Reste des Heidentums in der Folklore

Wo siehst du die Unterschiede? Warum, denkst du, dass "Fasnacht" nicht das selbe wie "Karneval" ist? Gibt es hier historische Belege, die alles unterscheiden?
Beides ist ähnlich, aber eben nicht dasselbe.
Im deutschen Südwesten sind die Masken und Traditionen verwandt u.a. mit den alpinen Perchten.
In Köln geht es mehr um Satire zum Thema Preußen und Franzosen und Militär.
 
Btw

Und in Köln ruft man Alaaaf,

bei uns Hoori, hoori, hoori isch die Katz!
Oder auch Narriiiiiiii, Narrrrrrooooo!
 
wobei die Perchten in Bayern und Gebieten von Österreich Anfang Januar aktiv sind. Im Schwarzwald beginnt zwar die Fasnacht auch am 6. Januar, aber in Bayern deutlich später.
 
In Köln geht es mehr um Satire zum Thema Preußen und Franzosen und Militär.
Dass beim rheinischen Karneval das Militär auf die Schippe genommen wird, ist allerdings eine vergleichsweise junge Entwicklung im rheinischen Karneval. Der Karneval an und für sich ist älter, im Rheinland bis ins 13. Jhdt. zurückverfolgbar. Das ist also kein Kriterium.

Btw

Und in Köln ruft man Alaaaf,

bei uns Hoori, hoori, hoori isch die Katz!
Oder auch Narriiiiiiii, Narrrrrrooooo!
Helau, Alaf, Hip-hip, meck-meck! Ja und?
 
Helau, Alaf, Hip-hip, meck-meck! Ja und?
auch wenn wir das noch um "wolle mer´n noilosse?" und "bumbäh-bumbäh-tschingbum" samt Büttenredenbrauch ergänzen: weder tauchen da heidnische Wurzeln auf, noch sind diese feucht-fröhlichen Lautäußerungen heidnische Gebetsformeln :D:D:D Die Frage "Ja und?" ist mehr als berechtigt!!!

...ich bezweifele, dass in diesem Faden irgendwas heidnisches ermittelt/gezeigt wird.
 
...ich bezweifele, dass in diesem Faden irgendwas heidnisches ermittelt/gezeigt wird.
Zu der hier aufgeworfenen Sinnfrage kann ich nur ein paar Randbemerkungen beisteuern.

Ausgangspunkt war seinerzeit die These, »dass sich nur aelteste Quellen bis ca. ins 8. Jh. noch zum Thema Weiterleben heidnischen Brauchtums verwenden lassen und danach bis zur Reformation, ausser in Randbereichen, Quellen zu angeblichem Heidentum mit Skepsis zu betrachten sind. [...] Literaturtips?«

Seitdem wurde, über 11 Jahre verteilt [1], eine Menge von Aspekten in den Blick genommen. Den Versuch, so etwas wie ein Zwischenergebnis festzuhalten, unternehme ich nicht; er wäre gewiss zum Scheitern verurteilt, denn die bisherigen Beiträge, von denen einige sehr lehrreich sind, sind einfach zu heterogen. [2]

Momentan ist, auftauchend wohl mit #254, der Karneval dran. [3] Ob dazu (oder zu anderen »Volksbräuchen«) noch etwas Weiterführendes herauskommen kann? Ich selber hätte Interesse, einige »Hintergründe« noch näher zu beleuchten. Meinetwegen auch am Beispiel Karneval: Die alemannische Version (Fastnacht) hatte/hat z.B. etwas mit der Beschwörung/Vertreibung von »Geistern« (oder besser: »Geistwesen«?) zu tun, zu denen es sowohl heidnische wie christliche Bezüge gibt.

Aber sicher gibt es noch andere, vielleicht fruchtbarere Aspekte.

[1] Typisch für »Loch-Ness-Threads«, die wiederholt auftauchen und verschwinden (hier: 2015/16, 2021, 2023, 2026).
[2] Das Spektrum reicht von der Bezugnahme auf den »Leibhaftigen« (#6) bis zu Mutmaßungen über den Sockenwechsel (#271).
[3] Zu dem es mindestens einen älteren Thread gibt: Helau & Alaf: Geschichte der Fastnacht .
 
Die alemannische Version (Fastnacht) hatte/hat z.B. etwas mit der Beschwörung/Vertreibung von »Geistern« (oder besser: »Geistwesen«?) zu tun, zu denen es sowohl heidnische wie christliche Bezüge gibt.
es gibt ärgerlicherweise keine Quellen, die eindeutig für den alemannischen Raum heidnisch-germanische "Geister/Geistwesen" und deren sozusagen Nachleben nach der Christianisierung belegen würden, d.h. also, wir haben aus Quellen keine direkten Verbindungslinien vom Heidentum des Frühmittelalters hin zur "alemannischen Fasnet".
"Geister austreiben", "böse Geister", "böser Blick" und ähnlicher Aberglaube entstammt wahrscheinlich Lokalkolorit der (spät)mittelalterlichen "Volksfrömmigkeit".
 
