Zeitungen während der Französischen Revolution

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von ursi, 17. August 2010.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die These, dass es einen "Bruch" gegeben hätte, ist m.E. nicht plausibel.

    Es gab zu keinem Zeitpunkt eine einheitliche Sicht auf die Ziele der Revolution, sondern viele Sichten. Diese wurden durch den Verlauf, auch durch die externe Bedrohung radikalisiert.

    Bei Tackett, um mal einen neueren Deutungsansatz ins Spiel zu bringen, findet sich eine psychologische Ausdeutung der Situation, die einen "paranoiden Zustand" (in Anlehnung an R. Hofstadter) der Politik diagnostiziert. Die Ursachen lagen in einer konspirativen Ausdeutung der Situation durch führende Personen der Revolution und verschärften die Sicht auf politische Gegner.

    In diesem Kontext akzentuierten sich die politischen Sichtweisen und die unterschiedlichen moralisch definierten Charaktere traten greller zu Tage.

    Die "öffentliche Meinung" bzw. die "veröffentlichte Meinung" multiplizierte die individuelle Radikalisierung in die revolutionäre Bevölkerung hinein und somit gab es in Teilen der Bewegung eine Spirale der Eskalation der Radikalität.

    Aber auch gegenläufige Sichten, die sich gegen die Hinrichtung aussprachen

    https://books.google.de/books?id=VGDFBgAAQBAJ&printsec=frontcover&dq=the+coming+of+the+terror&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=the%20coming%20of%20the%20terror&f=false
     
  2. ChSwann

    ChSwann Neues Mitglied

    Vielen Dank für die Rückmeldung. Ich habe mich missverständlich oder falsch ausgedrückt: Ich wollte eigentlich fragen, wie die Heterogenität, die natürlich schon zuvor bestand, in Zeitungsartikeln über die Hinrichtung zum Ausdruck kam.

    Die Ausführungen zur Radikalisierung, an der auch die veröffentlichte Meinung teilhatte, kann ich sehr gut nachvollziehen.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Heterogenität der "Öffentlichen Meinung" zu analysieren, kann man exemplarisch auf zwei unterschiedlichen methodischen Vorgehen basieren.

    1. Variante: Die eher exemplarische Darstellung, bei der einzelne Artikel zu Illustration Deiner These herangezogen werden. Ein gängiges Verfahren, dem jedoch keine wirkliche "Beweiskraft", eher eine Form von "Plausibilität", zugebilligt werden kann, da die empirische Analyse und somit die Ergebnisse subjektiv ist.

    2. Variante: Aufwändiger ist da die quantitative Inhaltsanalyse, die
    - eine klar definierte Grundgesamtheit an Publikationen erfordert
    - eine eindeutig definierte zeitliche Periode für die Publikationen
    - eine Zufalls-Stichprobenziehung der Publikationen erfordert, sofern keine Vollerhebung vorgenommen werden soll
    - eine Eingrenzung, was miteinander verglichen werden soll (beispielsweise nur die 1. Seite etc.)
    - eine Codierung der Argumente, die in den Zeitungen bzw. in den einzelnen Beiträgen genannt werden, entsprechend einer "Anweisung", voraussetzt
    - hilfreich ist eine datenbankorientierte Aufbereitung der Daten

    Dann wird man für die unterschiedlichen politischen Lager die Struktur, die emotionale Aufladung und die Zunahme der Intensität der politischen Sichten auf die Hinrichtung erkennen können.

    Das alles bedeutet "Arbeit" und viel Zeit. Und es setzt natürlich die Kenntnis der französischen Sprache voraus, inklusive Zugang zu den entsprechenden Publikationen

    Vor diesem Hintergrund empfiehlt sich für die meisten Vorgehen Variante 1.

    Ein paar relevante Publikationen zu dem Thema, falls noch nicht gekannt, die vielleicht auch nach zusätzlich weiter helfen können. Wenn Du Glück hast, dann ist die Fragestellung bereits analysiert worden.

    Das Verfahren
    https://books.google.de/books?id=0sigPXBq4IEC&printsec=frontcover&dq=the+kings+trial&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=the%20kings%20trial&f=false

    Reden:
    https://books.google.de/books?id=N56T6nND_twC&printsec=frontcover&dq=regicide+and+revolution&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiPgqOopO3KAhWDhA8KHRAUDtoQ6AEIIzAA#v=onepage&q=regicide%20and%20revolution&f=false

    Mona Ozouf zur öffentlichen Meinung
    "Public Opinion" at the End of the Old Regime on JSTOR

    Public opinion
    http://www.h-france.net/vol8reviews/vol8no145caradonna.pdf

    abschließend noch der Hinweis auf Pelzer: Revolution und Clio, für einen summarischen Überblick auch im Hinblick auf die öffentliche Meinung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Februar 2016
  4. ChSwann

    ChSwann Neues Mitglied

    thanepower, vielen Dank für Deine Ausführungen. Für die von mir angedachte Arbeit im Schulunterricht wäre eine exemplarische Arbeit notwendig, doch leider sind die entsprechenden Quellen noch kaum didaktisch erschlossen. Das ist sehr bedauerlich, wenn man an den Stellenwert von Zeitungen in der Revolutionszeit denkt. Zeitungen als Quellen würden auch zu Auseinandersetzungen über den Quellenwert einladen, ich denke da an Deinen Hinweis auf die Unterscheidung zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
    Vielleicht finde ich ja nach und nach die Zeit, eine entsprechende Einheit zu erarbeiten, das Thema interessiert mich auch selbst.

    Entschuldige bitte meine späte Rückmeldung. Ich habe mich noch nicht ganz daran gewöhnt, wieder in einem Forum angemeldet zu sein, in dem man zudem lesenswerte Antworten erhält.
     

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