(Dis)Kontinuität von Kultstätten

?? :D

Der Faden hat(te mal) den Titel (Dis)Kontinuität von Kultstätten....

Zurück zum Thema:
Stefan Eismann hat zum Thema Kirchen über römischen Grundmauern zwischen Kontinuität und Koinzidenz* insgesamt 202 Kirchen in Süddeutschland und der Schweiz untersucht, die nachweislich auf römischen Grundmauern stehen.
Dabei kommt er auch auf die Motive zur Überbauung zu sprechen; zu den religiösen Motiven konstatiert er:

"Zu den geistigen Gründen gehören selbstverständlich auch religiöse Motive. Damit ist vor allem das Aufeinandertreffen von römischem Tempel und christlicher Kirche und somit eine lokale Kultkontinuität gemeint. Der Bau der Kirche wäre somit als Reaktion auf einen vorher an diesem Ort ausgeübten heidnischen Kult zu verstehen. Obwohl dies im ostmediterranen Raum an zahlreichen Orten archäologisch wie historisch nachgewiesen ist, lassen sich dafür im Untersuchungsgebiet keine Hinweise finden. Schon die geringe Zahl von nur 12 durch Kirchen überbauten Tempeln im Arbeitsgebiet macht deutlich, dass es sich bei der unmittelbaren Ablösung eines Tempels durch einen Kirchenbau nicht um eine regelmäßig ausgeübte und von der christlichen Kirche als notwendig betrachtete Aktion handeln kann. Deutlicher noch wird die Nichtexistenz von heidnisch-christlicher Kultkontinuität durch die chronologische Lücke von meist mehreren hundert Jahren zwischen der Nutzung des Tempels und dem Bau der Kirche. Halb verfallene Tempel, an denen ein heidnischer Kult offensichtlich schon seit langem nicht mehr ausgeübt wurde, dürften keine Reaktion der christlichen Kirche mehr ausgelöst haben."​
https://books.ub.uni-heidelberg.de/propylaeum/reader/download/688/688-30-89072-1-10-20200528.pdf

Von 202 Kirchen bleiben gerade 2 übrig, bei denen eine Kontinuität möglich (wenn auch nicht nachweisbar) ist.

* Der Titel seiner Dissertation lautet: Frühe Kirchen über römischen Grundmauern: Untersuchungen zu ihren Erscheinungsformen in Südwestdeutschland, Südbayern und der Schweiz

 
Zuletzt bearbeitet:
Von 202 Kirchen bleiben gerade 2 übrig, bei denen eine Kontinuität möglich (wenn auch nicht nachweisbar) ist.
Er wendet strenge Kriterien an. So fällt vermutlich die Kirche St. Martin bei Cressier NE durch den Raster, weil die unter der Kirche oder ganz in der Nähe wahrscheinlich vorhandenen römischen Fundamente noch nicht ausgegraben wurden.
Saint-Martin de Cressier : auf der Suche nach dem verschwundenen Tempel
Die Kirche enthält zwar bemerkenswertes antikes Baumaterial und liegt wahrscheinlich neben einem größeren antiken Gebäude, doch gibt es meines Erachtens eine zeitliche Lücke bis zur ersten nachweisbaren Wiederbenutzung des Platzes als Friedhof im 7. Jh.. Auch wenn man den Rahmen der Untersuchung erweitern oder die antiken Fundamente noch ausgraben würde, frage ich mich, wie man diese Lücke dann interpretieren soll. Inwieweit hebt sie die Vermutung einer Kontinuität auf?
Vom Ortsnamen her (Cressier / Grissach) müsste eine Siedlungskontinuität in unmittelbarer Nähe angenommen werden, wenn ich diese Arbeit richtig interpretiere:
Waren Murtenbiet und Seeland im frühen Mittelalter Grenzland - Niemandsland - Oedland?

Auch unter der Kirche in Muri BE gibt es antike Fundamente. Muss man aus dem Ortsnamen grundsätzlich schließen, dass eben keine Kontinuität, sondern eine Diskordanz vorliegt? Ist das der, von Eismann geforderte, zweifellose Nachweis für das Fehlen einer Siedlungskontinuität?
Kirche Muri – archäologische Untersuchungen im römischen Gutshof
sowie Römer, Kelten und die Bagger

O.T. an beiden Orten (Cressier und Muri) gibt es Nachweise auf die regionale Göttin Naria Nousantia. Lustiger Zufall.
 
