Sah ein Knab' ein Röslein steh'n, Röslein in Laurins Garten

Wenn man den Cid-Epos liest, gibt es eine Wege-Führung, die kann man nachvollziehen. Und dennoch ist das Geschehen, was mit dieser Wegeführung im Zusamenhang steht, nicht historisch - der Cid aber ist eine unzweifelhaft historische Figur.
Der Weg der Condes de Carrión mit den ihnen anverheirateten Töchtern des Cid zum Robredo de Corpes ist nach der Wegbeschreibung nachvollziehbar. Wobei natürlich der Robredo de Corpes nicht genau verortet ist, aber der Ort Castillejo de Robredo passt in die Route.
Also, hier gibt es eine ganze Reihe von Ortsnamen, der Weg, den die Condes de Carrión gegangen sein sollen, bis sie die Töchter des Cid vergewaltigten und zum Sterben nackt im Wald zurückließen ist also relativ genau beschrieben, so genau, dass wir den Weg - bis auf einzelne Orte, die wir heute nicht mehr identifizieren können - nachwandern können. Der Cid ist eine historische Figur, die beschriebene Vergewaltigung der Töchter ist genauso unhistorisch, wie ihre feigen Ehemänner.
Was Epoche und Inhalte angeht (Konflikte bei Herrschaftserweiterungen), ist dieses spanische Heldenepos mit den av. Dietrichepen vergleichbar. Im Übrigen unterscheidet es sich: Es handelt sich um eine erfindungsreiche Nacherzählung eines nicht involvierten Dichters und konzentriert sich auf einen einzigen bekannten "Nationalhelden", was die Sachlage durchschaubarer macht.
Die av. Dietrichepen werden hingegen am Geschehen involvierter Ministerialen erstellt, die die Konflikte ebenfalls einfallsreich und aufgrund von Vorlagen verarbeiten. Es sind mehrere Adelsgeschlechter daran beteiligt und ihre "Helden" und Gegner erhalten Decknamen, was die Sache komplexer macht. Nur aus den genannten historisch-topographischen Hinweisen (einschließlich heraldische), die die Dichter sporadisch einstreuen, lassen sich der Raum und die hauptbeteiligten Adelsfamilien klar abstecken.
 
Eigentlich ja nicht: Das Personal erweitert sich mit der Zeit, aber bleibt in sich doch gleich. Wer sollte schon verstehen, dass sich hinter aus unzähligen Texten bekanntem Personal "Decknamen" versteckten?

Der oder die Dichter des Virginal und des Rosengarten (die anders als behauptet keine Varianten voneinander sind) kannten sich halt im Südalpenraum besser aus, dem oder den Dichtern des skandinavischen Erzählstranges war die norddeutsche Tiefeebene schon nah genug an Verona, so dass Ritter Schaumburg - deiner Argumentation nicht unähnlich - darin eine Überlieferung völkerwanderungszeitlicher Ereignisse im niedersächsisch-hessisch-westfälisch-rheinischen Raum sehen wollte. Aber letztendlich läuft es auf dasselbe hinaus.
 
Was Epoche und Inhalte angeht (Konflikte bei Herrschaftserweiterungen), ist dieses spanische Heldenepos mit den av. Dietrichepen vergleichbar. Im Übrigen unterscheidet es sich: Es handelt sich um eine erfindungsreiche Nacherzählung eines nicht involvierten Dichters und konzentriert sich auf einen einzigen bekannten "Nationalhelden", was die Sachlage durchschaubarer macht.
Die av. Dietrichepen werden hingegen am Geschehen involvierter Ministerialen erstellt, die die Konflikte ebenfalls einfallsreich und aufgrund von Vorlagen verarbeiten. Es sind mehrere Adelsgeschlechter daran beteiligt und ihre "Helden" und Gegner erhalten Decknamen, was die Sache komplexer macht. Nur aus den genannten historisch-topographischen Hinweisen (einschließlich heraldische), die die Dichter sporadisch einstreuen, lassen sich der Raum und die hauptbeteiligten Adelsfamilien klar abstecken.
Nein. Im Laurin werden zwei Lokalitäten benannt, Bern (Verona) -"Der vil cleyne Laurin, der muste zcu Berne eyn gockeler sin" - und Tirol (zcu Tyrolde vor dem walde). Es gibt keine weiteren validen Hinweise, trotz vieler Spekulationen, dass der "Rosengarten" bei Meran, oder im Rosengartenmassiv stand, und schon gar nicht auf dem Castelfeder, auch wenn du dort wohnen solltest, und daraus einen Nationalepos konstruieren möchtest. Ferner ist auch nicht bekannt, wo der unterirdische Palast Laurins war, oder ob er überhaupt existierte.

