboren zu werden. Die Gefahr dabei mit unter zu gehen ist groß und immanent, auch abseits mythischer oder religiöser Wahnvorstellungen. In diesem Sinne... happy Ragnarok!

    Habe gerade gesehen, dass der Film hier schon angesprochen wurde... sorry!
    Aber vll. hat meine Kurzrezension ja trotzdem gefallen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. August 2012
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Die Nonne" 2013 (Guillaume Nicloux)

    Dieser Film von Guillaume Nicloux hält sich überwiegend an die Handlung des Klassikers von Denis Diderot. Es wird kaum etwas aufgebauscht und was noch wohltuender ist, aus Suzanne (Pauline Etienne) wird keine moderne Person des Jahres 2013 gemacht. Die Handlung des Films spielt wie im Roman ziemlich genau vor 250 Jahren und somit in den 1760ern. Suzanne wird, was damals offenbar ein übliches Verfahren war, von ihren Eltern in ein Kloster verfrachtet, da die Gelder, die ihr Vater für seine Töchter aufwenden kann, überwiegend für die Mitgiften seiner beiden anderen Töchter aufgebraucht wurden. Im Kloster fühlt sich Szuanne von Anfang an unwohl, auch wenn die Vorsteherin Madame de Moni (Francoise Lebrun) alles darein setzt, sie für das Dasein als Nonne zu gewinnen. Nachdem sie einmal dem Gelöbnis, Nonne zu werden, widersprochen hat, kommt sie wieder nach Hause und wird dort von ihrer Mutter (Martina Gedeck) dazu bewogen, sich doch endlich in ihr Schicksal zu fügen, weil sie nicht die leibliche Tochter von Mr. Simonin (Gilles Cohen) sei. Als sie sich nach einer Ohnmacht im Krankensaal wiederfindet, wird Suzanne damit konfrontiert, dass sie inzwischen Nonne geworden sei (offenbar gegen ihren Willen und ohne ihr Bewusstsein, damit man sich nicht erneut blamieren würde) und dass Madame de Moni gestorben sei. Stattdessen führt nun Äbtissin Christine (Louise Bourgoin) das Regiment, welche sich durch Strenge in der Auslegung der Ordensregeln auszeichnet. Um Suzanne gefügig zu machen, wird sie letztlich so brutal behandelt, dass sogar die Kirchenführung einschreitet und die Mutter Oberin zurechtweist. Statt von ihrem Los befreit zu werden, was Suzanne über einen Anwalt (François Négret) versucht hatte, wird sie immerhin in ein anderes Kloster, nämlich das von Mutter Saint-Eutrope (Isabelle Huppert) überführt. Anfänglich scheint das Leben dort sehr harmonisch und angenehm bis Szuanne feststellen muss, dass sich die Liebe der Mutter Oberin zu ihr zu einer wahnsinnigen Obsession entwickelt hat. Schließlich wird Suzanne von ihrem Anwalt Mr. Manouri im Auftrag des Baron de Lasson (Lou Castel) befreit. Im Schloss des Barons begegnet sie dem Marquis de Croismare (Pierre Nisse), um von ihm zu erfahren, dass ihr echter Vater, der Baron, in der Nacht, während sie schlief, gestorben ist.

    Die Verfilmung hat zwei Hauptabweichungen vom Roman. So erscheint hier die Rolle des Marquis de Croismare als die einer unbeteiligten Nebenfigur, die nur zufällig von dem Schicksal von Suzanne erfährt, während er im Roman vorwiegend ein guter Mensch ist, der eine wesentliche Rolle gegen Ende des Romans spielt. Mich erstaunte auch die positive Grundstimmung zum Schluss...

    Insgesamt muss ich zugeben, dass mich diese französisch-deutsch-belgische Koproduktion angenehm überrascht hat. Für die Langatmigkeit des Stoffes kann der Film ja nichts und es spannender zu machen, hätte das Thema vollkommen verdorben. In der Hinsicht ist das Drehbuch einen konsequenten Weg gegangen - ungefähr so konsequent wie Diderot. Liebte Diderot in seinen übrigen Werken das Stilmittel der Abschweifung, liebte er es, den Leser gänzlich zu verwirren und unsicher zu machen, was denn an dem, was er gerade las, wahr sein sollte, so war hier in "La Religieuse" konsequent ein gegenteiliger Weg eingeschlagen worden. Statt kunstvoller Sprüng hin und zurück, galanter Geplänkel, wird in diesem Roman eine Handlung erzählt, die in groben Zügen unzählige Male vorgekommen sein wird. Der Film und der Roman sind keine platte Kirchenkritik. Nein, es ist eine Kritik an der Gesellschaftsordnung, welche die Menschen in diesen Bahnen wie Mr. Simonin denken ließ. Aber es wird eben auch gezeigt, dass das Schicksal der Nonnen ganz entscheidend davon abhing, wer an die leitende Stelle gesetzt wurde.
    Ist es ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben? Ja, vielleicht. Aber Film und Roman gehen darüber hinaus und regen an, darüber nachzudenken, welchen Weg man wohl selber anstelle von Suzanne gegangen wäre.

    Sehr gut gefielen mir die Drehorte, die Räumlichkeiten. Es wurde sehr geschickt gefilmt, dass man kaum wahrnehmen konnte, dass die Klosteranlage bspw. in Deutschland steht, denn man sah in den Außenaufnahmen nicht viel davon. (Weitaus ungeschickter verhielt man sich ja bspw. in "Goethe!".)
    Für die Kostüme wurde diesmal wirklich Geld ausgegeben, denn alle Kleider schienen mir nicht wie sonst in vielen europ. Produktionen aus der Mottenkiste geholt, sondern extra für den Film gemacht. Es war gut erkennbar, dass die Handlung in den 1760ern in Frankreich spielen sollte (kleingemusterte Seidenstoffe bspw.). Einzig die Frisuren fand ich ein bisschen daneben. Gerade bei den Geistlichen ist ja durch unzählige Quellen bekannt, dass sie eben keine Zöpfe mit Schleifen hatten. Einfach mal in die Encyclopédie schauen und die Tafeln betrachten, die zu Geistlichen zu finden sind! Na, die Zigarre von Mr. Simonin hat mich auch ein bisschen irritiert.
    Die größten Fauxpas waren eindeutig in der Requisite, wenn sowas wie Kissen oder auch Tassen zum Einsatz kamen, die teilweise einfach modern aussahen und in einem seltsamen Kontrast zu den schönen Möbeln, Wandbehängen, Instrumenten und Räumen standen.
    Trotz einiger Verrisse wegen der Schauspielerriege, fand ich diese garnicht so verkehrt. Die Hauptrolle wurde zielsicher mit einer exzellenten Nachwuchsdarstellerin besetzt, der man ihre Rolle abnehmen konnte. Einzig Martina Gedeck fand ich etwas arg blass.

