• Der Konflikt der Systeme (12 vs. 13): Ein menschlich konstruiertes Sonnenjahr teilt sich sauber in 12 Monate. Die Natur und der Mond halten sich jedoch nicht an diese Symmetrie. Ein reales Mondjahr zählt knapp 13 Mondumläufe (Synodische Monate). Presst man 13 reale Zyklen in ein starres 12er-Raster, verschieben sich die mathematischen Achsen unweigerlich. Die Asymmetrie im Bild ist der visuelle Beweis dafür, dass hier der reale, "krumme" Mondzyklus abgebildet wurde.
Die Erzählung in diesem Absatz läuft im Prinzip darauf hinaus. dass es ein von der Natur vorgegebenes Mond- und ein künstliches. menschengemachtes Sonnenjahr gebe, wobei hier eine zwar implizite, aber klare Wertung vorgenommen wird: Mondjahr = natürlich = gut (weitere Vokabel:
real), Sonnenjahr = konstruiert, ergo unnatürlich = schlecht (weitere damit verbundene Vokabeln.
starr,
pressen).
Aber das ist natürlich Quatsch. Weder das Sonnenjahr, noch das Mondjahr sind menschengemacht. Beide sind gleichermaßen natürlich. Und nicht deckungsgleich. Was die Menschen gemacht haben, ist, sich mit Hilfe des Sonnenumlaufs bzw. der Mondphasen einen Kalender zu geben.
Der Sonnenkalender ist danach konstruiert, dass es den kürzesten und längsten Tag im Jahr gibt (sowie die beiden Äquinoktien) und dass man den Sonnenaufgang an bestimmten Kalenderdaten immer wieder an denselben Punkten am Horizont ablesen kann (streng genommen gibt es Abweichungen, aber die sind minimal und die Verschiebung dauert Jahrhunderte).
Der Sonnenkalender ist absolut praktisch. Nach dem Sonnenkalender kann man sich richten, wenn man als Bauer seinen Acker bestellt. Da er nicht ganz genau funktioniert, muss alle vier Jahre ein Schalttag eingeführt werden.
Der Mondakalender hingegen eignet sich nicht für bäuerliche Tätigkeiten, da die Monate sich im Jahresverlauf verschieben, da das Mondjahr um etwa 11 Tage kürzer ist, als das Sonnenjahr.
Das hat dann den Effekt, dass die Monate des islamischen Jahres gegenüber denen des Sonnenjahres wandern. Während in den islamischen Ländern heute nach dem Sonnenkalender gelebt wird, ist der religiöse Kalender nach wie vor der Mondkalender. Das hat Effekte auf Dinge wie das Ramaḍān-Fasten oder die Ḥaǧǧ.
Wenn sich also die Ḥaǧǧ, die im Monat Ḏū l-Ḥiǧǧa (das hängt natürlich etymologisch zusammen) stattfindet, jedes Jahr um 11 Tage verschiebt, dann kann sie z.B. in einem Jahr im Hochsommer (der auf der arabischen Halbinsel heftiger ausfällt als bei uns) sein, und 16 bis 17 Jahre später im tiefsten Winter (der auf der arabischen Halbinsel so mild ist, dass wir Schwierigkeiten haben, uns Winter dort überhaupt vorzustellen). So kommt es, dass in manchen Jahren aufgrund der hohen Temepraturen, viele Menschen die Ḥaǧǧ icht überleben, auch wenn Saudiarabien mittlerweile Maßnahmen zur Kühlung ergreift.
Ähnlich beim Ramaḍān, dessen Beginn und Ende sich ja auch jedes Jahr um 11 Tage verschieben. In Mekka liegen dfie Tageslänegnunterschiede zwischen Sommer und Winter bei etwa 3 Stunden. Sind halt drei Stunden die man länger oder kürzer fasten muss, bzw. das Fasten brechen darf. EIn Muslim der aber in der Nähe des Polarkreises wohnt, hat Probleme, wenn der Ramaḍān auf den Sommer fällt, denn dort geht die Sonne kaum nachdem sie untergegangen ist, wieder auf. Es hat daher theologische Debatten darüber gegeben, wo der Sonnenauf- und untergang beobachtet werden muss, ob am Aufenthaltsort des Gläubigen oder in Saudiarabien, im 21. Jhdt. hat sich dann durchgesetzt, die Zeiten aus Saudiarabien zu nehmen. Wobei natürlich nicht nur die Nord-Süd-Verschiebung, sondern auch die Ost-Westverschiebung eine Rolle spielt. Hat die Osztwest-Verschiebung aber für die Praktikabilität der Sonnenauf- und -untergangszeiten als Beginn und Ende des täglichen Fastens keine Rolle gespielt, spielt die Nord-Süd-Verschiebung sehr wohl eine. Ein finnischer Muslim wäre dementsprechend auch froh, wenn der Ramaḍān in den Winter fiele, weil er dann quasi fast rund um die Uhr essen könnte. Ein Fasten nach dem Geschmack des Vielfraßes.
So viel also zur Erzählung, der Mondkalender sei durch die Natur vorgegeben, real, wohingegen der Sonnenkalender menschlich konstruiert und starr sei.
Mit dem Voynich-Mansukript hat das jetzt nichts zu tun, aber mit einer der konstrurierten Prämissen.