Das Zwergenreich ist ein "Anderwelt-Motiv" in den Epen, das macht ihn vergleichbar z.B. mit den Arthus-Epen. Auch Arthur reiste bei einem seiner Abenteuer in die Anderwelt. Ähnlich wie in den Dietrichsagen gibt es dort einen höfischen Raum als zentralen Erzählpunkt, Camelot, der eine bestimmte Funktion in der Erzählung (Ausgangs - und Endpunkt, der Hofstaat/kulturelles Zentrum) hat, wie Bern/Verona in den Dietrichepen. Die Abenteuer finden außerhalb statt. Der "Rosengarten", mit Fleiß gestaltet, liegt im Wald an einer grünen Wiese:
"Do reten dy zwene recken balde zcu Tyrolde vor dem walde. Do dy zcwene kune man quamen uf den grunen plan"

Der "Rosengarten" stellt eine Zwischenstation des Aventiure dar, der Herausforderung, der sich Dietrich stellt. Denn Hiltebrant hat Dietrich provoziert, er hätte noch kein "getwerge ebenture" (Zwergenabenteuer) in einem hohlen Berg durchstanden.

Weder der Rosengarten noch der Hohle Berg sind reale Lokalitäten. Der Rosengarten und auch der Raum vor dem Zwergenreich sind loci amoeni,
(lateinisch für „lieblicher“ oder „anmutiger Ort“) das ist ein literarischer Topos (ein wiederkehrendes Motiv) für einen idealisierten, schönen und friedlichen Ort in der Natur, hier im "wilde lant", Orte, an denen "alles sein trauren lan" (alle ihre Sorgen vergessen).
 
Zuletzt bearbeitet:
Für mich ist es viel wahrscheinlicher, ohne meine Hypothese für wahr zu halten, dass der Dichter des Epos ein Teil-Motiv aus dem antiken "Klassiker" Raub der Proserpina" übernahm, und in seine christliche Welt tranformierte.

Der einstmalige Gott der Unterwelt Pluto/Hades konnte kein Gott bleiben, und wurde zum Zwerg mit magischen Kräften und Riesen als Helfer: so ganz sicher war der mittelalterliche Dichter nicht, ob die "alten Götter, mythischen Kräfte" nicht doch wenigstens gefährlich sind. Der Unterweltherrscher, der auch über einen Garten verfügt, in dem Proserpina/Persephone von einem Granatapfel isst, dem ein Drittel der Welt gehört, Bruder des Zeus, raubt Prosperina von einer grünen mit Blumen übersäten Wiese in der Nähe des Ätna (bei Claudian), jedenfalls auf Sizilien (bei Ovid). Auch hier eine schöne Parallele zur Entführung von Künhilt auf einer grünen Aue.

Der Zutritt zum Hades ist nicht leicht, Demeter/Ceres gelingt es nicht, zur Anderwelt ist der Zutritt über eine Höhle in den inselkeltischen Sagen verbreitet. Die Anderswelt ist eigentlich ein Vergangenheitsreflex, nicht mehr Teil der wirklichen Glaubensvorstellungen zum Beispiel im christianisierten Irland des Frühen Mittelalters, sondern ein mit Bedeutung aufgeladene Parallelwelt, die neben und spiegelbildlich exisitiert - auch die Zwergenkönige sind Feudalherren und laden zum Mahl und an reich gedeckter Tafel und unterhalten die Gäste standesgemäß mit Gesang und servieren Wein. "Die Dislozierung der Anderswelt" nennt es Helmut Birkhan für die inselkeltische Sagenwelt, horizontal auf entfernte Inseln (Avallon, Glasinsel), oder vertikal in die Unterwelt (die Sid in den Elfenhügeln z.B.). Bei letzteren ist der Zugang über Höhlen evident beispielsweise diese: Keshcorran Caves – Wikipedia

Was ich ebenfalls bestechend finde ist die Verbindung zur Rose, schon bei Homer:
„Abseits von Demeter, der Herrin des goldenen Schwertes und der prächtigen Früchte, spielte sie mit den tiefbusigen Töchtern des Okeanos und pflückte Blumen auf einer weichen Wiese: Rosen, Krokusse und schöne Veilchen, Iris auch und Hyazinthen und die Narzisse, welche die Erde als Köder für das blumengleiche Mädchen wachsen ließ...“ aus Homers Hymnus an Demeter, Homerische Hymnen 2

Auch hier wieder ein locus amoenus, lieblicher Ort, der jedoch gleich mit dem Raub zum locus terriblis wird - auch der Rosengarten wird dies, auch wenn die Kämpfe auf dem Anger davor stattfinden.

Meiner Ansicht nach kann auch eine zweite antike Sage dazu kommen, einbezogen sein, Apollo, dier die Daphne verfolgt. Daphne wird in einen Lorbeerbaum von ihrem Vater verwandelt, um sie vor dem liebestrunkenen Apollo zu schützen, und beraubt ihr ihre Weiblichkeit und Schönheit, die Daphne als ihr Verderben empfindet "Zerstöre in Verwandlung diese Gestalt, in der ich allzuviel gefiel!" (Ovid, Met, 1,546)
Peneus verwandelt sie, und rettet Daphne - Laurin gelingt es nicht, er kommt zu spät. Wenn der Rosengarten eigentlich seine "Tochter" ist, die von Witege geschändet wird. Laurin, der Lorbeerbekränzte - ein Hinweis auf die antike Vorlage, die die alte Götterwelt ungefährlich macht/dislosziert?

