Ad Boias, qui nunc Baioarii vocantur

Dieses Thema im Forum "Völkerwanderung und Germanen" wurde erstellt von Clemens64, 4. Februar 2022.

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  1. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ok Ravenik, da glaubte ich fälschlich, einen Überblick zu haben.
    Chlotar II. hatte ich noch gecheckt und da die Information gefunden, dass der erst mit 13 Jahren den Thron bestieg.
     
  2. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Für sehr lesenswert gerade in Bezug auf einen systematischen Aufbau halte ich den Beitrag von Heitmeier selbst.
    Garibald wird in dem Band vielleicht überhaupt nicht genannt, viel mehr, als was ich oben erwähnt habe, weiß man ja nicht über ihn (da irre ich mich hoffentlich nicht schon wieder). Was von Heitmeier als Gründerzeit beschrieben wird, fällt halt zu einem großen Teil in seine Zeit.
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Gerade diesen halte ich für besonders fragwürdig; ich hatte mich ja schon öfter dazu geäußert. Eine kleine Auswahl:

    Wo lagen "Ad pontes Tesseninos"
    Wo lagen "Ad pontes Tesseninos"
    Wo lagen "Ad pontes Tesseninos"
    Wo lagen "Ad pontes Tesseninos"

    Mir ist mehrfach sauer aufgestoßen, wie unbekümmert da Ursprünge in eine möglichst weit zurückliegende, gar noch römische Vergangenheit zurückprojiziert werden. Auf den mir unverständlichen Klopper, dass sogar beim Siedlungsnamen Schlehdorf auf "spätantike Traditionen" spekuliert wird, habe ich schon hingewiesen. Ähnlich unbekümmert wird "Kamparn" (recte: Kampern) bei Mattighofen direkt von lat. campus abgeleitet. (Vgl. Wiesinger/Greule 2019, S. 158: "... wahrscheinlich nicht in die ahd. Zeit zurückreichen, sondern erst eine Ableitung des 13.14. Jhs. vom Familiennamen Kamper...").

    Die Logik, auf denen die Feldkirchen-Namen basieren sollen, erschließt sich mir nicht.

    Die Hypothese geht ungefähr so: Die Feldkirchen-Orte waren in frühbajuwarischer Zeit (wohl schon unter Garibald I.) Militärstandorte, zunächst wohl noch ohne Kirche. (Diese Orte müssen aber selbstverständlich auch schon Ortsnamen getragen haben, das bleibt in der Hypothese außen vor.) In späterer Zeit wurden zu militärseelsorgerlichen Zwecken Kirchen an diesen Standorten errichtet.
    Und dann wurde (mit einer "besonderen Zielgerichtetheit" - worin das Ziel bestanden haben soll, wird nicht erläutert) eine "konsequente Benennung" (S. 631) dieser Orte vorgenommen - seither heißen die alle einheitlich "Feldkirch(en)".
    Hatten die Herzöge eine besondere Marotte, bestimmte Orte einheitlich zu benennen, um möglichst viele Pannen durch Verwechslungen hervorzurufen?

    Normalerweise werden Ortsnamen doch vergeben, um Orte voneinander unterscheiden zu können. Und Benennungen werden normalerweise von der ortsansässigen Bevölkerung vergeben. Herrscher pflegen allenfalls ihre eigenen Namen an ausgewählten Orten zu verewigen (Konstantinopel, Wilhelmshaven usw.) Und da Ortsnamen - zumal in alter Zeit - recht kleinräumig vergeben werden und nicht mit Blick auf die große Landkarte, entstehen immer wieder gleichlautende Namen, was zu ärgerlichen Verwechslungen führt. Um diese zu vermeiden, wird durch Namenszusätze für Unterscheidungsmöglichkeiten gesorgt.

    Orte, die in alter Zeit den Namen Wila (Weil) ohne weitere Zusätze trugen, heißen heute beispielsweise Großweil, Weilach, Weilimdorf, Weil der Stadt oder Weilkirch.

