Mobilmachung und Aufmarsch: ÖUs Eintritt in den WW1

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Turgot, 21. März 2021.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Was Conrad sich im Juli 1914 definitiv vorwerfen lassen muss, ist, dass er auf den Ministerratskonferenzen vom 07. Und 19.Juli nicht klar und deutlich gesagt, dass das Heer eigentlich nicht voll einsatzfähig für einen 2 Frontenkrieg ist. Die Artillerie befand sich in der überfälligen Umarmierung und Vermehrung. Die 10cm und 15cm Haubitzen waren keine Rohrrücklaufkonstruktionen. Und man befand sich in der Umstellung des Wehrdienstes von 3 auf 2 Jahren. Allerdings muss hinzugefügt werden, das auch Berchtold und der Kaiser von dieser Problematik wussten. Am 25.07. wurde die Mobilisierung und der Aufmarsch für den Balkan angeordnet und gerade 1 Tag zuvor hatte Sasonow wissen lassen, das der Zar ein aggressives Vorgehen gegen Serbien nicht dulden würde.

    Es fehlten wohl merkwürdigerweise auch Pläne, die einen Übergang vom großen Aufmarsch Balkan auf dem Minimalfall Balkan vorsahen, weil Russland eingriff. @hatl meinst du dieses Versäumnis Conrads?

    Als die Weichen nun auf Krieg gestellt wurden, hätte das Eisenbahnbureau eigentlich bemerken müssen, das eine Umleitung der B Staffel Transport nach Galizien nur schwer möglich sei. Conrad hatte Berchtold nämlich den 04./05.August als letzt möglichen Zeitpunkt genannt. Am 28. Juli nannte Conrad schon den 01.August.
     
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  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    Die Verantwortungslosigkeit des Conrad von Hötzendorf hast Du ja beschrieben und auch seine Unfähigkeit.
    Als er dann nach dem von ihm angerichteten Aufmarschdesaster schließlich im Jan. 1915 in Galizien eine Offensive beginnt betragen dabei die österreichischen Verluste 800.000 Mann. (Sanborn - Imperial Apokalypse - S.31)

    Es war ihm bewusst war welche Konsequenzen der Große Krieg haben würde und wie schlecht Ö-U dafür gerüstet war. Dennoch wollte er diesen Krieg. Das lässt annehmen, dass ihm sein eigener Ruf und sein eigenes Fortkommen wichtiger war, als das Leben der ihm anvertrauten Soldaten. (Improbable War? - Kronenbitter - S.151)

    Es waren Leute seines Schlages, die die Welt ins Unglück stürzten.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dem Kern des Problems bis Du m.E. auf zweierlei Art nahe gekommen.

    1. Der aktuelle Kenntnisstand ist, dass es sehr wenige Personen waren, die einen Einfluß auf die Ereignisse in den letzten Wochen nahmen.

    2. Und wir wissen, dass es eine Stimmung gab, die auf das Durchschlagen des gordischen Kn0tens abzielte. Das setzte den "klassischen Schwert-Adel" unter Druck, seine Bedeutung für die Gesellschaften zu unterstreichen.

    Dieses Argument wurde als Motivation für die Romanows bereits an anderer Stelle von mir ausgeführt. Und es lassen sich entsprechende Aussagen für das habsburgische Wien anführen, die einen furiosen Abgang (vgl. "Dr. Seltsam") - "Schön war es doch" - sich erwünschten.

    3. Auf eine andere Art können relativ extreme Stimmungslagen bei Bethmann und bei Moltke - literaturseitig - gezeigt werden, die Zukunftsängste gegenüber Russland zum Kern hatten.

    Damit will ich nicht sagen, dass der Einstieg in den WW1 ein "Selbstmordkommando" war, sondern es sollte versucht werden, durch einen Krieg die Probleme zu lösen, die vorher nicht durch Diplomatie oder durch innenpolitische Maßnahmen gelöst werden konnten. Und die massivsten innen- und außenpolitischen Probleme zeigten sich vor allem für Ö-U und für Russland.