Auch unter der Kirche in Muri BE gibt es antike Fundamente.
Dann sollte sie in der Dissertation enthalten sein, vielleicht komme ich nächste Woche dazu, mir diese mal anzusehen.
Mit "Kontinuität" meinte ich in diesem Fall eine Kultstätten-Kontinuität. Die Fundamente unter der Kirche in Muri dürften wohl kaum zu einem Tempel gehört haben.

Muss man aus dem Ortsnamen grundsätzlich schließen, dass eben keine Kontinuität, sondern eine Diskordanz vorliegt?
Wenn man etwas aus dem Ortsnamen schließen kann, ist das folgendes:
Muri «bei den Mauerresten» ist ein ursprünglicher Flurname. Er weist auf Überreste steinerner Gebäude hin, die von den Alemannen bei ihrer Einwanderung aufgefunden wurden.
ortsnamen.ch

Er wendet strenge Kriterien an. So fällt vermutlich die Kirche St. Martin bei Cressier NE durch den Raster, weil die unter der Kirche oder ganz in der Nähe wahrscheinlich vorhandenen römischen Fundamente noch nicht ausgegraben wurden.

Der Untersuchungsgegenstand heißt "römische Grundmauern". Da sollten eigentlich alle Orte, an denen keine römischen Grundmauern nachweisbar sind, außen vor bleiben. (Es wird wahrscheinlich keine ältere Kirche geben, bei der gänzlich auszuschließen ist, dass unter dem Boden noch ältere bislang unentdeckte Spuren zu finden sind.)
 
Leider ist dieser Artikel veraltet. Wallraffs Habilitationsschrift "Christus Verus Sol" wurde nicht mehr berücksichtigt.

Meine Zitate waren nur kurze Auszüge der im TRE-Artikel vorgestellten, längere Zeit dominierenden Haupthypothesen, die im Grobschema immer noch bestehen können, und sollten hier nur verdeutlichen, dass es verschiedene Hypothesen gab und gibt, und die schmale Überlieferung verwertbarer Belege eine wünschenswerte Eindeutigkeit schwächt.
Der Artikel im TRE ist ausführlicher und differenzierter. Wallraffs Habil-Schrift kenne/kannte ich (Jahre her), empfehlenswert ist ebenso Hans Förster, Die Anfänge von Weihnachten und Epiphanias.

Sol Victus wurde von Wolfram Kinzig vor allem als stadtrömischer, also lokaler, und recht junger Kult eingestuft...wie von Dir angemerkt:
Für ein eigenes Festdatum für den Sol Invictus ist aber auch daraus nichts zu gewinnen.
Dieses Fest wurde um 350 n. Chr. in Rom mit Wagenrennen gefeiert, war aber außerhalb der Stadt Rom offensichtlich völlig unbekannt.

Es gibt natürlich etliche Website, die man getrost aufgrund ihrer Sachkompetenz aufrufen kann.
 
Deutlicher noch wird die Nichtexistenz von heidnisch-christlicher Kultkontinuität durch die chronologische Lücke von meist mehreren hundert Jahren zwischen der Nutzung des Tempels und dem Bau der Kirche. Halb verfallene Tempel, an denen ein heidnischer Kult offensichtlich schon seit langem nicht mehr ausgeübt wurde, dürften keine Reaktion der christlichen Kirche mehr ausgelöst haben."

Darum geht es. Beispiel von hier:

Stettfeld auf seiner römischen Siedlung, die Ende des 3. Jh. aufgegeben wurde.
Die Kirche (St. Marcellus) wurde im 14. Jh. erstmals erwähnt, 1818 fand man wohl auf dem alten Kirchhof beim Kirchengebäude eine Dreigötterrelief.

Eine Kult-Kontinuität kann aufgrund der Lücke von mehreren Jahrhunderten ausgeschlossen werden.
 
Wie könnte man 'Kontinuität von Kultstätten' etwas näher bestimmen?

Beispielsweise durch eine hinreichend breite und kontinuierliche Fundsituation am Ort.
In Stettfeld wurde ein Dreigötterrelief im alten Kirchhof der Kirche gefunden, immerhin ein passendes religiöses bzw. kultisches Objekt, doch eben nur eines und die Fundlage, Fundsituation ist nicht dokumentiert.
Und dann kommt die jahrhundertelange Fund- und Siedlungslücke.