    Von daher erscheint mir der ganze Ansatz verfehlt bzw. geradezu widersinnig, bei gleichnamigen Orten eine "systematische" Benennung vorauszusetzen.
     
  4. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ganz so widersinnig ist Heitmeiers Feldkirchen-Interpretation nicht. Natürlich geht es ihr nicht zuvörderst um die Benennung der Orte, sondern um eine vom Herzog betriebene, systematische Gründung militärischer Stützpunkte, die bald mit Kirchenbauten versehen wurden, wie Sepiola ja treffend skizziert hat. Deren Beschreibungen als Feldkirchen-Orte wurden, so muss man sich das denken, später zu Namen.
    Als Argumente nennt Heitmeier die Tatsache, dass diese Feldkirchen-Orte vor allem im bairischen Kernraum zu finden sind, und zwar auf ursprünglich römischem Gebiet, und dass sie fast alle eine wichtige Verkehrslage und Bezug zu früheren römischen Strukturen hatten. Außerdem lassen die Patrozinien häufig ein hohes Alter möglich erscheinen.

    Ich gebe aber gerne zu, dass es für den Nichtspezialisten kaum möglich ist, einzuschätzen, ob die Argumente zwingend sind: so viele auf die einzelnen Fälle zugeschnittene Argumente, und denkbar so viele Möglichkeiten von Einwänden und Gegenbeispielen! Nachvollziehbarer wären da vielleicht statistische Ansätze, etwa nicht durch Zufall erklärbare Häufungen von Feldkirchen-Namen in der Nähe von (nach möglichst objektiven Kriterien ermittelten) im 6. Jahrhundert strategisch bedeutsamen Orten.
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Und das stimmt bei näherem Hinsehen auch nicht. Die meisten Feldkirchen-Orte waren unbedeutende Orte, die "wichtigen" Punkte liegen oft etliche Kilometer weit entfernt. Welche "militärischen Stützpunkte" sind denn nachweisbar?

    Nein, Heitmeier postuliert ausdrücklich eine absichtliche und systematische Benennung:

    "Die konsequente Benennung auf bairischem Gebiet dürfte also erneut auf eine besondere Zielgerichtetheit der Organisation im Herzogtum hinweisen."
     
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  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Dass Militärstützpunkte an wichtigen Verkehrslinien, Verkehrsknoten etc liegen, ist nicht ungewöhnlich, dass sie das aber gehäuft im Kernland tun, erscheint höchst merkwürdig... wie verfuhr denn das in kernlandig gelegenen Feldkirchen stationierte agilulfingische Militär, wenn sich allerlei feindliche Truppen an der Grenze sammelten und diese marodierend überschritten? Harrten sie dann tapfer im Kernland aus, bis die Krise überstanden war? ;)
     
  7. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ja, dass es einen Übergang von Funktionsbezeichnung zu Eigennamen gegeben haben müsste, schreibt sie nicht, halte ich aber für plausibel.
    Naja, wie gesagt, so richtig überzeugend finde ich die Feldkirchen-Hypothese ja auch nicht, aber als ganz doof sollte sie auch nicht dargestellt werden.
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Und genau dieser Übergang soll zielgerichtet, und zwar spätestens im 8. Jahrhundert stattgefunden haben. Das mit den Feldkirchen verbundene Organisationsprinzip soll es ja auch außerhalb Baierns gegeben haben (dafür nennt sie auch Beispiele), nur kam es dort sehr selten zur Bildung von Feldkirchen-Ortsnamen. Es ist gerade die konsequente Vergabe der Ortsnamen, die hier als markante bairische Spezialität hervorgehoben wird:

    "... zu einer Ortsnamenbildung kam es im Falle Ulms aber nicht. ... Ein Feldkirchen-Name entstand [im Falle Wilten] aber nicht. Die konsequente Benennung auf bairischem Gebiet dürfte also erneut auf eine besondere Zielgerichtetheit der Organisation im Herzogtum hinweisen."
     