    Insgesamt ein erstaunlich gut gemachter Film. Hm, 8 vergossene Tränen. :grübel:
    Auf jeden Fall was für Leute, die Filme mit Tiefgang mögen UND: bitte unbedingt im Kino anschauen!
     
  6. Iceman

    Iceman Mitglied

    Steiner: Das eiserne Kreuz

    Ich habe diesen Film zufällig auf YouTube entdeckt und ihm mir einfach mal angesehen.
    Ich finde ihn richtig gut, nur er erinnerte mich irgendwie an
    ,,Im Westen nichts neues" bzw. seine Hauptfigur Steiner erinnerte
    mich an Kat und Stransky sein Vorgesetzter an Himmelsstoß.
    Den guten Eindruck wurde nur selten getrübt, z.B. als
    F4U Corsairs angriffen. Lag wohl an der mangelnden Verfügbarkeit
    russischer Flugzeuge. Als einer von Steiners Trupp eine Russin (Soldatin)
    zwingen will ihm einen zu blasen beißt sie ihm den Penis ab, meiner
    Meinung nach recht übertrieben.

    Steiner ist das Bild des typischen Frontsoldaten, der im Feld nur noch
    an seine Kameraden denkt und nicht für den Führer oder Großdeutschland kämpft.

    9/10
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Die Geliebten Schwestern" 2014

    Dominik Graf: "Die Geliebten Schwestern" 2014

    Die Story ist die einer Dreiecksbeziehung zwischen Schiller (Florian Stetter) und den beiden Schwestern Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) und Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung). Schiller lernt zuerst Charlotte in Weimar und dann 1788 auch ihre verheiratete Schwester in Rudolstadt kennen. Das von Schiller beabsichtige und von den beiden Schwestern regelrecht minutiös geplante Leben zu dritt klappt nicht, auch nach der Vermählung des jungen Jenaer Professors nicht. Zwischendrin in dem zusehends mehr vom Streit zwischen den beiden Schwestern dominierten Film kommen ein paar Themen nebenher vor, die aber nur gestreift werden (der angeblich so strenge Hof in Weimar, die Franz. Rev.). Der Film endet kurz vor Schillers Tod.

    Von der historischen Realität bleibt nicht viel übrig. Das geht von der großen Geschichte bis hin zu biographischen Details. So ist ganz Rudolstadt angeblich hin und weg, als Goethe auf Schiller trifft. In Wahrheit war der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt damals 80 und interessierte sich fast ausschließlich für Pferde und Malerei seiner Jugend. Der kunstsinnige-moderne Fürst war dann vor allem sein Enkel Ludwig Friedrich II., der aber erst ab 1793 regierte. Schillers Antrittsrede zur Universalgeschichte wurde im Mai 1789 gehalten. Im Publikum sieht man aber schon Studenten mit der blau-weiß-roten Kokarde, die erst nach dem 14. Juli 1789 aufkam. Die historische Funktion von Wilhelm von Wollzogen kommt garnicht vor. Statt als wirklich bedeutender Staatsmann und Legationsrat wird er als irgendwie arbeitsloser herumlungernder Typ geschildert, der halt das tut, was Schiller von ihm verlangt.

    Gedreht wurde oft in Rudolstadt. Wer die Heidecksburg kennt, wird aber davon eher verwirrt, wenn eine Szene eindeutig dort aufgenommen wurde, aber eigentlich in Weimar spielen soll. Ein Problem war sicherlich, dass die Weimarer Residenz nach dem Großbrand 1788 ganz anders ausgesehen hat als heute und die meisten Innenräume nicht zu der Handlung passen würden. Am seltsamsten wohl der große Festsaal auf der Heidecksburg, der als Hörsaal (für Jena) verwendet wird, aber vom Bildprogramm der Ausmalung her überhaupt nicht dazu passt.

    Was mir ganz gut gefallen hat, war dass es keine Klischee-Adligen gab. Die Lengefelds wohnen bei Herrn von Beulwitz etwas arg prächtig. Aber immerhin wurden die Bedeutung des Herrn von Lengefeld als Oberlandjägermeister und seine Publikationen erwähnt.

    Die Kostüme sind so lala. Mal geht es, mal ist es schlechter. Wenn die Dienstmädchen Kleider des späten 19.Jh. tragen wirkt es im Vergleich zu den Dienern mit Kleidung der 1760er seltsam. Immerhin hat man sicher aber bei Casten einiger Darsteller Mühe gegeben, so dass die der Charlotte und Caroline doch zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit den hist. Personen haben.

    Ein Hauptmanko ist aber das Drehbuch. Der Film hat vor allem ab dem 2. Drittel enorme Längen. Die Handlung im Jahre 1788/89 ist noch recht spannend. Aber so länger sich die teilweise wohl fiktive Beziehung der drei zieht, wird es einem leid, das immer erneute Auswellen der Gefühle von Eifersucht, Liebe, Verbundenheit der Schwestern etc. zu erfahren - manchmal fragt man sich: haben die keine anderen Probleme? Aus dem Hof bei Weimar und dem in Rudolstadt, die nur in den Dialogen erwähnt werden, hätte man mehr machen können und wohl auch müssen. Das Verzweifeln an den Zwängen des Hoflebens erscheint dadurch eher fahl und auch ein bisschen unglaubwürdig, weil selbst Herr von Beulwitz und Frau von Stein als Repräsentanten der Hofgesellschaft Weimars bzw. Rudolstadts garnicht so arg steif vorkommen.

    Das schönste sind die Szenen an der Saale und diejenigen, wo einfach nur die Briefe zwischen den Schwestern und Schiller vorkommen. Da kommt Schwung rein und man verspürt etwas von der Sommerhitze damals im denkwürdigen Sommer 1788, als Schiller ins schöne Rudolstadt kam, das er so lieben lernen sollte.

    6 von 10 Wehmutstropfen.
     
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  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    „Les Lignes de Wellington“ (2012)

    Valeria Sarmento: „Les Lignes de Wellington“ (Portugal/Frankreich 2012).

    Ich könnte mich nicht entsinnen, dass der Film hier in den Kinos angelaufen wäre, vom Aufwand erinnert er auch eher an eine TV-Serie (vergleichbar mit „Sharpe“ nur halt unwitzig und ohne Sean Bean und ohne Fantasyelemente).

    Die Handlung ist rasch erzählt. Ohne viele Schnörkel oder eine komplizierte Verquickung der Charaktere wird der Weg von einer fast unüberschaubaren Anzahl von Personen von der Schlacht von Busaco bis zu den Linien von Torres Vedras nachgezeichnet. Erstens ein religiöser, etwas simpel gestrickter Sergeant der Cazadores. Dann zweitens sein Leutnant, der bei Busaco verwundet wurde und sich zusammen mit Deserteuren durchschlägt. Drittens ein britischer Major, der ein Vorgesetzter der beiden ist. Viertens ein Zivilist, ein Edelmann, der auf der Suche nach seiner Frau ist, die ihm ein Offizier ausgespannt hat. Dann Fünftens eine junge Engländerin, die sich offenbar an alles ranmacht, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Schließlich noch Wellington, sein Maler und ein, zwei kaum sprechende Charaktere der Gegenseite wie ein gewisser Octave de Segur, der gegen Ende Selbstmord begeht.