In wenigen Beiträgen scheint die Vorstellung durchzuscheinen, was noch nicht widerlegt ist, könnte eine Kultstätten-Kontinuität darstellen oder andeuten.
Nun gibt es inzwischen eine etliche Jahrzehnte währende wissenschaftliche Forschung, und ich meine, da zeichnete sich bisher kein breites Bild einer oft, öfter oder immer wieder nachgewiesenen Kultstätten-Kontinuität (für den Raum direkt nördlich der Alpen) ab.
Also Ergebnisse, die auf neue, andere Örtlichkeiten gut übertragen werden könnten und so einen einigermaßen gesicherten Deutungsrahmen abgeben könnten.

Das würde vielleicht manche (lange) Einzelfall-Dis. abkürzen oder gleich erledigen.
 
Heute, am 15. August, feiert die katholische Welt die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel. Ursprünglich waren das Feiertage des Augustus – da feierte Kaiser Augustus 3 Tage seine Siege über Marcus Antonius und Kleopatra. Etwas später wurde der 15. August ein Staatsfeiertag, der im ganzen Reich galt. Der wurde im 5. Jhdt. durch den Feiertag Mariä Himmelfahrt ersetzt, obwohl es in der Bibel kein Wort von einer Himmelfahrt Mariens steht. Wahrscheinlich konnte man den Feiertag nicht einfach abschaffen, also gab man ihm einen anderen Namen – der Leuten war es wohl egal, Hauptsache sie hatten und haben frei. :D

Oder gibt es auch hierzu, wie anscheinend bei anderen Feiertage, eine ganz andere Geschichte?
 
Heute, am 15. August, feiert die katholische Welt die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel. Ursprünglich waren das Feiertage des Augustus – da feierte Kaiser Augustus 3 Tage seine Siege über Marcus Antonius und Kleopatra. Etwas später wurde der 15. August ein Staatsfeiertag, der im ganzen Reich galt. Der wurde im 5. Jhdt. durch den Feiertag Mariä Himmelfahrt ersetzt, obwohl es in der Bibel kein Wort von einer Himmelfahrt Mariens steht. Wahrscheinlich konnte man den Feiertag nicht einfach abschaffen, also gab man ihm einen anderen Namen – der Leuten war es wohl egal, Hauptsache sie hatten und haben frei. :D

er gibt es auch hierzu, wie anscheinend bei anderen Feiertage, eine ganz andere Geschichte?

Ja, diese Geschichte heißt: Das Jahr hat 365 Tage. Wenn jeder von uns beiden einen Kalender nimmt und willkürlich 120 Tage ankreuzt und wir hinterher die Kalender vergleichen, wird sich niemand wundern, wenn wir plus minus 40 gemeinsame Tage finden, die wir unabhängig voneinander angekreuzt haben.

Schau mal, wie viele Feste und Feiertage es im Römischen Reich gab:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Feste_und_Feiertage_im_R%C3%B6mischen_Reich
In dieser Liste ist der 15. August noch nicht einmal enthalten!
Wenn man die mehrtägigen Feste mitzählt, war ungefähr jeder dritte Tag ein Fest- oder Feiertag.

Das ist vergleichbar mit mittelalterlichen Kalendern, z. B.:
https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/a/a090155.pdf

Schauen wir mal anhand dieser Listen nach dem August. Man sieht da schön die zufällige Verteilung mit ihren Überschneidungen (altrömisch - christlich, in Klammern die Feiertage, die erst in der spätesten Quelle als hochrangig gekennzeichnet sind; Oktavfeste sind nicht berücksichtigt)