  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    wenn ich das richtig verstehe, weiß man also nichts über solche, denn sie müssten erst ermittelt werden - und dafür würde man einiges Quellenmaterial über agilulfingisches Militär im 6. Jh. benötigen. Soweit mir bekannt, gibt es nicht viel aussagekräftiges Quellenmaterial dazu.
    Diese Frage:
    wird sich also nicht vollständig beantworten lassen.
    Wie @Sepiola überzeugend dargelegt hat, sind die (angeblich im 6.Jh. militärisch bedeutsamen) Feldkirchen-Orte nicht militärisch typisch (Grenznähe, Wegekontrolle/sperren etc) Und wenn ich die letzten Beiträge richtig verstehe, steht auch die Vermutung, diese Namen würden ins 6.Jh. in zurückreichen, auf sehr wackeligen Füßen.
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Heitmeier zögert, die Feldkirchen tatsächlich schon im 6. Jh. anzusetzen. Sie verweist auf Christian Laters Beitrag 'Kirche und Siedlung im archäologischen Befund' im selben Band, der konstatiert: "Sicher als Kirchen ansprechbare Bauten treten im ländlichen Raum der Baiovaria erst ab der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts in Erscheinung" (S. 830) und sie spricht anhand einiger Beispiele vom frühen 8. Jahrhundert.
    Andererseits bringt sie immer wieder spätantik-römische Bezüge ins Spiel; bei all den ad-hoc-Erklärungen fällt es mir schwer, das alles auf einen griffigen Nenner zu bringen.

    Von Grenzen ist bei Heitmeier weniger die Rede. Als hauptsächliche Funktion werden "wichtige Straßen, Straßenkreuzungen oder Flussübergänge" genannt. Die konkreten Standorte werfen dann doch Fragen auf. Von den drei Feldkirchen-Orten in Donaunähe erscheint nur das bei Ingolstadt plausibel, in Feldkirchen bei Straubing (6 km Luftlinie von der Donau) kann man sicher keinen Donauübergang kontrollieren. Fast alle Standorte sind bestenfalls "in der Nähe" von irgendwas, manchmal ist das ein Herzogs- oder Königshof, oder der Feldkirchen-Ort liegt zumindest irgendwo zwischen zwei solchen Höfen. Außerdem spielt noch "Wiesenland als Weide für Reit- und Transporttiere [...] andererseits aber auch militärisches Versammlungs- und Übungsgelände, [...] im weiteren Sinne also wohl militärisches Nutzland" eine Rolle.

    Das Merkwürdige ist, dass die angeblich uralten Kirchen nahezu keine Spuren hinterlassen haben:

    "Betrachtet man die kirchliche Situation in den Feldkirchen-Siedlungen, könnte man geneigt sein, Stahleders Urteil zuzustimmen, denn in sehr vielen Fällen handelt es sich heute bzw. im 19. Jahrhundert um Filial- oder Expositurkirchen, denen kein höheres Alter anzuhaften scheint. Reinhard Seitz hob zudem mehrere Namenträger hervor, die gar keine Kirche aufweisen oder erst in der Neuzeit eine erhielten." (S. 622)

    Ich tippe auf folgendes:

    Die in Oberbayern häufigen Feldkirchen-Siedlungen entstanden in den meisten Fällen erst im Hochmittelalter auf bislang unbewohnten Flächen, die als namengebende Besonderheit eine auf freiem Feld stehende Kapelle (oder eine als Kirche gedeutete Ruine) aufzuweisen hatten.