    Hauptsächlich wird das Leid der portugiesischen Zivilbevölkerung angesprochen.
    Die besten Szenen sind aber für mich die gewesen, wo einfach wie auf Darstellungen Goyas und anderer Zeitgenossen Tote auf den Straßen rumliegen, die man zurückgelassen hatte, da keiner gekommen war, um sie zu verscharren.

    Es geht um keine Action sondern vielmehr um eine Art Bilderbogen über einige Wochen im Jahr 1810. Immer wieder geht die Handlung auf Abwege, erzählt aus Retrospektiven ausgedehnt den Lebensweg einzelner Charaktere, die nur ganz kurz vorkommen. Die oftmals enorm simpel gestrickten Dialoge erinnern an Erckmann/Chatrians Erzählstil in „Ein Soldat von 1813“, sollen wohl realistisch wirken (so wenn der Sergeant die Franzosen immer „Jakobiner“ nennt und das mit großer Verachtung tut), doch ermüdet dies auf schließlich ca. 150 Minuten.

    Um Zuschauer scheinbar zu ziehen wurden für kleine bis winzige Rollen einige internationale Stars zusammen getrommelt: John Malkovich als Wellington (wer wohl auf die Besetzung gekommen ist?), Vincent Pérez, Catherine Deneuve, Michel Piccoli und Isabelle Huppert. Allerdings wirken einige von ihnen ein wenig unmotiviert. Manchmal frage ich mich auch, ob es nicht auch der Film ist. Als zweite Ingredienz zum „Erfolg“ hat man ein paar Rifles durchs Bild huschen lassen.

    Und hier beginnt das Hauptmanko. Man will was basteln, was nach Historienfilm ausschaut und hat einfach keine Kohle. Obendrein wurde schlecht recherchiert, wenn bspw. Infanteristen Kanonen bedienen. Aber wenn ein Marschall von Frankreich an der Spitze von 20-30 Soldatchen (die gesamte Armee besteht NUR aus franz. Grenadieren! =)) rumreitet und diese nichtmal in irgendeiner Szene irgendeine Formation einhalten können, dann wirkt das einfach nur peinlich. Ebenso unmotiviert erscheinen die wenigen Gefechte. Da laufen ein paar Franzosen mit einem Pseudo-Kaiseradler (dass oben sowas wie ein Adler auf dem Fähnchen druff ist, ist alles, was an einen erinnert) eine Straße runter, treffen auf ebenso rumtrottende Briten, es gibt ein bisschen Piff, ein bisschen Paff und das wars. Kein Offizier versucht mal sowas wie eine Linie oder einen Plänklerschwarm zu bilden, nichts von Taktik der Zeit ist zu sehen. Wie typisch für solche Filme ist eine - ähm, wie soll man das nennen - „Einheit“ oder sowas, die von einem britischen Major kommandiert wird. Sie besteht aus vielleicht 15 Rifles, ebensovielen Cazadores, 20-30 brit. Linieninfanteristen und eine Handvoll portugiesischer Linieninfanteristen, die irgendwie durch Portugal latschen. In einer Szene faselt der Major was von einem zweiten Bataillon, das er so und so einsetzen möchte. Da es scheinbar britische Feldflaschen im Sonderangebot gab=), wurden diese auch den irgendwie unwillig ausgestatteten französischen Soldaten verpasst (also auf ein paar hundert Meter sieht es nicht so schlimm aus).

    Schön ist die typisch portugiesische Landschaft (man denke an die Hornblower-Folge, die in der Bretagne spielen sollte, wo es nach Spanien ausschaute) und dass die Vertreter der verschiedenen Seiten jeweils ihre Sprachen sprechen (also Engländer Englisch, Franzosen Franzsösisch etc.).

    Insgesamt ein Film, der trotz der vielen positiven Kritiken, die er bekommen hat, als ebenso staubig zu bezeichnen ist wie die Klamotten der Darsteller. Die Szene am Ende, wo der port. Adlige, dessen im Film zusehends abnehmende Hausstand, der von seinem Diener mitgeführt wird, eines der wenigen netten Details ist, frustriert und wortlos auf seinen verwüsteten Besitz zurückkehrt, ist eine der besten des Films.

    Hm, vielleicht 5 von 10 nicht verschossenen Kugeln. Langweilig. Kann man anschauen, muss man aber nicht.
     
  9. Monika

    Monika Gesperrt

    Mich hat der Film ebenfalls sehr berührt. Die ganze (fiktive) Geschichte ging mir auch sehr unter die Haut.

    Ich habe mir den Film "Agora" rausgesucht. Den werde ich mir mal wieder anschauen (lange nicht mehr im Player gehabt). Dann werde ich mich zu den Film äußern, was mir z. Zt. nicht gelegen ist, weil ich ihn nicht mehr so gut in Erinnerung habe.
     
  10. Monika

    Monika Gesperrt

    Rasputin

    Regisseur: Uli Edel
    Prod.-Land: USA/Ungarn
    Prod.-Jahr: 1996
    Länge: ca. 100 mins
    Darsteller:
    Alan Rickman: Rasputin
    Greta Scacchi: Zarin Alexandra Fjodorowna
    Ian McKellen: Zar Nikolaus II
    David Warner: Dr. Botkin
    John Wood: Premierminister Stolypin
    James Frain: Prinz Felix Jussupow
    Ian Hogg: Purischkewitsch
    Sheila Ruskin: Prinzessin Marisa
    Peter Jeffrey: Bischof Hermogones
    Freddie Findlay: Zarewitsch Alexei Nikolajewitsch
    Julian Curry: Dr. Lazovert

    Inhalt:

    Dem sibireischen Mönch Grigorji Rasputin erscheint die heilige Jungfrau Maria und weist ihn nach St. Petersburg zu gehen. Dort ist die seltsame Erscheinung bald Stadtgespräch, zumal Rasputin über ungewöhnliche Heilkünste verfügt..
    Er wird zum Zarenhog gerufen, um den an der Bluter-Krankheit leidenden Jungen Thronfolger zu helfen. Da sich der Junge rasch erholt, genießt Rasputin bald das Vertrauen der Zarin - trotz seines ausschweifenden Lebenswandels. Dadurch macht sich der Mönch aber auch viele Feinde.
    (Quelle: Cover)

    Meine Meinung:

    Meines Erachtens - so wie ich über Rasputin gelesen habe - hat sich Uli Edel gut an historische Fakten gehalten. Natürlich hat er einiges "übersprungen" (z.B. seine früheren Jahre in seinem Heimatdorf Pokrowskoje) oder gar einige historische Begebenheiten vorgezogen.