1. August Einnahme Alexandrias, zu Ehren Caesars / St. Petrus in Fesseln
2. August Sieg über Pharnakes II., zu Ehren Caesars
3. August (Auffindung der Gebeine des Hl Stephanus)
4. August
5. August Hl. Oswald
6. August (Verklärung des Herrn)
7. August St. Afra
8. August
9. August Sieg bei Pharsalus, zu Ehren Caesars
10. August Feiertag zu Ehren von Ops / St. Laurentius
11. August
12. August Hl. Hilaria
13. August Vertumnalia zu Ehren von Vertumnus
14. August
15. August Aufnahme Mariä in den Himmel
16. August
17. August Portunalia zu Ehren von Portunus
18. August
19. August Vinalia Rustica zu Ehren von Jupiter
20. August St. Bernhard)
21. August Ludi Consualia, Spiele und Wettrennen zu Ehren von Consus
22. August
23. August Vulcanalia, zu Ehren von Vulcanus
24. August St. Bartholomäus Apostel
25. August Opiconsivia, zu Ehren von Ops
26. August
27. August Volturnalia, zu Ehren von Volturnus
28. August (St. Augustinus)
29. August Enthauptung Johannes des Täufers
30. August (St. Felix und Adauctus)
31. August


Heute, am 15. August, feiert die katholische Welt die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel.
In Indien wird der Unabhängigkeitstag gefeiert, in Nord- und Südkorea die Nationale Tag der Befreiung.
(Wenn da mal nicht die katholische Kirche die Hände im Spiel hatte...)
 
Maria Entschlafung/Himmelfahrt am 15. August wurde erstmals in Jerusalem um die Mitte d. 5. Jh. begangen (Jerusalemer Festkalender), die Tradition kam aus Syrien - sichtlich und auch entlang wiss. Texte ohne Zusammenhang mit Augustus.
 
Fehlanzeige: Muri ist nicht in der Dissertation enthalten.
Danke fürs Nachschauen!
Der Autor der Dissertation wird schon seine guten Gründe dafür haben. Zwei Statuetten belegen auch noch keinen Tempel (selbst wenn eine davon eine "Bärengöttin" darstellt ;)).
Mir ging es mehr darum zu zeigen, wo ich noch Mühe habe mit der Abgrenzung von Kontinuität bei Kultstätten.

Momentan frage ich mich, ob der Umgang mit antiken Kultstätten auch nördlich der Alpen eventuell regional und/oder je nach Gegenstand unterschiedlich ausfiel.
Die Orationes super vasa reperta in locis antiquis, also die Gebete zur Segnung gefundener antiker Gefäße im Sakramentar von Gellone, sind primär nur für Gefäße und gelten erst mal dort, wo sie geschrieben wurden.
Gibt es andere Beispiele für solche Gebete, anderswo und für andere Gegenstände?
Das scheinbare Fehlen von Dämonenfurcht bei der Verbauung von antiken Spolien, besonders von Altären (wie bei Cressier), ist für mich erstaunlich.
 
Nördlich der Alpen fällt mir die Donareiche in Nordhessen ein. Die heidnische Kultstätte wurde von Bonifatius 723 unter dem Schutz von fränkischen Soldaten gefällt. Bonifatius soll aus dem Holz der Eiche ein "Bethaus" errichtet haben lassen. Der genaue Standort der Eiche und des "Bethauses" ist nicht 100% geklärt. Eine Theorie ist, dass das Bethaus 732 zur St.Peterskirche umgebaut/erweitert wurde, die Bonifatius' Zeitgenosse Wigbert in "Friedeslar" verortet.
Nach dem die Stadt im 11.Jahrhundert einmal zerstört wurde, errichtete man ab 1085 den Fritzlarer Dom. Archäologisch nachweisbar ist ein Vorgängerbau aus dem 8.Jahrhundert.

Ob es eine exakte örtliche Kontinuität vom Standort der Donareiche über das Bethaus zur St.Peterskirche zum Dom gibt, ist nicht unwiderlegbar nachzuweisen, erscheint mir aber relativ plausibel.
 
Athenatempel Syrakus/Kathedrale Syrakus:

C2C25DDB-F77B-4A2C-AE71-DBBE0E30290E.jpeg


Pantheon, Rom:

2AC720C3-1819-49A4-9424-D18D13B4CF9E.jpeg




Pyramide von Cholula:

2078413A-1475-4D3A-A5BE-C6B79DF11E00.jpeg


Qoricancha, Cusco:

6BAF1892-12A1-4C0C-99F3-00486C747974.jpeg
 

Zum Verständnis: Unter "direkten Umwandlungen" versteht die Autorin direkte bauliche Umwandlungen. Fälle, bei denen nur der Bauplatz bzw. Baumaterial ohne Berücksichtigung der vorhandenen Architektur wieder verwendet wurde, zählen nicht als "direkt". Ein zeitliches Kriterium ist damit nicht gegeben. Die Umwandlung eines seit 500 Jahren nicht mehr als Tempel genutzten Gebäudes in eine Kirche zu einer Kirche fällt also auch noch unter die Definition.