    Im einen oder anderen Fall mag diese Ruine sogar auf römische Zeit zurückgehen. Bei Marcus G. M. Meyer "Die ländliche Besiedlung von Oberschwaben zur Römerzeit" (Stuttgart 2010) werden Flurnamen erörtert, die Hinweise auf römische Mauerreste geben:
    Romanisch-germanische Sprachgrenzen im frühen Mittelalter
     
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  11. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Von Flächenstaaten im heutigen Sinn kann ja damals noch überhaupt keine Rede sein. Grenzen spielten kaum eine Rolle, wirtschaftlich oder militärisch wichtige Punkte waren das entscheidende.
    Wie flächendeckend die Herrschaft überhaupt war, wissen wir nicht. Sicherlich gab es immer irgendwo noch eine Gruppierung, einen "Warlord", die nur teilweise, nur pro-forma, oder gar nicht der Herzogsherrschaft unterstand, auch im "Landesinneren". Die man nach und nach unterwarf, oder die noch lange als unzuverlässige Verbündete galten.

    Von daher stärkte man das, was einem bedeutsam erschien, egal, wo es lag.
     
  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Und nicht nur das! Eine weitere Veränderung zu den militärischen und organisatorischen Verhältnissen der Römerzeit (mit ihren fest stationierten Legionen etc) im 6./7. Jh. sollten wir mitdenken: die "Heere"/Kampfaufgebote sind immer kleiner geworden. Solche salopp gesagt Massenveranstaltungen wie Kaiser Julians Sieg über die Alemannen (Ammianus berichtet davon) kamen nicht mehr zustande; auch die "Wanderungen" größerer Verbände (Goten nach Italien, Vandalen setzen nach Nordafrika über - zu den Zahlen siehe H. Wolfram) waren schon Geschichte (Ausnahme: die Langobarden erobern das ausgelaugte Norditalien)
    Die merowingische Annexionen/Eroberungen der Thüringer, Alemannen und Bayern fanden mit viel kleineren Truppenstärken und recht chaotisch statt (über die Kriegführung der Merowingerzeit siehe Scheibelreiter und Prietzel) und fest stationierte Truppenkontingente gab es kaum. Das "hauptberufliche" agilulhfingische "Militär" des 6.Jhs. wird kaum alle Feldkirchen-Orte mit je ein paar Hundert Mann besetzt/besiedelt gehalten haben (wer hätte die gerade an eher abgelegenen Orten auch versorgen sollen??) - allein diese Überlegung lässt es als sehr zweifelhaft erscheinen, dass die Feldkirchen-Namen/Orte, wenn sie denn überhaupt für das 6./7. Jh. zutreffen, auf einen militärischen Kontext für diese frühe Zeit verweisen.
     
  13. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Gerade lese ich, dass der Hauptarm der Donau bis um 1363 viel weiter südlich verlief, im Tal der heutigen Sandrach.

    Der 1282 erstmals erwähnte Ortsname Sonnenbrücke (alte Schreibweisen: Sunderbruck/Sunderbrücke) dürfte den Übergang über den Hauptarm markieren. Davon ist Feldkirchen doch wieder ein ordentliches Stück entfernt:

    upload_2022-6-23_14-30-16.png

    (Mit den drei Feldkirchen-Orten meinte ich die in Altbayern, das oberösterreichische Feldkirchen liegt tatsächlich an der Donau.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juni 2022
  14. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Von ein paar Hundert Mann ist, soweit ich sehe, auch nirgends die Rede. Andererseits wird ein kleiner Wachtrupp wohl keine großen Ansprüche an "militärisches Versammlungs- und Übungsgelände" gestellt haben.

    Wenn die Mannschaften sehr überschaubar waren und ein Herzogshof in erreichbarer Nähe, wäre das kein Problem. Wobei sich wiederum die Frage stellt, warum man die paar Mann nicht gleich an Ort und Stelle stationiert hat, sondern ein paar Kilometer weiter.