    Der "Glorienschein" eines erfolgreichen Waffengang sollte den Romanows und in Wien den Thron retten.

    Neben den anderen Aspekten, die lang- und kurzfristig für die Eskalation zum Krieg erforderlich waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. März 2021
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  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das sehe ich eigentlich nicht so.

    Das, was die Militärs anging, man im Lager der Zentralmächte der Meinung war, dass man durch die russischen Rüstungen in weiterer Zukunft noch schlechtere Chancen haben würde, einen eventuellen großen Krieg durchstehen zu können, ist ja keine berauschende Neuigkeit und ich würde meinen, dass man von österreichisch-ungarischer Seite in dieser Hinsicht noch weit mehr Grund zu Befürchtungen hatte, als auf deutscher Seite.

    Russlands Rüstungen liefen noch, GB hatte zu Hause in Irland gerade seine Probleme und keine orriginären Interessen am Balkan, Italien war immerhin noch so fest in den Dreibund eingebunden, wass man mit einem Mitgehen nicht rechnen konnte, aber jedenfalls zunächst mal mit Neutralität und in Rumänien war zu diesem Zeitpunkt noch ein König am Ruder, der wenigstens in wohlwollender Weise Einfluss nehmen konnte.

    Wenn man Hötzendorf da vorwerfen möchte, dass er den Krieg wollte, wäre das vor der Frage zu diskutieren, ob denn ein Krieg vermeidbar war.
    Und da würde ich einmal anregen, dass auf verschiedener Ebene zu diskutieren, denn da sehe ich für Öterreich-Ungarn ganz andere Perspektiven, als für das Deutsche Kaiserreich.

    Um Österreich-Ungarn, lagen mit Italien, Rumänien und Serbien drei Staatsgebilde herum, die teilweise explizit, teilweise implizit territoriale Ansprüche erhoben, das war für die Zukunft perspektivisch immer eine Koalition war, mit der zu rechnen war.
    Dann oben drauf noch die Dauerrivalität mit Russland.

    Das ist, meine ich eine ganz andere Konstellation, als von Deutscher Seite her, wo man wirklich handfeste territoriale Probleme nur mit Frankreich hatte.
    Entsprechend würde ich meinen, Deutschland hätte es perspektivisch wesentlich einfacher gehabt die Partner wechseln und auf Russland umschwenken können.
    Ich meine, wenn eine der beiden Zentralmächte tatsächlich einigermaßen berechtigte Einkreisungsobsessionen haben konnte, war das eigentlich Österreich, zumal es sich die territorialen Fragen nicht vor allem mir Rumänien und Italien, nicht durch Annexion aufgeladen hatte, so dass man ihm, Serbien ausgenommen, nicht einmal in diesem Sinne eine eigene Verantwortung für diese Einkreisung zuschreiben konnte.

    Lösen ließen sich diese Probleme ohne Gebietsabtretungen auch nicht, zu denen die wenigsten Staatengebilde sich jemals freiwillig bereit gefunden hätten.

    Ich würde meinen, dass man aus Wiener Perspektive heraus, so lange die tripple-Entente beisammen bliebt, damit rechnen musste, dass die in Berlin, wenn die Aufrüsterei und die Insustrialisierung in Russland so weiter gingen, irgendwann angesichts immer größer werdender potentieller Übermacht, ihr Heil darin gesucht hätten, den Zweibund zu liquidieren, sich mit Petersburg zu arrangieren und damit die Entente zu entwerten.

    Und das wäre angesichts der Konstellation mit den Nachbarn und Russland für ÖU der Supergau gewesen.
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Verstehe ich nicht. Es wurde ausführlich das Problem beleuchtet, dass KWII als Reaktion auf das Attentat eine "Polizeiaktion" gegen Belgrad begrüßte. Und damit auch zufrieden gewesen wäre.