Auf die Frage, ob die feststellbaren Umwandlungen religiös motiviert gewesen sein könnten, geht die Autorin am Rande ein; sie kommt zu einem ziemlich negativen Ergebnis:
"Doch ist fraglich, ob man die in Italien ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. nachweisbaren Umwandlungen auf rein religiös motiviertes Handeln zurückführen kann und soll. Die schriftlichen Quellen, wie die Heiligenviten und auch der Brief von Papst Gregor I, nennen zwar ihrer Intention gemäß genau diese Beweggründe. Doch erscheint der Zugang, dass man in den umgewandelten Kirchen ein Siegessymbol der christlichen Religion gegenüber der heidnischen Religion sieht, wenig sinnvoll. Die Dämonennamen des sog. Concordia-Tempels in der Gregorios Vita würden eher auf eine Polemik gegen das​
Judentum und den Islam vermuten lassen. Weiters erscheint es fraglich, inwieweit noch ein aktiver Konflikt der Christen mit Kultanhänger der klassischen Religion ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Italien zugegen war. Saradi-Mendelovici bezweifelt, dass Tempel-Kirchen-Umwandlungen zu dieser Zeit noch irgendeine anti-pagane Intention gehabt haben. In diesem Zusammenhang erscheint die Vita des Heiligen Alypios aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. eine wichtige Beobachtung möglich zu machen: Der Heilige bekämpft die Dämonen einer Grabstele in Adrianopolis, die hier aber gemäß Saradis Ausführung eindeutig nicht die Relikte der alten heidnischen Religion sind, sondern vielmehr den Teufel selbst meinen. Für die christlich geprägten Texte mit Beschreibungen von Tempel-Kirchen-Umwandlungen scheint sich ein ähnlicher Eindruck für die Beschreibung des Lebens des Bischofs Andreas von Fundi zu ergeben. Dies scheinen m. E. Indizien zu sein, welche es nicht erlauben, die Tempel-Kirchen-Umwandlungen in einen anti-paganen Kontext zu setzen. Spieser räumt zudem dem Auftreten der Umwandlungen (für Griechenland) erst ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. keine triumphartige Inszenierung der christlichen Religion ein, gerade weil die heidnischen Kultgebäude bis dahin sogar für Kirchenbauten gemieden wurden. Vaes legte weiters gründlich dar, dass Kirchen jegliche Art von antiken Gebäuden wiederverwendeten und Tempel nur einen kleinen Teil davon darstellten. Dies stellt Tempel-Kirchen-Umwandlungen in das Umfeld der allgemein verbreiteten Spolienverwendung und weniger in einen Zusammenhang gezielter christlich motivierter Handlungen.​
[...]​
Wenn man aber bedenkt, dass Wiederverwendungen von Gebäuden beziehungsweise eine Änderung von deren ursprünglich gedachten Nutzung im Römischen Reich ständig stattfanden, erscheint eine Zuschreibung an die Christianisierung m. E. wenig sinnvoll. Weiters erscheint die Frage zumindest berechtigt, ob die Bevölkerung die sich verändernden Stadtformen als Konsequenz der neuen Religion wahrnahmen. Dies mag insofern abwegig erscheinen, da Stadtformen seit der Republik einem stetigen Wandel unterliegen, trotz gleich bleibender Religion. Viel wichtiger ist, dass die zeitgenössischen Quellen diesen Eindruck nicht wiedergeben.​
Zudem ist es schwierig aus heutiger Sicht zu beurteilen, was aus damaliger Sicht als christlich empfunden wurde. So mag das Pantheon aus heutiger Perspektive nicht unbedingt eine typische christliche Kirche darstellen, doch gab es etwa zeitgleich einen Anbau am Petersdom mit ähnlichem Grundriss. Im Grunde ist es nicht nachvollziehbar, wie ein Bürger die Kirche S. Paolo in Neapel mit dem erhaltenen Giebel des Tempels wahrnahm. Hatte der Tempel zu dieser Zeit überhaupt noch Konnotationen mit der paganen Religion oder wurde er vielmehr als ein Überbleibsel aus vergangener Zeit wahrgenommen? Wurde die Kirche deshalb als nach außen hin weniger christlich gesehen? Diese interessanten Fragestellungen nach der Wahrnehmung der Bevölkerung sind, soweit die schriftlichen Quellen darüber keine Auskunft erteilen, nicht beantwortbar. Aus den zuvor genannten Gründen wird der Terminus der Christianisierung zur Erklärung der Tempel-Kirchen-Umwandlungen demnach abgelehnt. Zumal es zu keinem besseren Verständnis führt, auf welcher Basis die Auswahl der zur Umwandlung bestimmten Tempel erfolgte. Auch scheint ein Erklärungsmodell, das auf rein religiös motivierter Begründung basiert, wenig Klärendes zum Sachverhalt beizutragen."​
 
