Puderperücken - Warum?

P

Puderperückenzicke

Gast
Demnächst läuft in der ARD ein Film über Johann Sebastian Bach. Die Ankündigung dafür läuft für ARD-Verhältnisse rauf und runter. Darin immer wieder zu sehen barocke Puderperücken. Anlass genug, um mal zu fragen, wieso man eigentlich auf die Idee kam, Puderperücken zu tragen? Das war ja im 17. und 18. Jahrhundert üblich und ist es in Großbritannien in den Houses of Parliament und bei Gerichten bis heute.
 
Ja, die Briten (und auch andere Länder des Commonwealth) wirken mit ihrem Zeremoniell manchmal etwas aus er Zeit gefallen.
Weshalb die Puderperücken eingeführt wurden und auch ca. zwei Jahrhunderte in Mode blieben (da gibt es jetzt sicher Protest von der einen oder anderen Seite) weiß ich nicht, aber es seien mal Hypothesen in den Raum gestellt. Die Reihenfolge hat dabei keine Bedeutung, die in den Raum gestellten Hypothesen sind vielleicht miteinander kombinierbar, vielleicht widersprechen sie einander, vielleicht reizen sie ja auch den ein oder anderen in der Zeit bzw. in Stilgeschichte Kompetenteren zu einer Suada gegen mich ;) :
  • weiß ist einfach eine edle Farbe (jetzt kommen wieder Physiker, die sagen, schwarz und weiß seien keine Farben), weiß steht für Sauberkeit, zeigt, dass man sich nicht mit (unedler) Arbeit beschmutzen muss.
  • weiße Haare stehen für Alter und Erfahrung und somit einen gewissen Herrschaftsanspruch: Senior, Senator, so dass auch junge Leute, Männer wie Frauen, gewisseer Standeszugehörigkeiten Puderperücken tragen. Dagegen spricht natürlich, dass die Puderperücke kein Adels- oder Herrscherprivileg war, also nicht sooooo exklusiv.
Gleichzeitig frage ich mich, waren nicht auch nichtgepuderte Perücken im Barockzeitalter in Gebrauch, mächtige, gelockte Mähnen, die über die Schulter hinaus gingen? Da kommen mir vor allem schwarze und graue Haarteile in den Sinn, aber ich habe wirklich keine Ahnung.*


*normalerweise stehe ich ja auf dem Standpunkt, dass man, wenn man keine Ahnung zu einem Thema hat, sich zurückhalten sollte, aber das Thema scheint mir evtl. etwas untergegangen zu sein, da ich es erst heute Morgen freigeschaltet habe und es so vielleicht einigen Leuten, die kompetenter dazu antworten könnten, entgangen ist.
 