    Es gab eine Reihe von Exit-Punkten aus der Eskalation. Es gab nicht nur den Automatismus des "War by timetable".

    Diese war aber nicht durch Conrad geplant, sondern eine weiträumige Umfassung mit einer finalen Schlacht, um militärisch das Problem zu lösen.
     
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  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Verantwortungslosigkeit hat er aber nicht alleine zu schultern. Auch Franz Joseph, und andere, war über die ungenügende Kriegsbereitschaft des Heeres voll im Bilde.
    Und Conrad hat zumindest seit Jahres darum gekämpft, das wenigstens die übelsten Mißstände behoben werden. Es wurden ihm schlicht immer wieder nicht die nötigen monetären Mittel bewilligt, um diese Problematik entschieden anzugehen. Es waren ja nicht nur im Heer, sondern auch im Verkehrswesen reichlich Mängel abzustellen.



    Nein, wenn er gewusst hätte, welche Konsequenzen der Krieg haben würde, hätte er ihn wohl nicht gefordert. Conrad ist kein Mann gewesen, der sein Land vorsätzlich aus Ruhmessucht oder irgendwelcher anderen eitlen Motive ins Unglück stürzen wollte. Dafür liebte er Land und Monarchie viel zu sehr.

    Conrad hat den Krieg gepredigt, richtig. Aehrenthal seine übervorsichtige, rücksichtsvolle Politik gegenüber Italien war allerdings genauso desaströs, man hat 1915 ja gesehen, wohin das geführt hat.

    Conrad war sich bewusst, wie unzureichend das Heer kriegsbereit war. Er wollte eigentlich schon seit Jahren Krieg, um Serbien und Italien, idealerweise hintereinander, als die von ihm wahrgenommene Bedrohung auszuschalten. Und die Chance das im günstigen Sinne für die Monarchie zu "erledigen" wurde immer geringer, das Russlands Bereitschaft zum Kriege von Jahr zu Jahr sich verbesserte; dank französischer Kredite.
     
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  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Natürlich gab es Exitpunkte aus der Eskalation.
    Ich bin, im Hinblick auf @hatls Anwurf im Hinblick auf Conrad einfach nur der Meinung, dass der Weg, zur not auch die Gesamtabrechung auf militärischem Gebiet in Kauf zu nehmen für Österreich-Ungarn wesentlich rationaler war, als für das Deutsche Reich, da es, wie ich dass sehe, perspektivisch weniger Optionen hatte als eben jenes Deutsche Reich, dass mit einer Reorientierung seiner Außenpolitik, seine "Einkreisung", recht einfach hätte sprengen können, weil die außer im Hinblick auf Frankreich nicht nicht auf territorialen Streitigkeiten beruhte.

    Das konnte Österreich-Ungarn in diesem Fall nicht.
    Und deswegen meine ich, dass aus österreichisch-ungarischer Sicht eine "jetzt-erst-recht-Menatlität", wesentlich rationaler war, als aus deutscher Perspektive.

    Aber das ist nur meine persönliche Meinung.
     
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wohl aber wusste er nach eigener Einlassung um die Gefährlichkeit seines Kurses. "The Great War, was a hazardous gamble (kühne Wette), Conrad conceded" Kronenbitter gibt hier als Quelle - Conrad , Dienstzeit Bd4 S.72 - an.
    Und selbst wenn er es gut gemeint haben sollte, was ich sehr bezweifle, so hat er es doch Scheiße gemacht.
    Und das ist ja das Wenigste auf das wir uns bereits geeinigt haben.
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Deren Fundierung fortlaufend nicht erkennbar dargestellt ist.
    Es sind auch, mit Verlaub, Meinungen zwar erlaubt, doch haben diese in einem Fachforum wenig bis nichts beizutragen.
     
