Die vergessene Front - Ostfront 1914 bis 1917/18

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von timotheus, 2. Februar 2005.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vordergründig diente die in der Karte anschaulich illustrierte Festungskette der Deckung des russischen Aufmarsches im "Dreieck" sowie östlich Ostpreußen: ein Bollwerk - verbunden mit den stehenden Einheiten - vor den Ausladestationen der Mobilisierungs-Reserven.

    Den deutschen Generalstab beeindruckte das jedenfalls in der Weise, dass ein Schlieffen Chancen nur noch im Westfeldzug sah. Und Moltke folgte ihm darin, praktizierte Planungen eher pro forma im großen Aufmarsch Ost, bis er auch den 1913 ad acta legte. Die rein militärische Sicht für den "schnellen Krieg" antwortete reflexhaft und im Planungsdenken in gewisser Weise sogar logisch durch Umgehung: im Westen blieb damit nur der Umweg über die neutralen Länder.

    Zugespitzt könnte man 1914 feststellen: der Festungsbau ließ nur ein Nadelöhr für die Militärs übrig, die Generalstabs-Planungen folgtem diesem Weg, und die Politik war unfähig in der Bewertung der Folgen und vertraute wohl den angegebenen Erfolgschancen.

    Könntest Du den Aspekt der Brisanz- bzw. Munitionskrise noch etwas näher erläutern? :winke:
     
  2. Rheinländer

    Rheinländer Aktives Mitglied

    War ein wichtiges Argument für den Schlieffen-Plan nicht auch, dass man mit einer wesentlich schnelleren Mobilisierung der französischen als der russischen Armee rechnete?
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Schlieffen rechnete mit einer langsameren Mobilmachung und Aufmarsch der russischen Truppen an der Grenze Ostpreußens als dies im Westen der Fall sein würde. Frankreich sollte aber als erstes in einer "Vernichungsschlacht" besiegt werden, weil Schlieffen Frankreich für den militärisch stärkeren Gegner hielt. Schlieffen war auch bereit notfalls Ostpreußen temporär preiszugeben.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das deutet an, dass es so etwas wie eine Diskussion oder ein nachvollziehes Abwägen von Pro und Kontra gegeben habe. So kann man das wohl nicht sehen.

    Turgot hat schon die Prämissen genannt.

    Das Szenario "Angriff im Westen" bzw. die Tendenz dazu hat sich fließend bei Schliefen mindestens seit 1894 ergeben, sehr wahrscheinlich, weil seit Moltke d.Ä. niemand an die kriegsentscheidende Vernichtungsschlacht im Osten glaubte, sondern bestenfalls an das ergebnislose Zurückdrücken in die Tiefe (die eigentlich zu vermeidende "Frontalschlacht" gemäß Schlieffen).
    Hull, Isabel V.: Absolute Destruction - Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany, diskutiert schon bei Groener: Das Testament des Grafen Schlieffen, der allerdings wohl den Ostaufmarsch aus eisenbahntechnischen Gründen auch 1914 für machbar hielt (aber eben vermutlich auch nicht für "siegbringend").

    "Großer Aufmarsch Ost" wurde dennoch weiter geplant, bis 1913. Grundidee war stets (-> Groener) die riesige Umfassung der aufmarschierenden und mobilgemachten Russischen Armee in Polen; diese Idee wurde auf dem Planungstisch durch die Festungsanlagen "gestört".

    Die schnelle Mobilisierung der Franzosen ist kein Argument Ost/West. Vielmehr hatte Moltke stets eine aktive Defensive geplant, mit Rückzügen bis an die Rheinlinie, um im Osten einen Teilerfolg durch Vernichtung großer Teile des Russischen Heeres zu erzielen (wodurch dann Korps für den Westen freiwerden - bis zum politisch erforderlichen Friedenschluss) - mit diesen nüchternen militärischen Optionen kommt politisch wohl kaum die "Verursuchung" zum Präventivkrieg auf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Februar 2011

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