    Der einzige Feldkirchen-Ortsname "im bayerischen Stammesherzogtum zur Zeit der Agilolfinger" (bei Rott am Inn) ist anno 804 bezeugt:
    ZBLG - Seite 408 ZBLG 20 (1957)
     
  15. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    [Gestern geschrieben, vorm Abschicken aber eingenickt:]

    Ich habe allein schon mit kurzem Blick in die Wikipedia ein Feldkirichun zu 842 und ein Veldkiricha zu 909 gefunden. Wir kommen also durchaus schon ins Frühmittelalter.

    Und das passt auch zur Mission in Karolingischer Zeit. Um ganze Landstriche logistisch und organisatorisch überhaupt für die Amtskirche erschließen zu können, wurden Kirchen oft im Feld zwischen den Dörfern gebaut, oft natürlich an verkehrsgünstigen Stellen. Damit gehört etwa Bonifatius zu den üblichen Verdächtigen.

    Hier in Westfalen gibt es Beispiele,dass solche Kirchen später an günstigere Orte verlegt wurden. Bei Kirchen entstandene Siedlungen tragen etwa die Namen Kirchdorf, Kirchberg oder sind nach bestehenden benachbarten Orten mit dem Vorsatz 'Kirch-' abgeleitet. Weitere, auch später isoliert liegende alte Kirchen tragen teils den Zusatz 'im Felde' oder bei einer nahen Stadt natürlich auch 'vor den Mauern'.

    Das 'Feldkirchen'-Orte vorwiegend in Bayern vorkommen wird ganz einfach an den unterschiedlichen Dialekten, bzw. Sprachen liegen und in eine Zeit fallen, die für uns uninteressant ist. Warum nach einem militärischen Zebra Ausschau halten?

    Und als Beispiel, dass eine Auswahl von günstig gelegenen Orten nicht automatisch Militär bedeutet:

    Allein im Kreis Paderborn fallen mir spontan 8 Beispiele von solchen Kirchen in der Feldflur ein. In einem Fall ist sicher, dass am Ort der Kirche gleich ein paar Höfe mit angelegt wurden. 3 wurden später in Städte verlegt (1 davon ist die mit den mitgegründeten Höfen), 2 fielen wüst, 1 wurde durch eine Kapelle ersetzt, um 1 siedelten sich später Höfe an und nur 1 scheint in einer Fluchtburg angelegt worden zu sein, die aber einem Kloster zur Verfügung gestellt wurde. 4 lagen an überregionalen Handelswegen (1 davon auch in Nähe einer Furt), 3 an regional bedeutsamen Wegen (1 davon auch in Nähe einer Furt), bei 1 müsste ich nachschauen. 5 davon sind sicher aus karolingischer Zeit. Zu den restlichen 3 fehlen Quellen, die eine sichere Datierung erlauben. Und das sind nur die Beispiele, die mir gerade in den Sinn kamen. Nur eine liegt im Bereich der Streusiedlung, ist aber aufgenommen, weil ihr Standort bei Gründung klar außerhalb des besiedelten Raumes lag. Früher wurde eine Verlegung vermutet, doch wurden mittlerweile Reste identifiziert, die eher eine Standorttreue dieser Kirche und vorausschauende Planung vermuten lassen. Einen Zusammenhang mit Militär sehe ich da nicht.

    Ich denke, so eine Aufstellung müsste auch für Feldkirchen-Orte möglich sein. Ohne lässt sich die Annahme kaum Beurteilen. Der erste Blick spricht gegen jedenfalls gegen eine so frühe Einordnung, dass es für die Ethogenese der Bayern relevant ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juni 2022
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  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Wenn ich die vorangegangenen Beiträge richtig verstanden habe, stand die Vermutung im Raum, die bayrischen Feldkirchen-Namen/Orte würden auf militärischen Kontext im 6./7. Jh. verweisen - meine Zweifel daran bleiben bestehen, wobei mir schon allein das genügt, was man über das "Militär" dieser Zeit weiß. Dass man obendrein keine Funde vorweisen kann, welche die Anwesenheit von kleinen "Feldkirchen-Wachtrupps" belegen, mindert meine Zweifel nicht. Deine Idee mit den kleinen Wachtrupps: warum sollte man eigens für diese oder wegen ihnen im 6./7. Jh. neue und obendrein sakrale Ortsnamen etablieren?
    Mich überzeugt noch nichts davon, die Feldkirchen-Namen ins 6./7. Jh. bzw in die Merowingerzeit zu "datieren".
     