  10. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Nun, gewisse andere Positionen in diesem Faden titulieren Conrads Handeln auf einen Krieg zuzusteuern als einen Fehler. Das können sie nur, wenn sie implizit voraussetzen, dass ein Krieg denn vermeidbar gewesen wäre, was im Übrigen, da nicht beweisbar auch reine Spekulation ist, die wie wir gerade gelernt haben, nichts beitragen.

    Wenn nun diese Prämisse implizit einmal aufgestallt ist, dann nehme ich mir selbstrendend das Recht heraus diese zu diskutieren, selbstredend auch auf basis hypothetischer Erwägungen.
    Und da würde ich sagen, dass wenn wir über die deutsche Perspektive reden, ich den Standpunkt, dass es ein Fehler gewesen sein Krieg anzufangen nachvollziehen kann, weil die deutsche Außenpolitik immer die andere Alternative hatte und sich durch das Festklammern am Zweibund selbst in die Miesere gebracht hat, aus der sie auch wieder heraus hätte finden können.
    Aus österreichisch-ungarischer Sicht stellt sich das, so lange man nicht zu territorialen Abtretungen bereit war, anders dar.
    Vielleicht war der große Krieg, der ganz Europa in den Abgrund stürzte vermeidbar. Kann ich mir durchaus vorstellen. War aber ein kleinerer Krieg Österreich-Ungarns gegen die Russland, Italien, Serbien und Rumänien noch vermeidbar, würde Deutschland das Bündnisverhältnis irgendwann drann geben?

    Das ist meine ich, eine ganz andere Frage.
    Und sicher, Europa wäre besser gefahren, hätte Conrad nicht aufs Gas getreten. wäre aber, zwangsläufig Österreich-Ungarn besser damit gefahren, sich einer solchen Koalition perspektivisch vielleicht alleine stellen zu müssen, statt die Dinge zu beschleunigen und zusammen mit dem Deutschen Reich einen Krieg anzufangen, mit der Aussicht Italien und Rumänien noch neutral zu halten?

    Das ist meine ich eine ganz andere Frage und in seiner Funktion hatte Conrad vorwiegend an die strategischen Interessen der Monarchie zu denken.
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sorry, aber ohne erkennbare Fundierung betrachte ich deine wortreichen Beiträge zum Thema als müßiges Geschwätz.
     
  12. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Nun, das tust du ja schon länger, wie ich weiß.

    Mit welchem recht du das tust, während du ohne stichhaltigen Beleg a priori von einer Vermeidbarkeit des Krieges, auch auf Ebene Österreich-Ungarns in allen erdenklichen Konstellationan ausgehst, wird indessen dein Geheimnis bleiben, jedenfalls hast du es uns noch nicht offenbart.
     
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Und ein paar Zeilen weiter oben auf Seite 72 heißt es:" Conrad ist auch nicht mehr der Mann wie 1908 und selbst nicht der vom Vorjahre."

    Dies hätte der sehr gute Kronenbitter auch erwähnen dürfen. Sein bedeutendes Werk "Krieg im Frieden" ist wirklich vorzüglich, mir aber etwas zu streng gegenüber den damaligen Akteuren. Es fehlt mir persönlich ein wenig das Verstehen der Situation.

    Auf Seite 71 heißt es:
    "Mir wurde immer deutlicher, daß die Monarchie jener Lage entgegentreibe, die ich stets als die fatalste und daher durch präventives Handeln zu vermeidende bezeichnet hatte. Nämlich eine Verwicklung auf dem Balkan, in welche dann uns die feindlich gesinnten Großmächte (Rußland, Italien?) eingreifen würden. Das jahrelange Zögern hatte jetzt die von mir wiederholt als ungünstigste erklärte Situation geschaffen - ihr war aber nicht mehr auszuweichen, sollte die Monarchie nicht überhaupt als Großmacht abdanken."