Die Herkunft der Perücken soll ja in der Eitelkeit der Männer liegen. Ich glaube, dass Louis XIV recht früh die Haare ausgegangen sind (entgegen der "Versailles"-Serie), aber lange offene Haare waren seit dem Beginn des 17. Jh. in Mode. Daher soll er angefangen haben Perücke zu tragen. Tatsächlich ist es so, dass wir keine Glatzköpfe als Herrscher kennen im 17. Jh. - Zufall oder nicht. Die Perücke sorgt für eine Art Zeitlosigkeit der Jugend, da man damit den Rückgang des Eigenhaares auf dem Kopf bei Herren ausgleichen konnte. Bezeichnenderweise haben sich auch (wiederum entgegen der Filmwelt) fast nur Herrenperücken erhalten. Der Vorteil an Perücken war obendrein, dass man recht aufwändige Frisuren dauerhaft erhalten konnte. Die Perücken wurden in Abschnitten oder ganz aus leicht dauerhafter frisierbaren Haaren geknüpft wie Rosshaar. Aber auch andere Materialien waren neben Menschenhaar in der Benutzung. Während im Laufe des 18. Jh. zusehends standesspezifische Kleidung auf dem Rückgang war (es gibt da eine Darstellung zur Verweltlichung des Pastors) etablierten sich Perückenformen für bestimmte Berufsgruppen wie die Stutzperücke für Advokaten und z.T. auch Gelehrte.
Der Begriff "Puderperücke" ist mir nicht geläufig. Es ist auch generell so, dass Puder auf Perücken denkbar schlecht hält, weil Perücken ja keine selbst fettenden Haare haben, welche das Festhalten des Puders in den Haaren ermöglichten. Perücken kamen in den verschiedensten Farben vor von Braun, Blond bis Weiß. Wenn ich mich recht entsinne, haben aber braune Perücken selten Rückstände von Puder aufgewiesen - soweit ich das bislang an der Handvoll Perücken erkennen konnte.
Bach lebte sozusagen auf dem Höhepunkt der Perückennutzung. Er schuldete es seinem Amt in der Schule und in der Kirche entsprechend diese Perücke zu tragen. Eine ähnliche Perücke wurde auch in der großen Perückenausstellung in Braunschweig (siehe dazu: "Lockenpracht und Herrschermacht: Perücken als Statussymbol und modisches Accessoire" 2006) präsentiert. Im späteren 18. Jh. ging das Tragen von Perücken zurück und selbst Herren mit spärlichem Haar wie Kaiser Leopold II. verzichteten darauf wie eine Skulptur in Wachs des Herrschers verdeutlicht.
 
  • weiße Haare stehen für Alter und Erfahrung und somit einen gewissen Herrschaftsanspruch: Senior, Senator, so dass auch junge Leute, Männer wie Frauen, gewisseer Standeszugehörigkeiten Puderperücken tragen. Dagegen spricht natürlich, dass die Puderperücke kein Adels- oder Herrscherprivileg war, also nicht sooooo exklusiv..
Die Exlusivität liegt in den Kosten für das Haarpuder. Eine einfache Perücke war nicht teuer. Daneben gab es auch falsche Zöpfe und andere Haarteile um den gleichen Effekt zu erzielen. Haarpuder hingegen scheint im Anbetracht von Hungerkatasrophen wie in Deutschland in den frühen 1770ern und Frankreich in des späten 1780ern etwas absurd und dekadent. Letztlich streute man sich Lebensmittel auf die Haare*.

Man muss dabei berücksichtigen, dass das mit dem Pudern der Haare ja nicht exklusiv für Perücken war sondern ganz im Gegenteil. Die Soldaten hatten auch - meist bezogen auf bestimmte Anlässe - gepuderte Haare. Diese Tradition existierte bei den Franzosen noch bis zum Anfang des 19. Jh.. Ist ja ähnlich wie Perücken, die sich bei Dienstboten auch länger halten konnten (so denn bei besonders hochherschaftlichen Haushalten) als bei der Mode der Upperclass.

* Nicht dass moderne Verschwendung von Ressourcen von denen, die es sich leisten können, in einem Deut besser wären.
 
Die Exlusivität liegt in den Kosten für das Haarpuder. Eine einfache Perücke war nicht teuer. Daneben gab es auch falsche Zöpfe und andere Haarteile um den gleichen Effekt zu erzielen. Haarpuder hingegen scheint im Anbetracht von Hungerkatasrophen wie in Deutschland in den frühen 1770ern und Frankreich in des späten 1780ern etwas absurd und dekadent. Letztlich streute man sich Lebensmittel auf die Haare*.

Man muss dabei berücksichtigen, dass das mit dem Pudern der Haare ja nicht exklusiv für Perücken war sondern ganz im Gegenteil. Die Soldaten hatten auch - meist bezogen auf bestimmte Anlässe - gepuderte Haare. Diese Tradition existierte bei den Franzosen noch bis zum Anfang des 19. Jh.. Ist ja ähnlich wie Perücken, die sich bei Dienstboten auch länger halten konnten (so denn bei besonders hochherschaftlichen Haushalten) als bei der Mode der Upperclass.

