Es handelt sich um ein außerordentlich heterogenes Phänomen, und ich bezweifle, dass man dazu statistische Daten erheben kann, die dann auch tragfähig sind. Wenn sich ein Marienwallfahrtsort nicht durchsetzte, mag eine Erscheinung vielleicht gar nicht aufgezeichnet worden sein.
Zu unterschiedlichen Zeiten behaupteten Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, ihnen sei die Gottesmutter erschienen, habe mit ihnen gesprochen oder - wie bei Bernadette Soubirous oder dem russischen Asketen Andreij - sogar gebetet. In Lourdes kam von Anfang an das Element der heilenden Quelle hinzu (die Bernadette selbst durch Scharren im Boden auftun sollte), in anderen Fällen fehlt ein solches praktisches Zeichen ganz. Häufig wird die Seherin oder der Seher aufgefordert, die kirchlichen Autoritäten zum Bau einer Kirche oder Kapelle zu drängen, und auch an Aufrufen zur Buße und zum Gebet fehlt es nicht. Es handelt sich auch nicht immer um Menschen aus den einfachen Bevölkerungskreisen. Die Erscheinung Unserer Lieben Frau vom Schnee, die zum Bau der Basilika Santa Maria Maggiore geführt haben soll, wird beispielsweise einem Ehepaar aus dem römischen Senatorenstand zugeschrieben.
Die meisten bezeugten Marienerscheinungen entstammen der katholischen Welt, es gibt aber auch Berichte über Begegnungen aus den orientalischen und orthodoxen Kirchen.
Man wird also wohl im Einzelfall prüfen müssen, welche Hintergründe die Maßnahmen beeinflussten, mit denen Staat und Gesellschaft auf eine konkrete Erscheinung reagierten. Hin und wieder kann es vielleicht sogar möglich sein, einen Betrug oder einen Irrtum zu belegen, aber das dürfte eher die Ausnahme bleiben. Psychologische Einordnungen müssen wohl zumindest bei Erscheinungen bis ins späte 19. Jh. hinein spekulativ bleiben, einfach weil die Quellen dazu schweigen.
Übrigens wäre es wohl auch unsinnig, ausschließlich Marienerscheinungen auszuwerten, wenn man einen statistischen Überblick schaffen möchte. Schließlich erschienen immer wieder auch andere Heilige, um Menschen Aufträge zu geben oder sie zu stärken. Maria hatte - wenigstens in der katholischen und orthodoxen Kirche - natürlich einen für andere heilige Männer und Frauen und sogar die Engel unerreichbaren Rang und spielte so auch bei Erscheinungen eine außerordentlich prominente Rolle; die Reaktion der preußischen Behörden auf die Vorfälle in Marpingen wäre aber vermutlich nicht anders ausgefallen, wenn die Mädchen von einer Begegnung mit dem Heiligen Petrus oder der Heiligen Barbara berichtet hätten.