Deutschschweizer wollen nicht hören, dass sie alemannisch sprechen

Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, wohin das führen soll? Die sprachwissenschaftliche Zuordnung der Dialekte wurde ja nicht in Zweifel gezogen, sondern von verschiedenen schweizerischen Nutzern ausdrücklich bestätigt? Sie wiesen nur darauf hin, dass es sich nicht um eine bei den Menschen gebräuchliche Bezeichnung für die eigene Sprache handelt, sondern vor Ort andere (manchmal sogar ganz lokale) Begriffe üblich sind.

Begriffe wie "westgermanisch" oder "alemannisch" sind im sprachwissenschaftlichen Diskurs geläufig; dennoch handelt es sich um übergeordnete, künstlich geschaffene Bezeichnungen, die meist im 19. Jh. erstmals verwendet wurden. Es kann eigentlich nicht verwundern, dass Menschen ihre eigene Sprache nicht auf diese Weise benennen.
 
Die sprachwissenschaftliche Zuordnung der Dialekte wurde ja nicht in Zweifel gezogen, sondern von verschiedenen schweizerischen Nutzern ausdrücklich bestätigt? Sie wiesen nur darauf hin, dass es sich nicht um eine bei den Menschen gebräuchliche Bezeichnung für die eigene Sprache handelt, sondern vor Ort andere (manchmal sogar ganz lokale) Begriffe üblich sind.
Ich weiß.
Und ich will den Deutsch.schweizern auch nicht vorschreiben, wie sie ihre Sprache nennen.
Ich bedaure nur, dass der Begriff Alemannisch dort meist unbekannt ist.
 
Wenn im Umfeld der Londoner Verträge von 1915 dem Königreich Italien schon das italienisch sprechende Tessin und Teile des rätoromanisch sprechenden Graubünden als Kriegsbeute in Aussicht wurden,

dann gab es gute Gründe, ab 1937, mit viel Beton einen nicht-linguistischen Sperrwall gegen die Übergriffe deutscher Germanisten zu bauen.

Das Réduit ist die Schweizer Variante des preußischen "Nachtigall, ick hör Dir trapsen."


 
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Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, wohin das führen soll?
jau....

egriffe wie "westgermanisch" oder "alemannisch" sind im sprachwissenschaftlichen Diskurs geläufig; dennoch handelt es sich um übergeordnete, künstlich geschaffene Bezeichnungen, die meist im 19. Jh. erstmals verwendet wurden.
eben...
Ich bedaure nur, dass der Begriff Alemannisch dort meist unbekannt ist.
? Und die Elsässer, die Vorarlberger, die Schwaben usw.? Warum war das ein eigener Faden wert mit ambitioniertem Titel?
 
Ich weiß.
Und ich will den Deutsch.schweizern auch nicht vorschreiben, wie sie ihre Sprache nennen.
Ich bedaure nur, dass der Begriff Alemannisch dort meist unbekannt ist.

Wie ich Dir am Beispiel Basel und Elsass gezeigt habe, ist der Begriff "allemannisch" dort (und auch in der gesamten Deutschweiz) durchaus nicht unbekannt, sondern lediglich nicht gebräuchlich. Zum Mindesten zu meiner Zeit stand die sogenannte "allemannische Landnahme" im Grundschul-Geschichtsunterricht in der ganzen Schweiz auf dem Pflichtprogramm - Du darfst also davon ausgehen, dass zum Mindesten mehr oder weniger jeder Deutschschweizer weiss, was "allemannisch" ist.