    Was im Filmablauf einem hier geboten wird, beeindruckt mich wirklich. Ich finde dieses Werk i-wie gelungen. Doch bei einige Szenen frage ich mich, ob diese tatsächlich so abgelaufen sind, wie in sexueller Hinsicht dargestellt werden, z.B. zeigen seiner Genitalien? Ich kann mir ja vorstellen, das diese Begebenheit nicht mehr nachzuweisen sind lt. einer Quelle :schau:
    Er galt oder gilt noch immer als ein notorischer "Draufgänger", der sich nahm was er begehrte, aber...

    Das mit der Marienerscheinung soll er ja angeblich erlebt haben - und nicht nur einmal.
    Auch das der Knabe nicht nur an dem Blutleiden gelitten hat, sondern auch - wie im Film gezeigt - sein Bein anschwoll. Das soll sich der Junge bei einem Unfall zugezogen haben, was aber im Film nicht erwähnt wird.

    Natürlich sehe ich es für (fast) unmöglich, seinen ganzen Lebensablauf im Film darzustellen. Das hätte wohl Ausmaße angenommen.

    Zum Abschluss möchte ich sagen, dass mich der Film echt beeindruckt hat und vergebe
    8/10 Punkten für das Werk.

    LG Monika :winke:
     
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Love & Friendship" (2016)

    "Love & Friendship" (2016) Whit Stillman

    Handlung
    Die langsam in die Jahre kommende berühmte Verführerin Lady Susan (Kate Beckinsale) muss Langford räumen und reist zu ihren Verwandten auf das kleine Gut Churchill. Denn Lady Susan hat das ganze Vermögen ihres eben verstorbenen Gatten durchgebracht und folglich kein Heim. Ihre einzige Hoffnung ist es eine gute Partie zu machen und ihre Tochter Frederica (Morfydd Clark) möglichst gewinnträchtig zu vermählen. Das liebe Töchterlein, welches möglichst abgeschoben wird - erinnert sie doch ihre Mutter nicht zuletzt an ihr eigenes Alter - schafft es aber immer wieder die Pläne ihrer raffinierten Mutter zu durchkreuzen, welche die jungen Männer scharenweise um den Finger zu wickeln versteht. Dummerweise ist der von Lady Susan für ihre Tochter ausgewählte Sir James Martin (Tom Bennett) so ziemlich der trotteligste Typ, den man sich vorstellen kann, weshalb Frederica rasch in der Familie der Vernons in Churchill und der de Courcys Verständnis und Unterstützung bei der Durchkreuzung von Lady Susans Plänen erhält. Lady Susan selbst gerät nachdem sie lange auf ihre Verstellungskünste gegenüber den jungen de Courcy (Xavier Samuel) setzen konnte langsam ins Straucheln als sich ihre Verwandten auch nach London begeben, wo sie immernoch um Lord Manwaring kämpft...

    "Lady Susan" ist ein Briefroman, der hier unter dem Titel "Love & Friendship" verfilmt wurde. Man mag sich fragen, was "Friendship" hier in dem Film für eine Rolle spielt, außer vielleicht das Verhältnis von Lady Susan zur Amerikanerin Mrs. Johnson (Chloë Sevigny), die ihre intimste Komplizin zu sein scheint. Anders als in anderen Romanverfilmungen nach Jane Austen stehen hier weder große Bälle (wie in "Pride & Prejudice" (1995), "Emma" (1996)) noch Jagden oder ähnliches im Mittelpunkt, sondern es ist eher ein Kammerspiel, der voll auf die Dialoge setzt. Schon in "Emma" (1996) brillierte Kate Beckinsale als Hauptfigur einer Jane-Austen-Verfilmung als bitterböse Intrigantin, welche Ehen stiften will und einiges Porzellan dabei zerschlägt. Ich selber fand die Aneinanderreihung von scharfzüngigen Rededuellen und den trotteligen Bemerkungen von Sir James Martin auf die Dauer etwas ermüdend. Doch wahrscheinlich war die Verfilmung schon sehr im Sinne Jane Austens.

    Auf der Negativseite stehen hier überwiegend die Kostüme, die offenbar den meisten Darstellern und Darstellerinnen garnicht passten. Die Hosen sind zu weit (fast wie Pluderhosen), die Roben werfen hässliche Falten am Rücken. Die Damenkleider passen garnicht zu den Herrensachen, die in den 1790ern bis ca. 1800 angesiedelt sind, während die Damen selbst die angeblich reichen und modebewussten ausschauen, als ob sie in die Mottenkiste gegriffen haben. Die Roben, die eher nach um 1780 aussehen passen oftmals garnicht zu den Frisuren. Das Geschirr ist ebenfalls völlig unpassend, hier eher ab spätem 19.Jh.. Im Gegensatz dazu stehen wunderbare Bauten, sowohl was die Innenräume als auch die Parks etc. anbelangt und ein beeindruckender Fuhrpark an Kutschen.

    Exzellent allerdings ist die Besetzung. Als Star am Rande hat (beinahe nur einen Cameoauftritt) auch Stephen Fry eine Rolle in diesem gut aufgelegten Ensemble gefunden. Auch Xavier Samuel hat mir als durchaus intelligenter aber auch leicht manipulierbarer junger Mann gut gefallen. Kate Beckinsale hat es prima geschafft nun auch als reifere Dame der Großen Welt Fuß zu fassen und vermag dies genauso gut wie als junge Schönheit auf dem Land.

    Wer Jane Austen mag, sollte sich den Film anschauen. Wer eher auf Action steht, wird ihn dröge finden und nach einer halben Stunde einschlafen.

    7 von 10 Spitzen.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Tulpenfieber" 2017 (Regie: Justin Chatwick)

    Niederlande 17.Jh., Sophia (Alicia Vikander) ist eine Waise, die von dem reichen Amsterdamer Kaufmann Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) geheiratet wird, v.a. um ihm einen ersehnten Stammhalter zu schenken. Doch nach Jahren der Ehe stellen sich immer noch keine Kinder ein. Sandvoort und Sophia sind gleichermaßen frustriert. Sie weil sie keine Erfüllung in ihrer Ehe mit Sandvoort empfindet, er weil er keinen Nachwuchs bekommt. Schließlich setzt sich Sandvoort in den Kopf, dass er ein Doppelporträt von sich und seiner Gattin haben will, damit überhaupt irgendetwas von ihm überdauert. Dazu beauftragt er den Maler Jan van Loos (Dane deHaan), der sich rasch in Frau Sandvoort verliebt.
    Derweil wird die Magd der Kaufleute Sandvoort, Maria (Holliday Grainger), vom Fischhändler William (Jack O’Connell) geschwängert, den es an Bord eines Ostindienfahrers nach Afrika verschlägt. Durch Sophias Liebe zu van Loos und Marias Schwangerschaft sind nun beide Frauen in einer Zwickmühle, woraus sie sich nur durch einen komplizierten Plan herauszuwinden suchen.
    Unterdessen kommt auch der Tulpenmarkt immer mal wieder vor, da William und dann van Loos in kostbare, seltene Tulpen investieren...