* Nicht dass moderne Verschwendung von Ressourcen von denen, die es sich leisten können, in einem Deut besser wären.

Ich weiß leider nicht mehr wer es war, aber um 1750 entschied ein Fürst, dass zum Pudern von Perücken kein Mehl mehr verwendet werden durfte.

Ich weiß auch nicht, ob da die Sorge um die Verschwendung von Grundnahrungsmitteln, hygienische Bedenken oder andere Erwägungen im Hintergrund stand.
 
Hatte man im 17.-18. Jh. mit Mehl "gepudert", war das weiß (Zucker erst, seit er industriell raffiniert wurde) ? Klumpte und matschte das nicht, wenn hohe Luftfeuchtigkeit oder wenn die Leute bei Wärme schwitzten?
...ok, ich erinnere mich an keine derartige Stelle in Sternes Tristram, allerdings fällt mir ad hoc auch nichts ein, wo das tragen solcher Perücken in satirischer Literatur der Zeit vorkäme -- ist also nur ins blaue hinein geraten.
 
@Scorpio, ein Mehlverpuderungsverbot vermag ich auch zu erinnern, möglicherweise eine Randnotiz während des Studiums. Oder aus der Presse?
Folgenden Artikel aus der Schwetzinger Zeitung von 1996 (leider ohne Quellenangaben) hat eine kleine Gugelei ergeben:
Demnach sollen steigende Weizenpreise Mitte des 18. Jh. der Auslöser dafür gewesen sein, dass die Mehlpuderei künstlicher Haartrachten in Kritik geriet und im Verbot mündete. Verständlich, wenn wie im Artikel dargestellt, allein ein kurfürstlicher Gardesoldat 500 g die Woche verpudert haben soll.
 
[…] Dagegen spricht natürlich, dass die Puderperücke kein Adels- oder Herrscherprivileg war, also nicht sooooo exklusiv.
Zur Exklusivität des Puderns schreibt Wikipedia (im Artikel »Perücke«, leider ohne Ref.): »Das Pudern der Perücken war den unteren Schichten generell verboten und mit einer Steuer belegt.« (wo und wann genau, wird nicht verraten. Vmtl. im deutschsprachigen Raum im frühen 18. Jh.)

Der Begriff "Puderperücke" ist mir nicht geläufig.
War auch für mich neu…

Klumpte und matschte das nicht, wenn hohe Luftfeuchtigkeit oder wenn die Leute bei Wärme schwitzten?
Wenn bereits geklebt, vermutlich nicht mehr. Mehl mit etwas Wasser vermischt kann man auch zum Kleben von Papier verwenden (muss aber wegen den Klumpen gut verrührt werden). Wird sich aber bei starkem Schwitzen leicht gelöst haben. Dafür war die Paste leicht abzuwaschen. Heute verwendet man in Film und Theater meist Mastix; fürchterliches Zeugs mit Kopal (Baumharz), hält aber (bei jedem Wetter :cool: ). Entfernt wird es mit hochprozentigem Alkohol, was bei täglicher Anwendung zu üblen Allergien führen kann.
 
Jean-Baptiste Thiers schrieb 1690 eine "Histoire des perruques".
Seine Fähigkeiten als Historiker konnte ich nicht überprüfen, aber es ist klar, dass er einen Feldzug gegen das Tragen von Perücken führte, besonders bei den Geistlichen.

Es gibt davon eine deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1712 mit einem Kapitel über "gepuderte Paruquen", die für ihn den Gipfel der Eitelkeit darstellten und bei denen er sogar ein bestehendes kirchliches Verbot sehen wollte (Seite 463):

im französischen Original hier:

Von Bach kenne ich nur ein Porträt mit Perücke und es mir nicht bekannt, ob er kahl war. Von Händel gibt es jedoch mindestens zwei Porträts, die ihn ohne Perücke und ohne Haare, allerdings mit Mütze zeigen. Ob er kahl war und darum manchmal eine Perücke trug oder ob er sich wegen der Perücke den Kopf kahl rasierte, weiß ich nicht. Jedenfalls ließ er sich auch ohne Perücke porträtieren.
 
