Otto von Bismarck und seine Bündnispolitik/ Mündliches Abitur

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Keno, 13. Juni 2013.

  1. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Okay perfekt, hast du vielleicht noch paar richtig schwere Fragen auf Lager? :)
     
  2. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ich habe das bisher immer etwas anderes gesehen, so begannen die kolonialen und auch maritimen Bestrebungen schon unter dem Admiral Stosch in den 70iger Jahren, nur wurde halt keine staatlich verordneter Schutz gewährt.
    Das Stichtagesdatum mit der veränderten Haltung Bismarcks liegt aber schon 1884 vor, als es offiziell wurde, daß von Staatswegen her der Schutz der bisherigen Kolonien auch durch die Marine gesichert war. Immerhin drängten schon seit den 70iger Jahren viele Handelsvertreter und Kaufleute in Übersee auf diesen Schutz, von daher würde ich jetzt nicht eine Handlung gezwungen durch die neue Politik Kaiser Wilhelm zwo ab 1888 in der neuen Haltung Bismarcks sehen, es war eindeutig schon früher.
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Von den einzelnen Beziehungen zu den Großmächten, war für Bismarck welche die Wichtigste und warum war das so?
     
  4. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Also ich würde die Beziehung zwischen Ö-U als wichtigste sehen, da Bismarck schon während des Krieges 66 eine Versöhnung wollte, außerdem war Österreich in 2 der Dreibünde mitdrin. Oder?
     
  5. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Eine richtig spannende Frage wäre: "Welches waren die Risiken der Bismarck´schen Bündnispolitik?"

    Denkanstoß: Bismarcks Außenpolitik wurde damals als (gefährliches) "Spiel mit den fünf Kugeln" bezeichnet.

    Man könnte sogar die Frage aufwerfen, ob hier eine der Ursachen für den Ersten Weltkrieg liegt.

    MfG
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Nein! Die Beziehung zu Russland war die von größter Bedeutung. Nur das Zarenreich, mit seiner gewaltigen Landmacht, war nämlich in der Lage Bismarcks Albtraum vom cauchemar des coalitions Wirklichkeit werden zu lassen.

    Im Notfalle wäre Bismarck auch bereit gewesen, Österreich-Ungarn fallen zu lassen. Den Draht nach Russland hätte er nie aufgegeben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2013
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Und wie sah zu Beginn des Jahres 1884 Bismarck Verhältnis zum Kronprinzen aus? Wie sah sein peinliches Verhalten beim Tode Laskers aus? Und sein ausgesprochenen negative Haltung zum britischen Premier Gladstone? Alles fällt in die gleiche Zeitspanne.

    Das Schutztelegramm für Angra Pequena wurde erst Ende April 1884 ausgestellt. Entscheidend war hier Bismarck gewesen, der seine nicht gerade uneigennützigen Interessen verfolgte.
     
  8. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Nein das glaub ich eben nicht, warum hat er den Zweinbund dann mit Österreich und nicht mit Russland geschlossen? Außerdem hat er seine Außenpoliti von 76-78 langsam in die Richtung Österreichs gelenkt. Er sagte 77 dem badenwürttembergischen Ministerpräsidenten Mittnach: ,, Die mitteleuropäischen Mächten sind aufeinander angewießen...,,. Die Gründe für die bevorzugung Österreichs waren folgende: die Strategisch geopolitische Lage in Mitteleuropa, die noch bestehende kulturelle Bande und die russlandfeindliche und österreichischfreundliche Haltung der deutschen Bevölkerung. Ich tippe eher auf Österreich
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Musst du ja auch nicht.:winke:

    Unter anderem um eben wieder die beiden Kaisermächte vertraglich mit dem Deutschen Reich zu verbinden. Der Zweibund von 1879 diente eben auch als Druckmittel gegenüber Russland. Mit Russland allein hätte Bismarck schon früher einig werden können. Dadurch dass das Reich mit beiden Mächten verbunden war, war es möglich zwischen beiden Mächten zu vermitteln um die Interessenkonflikte auf dem Balkan zu zügeln. Und das ging bis Mitte der 80ziger relativ gut.

    Die Nibelungentreue gegenüber Österreich-Ungarn späterer Jahre hatte es unter Bismarck nicht gegeben. Da wurden klare Grenzen gezogen.

    Außerdem hat Andrassy auch ein gewisses Interesse an dem Zweibund.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Turgot weist richtig auf die Bedeutung Russlands für Bismarck hin (mW gibt es auch Quellenstützung, dass die mögliche Entfremdung DR/RUS zugleich als Gefahr der Annäherung der nach der Kartenlage "natürlichen" Verbündeten FRA/RUS gesehen wurde). Man kann das indirekt auch aus der Umschließungsgefahr/Einkreisungsphobie schließen.

    Wenn man dann die besondere Zielsetzung der Politik Bismarcks bewertet, Großbritannien als Verbündeten für das DR zu gewinnen, liegt hier die Quadratur des Kreises: aufgrund des "Great Game" und des Zusammenstosses der beiden Großmächte GB/RUS in Asien war das ausgeschlossen, wenn er sich nicht für eine Seite entscheiden würde. Das wollte er nicht.
     