    Was mir sehr gut gefallen hat, waren die Kostüme. Die fand ich sogar noch besser als in "Das Mädchen mit dem Perlenohring", v.a. da man sich bei den Männerkostümen auch noch ein bisschen mehr Mühe gegeben hat. Die Männer tragen fast immer Hüte, was immer ein Qualitätskriterium ist. Die Straßen von Amsterdam wirken wirklich stets herrlich überfüllt, ganz so wie man es sich anhand zeitgenössischer Beschreibungen vorstellt. Wie in "Das Mädchen mit den Perlenohringen" empfindet man die Enge dieser Straßen, das Bedrückende, wenn alle unter einem Dach wohnen und die Herrschaft gleichsam die Bediensteten wie die Bediensteten ihre Herrschaft überwacht.
    Das pulsierende Leben in Amsterdam wurde schon sehr gut eingefangen.
    Sehr gut fand ich, dass überall geraucht und gesoffen wurde.

    Was mir weniger gefiel, sind einige Logikfehler. Sophia ist Katholikin im Amsterdam zur Zeit des 80-jährigen Krieges gegen die katholischen spanischen Herren. Das wird komischerweise nirgends aufgeworfen. Auch warum das Kloster so hoch geachtet ist, kommt nicht vor. Der Haushalt von Sandvoort mit nur einer Magd, wo sich scheinbar die Herrschaft an Marias freiem Tag im Monat selbst behelfen muss, scheint doch arg reduziert. Auf der einen Seite soll Sandvoort unglaublich reich sein, auf der anderen Seite lebt er mit weniger Gesinde als ein erfolgreicher Handwerker seiner Zeit. Scheinbar hätte mit mehr Dienstboten die Story (Verschwörung Marias mit Sophia) nicht geklappt und darin muss man den Grund dafür suchen. "Moderne" Waschbretter und dergleichen ebenso wie die Beleuchtungsorgien v.a. in den Wirtshäusern sind gewohnte Missgriffe, die zu verzeihen sind, da sie heute üblich sind im Film und wohl den Sehgewohnheiten entsprechen. Die Gemälde von van Loos wirken mir zu modern von der Pinselführung her. Außerdem schaut Frau Sandvoort irgendwie zu braun gebrannt aus um dem damaligen Ideal in den Niederlanden zu entsprechen, obwohl sie im Film immer als schöne Frau bezeichnet wird. Die Magd wäre sicherlich eher die braungebrannte, die Dame die hellhäutige, da sich Damen der Sonne weniger aussetzen (müssen).

    Da der Film ohne viel Gewalt oder Hufgetrappel auskommen muss, gibt es etwas mehr Sex, als man normalerweise erwarten würde. Ich fand diese Szene, als S. Johansson in "Das Mädchen mit den Perlenohringen" deutlich erotischer, als das laufende Rumgerekel hier im Streifen.

    Die Schauspieler fand ich durchweg passabel. Insbesondere der unterkühlte Sandvoort und der lebenslustige und ewig betrunkene Gerrit (Zach Galifianakis), schienen mir schön gespielt. Ich hätte mir noch so einen Charakter wie die kluge, zupackende Köchin in "Das Mädchen mit dem Perlenohring" gewünscht, auch wenn die Äbtissin (Judi Dench) eine ähnliche Funktion übernahm.

    Ein schöner Film. Sicher was für Frauen, aber auch ein Muss für Fans des 17. Jahrhunderts. 8 von 10 Tulpen.
     
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  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da eigentlich ein neuer Film, verlinke ich hier der Vollständigkeit halber meine Kritik zu "Maria Theresia" Ö/CZ (2017), die ich in einem anderen Thread untergebracht habe: Spielfilme angesiedelt im 18.Jh.

    Der Film wurde ja stark beworben und außerhalb Österreichs mit einer ungarisch-slowakisch-tschechisch-österreichischen Besetzung gedreht. Der Standart hat einige etwas - hm - das Thema verfehlende Kritiken online gestellt: Zweiteiler "Maria Theresia" im ORF: Geschichte mit Dekolletés
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Licht (2017) Barbara Albert (Regie)

    Die junge Klaviervirtuosin Maria Theresia Paradis (Maria Dragus) leidet seit Jahren fast mehr als unter ihrer Erblindung und Krankheit unter den Behandlungsmethoden der Ärzte. Ihre Eltern bringen sie zu Mesmer (Devid Striesow), der sie durch seine Magnetismus-Behandlung heilen will. Tatsächlich erreicht er ein paar Fortschritte, doch mit der zunehmenden Sehkraft nimmt ihre Fähigkeit am Klavier ab. Schließlich befürchtet Herr Paradis (Lukas Miko) den Verlust einer kaiserlichen Pension und daher entzieht er seine Tochter wieder dem Arzt. Diese hatte sich mit Mesmers Magd Agnes (Maresi Riegner) angefreundet, scheinbar ihre erste echte Freundin, da ihre vorigen Freundinnen vorrangig wegen der Sensationslust bei ihr blieben. Agnes wird offensichtlich von einem Vertrauten Mesmers geschwängert und muss verachtet wie sie nun ist den Haushalt verlassen. Maria Theresia Paradis aber wird später wieder völlig blind und tritt eine Konzertreise an, wobei sie erneut brilliert.

    Der Film lebt ganz intensiv vom Schauspiel der Hauptdarstellerin, die es regelrecht atemberaubend schafft sowohl die Blindheit der Pianistin als auch ihre Liebe für die Musik und die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch wieder zu sehen und als Klavierspielerin Anerkennung zu finden darzustellen. Aber auch Striesow und Miko wissen zu überzeugen.

    Ein großes Manko sind die überwiegend miserablen Kostüme. Vieles sieht nach Altkleidermarkt aus, v.a. der Mesmer, der sich wohl mit einem solchen Hemd nicht tot über den Zaun gehängt hätte - die Auszeichnung mit dem Österr. Filmpreis fürs beste Kostüm ist mal wieder bezeichnend, dass da offenbar kein Gespür herrscht. Die Kleidung der Dienstboten ist überwiegend schlichtweg "no period" - nach dem Motto: Hauptsache schäbig. Im krassen Gegensatz dazu sind die Perücken und die Schminke ausgezeichnet. Man fragt sich, ob da alles Geld hinein investiert wurde.

    Der Film weiß durchaus zu fesseln und drückt keineswegs auf Tränendrüsen. Die Musik ist allgegenwärtig und genauso scheint der Film vom Anfang bis Ende durchkomponiert. Die großartigen Innenräume und auch der schöne Park tragen zu einer unwahrscheinlichen Atmosphäre bei, wie ich sie zuletzt in "Die Nonne" erlebt habe.