  17. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das bezieht sich auf Feldkirch in Vorarlberg, zu Feldkirch im Elsass habe ich irgendwo die Jahreszahl 780 gelesen. Es gibt also einige wenige frühbezeugte Feldkirchen-Orte, eine bayerische Häufung lässt sich da nicht feststellen.

    Kirchen "zwischen den Dörfern" wurden auch in späterer Zeit gebaut, da gibt es noch Beispiele aus dem 19. Jahrhundert. (Damit meine ich keine Wallfahrtskirchen, die natürlich auch oft auf freiem Feld gebaut wurden, obwohl auch diese im einen oder anderen Fall namengebend gewesen sein können: Kirche auf dem „freien Feld“ – Ainring, Feldkirchen | Euregio Salzburg )

    Dazu habe ich um 0.50 Uhr schon etwas geschrieben. Die Sache ist die, dass es für die Masse der altbayerischen Feldkirchen-Orte gar keine Hinweise auf die Existenz frühmittelalterlicher Kirchen gibt:
    "Helmut Stahleder sah die Feldkirchen-Ortsnamen vor allem im Kontext von jüngeren, d. h. im wesentlichen erst hochmittelalterlichen Ausdifferenzierungen von Großgemarkungen und bezweifelte damit vor allem ein höheres Alter dieses schematischen Namentyps, da die Kirchen in früherer Zeit einfach den Namen der Großgemarkung getragen hätten."


    ... ist, wie ich hoffentlich hinreichend deutlich gemacht habe, kein Ausweg, um irgendwas an der Hypothese plausibel zu machen. Einen Wachtrupp kann man unmittelbar an dem Ort stationieren, wo er gebraucht wird, man muss da kein kilometerweit entferntes "militärisches Versammlungs- und Übungsgelände" im Umland suchen, geschweige denn dieses mit einer Kirche versehen.

    Nicht nur das, auch ein römisch-spätantiker Kontext wird da oft beschworen...
     
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  18. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Nicht weit von Bayern, in Pannonien, gab es diese "Wanderungen größerer Verbände" im 6./7. Jahrhundert und auch danach noch: Awaren, Magyaren. Die Ausbreitung der Slawen fällt ebenso in diese Zeit.
     
  19. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Schaut man sich die beiden Übersichtskarten in dem Heitmeier-Beitrag an, fällt die Häufung der Feldkirchen-Namen in Altbaiern schon auf: an der Donau von Neuburg bis in den Linzer Raum, in Isar- und Innnähe, bei Salzburg; aber nicht, trotz bairischer Expansion, weiter östlich die Donau entlang und nur ganz vereinzelt südlich in den Alpen und am Oberrhein. Wenn die Entstehungszeit der Ortsbezeichnungen im Hohen Mittelalter läge (was absolut der Fall sein kann), spräche der Befund dafür, dass auch zu dieser Zeit dieses bairische Ursprungsgebiet noch seine Eigenheiten hatte. War das der Dialekt, wie oben vorgeschlagen wurde? Ich denke gelesen zu haben, dass sich etwa das Alemannische und das Bairische zumindest für das Frühe Mittelalter kaum oder gar nicht unterscheiden lassen.
     
  20. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die steht außer Frage. Wobei man diese Häufung noch kleinräumiger beschreiben könnte, denn z. B. in dem breiten Streifen zwischen Lech und Isar haben wir kein einziges "Feldkirchen".