Danke. Die Korrektheit deines Hinweises ergibt sich wohl schon daraus, dass das, was wir heute Karneval nennen, frühestens im Mittelalter auftrat (→ #255,262). Was z.B. in der WP als »Vorläufer« (im Altertum) beschrieben wird, hat eine andere Qualität. Es mag freilich Aktionen gegeben haben, die ›karnevaleske Züge‹ trugen wie das in WP erwähnte »Osterlachen«.[1]

Lass mich mein Interesse etwas offener formulieren:
– Ich gehe davon aus, dass es Geister/Gespenster/Dämonen – gute und böse immaterielle Wesen – schon in vorchristlicher (heidnischer) Zeit gab und dass es Handlungen/Rituale gab, mit denen Menschen sich auf diese Wesen bezogen.
– Die christliche Lehre kennt – in AT und NT – ebenfalls gute Wesen (z.B. Engel) und böse Wesen (z.B. Teufel), dazu wieder entsprechende Handlungen/Rituale.
Neuformulierte Frage also: Gibt es Beispiele dafür, dass heidnische Geister-Wesen von den Christen – oder vorher von den Juden – ganz oder teilweise adaptiert/adoptiert wurden?

[1] Der im WP-Artikel erwähnte Bachtin hat die umstrittene Gegenthese einer Kontinuität karnevalistischer Tradition zwischen Antike und Mittelalter vertreten (siehe dazu z.B. Wolfgang Rösler, »Michail Bachtin und die Karnevalskultur im antiken Griechenland«); das ist aber hier nicht zu vertiefen.
 
Selbst wenn es irgendwelche Traditionen und mündliche Überlieferungen von der Zeit vor der Christianisierung bis in die Gegenwart gibt (oder zumindest bis zur ersten schriftlichen Erwähung): Hätten die dann nicht länger in einem christlichen Umfeld überlebt, als es sie in einem vor-christlichen je gegeben hat?
 
Gibt es Beispiele dafür, dass heidnische Geister-Wesen von den Christen – oder vorher von den Juden – ganz oder teilweise adaptiert/adoptiert wurden?
mir sind keine bekannt.
die Heidengötter (Woran, Donar, Saxnot etc) wurden zu Dämonen (Unholden) erklärt, denen man abschwören solle (altsächs. Taufgelöbnis) - was man dann über angeblich wodanistische Bräuche/Sagen etc vornehmlich in Literatur des 19. Jhs. zu lesen bekommt, solche Sachen wie "wilder Reiter / wütendes Heer" sind allesamt spekulativ und können nichts anhand von Quellen belegen.
Hätten die dann nicht länger in einem christlichen Umfeld überlebt, als es sie in einem vor-christlichen je gegeben hat?
klasse Gedanke!
 
Klar kann der Historiker beim Krampus und Teilen der alemannischen Fastnacht da weniger helfen. Da geht es doch eher in den psychologischen, anthropologischen und von mir aus noch ethnologischen Bereich.

Fastnacht ist mit Ostern über Pessach ein Frühlingsfest, also Wiedergeburt der Natur und der Auferstehung Jesus. Krampus steht für den Winter, nach dem Herbst mit Allerseelen und Allerheiligen für das Alter und dem Tod. Frühling. Sommer, Herbst und Winter, Geburt bis zur Pubertät, das Erwachsenenleben, das Älterwerden mit seinem Zerfall und dann der Tod. Das christliche überlagert doch nur den uralten Zyklus der Jahreszeiten und den der Lebenszyklen.

Die Idee des Mischwesens und der gehörnten/maskierten Gestalt ist um ein Vielfaches älter als das Christentum. Vor 40.000 Jahren haben wir ein Mischwesen aus Löwe und Mensch und vor 15.000 Jahren den gehörnten Schamanen in der drei Brüder Höhle. Bei den beiden können wir nur nur dem Kult nähern, aber nicht greifen. Die Schamanin von Bad Dürrenberg könnte ein Geweih getragen haben und auf dem Kessel von Gundestrup ist es wahrscheinlich schon ein gehörnter Gott. Die Beispiele können wir selbstverständlich nicht mit einem Jahreszeiteinzyklus verbinden, zeigen uns aber wie alt es ist in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Auch wenn die Schamanin von Bad Dürrenberg und die Kelten keinen mesopotamischen gehörnten Gott kannten, der dann über Umwege zum Teufel wird und Hörner nun negative Eigenschaften bekommen….. ist es doch Auffällig das es ähnliche Traditionen, die Jahreszeitlich ähnlich fallen, auch in anderen Regionen gibt. Mamuthones im sardischen Karneval und Kukeri in Bulgarien zum Jahreswechsel und Karnaval. Zarramacos in Nordspanien die am ersten Sonntag im Januar die bösen Geister des alten Jahres vertreiben. Und bei den meisten wird mit Glocken viel Lärm gemacht und das Böse oder der Winter vertrieben. Beim Saya Gezmesi in der Türkei mit Çaya Han und seinen Gehilfen Zayaçılar kommt sogar die Mythologie der Steppe dazu. Weiter geht es zu Namahage in Japan und mit dem Danza de los Diablos / Qachampa in Südamerika dürfte es wieder in das Christentum gehen. Und mit dem heutigen Día de Muertos verschmelzen, ohne Hörner, indigene und christliche Ideen zu einem Weltkulturerbe in Kostümen.