    Schönes Kino trotz der Abstriche. Unbedingt sehenswert. 8 Punkte.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Meine Lebensgefährtin und ich haben gestern Das schweigende Klassenzimmer gesehen, ein Film, der auf einem Buch eines der Protagonisten basiert, worin es um eine Abiturklasse geht, die sich mit den aufständischen Ungarn solidarisierte und zwei Schweigeminuten abhielt und damit den Staat dermaßen provozierte, dass dieser der gesamten Klasse das Recht auf das Abitur absprach und somit den Großteil der Klasse zur Flucht in den Westen (in Berlin war die Grenze ja noch offen) zwang. Ich gehe davon aus, dass sich der Titel durchaus mit Absicht an Kästners Jugendroman anlehnt.
    Der Film zeigt dabei die Unzufriedenheit der Jugendlichen, konfrontiert sie aber auch mit der ihrer Antagonisten. So provozieren die Jugendlichen etwa sowjetische Besatzungssoldaten, indem sie die in einer Kneipe mit Nüssen bewerfen, und können sich nur knapp der Prügel entziehen, indem sie auf Russisch beteuern, dass es nur ein Scherz gewesen sei, in dem kurzen Dialog macht der 21jährige Sprecher der Sowjetsoldaten den deutschen Jugendlichen klar, dass er auch keinen Bock hat, als Besatzungssoldat in der DDR zu sein und sich mit "Nazikindern" herumzuärgern. Selbst der Volksbildungsminister Fritz Lange, der sich persönlich mit der als unbotmäßig wahrgenommenen Klasse befasst, wir durchaus nicht als Unsympath dargestellt sondern als jemand, der bedingt durch seine Erfahrungen mit den Nazis gezeichnet, kaum anders reagieren kann, als er regiert. Lediglich Kreisschulrätin Kessler (Jördis Triedel, die völlig glaubwürdig im feineren Sowjetchick die kaltherzige Oppositionellenjägerin gibt) und ein Lehrer der Schule, der mutmaßlich Direktor Schwarz' Posten will, sind wirklich durchgängig negative Personen, wobei der Lehrer selbst kaum vorkommt. Ach ja, und da ist natürlich noch der als Altnazi verschriene unsympathische Lehrer für Wehrerziehung.
     
  17. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "The Favourite" 2018 (Regie: Georgios Lanthimos)

    Wir haben es nun doch in "The Favourite" geschafft. Der Ansturm im Kino war so groß, dass der Film extra in einen größeren Saal verlegt wurde, der dann auch ausverkauft war. Scheinbar pushen die 10 Oscar-Nominierungen schon erheblich so einen Film.

    Handlung: Abigail Hill (Emma Stone) kommt an den Hof von Queen Anne (Olivia Colman), wo sie anfangs trotz ihrer Verwandtschaft mit Lady Marlborough (Rachel Weisz) niedere Dienste verrichten muss. Lady Marlborough beherrscht die Königin, obwohl sich diese durch die herrische Art der Lady oft in die Ecke gedrängt und gedemütigt fühlt. Eigentlich neigt die Königin eher den Tories unter der Führung Robert Harleys (Nicholas Hoult) zu, während sie aber von Lady Marlborough gedrängt wird die Whigs um Godolphin (James Smith) zu unterstützen, die für eine Verlängerung des Krieges stimmen. Lord Marlborough (Mark Gatiss) ist ein gefeierter Held, aber Lady Marlborough wäre durchaus bereit ihn zu opfern, wenn es ihren Zielen nützt. Abigail hingegen erobert mit ihrer anfänglich gütigen Art zusehends das Herz der Königin. V.a. dass Abigail sich auch auf praktische Dinge wie die Heilkunde versteht, nutzt ihr bei der immer kranken Königin, die nicht nur an der Gicht leidet, sondern auch durch ihre ungesunde Ernährung stark eingeschränkt ist. Schließlich gelingt es Harley mit Gewalt und Versprechungen Abigail auf seine Seite zu ziehen und Abigail begreift, dass sie nur mit harten Bandagen am Hof weiterkommt und zumindest für den Moment Lady Marlborough außer Gefecht setzen muss. Schließlich erreicht sie alles, die Gunst der Königin und eine Hochzeit mit Harleys Parteigänger Samuel Masham (Joe Alwyn), was ihrer Position bei Hofe nutzt.

    Was hat mir nun an dem Film gefallen? Natürlich bekommen die drei Hauptdarsteller Weisz, Colman und Stone nicht ganz umsonst ihre Oscar-Nominierungen und v.a. Olivia Colman brilliert in ihrer Rolle. Die Einteilung des Films in Kapitel und die 18.Jh.-Schrift bei Vor- und Abspann geben ihm eine besondere Note. Wenn man denkt, dass ein Kammerspiel, welches sich primär um 3 Frauen dreht, etwas arg langweilig ist, hat man nur zum Teil richtig geraten. Auch wenn die Intrigen höchst durchschaubar und keineswegs raffiniert sind, machen doch die Dialoge Spaß und die Rollen sind den Darstellerinnen auf den Leib geschneidert. Bis in alle Winkel wurde das Dilemma der traurigen, kranken Queen Anne durchleuchtet, die nicht nur unter dem Tod der zahlreichen Kinder litt. Die Darstellerin der Lady Marlborough hätte aber gerne auch noch etwas schöner sein können oder überhaupt der Person irgendwie ähneln können. Denn so wie es ist, wirkt sie von vornherein diabolisch und berechnend (vielleicht daher die dunklen Haare - hier die echte: Sarah Churchill, Duchess of Marlborough - Wikipedia )
    Die Dialoge sind geschliffen und m.E. durchweg gelungen. Auch das Drehbuch, bei aller offensichtlicher Freiheit mit Mordanschlägen etc., hält den Zuschauer auf Trab, auch wenn ich den Film dennoch ein wenig überdehnt empfand.
    Ganz drollig die Betonung auf die illustren Freizeitaktivitäten der snobistischen Adligen wie Entenrennen oder sich mit Obst zu beschmeißen.

