Sehr interessant ist, was die Spitzel zusammentrugen, nachdem das Massaker von Katyn publik geworden war. Ich zitiere ungekürzt die darauf bezogenen Meldungen vom 19. April 1943:
1. Die in letzter Zeit bei nicht wenigen Volksgenossen unter der Wirkung von Parolen, wie "die Sowjets sind nicht so schlimm, wie sie hingestellt werden", schwächer gewordenen Gefühle des Hasses und der Angst vor dem Bolschewismus seien wieder stark belebt. Das Schicksal der 12.000 Polen werde als Beispiel dafür betrachtet, wie es großen Teilen des deutschen Volkes bei einem Sieg der Russen ergehen würde.
2. Unter den Angehörigen der Ostfront-Soldaten, besonders von Offizieren, die seit Stalingrad vermißt sind, herrsche äußerste Besorgnis, daß die Sowjets mit den deutschen Kriegsgefangenen verfahren würden, wie seinerzeit mit den polnischen Offizieren.
3. Im übrigen erörtere ein großer Teil der Bevölkerung die Liquidierung des polnischen Offizierskorps unter humanitären Gesichtspunkten und gelange deshalb zu der Schlußfolgerung, es sei "merkwürdig" oder gar "heuchlerisch", daß die deutsche Propaganda nunmehr "ihr Herz für die Polen entdeckt habe". Dabei verweise man einerseits auf die Tatsache, daß von den Polen 60.000 Volksgenossen in Bromberg und anderen Orten gemordet worden sind, andererseits erkläre man, "wir haben kein Recht, uns über diese Maßnahme der Sowjets aufzuregen, weil deutscherseits in viel größerem Umfang Polen und Juden beseitigt worden sind". Mit der letzteren Arguzmentation werde besonders in intellektuellen und konfessionell orientierten Kreisen gegen die "propagandistische Ausschlachtung" des Fundes im Walde von Katyn geeifert.
4. In gegnerisch eingestellten Kreisen werde, so heißt es in vielen Meldungen, "die ganze Geschichte als ein Ablenkungsmanöver für die nordafrikanische Schlappe" bezeichnet. Die Leichenfunde seien gewiß schon seit längerer Zeit bekannt gewesen. Man habe sich ihre Auswertung auf einen Zeitpunkt aufgespart, wo man dem deutschen Volke "wieder einmal etwas vorsetzen muß, um eine ungünstige Entwicklung zu vertuschen".
5. Die Aussichten über die Wirkung des Falles auf das neutrale und feindliche Ausland seien zunächst noch geteilt. Vielfach verspreche man sich außerordentlich viel davon, insbesondere eine grundsätzliche Änderung in der anglo-amerikanischen Einstellung zur Sowjet-Union.
Heinz Boberach (Hrsg.), Meldungen aus dem Reich 1938 - 1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS. Band 13, Herrsching 1984, S. 5145