Gemeinsam ist das es häufig im weiteren Sinn pastorale Gemeinschaften sind und das es Winter und Frühlingsfeste sind. Das ist meiner Meinung nach der wichtiger Punkt.
 
Ich gehe davon aus, dass es Geister/Gespenster/Dämonen – gute und böse immaterielle Wesen – schon in vorchristlicher (heidnischer) Zeit gab
Ich gehe (ich denke, fast jeder hier) keineswegs davon aus, dass es Geister und Dämonen gibt, gab, oder geben wird, weder in vorchristlicher noch in christlicher Zeit.

Wenn Du an Geister glaubst, ist das aber Glaube?

Die alemannische Version (Fastnacht) hatte/hat z.B. etwas mit der Beschwörung/Vertreibung von »Geistern« (oder besser: »Geistwesen«?) zu tun
Selbst das wissen wir nicht. Es gibt keine archäologischen oder schriftlichen Quellen: Es ist reine Spekulation. Dass wir noch nicht einmal wissen, wer oder was die Alemannen waren, macht es auch nicht besser.
 
Zuletzt bearbeitet:
Dass beim rheinischen Karneval das Militär auf die Schippe genommen wird, ist allerdings eine vergleichsweise junge Entwicklung im rheinischen Karneval. Der Karneval an und für sich ist älter, im Rheinland bis ins 13. Jhdt. zurückverfolgbar. Das ist also kein Kriterium.


Helau, Alaf, Hip-hip, meck-meck! Ja und?
Wenn wir jetzt noch irgendwo den Narrenruf Brombeer-Hecke finden können, lassen sich endlich alle lose Fäden miteinander verknüpfen. ;)
 
Fastnacht ist mit Ostern über Pessach ein Frühlingsfest, also Wiedergeburt der Natur und der Auferstehung Jesus. Krampus steht für den Winter, nach dem Herbst mit Allerseelen und Allerheiligen für das Alter und dem Tod. Frühling. Sommer, Herbst und Winter, Geburt bis zur Pubertät, das Erwachsenenleben, das Älterwerden mit seinem Zerfall und dann der Tod. Das christliche überlagert doch nur den uralten Zyklus der Jahreszeiten und den der Lebenszyklen.
Ist das wirklich so? Sowohl das Passah- als auch das Osterfest haben ja einen ganz konkreten religiösen Inhalt. Es geht um die Rettung des Volkes Israel aus ägyptischer Knechtschaft bzw. daran anknüpfend (weil Jesus im Umfeld des Passahfestes gekreuzigt worden ist) um die Auferstehung des Erlösers. Dass sie im Frühjahr stattfinden, wurde in einigen altchristlichen Hymnen zwar aufgegriffen, aber das gilt auch für die Fastenzeit. Wie die Erde für die Aussaat bereitet wurde, so sollte auch der Christ bzw. die Christin Taten der Nächstenliebe suchen und auf Unnützes verzichten, um sich auf Ostern vorzubereiten.

Anders als beim Erntedankfest spielt der Bezug auf die Jahreszeit oder die Aussaat ansonsten aber keine Rolle. Bei der Fastnacht mag das Ende des Winters eine gewisse Rolle gespielt haben, aber in Jahren mit einem frühen Osterdatum passt das für viele Gegenden Europas nicht so richtig. Manchmal beginnt die Fastenzeit ja bereits Anfang Februar, und die karnevalistischen Veranstaltungen folgen ohnehin nochmals einem eigenen Kalender mit Höhepunkten im November, Januar und Februar.
 
Ich gehe (ich denke, fast jeder hier) keineswegs davon aus, dass es Geister und Dämonen gibt, gab, oder geben wird, weder in vorchristlicher noch in christlicher Zeit.
[...]
Dass wir noch nicht einmal wissen, wer oder was die Alemannen waren, macht es auch nicht besser.

Ich bedaure, doppelten Anlass zur Irritation gegeben zu haben.
– Zum einen muss es natürlich heißen: »Ich gehe davon aus, dass es den Glauben an Geister/Gespenster/Dämonen [...].«
– Auch lag es mir fern, etwas übers Volk der Alemannen zu schreiben. Was ich meinte, war die Schwäbisch-alemannische Fastnacht – Wikipedia , die seit 2014 Teil des bundesweiten Verzeichnisses »Immaterielles Kulturerbe« ist. Überschrift in Schwäbisch-alemannische Fastnacht: Die Zeit der Dämonen : »Schwäbisch-alemannische Fastnacht / Die Zeit der Dämonen / Wenn in Raunächten böse Geister vertrieben werden, ist heutzutage große Party. Traditionalisten tun sich schwer mit der neuen Fasnet-Kultur.«
 
Zurück
Oben