    Aus diesen Ausführungen wird ein zentrales Motiv für Conrad sein Handeln deutlich. Und dies war für das Zeitalter des Imperialismus gewiss nichts ungewöhnliches.

    Ich glaube, wir haben uns möglicherweise missverstanden. Ich meinte, das Conrad, wenn er gewusst hätte, das die Dynastie und Monarchie untergehen würden, hätte er wohl nicht so gehandelt, wie er es getan hat. Darüber hinaus hat Conrad sich auf Moltke sein Wort verlassen, das dieser meinte in einer abenteuerlich kurzen Frist Frankreich besiegen zu können, war auch eine reichlich gewagte Prognose, und dann mit starken Kräften an der Ostfront erscheint.

    Es hat ja nicht nur Conrad Gas gegegeben. Ein Suchomlinow war auch ein Kriegstreiber und verantwortungslos. Er meinte doch glatt, es mit dem deutschen und österreichischen Herr aufnehmen zu können und hat dies auch so dem Zaren kommuniziert. Ergebnis ist ja bekannt. Und bei Suchomlinow lagen die Motive ein wenig anders als Conrad. Von einem Abdanken Russlands als Groß- ja Weltmacht konnte überhaupt gar keine Rede sein. Und noch später als Russland eigentlich schon am Boden lag, hat man ganz die totale Niederlage und den Thron riskiert, um ja keine Frieden mit dem so gehassten Deutschen und Österreichern schließen zu müssen. Das war völlig verrückt.

    Und da gibt es noch andere Akteure.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. März 2021
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  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Noch ein paar Sätze zum verunglückten Aufmarsch.

    Als am 31.Juli offiziell die russische Mobilisierung erfolge und der österreichisch-ungarische Generalstab entsprechend seine Entschluss ins Wanken kam die B-Staffel doch nach Galizien zu werfen, lehnte der Chef des Feldeisenbahnwesens es kategorisch ab, die Verantwortung im Hinblick auf gefährliche Verkehrsstörungen im Aufmarsch das Umleiten der nach Süden rollenden Transporte der 2.Armee nach Galizien ab. Dieser Auffassung ist es zuzuschreiben, dass die 2.Armee bei der Offensive gegen Serbien nicht mit voller Stärke mitwirkte, in Galizien zur Entscheidung zu spät eintraf.
     
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ein paar Sätze zu Conrads „Unfähigkeit“:

    Ungarn hatte über Jahre konsequent die Erhöhung des Rekrutenkontingentes für die gemeinsame Armee verweigert. Erst Tisza konnte 1912 mit Griff in die Trickkiste das neue Wehrgesetz durchbringen, aber es konnte sich bis 1914 nicht mehr auswirken. Dies führte u.a. auch zu den verlustreichen Rückschlägen, und es ist nicht zuletzt auch der von Conrad verbesserten Organisation, Bewaffnung, technischen Ausrüstung und Ausbildung zu danken, wenn die gesteigerte Qualität der Truppen die Rüstungsmängel wenigstens einigermaßen ausglich.

    Die schweren, verlustreichen Kämpfe gegen Russland litten u.a. auch dadurch, dass eben Moltke seine Zusage, wegen des Misserfolgs an der Marne, rechtzeitig Verstärkungen zu schicken, nicht einhalten konnte.

    Die Durchbruchsschlacht bei Gorlice Tarnow ist u.a. auch Conrads Idee gewesen. Der Erfolg der Mittelmächte war durchschlagend. Die Idee Italien 1916 von Südtirol aus anzugreifen war auch gut. Falkenhayn verweigerte Unterstützung, konnte aber auf Nachfragen Conrads keinen anderen Vorschlag machen. Er verschwieg dem Verbündeten sein irrwitziges Vorhaben der Blutpumpe bei Verdun.

