Zum Verständnis: Unter "direkten Umwandlungen" versteht die Autorin direkte
bauliche Umwandlungen. Fälle, bei denen nur der Bauplatz bzw. Baumaterial ohne Berücksichtigung der vorhandenen Architektur wieder verwendet wurde, zählen nicht als "direkt". Ein
zeitliches Kriterium ist damit nicht gegeben. Die Umwandlung eines seit 500 Jahren nicht mehr als Tempel genutzten Gebäudes in eine Kirche zu einer Kirche fällt also auch noch unter die Definition.
Auf die Frage, ob die feststellbaren Umwandlungen religiös motiviert gewesen sein könnten, geht die Autorin am Rande ein; sie kommt zu einem ziemlich negativen Ergebnis:
"Doch ist fraglich, ob man die in Italien ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. nachweisbaren Umwandlungen auf rein religiös motiviertes Handeln zurückführen kann und soll. Die schriftlichen Quellen, wie die Heiligenviten und auch der Brief von Papst Gregor I, nennen zwar ihrer Intention gemäß genau diese Beweggründe. Doch erscheint der Zugang, dass man in den umgewandelten Kirchen ein Siegessymbol der christlichen Religion gegenüber der heidnischen Religion sieht, wenig sinnvoll. Die Dämonennamen des sog. Concordia-Tempels in der Gregorios Vita würden eher auf eine Polemik gegen das
Judentum und den Islam vermuten lassen. Weiters erscheint es fraglich, inwieweit noch ein aktiver Konflikt der Christen mit Kultanhänger der klassischen Religion ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Italien zugegen war. Saradi-Mendelovici bezweifelt, dass Tempel-Kirchen-Umwandlungen zu dieser Zeit noch irgendeine anti-pagane Intention gehabt haben. In diesem Zusammenhang erscheint die Vita des Heiligen Alypios aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. eine wichtige Beobachtung möglich zu machen: Der Heilige bekämpft die Dämonen einer Grabstele in Adrianopolis, die hier aber gemäß Saradis Ausführung eindeutig nicht die Relikte der alten heidnischen Religion sind, sondern vielmehr den Teufel selbst meinen. Für die christlich geprägten Texte mit Beschreibungen von Tempel-Kirchen-Umwandlungen scheint sich ein ähnlicher Eindruck für die Beschreibung des Lebens des Bischofs Andreas von Fundi zu ergeben. Dies scheinen m. E. Indizien zu sein, welche es nicht erlauben, die Tempel-Kirchen-Umwandlungen in einen anti-paganen Kontext zu setzen. Spieser räumt zudem dem Auftreten der Umwandlungen (für Griechenland) erst ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. keine triumphartige Inszenierung der christlichen Religion ein, gerade weil die heidnischen Kultgebäude bis dahin sogar für Kirchenbauten gemieden wurden. Vaes legte weiters gründlich dar, dass Kirchen jegliche Art von antiken Gebäuden wiederverwendeten und Tempel nur einen kleinen Teil davon darstellten. Dies stellt Tempel-Kirchen-Umwandlungen in das Umfeld der allgemein verbreiteten Spolienverwendung und weniger in einen Zusammenhang gezielter christlich motivierter Handlungen.
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Wenn man aber bedenkt, dass Wiederverwendungen von Gebäuden beziehungsweise eine Änderung von deren ursprünglich gedachten Nutzung im Römischen Reich ständig stattfanden, erscheint eine Zuschreibung an die Christianisierung m. E. wenig sinnvoll. Weiters erscheint die Frage zumindest berechtigt, ob die Bevölkerung die sich verändernden Stadtformen als Konsequenz der neuen Religion wahrnahmen. Dies mag insofern abwegig erscheinen, da Stadtformen seit der Republik einem stetigen Wandel unterliegen, trotz gleich bleibender Religion. Viel wichtiger ist, dass die zeitgenössischen Quellen diesen Eindruck nicht wiedergeben.
Zudem ist es schwierig aus heutiger Sicht zu beurteilen, was aus damaliger Sicht als christlich empfunden wurde. So mag das Pantheon aus heutiger Perspektive nicht unbedingt eine typische christliche Kirche darstellen, doch gab es etwa zeitgleich einen Anbau am Petersdom mit ähnlichem Grundriss. Im Grunde ist es nicht nachvollziehbar, wie ein Bürger die Kirche S. Paolo in Neapel mit dem erhaltenen Giebel des Tempels wahrnahm. Hatte der Tempel zu dieser Zeit überhaupt noch Konnotationen mit der paganen Religion oder wurde er vielmehr als ein Überbleibsel aus vergangener Zeit wahrgenommen? Wurde die Kirche deshalb als nach außen hin weniger christlich gesehen? Diese interessanten Fragestellungen nach der Wahrnehmung der Bevölkerung sind, soweit die schriftlichen Quellen darüber keine Auskunft erteilen, nicht beantwortbar. Aus den zuvor genannten Gründen wird der Terminus der Christianisierung zur Erklärung der Tempel-Kirchen-Umwandlungen demnach abgelehnt. Zumal es zu keinem besseren Verständnis führt, auf welcher Basis die Auswahl der zur Umwandlung bestimmten Tempel erfolgte. Auch scheint ein Erklärungsmodell, das auf rein religiös motivierter Begründung basiert, wenig Klärendes zum Sachverhalt beizutragen."