Warum waren die Bauernkriege keine Revolution?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von huhuhuhuh, 8. Mai 2012.

  1. Beaker

    Beaker Aktives Mitglied

    Den einen? ;)
     
  2. Bliblablub

    Bliblablub Mitglied

    Denke halt, dass Geschichtsschreibung seit jeher - erst recht seit den Rechts- und linksheglianischen Schulen - eine starke Legitmitmationsfunktion für die jeweils gegenwärtigen Ideologumena hat.

    Die Diskussion um den Bauernkrieg war ja v.a. in den 60er u 70er Jahren am heftigsten u. klarer politisch aufgeladen, als es heute ist - auch weil heute im technokratisch-demoskopischen Zeitalter m.E. weniger Boden dazu ist zu diskutieren, wo das Schiff ideologisch hinfahren wird.

    Die Begriffe "Widerstand" sind auch nach wie vor nicht einheitlich, da sie das Gehorsamverhältnis zur Obrigkeit einigermaßen kasuistisch je nach Ort so differenzieren, dass die Staatswesen mit gewissem Stolz ihre Tradition beibehalten können:

    Mir scheinen 2 Widerstandstraditionen wichtig:

    Verschiedene Exegesen des David- und Goliath-Schemas sind in der Letztbegründung oft Grundlage.

    1. Naturrechtliches Widerstandsrecht:
    Widerstand gegenüber Obrigkeit nur im Falle unmittelbarer Lebensbedrohung erlaubt, sonst gehorsamspflicht gegenüber Obrigkeit.

    2. Politisches Widerstandsrecht:
    Widerstand immer erlaubt, wenn Gesetze nicht mehrheitlich als legitim empfunden werden. Das geht viel weiter ins Herz der Ordnungspolitik und Anlässe sind dann auch fiscalische und wirtschaftspolilitische Fragen und auch Verfassungsfragen.

    Im Reich haben sich außer im Kalvinismus (vgl. Schweizer Trad. im Rütli-Mythos; niederländisch-bürgerlicher Befreiungskampf gegen spanischem Souveränitätsauffassung) die zwei Großkonfessionen über interne Widerstände hinweg auf die naturrechtliche Interpretation geeinigt. Die Diskussion darüber wurde während der lutherisch-orthodoxen Konsolidierung (Konkordienformel) in scharfer Abgrenzung zum Kalvinismus zugunsten der naturrechtlichen Auffassung entschieden.

    Die Katholiken entscheiden von oben diese Diskussion 1614 ebenfalls so und es dauert bis Napoleon, bis das alte politische Widerstandsrecht Durchsetzungsfähig ist.

    Das hat auch strukturelle Gründe: bis Anfang des 19. Jh. ist der Alphabetisierungsgrad auf dem Land bei ca. 5%, ins Städten etwa bei 30%. Der Anspruch, dass die Legimität von Legislatur von der mehrheitlichen Akzeptanz der Bevölkerung abhängt, bleibt so de facto sehr theoretisch. Schönes Modell, aber wie praktizieren?

    Zudem haben die Fürsten ebenso strukturell - anders als in der Schweiz u in den Niederlanden - die Organisationskraft, die Mehrheitsfähigkeit von Legislatur zu evaluieren, v.a. durch die im 18. Jh. v.a. in Frankreich entwickelten Methoden der Statistik, gegen die Widerstand schwer wird, außer man kann die Statistik begründet kritisieren bzw. eine eigene bringen (vgl. Foucault, Statistik).

    Meines Wissens spielte sich im Diskurs um den Widerstandsbegriff die maßgebliche Begriffsbildung in der Forschung um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ab. Da zeigen sich auch deutlich die Unterschiede zw. dem Widerstand nach Muster des Kreisauer- und Freiburger Kreises, den Militärs gegenüber den eher revolutionär geprägten Gruppen im marxistisch-leninistischen Bereich (z.B. Mehringer, Widerstand).

    Lg
     

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