    Was missfiel mir. Trotz des positiven Gesamteindrucks doch eine ganze Menge.
    Die Kostüme orientieren sich mit ihrem Schwarz-Weiß-Schema stark an "Der Kontrakt des Zeichners". Die Spitzen sind einfach furchtbar, wenn auch vielleicht ein Stilmittel. Die Herrenkleidung wirkt doch sehr pimfig - wir sprechen hier vom Königshof und nicht von einer Versammlung der Gentry. Man sieht praktisch null Stickereien, auch keine Orden etc. an den Herren. Die Justaucorps mit Knöpfen an beiden Vorderkanten ergeben keinen Sinn. Die Waffen etc. sind erkennbar unpassend (grobe Degen an Höflingen, simpelste Jagdgewehre an Lady Marlborough). Auf die Dauer hat's mich einfach nur noch genervt eine Hauptrolle zum x-ten Mal im selben Kleid zu sehen, selbst wenn es ein Stilmittel sein soll, dass Lady Marlborough immernoch im blutbespritzten Jagdjäckchen rumläuft, statt nach Wochen mal ein anderes zu haben.
    Die eingestreuten gewollt witzigen Passagen wie der alberne Tanz von Lady Marlborough mit Mr. Masham fand ich unnötig und ein bisschen nervtötend. Vielleicht sollte ja auch die asiatische Musikerin im Kammermusikensemble auf dem Schlosshof so ein "Witz" sein.
    Die Nebenrollen haben mich teilweise erheblich gestört. So wirkt Godolphin einfach wie ein alter Mann ohne jeglichen Esprit. Noch schlimmer aber Mark Gatiss als Marlborough, der in keiner Minute irgendwie glaubhaft den genialen Taktiker darstellt. Er scheint einfach unbeholfen. Man hätte sich da getrost an John Neville orientieren dürfen ("The First Churchills" 1969). Gatiss wirkt einfach wie ein deplatzierter Komödiant in einer ernsthaften Rolle.
    Die Ausstattung ist durchwachsen. Am unbrauchbarsten fand ich allerdings den Drehort. Beinahe der gesamte Film spielt nur bei Hofe, der in Hatfield House verlegt wurde. Das führt dazu, dass das Schloss vor allem in der Totalen viel zu klein ist. Wer Windsor oder Hampton Court mal gesehen hat, weiß was ich meine. Das schlägt sich dann auch in Szenen nieder wo bspw. die Kutsche offenbar Probleme hat auf dem viel zu kleinen Hof zu wenden. Hätte man erst eine königliche Equipage genommen, wäre es noch gravierender gewesen. Die Räumlichkeiten passen vielleicht zu einem Grafen oder Herzog, aber eben nicht zur Queen. Das gibt dem Film eine regelrecht klaustrophobische Wirkung, wenn ein "Hofball" in eine viel zu kleine Hall gepresst wird. Ein Hofball mit 10-12 Paaren, die tanzen können? Oh no! My goodness.
    Etwas skurril, dass das Familienleben der Marlboroughs vor allem im Gegensatz zu der letztlichen Kinderlosigkeit von Queen Anne garnicht vorkommt.

    Insgesamt ein Film, der gut ist und wohl sehr stark von 3-4 Darstellern lebt, aber auch zahlreiche Schwächen hat. Meiner besseren Hälfte hat er besser als mir gefallen.
    7 von 10 Sticheleien.
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Ein königlicher Tausch" - "L'echange des princesses" 2017 (Regie: Marc Dugain)

    Ich hatte das Vergnügen in "Ein königlicher Tausch" zu gehen und ich muss sagen, der hätte die Oscars von "The Favourite" mindestens genauso wenn nicht noch eher verdient. Ein wirklich toller Film. Jetzt aber wie bei mir gewohnt der Reihe nach.

    Handlung: Der Duc d'Orléans (Olivier Gourmet) legt dem König Louis XV (Igor van Dessel) die Verbindung mit der Infantin von Spanien (Julianne Lepoureau) nahe und dieser stimmt zu. Nun findet der Austausch der Prinzessinnen statt, denn der Regent schickt seine Tochter Louise Elisabeth (Annamaria Vatolomai) nach Spanien um den Kronprinzen Luis (Kacey Mottet Klein) zu ehelichen. Der strenggläubige König Felipe V. (Lambert Wilson) ist über die Schwiegertochter wenig erfreut, denn sie verweigert sich nicht nur dem Leben am spanischen Hof sondern auch ihrem Gemahl. Die Infantin hingegen wird v.a. von der einzigen Person, zu der König Louis ein Zutrauen hatte, Maman Ventadour (Catherine Mouchet) warmherzig empfangen und von Liselotte von der Pfalz (Andréa Ferréol) in die Geheimnisse des Hofes eingeführt. Das kleine Mädchen liebt den König auf Anhieb, der sich ihr gegenüber indifferent verhält, da er nicht weiß, was er mit ihr anfangen soll. Der Duc de Condé (Thomas Mustin) setzt alles daran Einfluss über den König zu erlangen und ihn dazu zu drängen die kleine Infantin wieder heim zu schicken. Durch den Tod des Regenten werden allerdings die Karten neu gemischt. Währenddessen beginnt sich Louise Elisabeth an Don Luis zu gewöhnen, was dadurch begünstigt wird, dass König Felipe auf den Thron verzichtet und Luis König wird und ausnahmsweise Entschlusskraft zeigt, indem er nicht nur die Rückkehr seiner Gemahlin nach Frankreich ablehnt, sondern auch ihre Hofdamen entlässt, die sie verführen wollten. Derweil beginnt in Frankreich der Aufstieg des greisen Kardinals Fleury (Didier Sauvegrain), den der König des Nachts auf seinem Zimmer wünscht, weil er nicht allein schlafen mag. Denn der Maréchal de Villeroy (Patrick Descamps) hat diese Stelle als ständige Begleitung des Königs verloren mit seiner Krönung. Mit dem überraschenden Tod von Luis I. und der zwischenzeitlichen Masernerkrankung der Infantin gerät Louis XV zunehmend unter Druck, denn man hält ihm vor, dass es viel zu lange dauern würde bis die Infantin gebärfähig würde. Schließlich willigt der König ein und die Infantin muss nach Spanien zurückkehren, während auch König Felipe V. die Witwe seines Sohnes nach Frankreich zurück schickt. Felipe weiß, dass die Entscheidung von Louis XV ein unheimlicher Affront war, kann sich aber doch nicht zu einem Krieg gegen Frankreich durchringen, da er die Kriege satt hat.