Vielleicht befriedigt Dich aber ein historischer Erklärungsversuch (die Betonung liegt auf Versuch) eher als die "natürlichen" Verweise auf den Alltagsgebrauch zur Bezeichnung von Dialektvarianten. In nachnapoleonischer Zeit, als im 19. Jahrhundert die moderne Schweiz (1848) entstand und gleichzeitig auch ein immer stärkerer deutscher Nationalismus aufkam, galt es, sich von diesem zu distanzieren. Einerseits, um die Eigenständigkeit vom Deutschen Reich zu betonen, andererseits aber auch, um gewissermassen eine gemeinsame nationale Identität für Deutsch-, Französisch- und Italienischsprachige zu finden. Da dazu aber auch in der Schweiz die Betonung auf gemeinsame politische Werte und Ideale wie Freiheit und Gleichheit offenbar nicht ausreichten sondern es anscheindend immer nötig ist, auch eine gemeinsame ethnische Abstammung zu konstruieren, fand man zu diesem Zweck die Kelten, genauer gesagt die keltischen Helvetiern. Diese hatten sowohl im deutsch- wie im französischsprachigen Mittelland sowie in den schweiz. Zentralalpen und Teilen Graubündens (die Räter wurden ignoriert) gesiedelt während im Wallis und im italienischsprachigen Tessin u.a. auch keltische Lepontier zu finden waren. Damit war die CH, die "Confoederatio Helvetica", gegründet und zwar unter Wahrung der sprachlichen Neutralität, womit auch Französisch-, Italienisch- und Rätoromanischsprachige leben konnten, was bei einer "allemanischen Eidgenossenschaft" oder sogar "germanischen Eidgenossenschaft" nicht der Fall gewesen wäre. Keltisch sprach im Gebiet der heutigen Schweiz jedenfalls niemand mehr (mögliche schottische, irische, walisische oder bretonische Einwanderer im 19. Jahrhundert dürften vernachlässigbar sein -:) Dass die 30er und 40er Jahre nicht gerade dazu geeignet waren, die Deutschschweizer zu einer Korrektur hinsichtlich der Bezeichnung ihrer Dialekte zu "allemmanisch" zu veranlassen sondern im Gegenteil zu einer propagandistischen Wiederbelebung des konstruierten "Keltenerbes" führten, muss ja wohl nicht näher erklärt werden.

Im Übrigen wurden die Wurzeln zur "germanischen / allemannischen Trennung" der Deutschschweiz bereits im auslaufenden Spätmittelalter (16. Jhr.) gelegt. Eidgenössische Humanisten wie Aegidius Tschudi, Heinrich Brennwald und vor allem Heinrich Loriti Glarean stellten die Verbindung der Eidgenossen mit den antiken Helvetiern heraus. Glaerean betonte sogar ausdrücklich, dass die Schweizer nicht von den Germanen, sondern von den Kelten abstammten. Das hat er aber natürlich nicht sprachlich begründet -:).


Dass die historisch bedingte, "anti-germanische" Haltung im allegmeinen Bewusstsein der Deutschweizer heute noch vorhanden ist und sie daran hindert, die schweizerdeutschen Dialekte als allemannisch zu bezeichnen, glaube ich allerdings nicht. Es handelt sich wie gesagt vielmehr um eine alltägliche Gewohnheit, welche bei einer Änderung wohl zu "zwischenschweizerischen" Missverständnissen führen würde. Jedenfalls würde mich ein Welschschweizer für einen Deutschen halten, wenn ich ihm erklärte, ich würde allemmanisch sprechen. Das wäre in etwa so, wenn sich ein Tessiner (er spricht einen lombardischen Dialekt) sich mir als Langobarde / Lombarde vorstellen würde. Ich würde ihn für einen Mailänder halten.
 
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@Armer Konrad

Ich stimme dir weitgehend zu.
Mir geht es nicht um die Abstammung, sondern um die gesprochene Frage.
Und da sehe bzw. höre ich einen fließenden Übergang vom Südbadischen zum Schweizerdeutschen.
 
Die 'Entdeckung' des Alemannischen im 19. Jh. ist Teil dieser regionalen und nationalen Identitätssuche bzw. Findung, hier für Baden. Die dann grenzübergreifend konstruierten Sprachräume als auch 'Kultur'- oder Ethnienräume basieren ebenso im 19. Jh. Das sind, m.E., also keine historisch validen, ursprünglich jahrhundertelang gewachsenen und eindeutig wesentlich formenden und bis heute entscheidend prägenden und damit verbindenden bzw. verbindungs- und identitätsstiftungsfähigen Kerne der Sprache, Ethnie oder 'Kultur'.

Daher macht es in einem Geschichtsforum Sinn, den historischen Kontext ausreichend zu kennen. Wie oben schon ähnlich notiert.
 
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