@Naresuan
Das scheint mir eine englische Mode zu sein. Man sieht auf Gemälden von Hogarth oft Männer ohne Perücke oder denen die Perücke vom Kopf fällt und da haben die Männer kahl rasierte Köpfe. Ich frage mich immer wie gut die Perücken auf den kahlen Köpfen hielten ohne Kleber oder dergleichen.

Leider besagt auch die zeitgen. Standardliteratur nichts darüber, ob der Kopf unter der Perücke Haare oder nicht haben sollte. Denis Diderot sieht man auf allen seinen Bildern mit kurzen Haaren. Denis Diderot – Wikipedia Auf Künstlerporträts - egal ob Dichter oder Maler - tragen die Herren meistens einen Morgenmantel mit offenem Hemd und ohne Perücke, oft mit Schlafmütze/Hauskappe in verschiedener Form. Das ist einfach das Erscheinungsbild wie man sich einen Herrn nach dem Aufstehen vorstellen muss.

Es gibt immer wieder Verbote von irgendetwas. Es gibt auch Kleiderordnungen, die sich auf einige Aspekte des Erscheinungsbildes beziehen. Unterm Strich finden sich selten Beispiele dafür, dass man von Seiten der Obrigkeit wirklich für Übertretungen derselben die Untertanen und Bürger belangte.

Meine Erfahrung mit Haarpuder ist, dass es sich mit ein wenig Erfahrung insbesondere nach dem Aufbringen von Pomade recht dauerhaft auf dem Kopf hält. Die Konsistenz ist idealerweise wie Speisestärke. Man kannte auch parfümisiertes Puder. Es gab mal eine Dame, die - ich glaube - in Colonial Williamsburg arbeitete und 1 Jahr lang nur entsprechende Frisuren wie im 18. Jh. hatte mit Pomade und Haarpuder etc. (sie war Museumsmitarbeiterin) und sie sagte, dass es den eigenen Haaren nicht schadete. Das ist ja auch irgendwie logisch, sonst wäre es den Menschen im 18. Jh. auch aufgefallen und man hätte Hinweise heute wie man dem entgegenwirkte.

Je nach Stand wurden ja auch keine Perücken getragen oder nichtmal die Haare aufwändig frisiert.
 
weiß ist einfach eine edle Farbe
Karl Lagerfeld, der seine Haare täglich einpuderte, sagte einmal in einem Interview:
Je mourrais pour avoir les cheveux blancs. Mais je ne peux pas les teindre. Alors j'utilise la poudre.
Ich würde dafür sterben, weiße Haare zu haben. Aber ich kann sie nicht färben. Also verwende ich das Pulver.

Leider fand ich von ihm keine Begründung, warum er weiße Haare so toll fand. Ich gehe davon aus, dass sie seiner Auffassung von gepflegtem Aussehen entsprachen. Einen neuen Trend konnte er damit nicht entfachen, doch im 17. Jh. hätten ihn die Leute vermutlich verstanden.
 