    Auch der von ihm angeregte Donauübergang bei Sistow-Zimnicea trug nicht unwesentlich zum Gelingen der Operationen gegen gegen Rumänien im Jahre 1917 bei. Und Italien hat gegen die Streitkräfte Österreich-Ungarns eigentlich nichts nennenswertes geleistet. Und Italien hatte nur die ein Front.

    Ich finde, man kann nicht einfach pauschal sagen, Conrad war unfähig. Er war ja nicht umsonst Chef des Generalstabes geworden und er war der am meisten und höchstausgezeichneten Soldaten der k.u.k. Monarchie.
     
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  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Schade, das nichts mehr kommt.
     
  17. hatl

    hatl Premiummitglied

    Im ersten Balkankrieg jedenfalls mobilisierte Serbien insgesamt 230.000 Mann. (Hall – Balkan Wars S.18)
    Kann es sein, dass Conrad doch ein wenig übertreibt mit der Zahl 310.000, oder ist das ein Missverständnis?
    Denn lt. Rauchensteiner (Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger Monarchie – S.21-23) hatte Serbien lediglich eine Teilmobilmachung durchgeführt und am 10. März 1909 erklärte Serbien „..vergleichsweise feierlich, es würde seine Vorbehalte gegen die Annexion Bosnien-Herzegowinas aufgegeben haben, keinerlei feindselige Absichten..“ usw..
    „Damit wurde Österreich offensichtlich jeglicher Kriegsgrund genommen.“

    Der Conrad ist sauer: wieder kein Krieg. Vorher schon hatte er „lamentiert“, dass seinen Vorschlägen im Vorfeld der Annexion nicht gefolgt worden war und seine Armee „auf dem Friedenspfad“ bleiben musste. (Stevenson – Armament S. 116)
    Ähnlich wie Clark, wenn auch nicht so drastisch, beschreibt übrigens auch Stevenson den Conrad als einen manischen Charakter (a nervous obsessive). (S. 85)
    Als dann 1911 Italien das Osmanische Reich in Libyen angegriffen hatte: „Für den Generalstabschef Conrad von Hötzendorf war es die Gelegenheit schlechthin um über den Verbündeten herzufallen ..“ Rauchensteiner S. 67.
    Ich denke, man tut dem Conrad kein Unrecht wenn man als einen Besessenen beschreibt der einem aggressiven Sozialdarwinismus mit Raubtiercharakter folgt.
    „Conrad von Hötzendorf war ein Vertreter des Sozialdarwinismus, der besagt, dass sich der Stärkere gegenüber dem Schwächeren durchsetzt, auch wenn er zahlenmäßig nicht überlegen ist. ... Für ihn war der Verlust von Menschenleben letztlich nebensächlich.“
    http://othes.univie.ac.at/5212/1/2009-05-27_9605984.pdf S.107 (Danke Turgot für den Hinweis auf diese Quelle)

    Nun hat ja, so wie ich es verstehe, Serbien zum genannten Zeitpunkt dies nicht getan (falls ich mich irre, bitte um Richtigstellung) doch ist die Frage grundsätzlich interessant.
    Und nicht nur woher das Geld für die Rüstung kam, sondern auch woher die Waffen.
    Es ist ja verblüffend: „Noch im Frühjahr 1914 wanderten 200.000* Gewehre der Österreichischen Waffenfabrikgesellschaft Steyr und der mit ihr im Kartell befindlichen deutschen Firma Mauser nach Serbien.“ (Rauchensteiner S. 47)
    Skoda erhält zusammen mit Schneider-Creuzot den Auftrag für den Ausbau der Putilow-Werke**, dem größten Rüstungshersteller Russland.
    Und die Skoda 30,5 cm Mörser, die wenig später belgische und französische Forts bombardieren sollten, wurden von französischem Geld mit finanziert. (ebd.)

