Es kommt natürlich vor, dass bockige, renitente Jugendliche Pflichtbesuche machen müssen, und da fruchtet der Pflichtbesuch oft nicht viel. Die Kommentare in Gästebüchern, die lassen erschauern. Doch das ist nicht Schuld der Leute, die Gedenkstätten leiten. Die arbeiten historisch wissenschaftlich. Auf dem Gebiet lokalhistorischer Forschung ist viel geforscht und geleistet worden.
Das Problem ist doch aber, dass die Ergebnisse historischer Forschung einen Großteil der Bevölkerung nicht wirklich interessieren, weil deren Zukrenntnisnahme, im Besonderen, wenn man sich da durch die Fachliteratur lesen muss mühselig ist.
Und eben, dass in Konkurrenz dazu über das Fernsehen und Internet eine Dauerbeschallung mit Inhalten stattfindet, die was ganz anderes vermitteln.
Die Arbeit der Leiter und Mitarbeiter von Gedenkstätten ist selbstverständlich grundsätzlich honorig. Die Vermittlung, vor allem analog und vor Ort heute angesichts der Konkurrenz aber Inadäquat, wenn man im Zeitalter "alternativer Wahrheiten" die Deutungshoheit behalten möchte.
Das Problem, gerade bei Jugendlichen ist doch, dass denen (was überhaupt nicht ihre Schuld ist), der Überblick über das Methodenset und damit eine Vorstellung des Wertes wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Ergebnisse fehlt und darüber hinaus, die Schule ohnehin eher nach dem Prinzip "Kommando und Gehorsam" funktioniert, als alles andere.
Wer als Schüler möglichst wenig Scherereien und gute Noten haben möchte, der lernt halt brav auswendig, was der Lehrer so erzählt und der Lehrer ist am Ende, trotz theoretisch anderer Vorgaben genau daran interessiert, weil er um so größere Chancen hat, mit dem Stoff in der vorgegebenen Zeit auch durchzukommen, wenn er möglichst wenig diskutieren muss, weswegen dann einzelne interessierte Nachfragen schonmal mit "das können wir hier nicht diskutieren" abgewimmelt werden.
Verhält sich ein Kind im Unterricht zu störrisch, werden die Eltern einbestellt und anschließend bekommt der Schüler von den genervten Eltern einen eingestielt, dass es gefälligst auf den Lehrer hören und keine Widerworte geben soll, damit man keine Scherereien hat. (so jedenfalls die Erfahrungen meiner Schulzeit).
Wenn man sich anschaut, was die Anhänger und Verbreiter "alternativer Wahrheiten" so von sich geben, wird da das Ettikett "Wissenschaftlichkeit" oder "Die Wissenschaft" gerne an alles dranngepappt, dass sie gerne als Glaubenssatz bestätigt sehen wollen, scheiß Egal, wie weit das im Zweifel von Wissenschaftlichkeit entfernt ist.
Warum aber funktioniert das und erreicht große Gruppen von Personen, die das so auch annehmen? Ganz einfach deswegen, weil der Großteil mit Wissenschaft und wissenschaftlichem Arbeiten nie Berührung hatte (hat man ja de facto aller frühestens in der Sekundarstufe II im Leistungskurs, aber die Sek II durchläuft ja ein Großteil der Bevölkerung nie) und vor allem das Prinzip "Autorität/Kommando und Gehorsam" bekannt ist.
Wenn die eigenen Erfahrungen mit dem Bildungssektor darauf beruhen, dass die Autorität eines Lehrers gilt, nicht aber das Sachargument, weil Elternhaus und ggf. auch ein gestresster Lehrer Autorität verlangen und Ungehorsam mit schlechten Noten oder anderen Scherereien sanktioniert wird, ist doch völlig klar, dass das Modell Autorität, dann eben auch auf den Bereich Wissenschaft übertragen wird.
Nach dem Motto: Ich habe eingetrichtert bekommen, dass das was der Lehrer sagt stimmt, weil es sonst Ärger gibt, also muss ja wohl auch dass stimmen, was der Dr. XY und Wissenschaft muss wohl vor allem das sein, was Wissenschaftler sagen.
Wenn aber der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen These und der Behauptung eines Wissenschaftlers nicht verstanden wird ist doch klar, was daraus folgt.
Wenn jemand nur für das Autoritätsargument erreichbar ist, weil er es nie anders gelernt hat und die Diskussion- und Aushandlungsprozesse innerhalb der Geschichtswissenschaft (und anderen Fachdisziplinen), ihm gänzlich unbekannt sind, wie wird der dann verschiedene Lesarten und Erklärungsansätze zu betimmten Themen auffassen?
Doch dahingehend, dass das alles beliebig sei, weil ja die Richtigkeit nur auf Autorität fuße und die Autoritäten mit den entsprechenden Titeln sich nicht einig sind.
Dann braucht's halt nur noch eine Hand voll Leute, mit akademischem Titel, die irgendwann mal auf die schiefe Bahn geraten sind und schon sind alle Zutaten für die Welt alternativer Wahrheiten und Verachtung der Wissenschaft im Allgemeinen gegeben.
Mit der korrekten wissenschaftlichen Arbeit, erreicht man vielleicht das Drittel der Bevölkerung, dass entweder allgemein gutgläubig ist, oder mit wissenschaftlichem Arbeiten mal zu tun hatte.