Ja, die Briten (und auch andere Länder des Commonwealth) wirken mit ihrem Zeremoniell manchmal etwas aus er Zeit gefallen.
Weshalb die Puderperücken eingeführt wurden und auch ca. zwei Jahrhunderte in Mode blieben (da gibt es jetzt sicher Protest von der einen oder anderen Seite) weiß ich nicht, aber es seien mal Hypothesen in den Raum gestellt. Die Reihenfolge hat dabei keine Bedeutung, die in den Raum gestellten Hypothesen sind vielleicht miteinander kombinierbar, vielleicht widersprechen sie einander, vielleicht reizen sie ja auch den ein oder anderen in der Zeit bzw. in Stilgeschichte Kompetenteren zu einer Suada gegen mich ;) :
  • weiß ist einfach eine edle Farbe (jetzt kommen wieder Physiker, die sagen, schwarz und weiß seien keine Farben), weiß steht für Sauberkeit, zeigt, dass man sich nicht mit (unedler) Arbeit beschmutzen muss.
  • weiße Haare stehen für Alter und Erfahrung und somit einen gewissen Herrschaftsanspruch: Senior, Senator, so dass auch junge Leute, Männer wie Frauen, gewisseer Standeszugehörigkeiten Puderperücken tragen. Dagegen spricht natürlich, dass die Puderperücke kein Adels- oder Herrscherprivileg war, also nicht sooooo exklusiv.
Gleichzeitig frage ich mich, waren nicht auch nichtgepuderte Perücken im Barockzeitalter in Gebrauch, mächtige, gelockte Mähnen, die über die Schulter hinaus gingen? Da kommen mir vor allem schwarze und graue Haarteile in den Sinn, aber ich habe wirklich keine Ahnung.*


*normalerweise stehe ich ja auf dem Standpunkt, dass man, wenn man keine Ahnung zu einem Thema hat, sich zurückhalten sollte, aber das Thema scheint mir evtl. etwas untergegangen zu sein, da ich es erst heute Morgen freigeschaltet habe und es so vielleicht einigen Leuten, die kompetenter dazu antworten könnten, entgangen ist.

Es wurden Perücken aus Rosshaar und für gehobenen Bedarf auch aus Menschenhaar angefertigt. Louis XIV. und Peter I. trugen in späteren Jahren Perücken. Peter benutzte eine Perücke, die aus seinem eigenen Haar angefertigt wurde.

Perückenmacher scheint durchaus ein einträgliches Gewerbe gewesen zu sein. Da waren natürlich auch Perücken mit "normalen" Haarfarben im Umlauf.

Perücken für Kutscher, Domestiken oder Soldaten bestanden meist aus Rosshaar, während für hochwertige Perücken praktisch ausschließlich Menschenhaar verwendet wurde, höchstens um aufwendige Frisuren zu stützen griff man auf Rosshaar zurück.
 
Jean-Baptiste Thiers schrieb 1690 eine "Histoire des perruques".
Seine Fähigkeiten als Historiker konnte ich nicht überprüfen, aber es ist klar, dass er einen Feldzug gegen das Tragen von Perücken führte, besonders bei den Geistlichen.

Es gibt davon eine deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1712 mit einem Kapitel über "gepuderte Paruquen", die für ihn den Gipfel der Eitelkeit darstellten und bei denen er sogar ein bestehendes kirchliches Verbot sehen wollte (Seite 463):

im französischen Original hier:

Von Bach kenne ich nur ein Porträt mit Perücke und es mir nicht bekannt, ob er kahl war. Von Händel gibt es jedoch mindestens zwei Porträts, die ihn ohne Perücke und ohne Haare, allerdings mit Mütze zeigen. Ob er kahl war und darum manchmal eine Perücke trug oder ob er sich wegen der Perücke den Kopf kahl rasierte, weiß ich nicht. Jedenfalls ließ er sich auch ohne Perücke porträtieren.
Danke fuer den Link. Fuer mich persoenlich sehr, sehr interessant....weil....weil....es noch andere Zusammenhaenge gibt.
Wollte auch darauf antworten, doch fiel mir dabei noch rechtzeitig auf, dass ich, wie ueblich, dazu neige in's Uferlose zu entgleiten und somit den geneigten Leser zu Tode langweile. Aber ist es nicht so, dass Geschichte ein vielfarbiges Gewebe von vielen, vielen verschiedenen und vor allen Dingen zusammengewobenen Faeden darstellt? Daher, thematisches 'pidgeonholing', also enges konzentrieren auf nur einen kleinen Aspekt einer groesseren Sache, ist der Sache per se eigentlich nicht gerecht.
Genug geschwafelt, zur Sache:

Sehen wir uns Seite 466 an, dort steht:
"Daraus ist zu sehen/
dass der Puder eine weltliche Zierart sey/
welcher sich besser vor unzuechtiges Frauenzimmer
als vor Geistliche schicket. Daher fin-/
det man in der Antiquitaet selten an-/
dere / als Welt=Frauen/ Hoffleute
und dergleichen/ so der Wollust er-
geben/ die sich solchen Schmuck's be-
dienen. Josephus Lib. 8. Antiq. Ju.
Oblique wird dort zwischen den Zeilen auf die damalige Geißel Syphillis und deren optische Folgen * hingewiesen.
In der Tat, Gesicht verpudern -- daher der gezierte Begriff 'powder room' - i.e. Toilette fuer Damen -- hatte in England viel mit der damals, unheilbaren Seuche zu tun: verpudern = verstecken, kaschieren.
Diese Pandora's box lasse ich erstmal ungeoeffnet.

ps: allerdings, verstehe ich nicht den Zusammenhang zwischen Josephus Flavious: 'Josephus Lib. 8. Antiq. Ju.' ?
*
 
ps: allerdings, verstehe ich nicht den Zusammenhang zwischen Josephus Flavious: 'Josephus Lib. 8. Antiq. Ju.' ?


Das wird doch im Text ausführlich erklärt auf Deutsch und auf Latein, Du musst nur auf der nächsten Seite weiterblättern.

Hier in englischer Übersetzung:

"Their riders also were a farther ornament to them: being in the first place young men in the most delightful flower of their age; and being eminent for their largeness, and far taller than other men. They had also very long heads of hair, hanging down; and were clothed in garments of Tyrian purple. They had also dust of gold every day sprinkled on their hair; so that their heads sparkled with the reflection of the suns beams from the gold."
 
Hochachtung 'Sepiola'. Danke fuer den Flavius Josephus Hinweis.
(Den Zusammenhang zwischen 'Gesicht pudern' und 'Haar schmuecken mit Goldstaub' verstehe ich allerdings immer noch nicht ganz.)

btw, ich habe den Text im Internet mit meinem dicken FJ Buch aus ~1860? verglichen, ja die Texte stimmen ueberein. Uebrigens sehr sehr interessant Flavius Josephus zu lesen, besser als die Bibel ;)

https://i.ibb.co/bz6HTqD/Flavius.jpg
 
Wenn bereits geklebt, vermutlich nicht mehr.
Ich hab mich auf gefragt, wie die Dinger auf dem Kopf hielten.
Die Wiener Zeitung berichtet am 1. September 1756 von einem notorischen Betrüger der sich Francesco Rosini nennt.
"(Er) Traget eine dunkle Perucke, ruckwärts mit einem schwarzen Band zusam gebunden, .."
ANNO, Wiener Zeitung, 1756-09-01, Seite 7 "perücke"&ref=anno-search

Kann man so ein Perücke mit einem Band im Nacken festmachen?
 
Kann man so ein Perücke mit einem Band im Nacken festmachen?
Unmöglich wär’s jedenfalls nicht, die Perücke mit einem Stoffband hinten zu sichern, ähnlich der Art, wie heute manche Putzfrauen ihr Kopftuch binden. Erinnert mich an ein Selbstportrait von Jean Siméon Chardin (siehe @ Wikipedia), der Knoten bei ihm allerdings neckisch zuoberst auf dem Kopf.
 
Das Thema Ungeziefer wurde noch nicht berücksichtigt. Es steht in der Wikipedia unter Kopflaus: es waren für Perückenträger eine regelrechte Plage. Musste man die Perücken wegen den Läusen trockenhalten oder mit Mehl behandeln? Ich frage mich auch, ob sich Läuse überhaupt für Perücken interessieren, sie wollen schließlich Menschenblut.
 
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