Spielt da nicht auch eine Rolle, dass heidnische Tempel in der Regel für den christlichen Gottesdienst ungeeignet waren, nämlich innen eng und dunkel, gerade groß genug für den Gott, aber nicht gedacht für die Gläubigen?
Und später mag die Einwohnerschaft vieler Städte so weit geschrumpft sein, dass die alten Bauten für sakrale Zwecke wieder attraktiv wurden.

Es war ja nicht so, dass in jede Kirche die Einwohnerschaft der jeweiligen Stadt hineinpassen musste. Zu allen Zeiten gab es größere und kleinere Kirchen (auch hellere und dunklere). In oben zitierten Arbeit kommt auch die Größe der zu Kirchen umgewandelten Tempel zur Sprache:

"Die eingangs gestellte Frage, ob möglicherweise nur Tempel einer bestimmten Größenordnung verwendet wurden, lässt sich ebenfalls verneinen: Die kleinste Fläche stellt die Cella des sog. Oratoriums des Phalaris mit 31,54 m2 dar, der flächenmäßig größte Tempel
ist das Pantheon mit einer Grundrissfläche von etwa 1.979 m. Die Tabelle 1 stellt einen Überblick über das Ausmaß der Flächen der Tempel dar. Es lässt sich auch hier kein bevorzugter Rahmen einer bestimmten Größenordnung feststellen, da die Streuung zu groß ist."​
 
@Sepiola dazu eine Frage: allgemein hielt der spätantike Klerus die heidnischen Götter nicht für inexistent, sondern erklärte sie zu "Dämonen" und stellte unter Strafe, diesen "Dämonen" zu huldigen - ein Gebäude, dass einst als "Gotteshaus" dieser als Götter verehrten Dämonen fungierte, musste für den Klerus quasi eine schlechte Aura haben; andererseits waren manche heidnische Bauten gar zu prachtvoll, um auf sie zu verzichten: um 609 soll das Pantheon in eine Kirche umgewandelt worden sein (das ist freilich schon zeitlich weit entfernt von den griechischen Göttern, die vermutlich vor ihrem Untergang römisch geworden waren) - - gibt es Quellen, die für das "religiöse Niemandsland" bei Frantz sprechen?


Ein interessanter Erlass Theodosius' I. Von 382 betrifft einen Tempel in Osrhoene:

"Idem aaa. Palladio duci Osdroenae. Aedem olim frequentiae dedicatam coetui et iam populo quoque communem, in qua simulacra feruntur posita artis pretio quam divinitate metienda iugiter patere publici consilii auctoritate decernimus neque huic rei obreptivum officere sinimus oraculum. Ut conventu urbis et frequenti coetu videatur, experientia tua omni votorum celebritate servata auctoritate nostri ita patere templum permittat oraculi, ne illic prohibitorum usus sacrificiorum huius occasione aditus permissus esse credatur. Dat. prid. kal. dec. Constantinopoli Antonio et Syagrio conss. (382 nov. 30)."​

Der Tempel, dessen Bildwerke nicht wegen ihrer "Göttlichkeit", sondern wegen ihres künstlerischen Wertes geschätzt werden, soll auch weiterhin öffentlich zugänglich bleiben und für Versammlungen genutzt werden. Es soll aber keineswegs der Eindruck entstehen, dass dort verbotene Opferhandlungen toleriert würden.
 
Zurück
Oben