  11. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Aber Bismarck hätte doch genau so gut den Zweibund mit Russland eingehen können,um Ö-U dazu zu zwingen, ihm beizutreten. Klar nach der Demütigung Russlands am Berliner Kongress war das Verhältnis angespannt, aber das wäre doch kein Grund gewesen, den Zweibund mit Ö-U abzuschließen. Ja Turgot wenn du mir nochmal erklären könntest warum genau Russland so wichtig war. Ich verstehs irgendwie nicht :(
     
  12. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Bismarcks Außenpolitik verfolgte zwei Ziele:

    1. Frankreich isolieren.
    2. Ein Gleichgewicht zwischen den Großmächten herstellen.

    Er wollte für das Deutsche Reich erreichen, dass er - egal wer zum potenziellen Gegner Deutschlands werden sollte - immer mit zwei anderen Großmächten "in einem Boot" sitzen konnte. Aus Sicht des Deutschen Reichs sollten sich die anderen Großmächte gegenseitig neutralisieren.

    Es ging also nicht um besonders privilegierte Bündnisse mit Russland oder mit Österreich-Ungarn.

    MfG
     
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Bismarck hat aber den Weg über Wien gewählt, da er diesen für erfolgversprechender hielt. Und er lag damit richtig.



    Die ging aber nicht auf Bismarcks Konto, auch wenn Gortschakow das gerne so verkauft hat und seinen Kollegen Schuwalow schlecht aussehen ließ.

    Der Dreh- und Angelpunkt Bismarcks Außenpolitik war die äußere Sicherheit des Deutschen Reiches.

    Die meinte er, richtigerweise wie die weitere Entwicklung gezeigt hat, dadurch zu erreichen, dass das Deutsche Reich mit Russland und Österreich-Ungarn verbunden ist.

    Sicher, Österreich-Ungarn bildete einen wichtiges Eckpfeiler in Bismarcks Außenpolitik, den er für sein “Spiel“ der Ausnutzung der Gegensätze der anderen Großmächte nutzte. Bismarck war auch bereit, wenn die Existenz Österreich-Ungarns gefährdet war, sich an dessen Seite zu stellen.

    Aber im Fall eines drohenden Zweifrontenkrieges, der für das Deutsche Reich lebensbedrohlich wäre, war er bereit sich im ärgsten Falle die russische Neutralität zu erkaufen, in dem er Österreich-Ungarn fallen ließ und den Russen damit den Orient überließ. Das hatte Bismarck 1895 rückblickend selbst ausgeführt.

    Und diese Überlegung ist der Knackpunkt. Bismarck wollte das Russland mit dem Reich verbunden wissen. Wenn das Zarenreich ohne Bündnispartner dastünde, das wusste er nur zu genau, war es geradezu zwangsläufig auf Frankreich verwiesen, mit dem es ohnehin schon ein Annäherungsprozess gab. Zu Großbritannien waren die Gegensätze der beiden Flügelmächte zu jener Zeit einfach zu groß. Und ein Bündnis zwischen Frankreich und Russland, war für Bismarck der Albtraum schlechthin und war für ihn mit allen Mitteln zu verhindern. Das war seine oberste Maxime in seiner auswärtigen Politik.
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Nach Lage der Dinge konnte die Verbündeten nur Österreich-Ungarn und Russland heissen.

    Frankreich schied von vornherein aus. Bei einem Bündnis mit Großbritannien würde man im Gegensatz zu Russland geraten, das dann auf Frankreich verwiesen wäre. So hatte die vorzeitige Verlängerung des Dreibundes 1891 auf die französisch-russischen Verhandlungen auch wie ein Katalysator gewirkt. Und erst recht die Abmachungen zwischen GB und dem Deutschen Reich hinsichtlich Helgoland und Sansibar.
     
  15. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Ahso du meinst dann also ,dass Russland darum so wichtig war für Bismarck das es nicht zum 2-Fronten-Krieg kommt. Er wollte Russland immer auf seiner Seite haben, damit es nicht ein Rapprochment zu Frankreich suchen würde. Aber hätte es nicht genau so gut zum 2-Fronten- Krieg kommen können, wenn Österreich und Frankreich sich zusammen kommen?
     
  16. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Zusammen schließen meine ich natürlich ;)
     
  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Sicher, aber das wusste Bismarck ja immer zu verhindern und seine Sorge in diese Richtung war nicht so groß, wie eine Koalition zwischen Frankreich und Russland.
     
  18. Keno

    Keno Neues Mitglied

    Okay gut danke, da gibts noch eine Sache die ich nicht verstehe: Warum hast Italien 82 dem Zweibund angeschlossen? Was wollte Bismarck damit bezwecken?
    War er nicht ein Feind Italiens?
     
  19. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Dann hätten auch Bündnisse mit Russland und Österreich ausscheiden müssen, denn die waren einander auch spinnefeind. Daran ist ja auch der Dreikaiservertrag zerbrochen. Es gab darüber hinaus englisch-französische, russisch-britische, russisch-französische, deutsch-russische und österreichisch-italienische Spannungen.

