(...) Theoderich der Große bestand noch im sechsten Jahrhundert darauf, dass sein Geschlecht aus Skandinavien stamme und den weiten Weg über Hinterpommern und das Weichselgebiet zum Schwarzen Meer und von dort nah Pannonien und Mösien und schließlich nach Italien gekommen sei. Warum, so könne man angesichts des ungeheueren Aufwands, den die Wissenschaft in Widerlegung wie Verteidigung der skandinavischen Gotenherkunft investierte, warum, so könnte man fragen, will man dem Amaler nicht glauben? Zwar wird das Bild einer gotischen Völkerwanderung quer durch Europa (...) der vergangenen Wirklichkeit nicht gerecht. Aber nach tiefgreifenden Veränderungen der gentilen Substanz und katastrophalen Zusammenbrüchen gotischer Staatlichkeit, kurz innerhalb einer vielhundertjährigen Geschichte, sind immer wieder neue gotische Stammesbildungen nur deshalb gelungen, weil sie von Traditionskernen, wie der Amalersippe, getragen wurden. Sie waren es, die den Gotennamen erhielten. Daher muss man die Selbstdarstellung der Amaler, die Inhalte ihrer Überlieferung, die sie zu solchen Leistungen befähigten, als Motiv, wenn auch nicht unbedingt als meßbare Tatsache, ernst nehmen. Als solches entwickelt zwar die skandinavische Herkunft ein starkes Nachwirken, sie hat Geschichte, ist aber keine, die man - außer mit den Worten der Origo Gothica - erzählen könnte. Und überdies stellt sich nicht die Frage, ob Skandinavien die "Urheimat der Goten" war, sondern bestenfalls, ob Goten oder Leute, die später Goten wurden, von Norden über die Ostsee auf den Kontinent kamen.