    Dieser Film ist ein Film der leisen Töne. Es kommt nichttmal das sonst für solche Kammerspiele übliche Hufgetrappel und Rumgeballer, ja nichtmal wirklich Sexszenen vor. Vielleicht weil selbst Louise Elisabeth zum Zeitpunkt der Handlung erst etwa 13 gewesen wäre.
    Das schadet dem Film aber garnicht, denn er schafft es mit geringen Mitteln unglaublich atmosphärisch zu sein, so wenn die Verlorenheit der Kinder wie die des Vollwaisen Louis XV in dem Bett, wo er allein liegt, vorkommt und man sich doch sehr stark in ihn hineinversetzen kann. Der Film hätte wohl auch eine Auszeichnung für bestes Bild oder Kamera verdient, denn die Bilder sind teilweise unglaublich beeindruckend und gelungen, so der Zug auf die Fasaneninsel.
    Sehr gut ist auch überwiegend die Besetzung der Rollen, allen voran Igor van Dessel als Louis XV und Julianne Lepoureau als Infantin, die beide die eigentlichen Stars dieses Films sind. Die beiden treffen einfach exquisit die Vorlagen. Auch Lambert Wilson (der einzige Schauspieler der Riege, der mir was sagte) spielt sehr intensiv und überzeugend. Direkt ungelungen fand ich nur die Interpretation des Regenten, der hier entgegen aller Quellen als ein geradezu asketischer, ruhiger alter Mann auftritt. Sein Esprit und seine Orgien werden anders als in "Que la fête commence" völlig unterschlagen und sein Charakter komplett negiert. Dass Villeroy gemeinhin als ein Trottel galt, kommt hier auch nicht vor. Dem Condé hätte ich doch etwas mehr gewünscht, als nur als ein vulgärer Höfling gezeigt zu werden, der als Permierminister offensichtlich versagt. Madame de Prie wurde völlig unterschlagen.
    Ein Problem war offenbar das niedrige Budget. So wirken die Höfe wirklich pimfig, was aber durch geschicktes Filmen manchmal ausgeglichen wird. Vielleicht als Stilmittel (?) reisen die Prinzessinnen wieder praktisch ohne Entourage wie in "Marie Antoinette" (2006) nur von wenigen Reitern begleitet. Woher dann auf der Fasaneninsel plötzlich all die Höflinge kommen, erfährt man nicht. Auch das Kostümbild, das gemeinhin gelobt wird, leidet natürlich unter dem Budget. So passen manchen Hauptrollen sogar nichtmal ihre Kleider wie dem König sein Justaucorps mit den Samtaufschlägen, die viel zu lang sind, so dass er kaum was anfassen kann (!). Bei den Frisuren wurde zugunsten einer leichteren Unterscheidbarkeit auf historische Akkuratesse verzichtet und so laufen Condé und selbst Louis oft rum wie gerade aus dem Bett aufgestanden...
    Dennoch ist der Film unheimlich gut und er schafft das schwierige Thema und die komplexen Gefühle der Protagonisten ernst zu nehmen. Auch gelingt es ihm die Psyche der Kinder und Jugendlichen realistisch einzufangen. Ganz großes Kino!

    Da ich "Die Nonne" 8 Punkte gegeben habe, eher 9. Sehenswert auch für Jugendliche ab 14!
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. März 2019
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ab morgen kommt "Zwingli" und "Porträt einer jungen Frau in Flammen" hier in Freiburg in die Kinos. Ich hoffe ein bisschen, dass ich es wenigstens in einen der Filme schaffe. "Zwingli" soll in der Schweiz recht erfolgreich gelaufen sein, auch wenn die Kritiken recht mäßig ausfallen.
     
  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Porträt einer jungen Frau in Flammen" 2019 (Regie: Céline Sciamma)

    Da der Film in Cannes "Best Screenplay" abgeräumt hatte, läuft er derzeit ziemlich massiv mit zahlreichen Vorstellungen in Freiburg. Ähnlich wie bei dem Fall, als sich zeigte, dass "The Favourite" bei den Oscars erfolgreich sein würde.

    Handlung:
    Frankreich im 18. Jh. (die Jahreszahl wird im Film nicht erwähnt, andernorts wird 1770 angegeben). Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) erzählt ihren Schülerinnen von einem Erlebnis vor ein paar Jahren, als eine von ihnen ein [m.E. lächerlich schlecht gemaltes] Bild von ihr hervorholt.
    Vor ein paar Jahren kam sie auf eine Insel in der Bretagne. Das Schloss ihrer Auftraggeberin wirkt herruntergekommen und zeigt die Armut der Familie. Es gibt nur eine Dienstbotin, die hübsche Magd Sophie (Luàna Bajrami), welche die Malerin langsam über die dunklen Seiten ihrer Herrschaft aufklärt. Héloïse (Adèle Haenel), die Tochter der Gräfin (Valeria Golino) will nicht gemalt werden, was bereits einen Porträtisten vertrieben hatte. Die Gräfin wünscht aber die Vermählung ihrer Tochter mit einem Mailänder Adligen, da sie die trostlose Bleibe verlassen will und selber aus Mailand stammt. Darum soll Marianne fortan Héloïse insgeheim malen, während sie sich als eine Gesellschafterin ausgibt. Nach 7 Tagen ist das Bild fertig, aber Héloïse und Marianne sind damit unzufrieden. Marianne bekommt von der Gräfin eine letzte Chance während ihrer Abwesenheit die widerspenstige ehemalige Klosterinsassin zu malen. Héloïse hat sich indessen in Marianne verliebt und findet sich dazu bereit Modell zu sitzen. Dafür kostet sie bald ihre Liebe aus. Aber auch Sophie hat ein geheimes Problem von dem die Gräfin auf keinen Fall etwas erfahren darf. Schließlich ist das Porträt fertig und Marianne muss abreisen. Später sieht sie Héloïse bei einem Konzert wieder ohne sie anzusprechen.

    Die Handlung bis auf die Geschichte mit Sophies Schwangerschaft ist leider dermaßen blöd und fühlt sich einfach nicht historisch an, dass man einfach nicht den Film für voll nehmen konnte. Obendrein sind die durchweg modernen Frisuren - Haenel hat durchweg einen Seitenscheitel - und das Fehlen von irgendwelchen Accessoires wie Uhren oder auch Schminke derart störend, dass man die angebliche Handlungszeit nur als eine Art Vorwand empfindet, einen Lesbenfilm zu machen. Als ruhiger Independentfilm über eine lesbische Beziehung geht der Film klar. Etwas ungewohnt die Darstellung einer Insel der Frauen. Denn es tauchen tatsächlich fast keine Männer auf, was den Eindruck vermittelt, die Frauen würden allein auf der Insel wohnen - also nicht nur die durchweg weiblichen Schlossbewohner, sondern auch die durchweg nur durch Frauen repräsentierten einfachen Leute. Aber wie wurde dann Sophie schwanger? Meine Bekannte, die mit im Film war, meinte, man müsse sich einfach aus dem Kopf schlagen, dass der Film irgendwie historisch sein will. Denn neben der unglaubwürdigen Handlung, ist auch die Art der Malerei, die ja irgendwie auch neben der lesbischen Beziehung im Mittelpunkt steht, einfach null historisch. Man hat einfach anders gezeichnet und die Gemälde wirken bis auf die in der Szene am Ende, die wohl im Pariser Salon spielen soll, durchweg miserabel und unhistorisch.
    Als ausnehmend hübsch ist einzig das Kostüm von Bajrami zu bezeichnen. Der Rest wirkt teilweise nach Entscheidungen wie für ein modernes Theaterstück - wie der Empire(?)mantel der Malerin.

    Die Schauspielerinnen waren durchweg gut bis sehr gut (Bajrami). Nebenrollen gab es praktisch keine. Ich kann mir schon vorstellen, dass der Film als Queerfilm durchaus einen Kultstatus erlangen kann.
    Das Thema - Heirat wider Willen und die Entscheidung von Héloïse eigentlich sogar lieber im Kloster zu bleiben - war eigentlich toll. Nur das mit der Malerin hätte man plausibler machen dürfen. Aber das war wohl nie die Absicht von Céline Sciamma.

    5 von 10 zerwühlten Laken.
     

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