    So gesehen hätte niemand mit niemandem ein Bündnis schließen können. Bismarck hat einen anderen Weg versucht: Er schloss mit ALLEN irgendwelche Bündnisse. Ziel dabei war es, die dauernden Spannungen zwischen den anderen Großmächten auszunutzen, um Deutschland aus Konflikten herauszuhalten. Jede andere Macht sollte in einem beliebigen Konfliktfall auf Deutschlands Freundschaft angewiesen sein. Sogar bei Frankreich hat Bismarck das versucht, letztlich allerdings vergeblich.

    So gab es eine deutsch-französische Annäherung in kolonialen Fragen, durch die Ende der 70er Jahre Russland isoliert wurde. Dadurch ist Russland nach Auflösung des Dreikaiservertrags in den Dreikaiserbund gezwungen worden, der die Gegnerschaft zu England betonte. Der Dreibund hingegen setzte (auch auf Wunsch Italiens) ein gutes Einvernehmen mit England voraus. Seinen Ausdruck findet das auch in der Mittelmeerentente, die von Bismarck gefordert und gefördert wurde. Die stützte zudem das Osmanische Reich in seiner Gegnerschaft zu Russland. Dann wurden auch noch Balkanstaaten in das Bündnissystem integriert, die sowohl Russland als auch Österreich-Ungarn feindselig gegenüberstanden.

    Das "Jonglieren mit den fünf Bällen" wurde nur immer komplizierter, das Geflecht aus Feindseligkeiten immer verworrener. Schließlich waren keine sinnvollen Verträge mehr möglich. Es gab nur noch "Notlösungen" wie den Rückversicherungsvertrag. Am Ende zerbrach das ganze System. Und als dann der "Lotse" Bismarck von Bord gegangen war, verloren die Politiker und Diplomaten endgültig die Kontrolle und die Generäle begannen zu bestimmen, wo es langging.

    MfG
     
  20. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Bismarck hat durch seine Position in der Hinterhand lange Zeit verstanden, es zum offenen Bruch zwischen Russland und Österreich-Ungarn kommen zu lassen. Das geschah erst im Zuge der Bulgarienkrise und Bismarck hat aus dem Scherben seiner Bündnispolitik noch das beste gemacht. Es wurde 1887 mit Russland der Rückversicherungsvertrag abgeschlossen. Gleichzeitig wurde Österreich-Ungarn über die Mittelmeerentente abgesichert, da diese den Status Quo betonte. Stichwort sind hier die Meerengen.

    Die deutsche Unterstützung für französische Kolonialpolitik hatte nur den einen Zweck, nämlich Frankreich von seiner Ostgrenze abzulenken und optimalerweise in Gegensatz zu Großbritannien zu bringen.

    In Russland tobte 1879 ein Machtkampf zwischen Gortschakow und Schuwalov. Gotschakow steuerte nach dem Berliner Kongress einen antideutschen Kurs und wollte so gleich en Passant den lästigen Konkurrenten Schuwalow um das Amt an der Spitze der Sängerbrücke loswerden.
    Schuwalow war prodeutsch eingestellt. Bismarcks Interesse war es, Schuwalow in den Sattel zu heben, um den verhassten Gortschakow endlich loszuwerden. Als Mittel zum zweck bot sich hier die Orentfrage an. Nebenbei wurde auch eine propagandistische Offensive gegen Gortschakow eröffnet.

    Russland war Ende siebziger aufgrund der Gegensätze auf dem Balkan mit Österreich-Ungarn und den Spannungen mit Frankreich mehr oder weniger isoliert. Bismarck machte Russland klar, das es kein Bündnis ohne Österreich und schon gar nicht gegen Österreich geben würde.

    Eben doch und die Gründe hierfür habe ich schon dargelegt. Außerdem, welches Bündnis schloss Bismarck beispielsweise denn mit Großbritannien?

    Der Dreibund war für Italien wegen seiner großen Gegensätze zu Frankreich bis zur Jahrhundertwende von großer Bedeutung. Das Wohlwollen Großbritanniens war für Italiens aus geographischen, wirtschaftlichen und militärischen Gründen ebenfalls sehr wichtig. Aber auch Großbritannien hatte in jener Zeit Interesse sich an dem Dreibund anzulehnen. Der Dreibund war übrigens rein defensiv eingestellt.

    Österreich-Ungarn hätte als dritten Partner Großbritannien bevorzugt, schon um später gegen Russland vorgehen zu können. Das waren jedenfalls Andrassys Träumereien. Das hat Bismarck erfolgreich hintertrieben.

    Frankreich mit einer Regierung, die Russland nicht eben zugetan war, wurde bei seiner afrikanischen Expansion unterstützt.

    Bismarck hat recht vielfältige Aktivitäten entfaltet, um sein Ziel zu erreichen. Letzten Endes war Russland besorgt isoliert dazustehen und Herbert von Bismarck urteilte, "Die Russen kriechen und bitten um gut Wetter." (1)





    (1) Archiv Otto v. Bismarck Stiftung, D21, Herbert v. Bismarck an Wilhelm v. 21.11.1879
     

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