    Deutsche Firmen liefern an Russland Chemikalien zur Herstellung von Sprengstoffen, sowie Zeitzünder und Funkausrüstungen von Telefunken. Ebenso Kriegsschiffe und Kanonen,
    Die DWMF (Deutsche Waffen und Munitions Fabriken) bauen Maschinengewehre in englischer Lizenz (Maxim von Vickers) und haben gleichzeitig Anteile an einem französischen Rüstungshersteller. Vickers wiederum produziert Zeitzünder mit DWMF-Lizens. Krupp hilft beim Ausbau der belgischen Forts, die später mit Krupp-kanonen beschossen werden.
    (Stevenson ab S. 32)
    Das ist ja alles ziemlich irre und nicht leicht zu durchschauen. Ich nehme an, auch Finanzierungen dieser Zeit (und nicht nur dieser) sind es nicht weniger.

    ----
    * Das entspricht ja fast einer Komplettausrüstung, wenn man von der Mobilisierungsstärke von 230.000 Mann im 1. Balkankrieg lt. Hall ausgeht.

    ** Das sind die Rüstungs-Werke in St. Petersburg von denen aus sich die russische Revolution von 1905 entzündet, und die beim Besuch von Poincare während der Julikrise bestreikt werden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. März 2021
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  18. hatl

    hatl Premiummitglied

    Manchmal geht es schneller als man denkt. :D
     
  19. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Für die Quelle, immer sehr gerne.:)

    Die Frage ist, woher Conrad dann die Zahlen genommen hat? Ich glaube nicht, das er sie sich so einfach aus den Fingern gesaugt haben wird.:D Bei Rauchensteiner hätte ich auch selbst nachsehen können.:oops:

    Eine Mobilmachung kostet viel Geld und Serbien war nun nicht gerade ein wohlhabendes Land. Deshalb meine Fragestellung, woher das Geld kommt.

    Das Conrad wieder und wieder zum Krieg geraten hatte wissen wir und ist auch vollkommen unstrittig. Das Motiv habe ich weiter oben dargestellt und dies ist wichtig. Die weitere Entwicklung der Ereignisse hatte nämlich doch gezeigt, das Conrad mit seinen Ideen eben nicht soo verkehrt gelegen hatte.

    Italien hatte schon während der Annektionskrise auf österreichisches Territorium geschielt. Und ich weiß ehrlich nicht, ob man Italien im Jahre 1911 noch als Verbündeten bezeichnen kann. Italien hat m.E. nach 1915 seinen Raubtiercharakte, um mal deine Metapher zu benutzen :D, gezeigt, in dem es über Österreich-Ungarn herfiel; bloß hat man nichts gerissen bekommen, obwohl man die vergangenen Jahre, die letzten Monate insbesondere, tüchtig gegen Österreich gerüstet hatte. 4 Jahre zuvor hatte Wien die Schwächephase nicht ausgenutzt. Und dann ist doch schon wirklich peinlich, das Italien 1915, meinte den Dreibundvertrag kündigen zu können; das ging überhaupt nicht, es gab nämlich überhaupt gar keine Kündigungsklausel. Das ganze Agieren Italiens sich dem Meistbietenden in die Arme zu werfen, hatte schon irgendwie was unangenehmes an sich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. März 2021
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  20. hatl

    hatl Premiummitglied

    Woher die Zahlen stammen weiß ich nicht. Ich finde sie auch nirgends. McMillan (The War that ended Peace - S.402) schreibt z.B., dass Serbien höchstens 160.000 aufbringen konnte (und keine 310.000).
    Und warum sollte Conrad sie nicht "aus Fingern gesaugt" haben?
    Es gibt doch auch andere Beispiele in der Geschichte in der die Falken die Zahlen des Gegners nach oben manipuliert haben.*
    Das ist ja nicht ungewöhnlich.

    * Im kalten Krieg wurde das fast ständig gemacht, beginnend spätestens 1950 mit NSC-68 welches der Verfasser mit der klaren Absicht verfasst ein übertriebenes Bild zu malen.
     

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