Die anderen 2/3 sind für Internetauftritte, von Personen mit irgendeinem Titel, die auf der Klaviatur der Autorität spielen und damit Rattenfängerei für ihre eigenen Zwecke betreiben, mindestens ebenso empfänglich.
Ich finde, der Vorwurf ist der Politik auch einigen Medien zu machen. Die deutsche Erinnerungskultur verliert sich nicht in Details, aber die deutsche Politik bedient sich der NS-Zeit, sie verwendet sie als Waffe im politischen Kampf, um politische Gegner zu diffamieren und zu diskreditieren. Die AfD provoziert immer mit unsäglichen Äußerungen, und eine wirklich überzeugende Positionierung der AfD zum Holocaust, zur Einstellung zum NS habe ich bisher noch nicht gehört.
Also mich hat der "Vogelschiss" und das "Denkmal der Schande" durchaus davon überzeugt, welche Position die AfD zum Holocaust einnimmt.
Es wird aber auch die NS-Zeit von Politikern von SPD, CDU, Grünen und Linken permanent funktionalisiert für den Wahlkampf, für den politischen Kampf, um den (politischen) Gegner zu diffamieren zu diskreditieren.
Bei der Problematik gebe ich dir in gewissem Rahmen durchaus recht, nur dass es weder ein Phänomen der NS-Thematik ist, noch sich auf die Parteien von der Linken bis zur CDU beschränkt.
Zum einen wird auf der rechten Seite des politischen Lagers, wenn sobald irgendjemand was in Richtung "Vermögenssteuer" o.ä. fordert, direkt der Ostblock von der DDR über Stalin bis Mao bemüht wird, um solche Diskussionen sofort abzuwürgen. Das ist genau so der mit viel verve vorgetragene Griff ins Klo, was Instrumentalisierung der Geschichte/Erinnerungskultur für politische Zwecke angeht, nur eben in die andere Richtung.
Zum anderen, Versuche den NS und die Erinnerung daran als Waffe gegen den politischen Gegner zu instrumentalisieren, gibt es ja durchaus auch aus der AfD heraus.
Frau Weidel ist ja vielleicht eher amoralisch unterwegs, aber ganz gewiss nicht dumm. Und wenn die sich, womit sie ja nicht die Erste ist, vor die Kameras stellt und behauptet, die Nazis wären politisch eine linke Veranstaltung gewesen, dann haut das doch ganz genau in die gleiche Kerbe, nämlich die, den politischen Gegner in irgendeine nähere Verbindung mit den Gräueltaten der Nazis setzen zu wollen.
Es ist nur natürlich noch wesentlich perfider, weil natürlich die politische Linke und diverse Gruppen, deren Interessen in der Vergangenheit tendenziell eher von der politischen Linken vertreten wurden, wie zum Beispiel Homosexuelle, natürlich im Vergleich zu rechten und konservativen Interessengruppen in viel größerem Maße Opfer der NS-Verbrechen wurden.
Es findet also nicht nur der Versuche einer Umdeutung der Täter statt, um die NS-Verbrechen gegen den politischen Gegner instrumentalisieren zu können, sondern es wird damit dann implizit auch noch "victim blaming" betrieben, denn die Schlussfolgerung aus Weidels Behauptung, nach der die Nazis links gewesen wären, wäre ja dann konsequent weiterdedacht, dass sich die Opfer des NS auf der linken Seite des politischen Spektrums ihre Mörder da selbst gewählt hätten.
So weit, so widerlich das ganze.
Und ich bitte an dieser Stelle nicht falsch verstanden zu werden. Wie gesagt, ich weiß dass du politisch nicht in Schlumpfhausen oder mit schlumpfhausen verwandten Ecken beheimatet bist.
Aber wenn du hier einseitig beklagst, dass die AfD da von Beführwortern aller anderen politischen Parteien in eine bestimmte Ecke gerückt wird und dass mehr oder weniger als eine unfaire politische Masche betrachtest, ohne dabei zu sehen, dass die AfD selbst versucht mit genau den gleichen Mitteln zu arbeiten und (siehe Frau Weidel) das mitunter auch mit NS-Bezug (den "Kommunismus"-Bezug bespielt die Partei ja ohnehin regelmäßig als politische Waffe), dann bist du meiner Meinung nach in dieser Beziehung dabei ihrem Opfernarrativ auf den Leim zu gehen.
Ich finde, die NS-Zeit und der NS das ist ein Thema, das meiner Ansicht nach zu ernst ist für Wahlkämpfe, für das politische Tagesgeschehen oder auch um politische Gegner zu diffamieren.
Naja, es wäre sicherlich wünschbar, wenn das (und andere historische Themen) weniger politisch instrumentalisiert würden und Politik mehr auf der Sachebene stattfände, aber die Realität sieht ja nunmal anders aus.
Und um den Bogen zur Erinnerungspolitik zurück zu schlagen, und zu etwaigen Versäumnissen von Vermittlern der Erinnerungskultur:
Ich vermisse da um ehrlich zu sein oft auch ein wenig Anstrengungen sich gegen die Vereinnahmung durch politische Narrative zur Wehr zu setzen.