    Und oft gibt es noch viel kleinräumigere auffällige Häufungen von Namentypen, hier mal ein Beispiel:

    upload_2022-6-24_23-21-56.png


    Ein Teil der Ortsbezeichnungen geht auf das 8./9. Jahrhundert zurück, ich schließe nicht aus, dass das auch bei den anderen der Fall ist.
    Was ich ausschließe, ist eine planmäßige Vergabe gleichlautender Namen.

    Und für eine militärische Funktion auch nur einer der namengebenden Kirchen sehe ich nirgends eine Beweisführung.
    Dabei gibt es zumindest für eine Kirche eine zeitnahe und sicherlich gut informierte Quelle. Dazu schreibt Heitmeier:
    "Zum anderen Feldkirchen (Lkr. München), nahe der Mitte des 8. Jahrhunderts als Synodalort hervortretenden villa publica Aschheim, auf die nicht zuletzt durch die Vita Haimhrammi Arbeos von Freising frühes Quellenlicht fällt. Diese Vita berichtet auch von einer callis publica, die von Helfendorf nach Norden führte und wohl bei Neufahrn (!) auf den Weg traf, der vom Isarübergang bei Föhring über Feldkirchen nach Osten zur Römerstraße Richtung Wels zog. Über Feldkirchen gelangte man aber auch nach Aschheim. Nahe Feldkirchen, markiert durch die Emmeramskapelle, liegt die Sterbestelle des Heiligen, die Arbeo als in partibus campestriae gelegen bezeichnet. Dass campester nicht nur ebenes Gelände bezeichnet, sondern auch die Bedeutung 'zum Marsfeld gehörig' besitzt, vermerkte bereits Gertrud Diepolder und wies damit auf eine militärische Konnotation des Ausdrucks hin. Dies ist hier umso mehr zu bedenken, als Überlegungen, dass es sich bei Aschheim um einen merowingischen Militärstützpunkt handelte, aus namenkundlichen wie politischen Gründen durchaus Substanz besitzen."​

    Arbeo schreibt, dass der tödlich verletzte Emmeram mit einem Wagen von Helfendorf nach Aschheim transportiert wurde, weil man ihn nicht in den schäbigen Gebäuden (vilia aedificia) sterben lassen wollte. In Aschheim befand sich die St.-Peters-Kirche - damals vermutlich das einzige Kirchengebäude weit und breit. Emmeram starb aber wenige Meilen vor Erreichen des Ziels auf freiem Feld (dass Arbeo hier speziell ein Militärgelände gemeint haben könnte, gibt der Text nicht her). Seine Begleiter hoben den Sterbenden vom Wagen und "legten ihn in das liebliche Gras der einsamen Feldebene" (in amoeno gramine submiserunt in campestriae desertae planitiae.).

    Viele Jahre später wurde an dieser Stelle eine Kirche gebaut - angeblich weil dort das ganze Jahr über, auch im tiefsten Winter, die Frühlingsvegetation intakt geblieben sei. Ohne dieses Wunder wäre der Sterbeort gänzlich in Vergessenheit geraten. Nach dem Kirchenbau hätten sich dort weitere Wunder ereignet.

    Man muss Arbeo nicht alles glauben (siehe dazu Rainhard Riepertinger, Der zentrale Ort Aschheim, im ofterwähnten Band "Gründerzeit"), aber man darf ihm abnehmen, dass er als Bischof von Freising über Funktion und Bedeutung der nicht allzulange vor seiner Zeit erbauten Feldkirche bei Aschheim (ca. 30 km von Freising entfernt) Bescheid wusste: Das war eine Wallfahrtsstätte, die von den Bewohnern der Umgebung gebaut wurde, von einer herzoglichen Initiative oder von Militär ist nicht andeutungsweise die Rede.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juni 2022 um 00:23 Uhr

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