Die Strafe, die Laurin gegenüber Witege fordert, den linken Fuß und die rechte Hand, Verstümmelungsstrafe, ist eine schwere lebenslange Kennzeichnung als Verbrecher, üblich bei schweren Körperverletzungen: warum soll ein zertretener Rosengarten so hart bestraft werden?
Es würde Witege als Ritter treffen: der Fuß, mit dem er den Steigbügel besteigt, die Schwerthand, mit der er kämpft. Die Strafe wäre entehrend, und ist eigentlich eine "Entmannung".

Auch der seidene Faden spricht (kann sprechen) für eine "Junfräulichkeit" oder besser Weiblichkeit, die verletzt wird. In der Trotula Trotula – Wikipedia gibt eine mittelalterliche Ärztin und Hebamme Trota aus Salerno Ratschläge z.B. beim Dammriss diesen „mit einem Seidenfaden in drei bis vier Stichen“ zusammenzunähen. War dies vielleicht auch eine Methode, eine "geschlossene Jungfernhaut" vorzutäuschen, um den Mythos der Jungfräulichkeit aufrechtzuerhalten, in dem das Hymen zusammengenäht wird?

Meiner Ansicht nach hat meine Hypothese einige Argumente für sich - allerdings sind die Veränderungen gegenüber den Ursprungsmythen groß, sie wurden kulturell geformt und der Aventuire-Epik-Struktur angepasst. Die Lösung des Rechtsfalls der Entführung der Prosperina war ein Kompromiss: Jupiter bestimmte, dass sie vier (sechs) Monate bei Hades in der Unterwelt bleibt, und das restliche Jahr bei ihrer Mutter Demeter (Fruchtbarkeitsgöttin) auf der Erde, und dieses Ergebnis des Mythos erklärte damit den Wechsel der Jahreszeiten in unfruchtbare, dunkle Zeit (Winter) und fruchtbare, helle Zeit (Frühjahr bis Herbst). Einen solchen Kompromiss gibt es im Laurin nicht: er wird am Ende entmachtet, Gefangener, und Künhilt wechselt wieder vollständig aus der Anderswelt in das höfische Zentrum nach Bern.

Proserpina ruft nach ihren Gefährtinnen (Nicolò dell’Abbate, 16. Jahrhundert)
Abbate-The_Rape_of_Proserpine.jpg
 
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Die av. Dietrichepen werden hingegen am Geschehen involvierter Ministerialen erstellt, die die Konflikte ebenfalls einfallsreich und aufgrund von Vorlagen verarbeiten. Es sind mehrere Adelsgeschlechter daran beteiligt und ihre "Helden" und Gegner erhalten Decknamen, was die Sache komplexer macht.
Diese Hilfskonstruktion überzeugt nicht. Denn mittelalterliche höfische Epik konzentrierte sich nicht darauf, undurchschaubar komplex-gelehrsam die vermeintlichen Heldentaten zweitrangiger Ministerialen zu verklausulieren und auf diese Weise zu verewigen.
 
Ein Zitat, grundsätzlich zum Verhältnis von Geschichte und Heldenepos,
aus der Einleitung von
Victor Millet, Germanische Heldendichtung im Mittelalter, de Gruyter, 2008:

"Das Problem des Verhältnisses zwischen Heldensage und Geschichtehat die Forschung schon immer beschäftigt. Einige der
Sagen, die in diesem Buch behandelt werden - es sind aber nur die wenigsten - beziehen sich auf Ereignisse, die auch in chronikalischen
Quellen erwähnt werden. Dieses und die Tatsache, dass sich die heroische Dichtung meist als historisch präsentiert, führten zu dem
Schluss, alle Heldenerzählungen seien direkt aus den geschichtlichen Ereignissen entstanden. Diese Auffassung darf heute als obsolet gelten.
Wie andere Abenteuergeschichten auch werden Heldensagen auf Grund von traditionellen narrativen Mustern und Erzählschablonen konstruiert. Da aber die Heldendichtung ein literarischer Typus ist, der als >historisch< verstanden werden will, weil er wie gesagt über das Handeln in der Geschichte erzählt, übernehmen manche Sagen vage und meist unstimmige Daten oder adaptieren eine geschichtliche Begebenheit für ihren plot. Aber die Veränderung der historischen Ereignisse in den Sagen ist nicht, wie man früher meinte, die Folge einer wenig konsistenten mündlichen Uberlieferung oder eines Entwicklungsprozesses hin zum Romanhaft-Sentimentalen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der gewählte Erzähltypus mit seinem Handlungsgerüst die Situation vorgab und dass erst sekundär durch die Wahl der Heldennamen eine vage Anpassung an geschichtliche Ereignisse stattfand. Als Erzähltradition über angeblich historische Ereignisse war die Heldensage somit weniger Träger eines kollektiven Gedächtnisses als eine Darstellung von Handlungsmodellen, die das Publikum, also der mittelalterliche Adel, als Reflexionsgrundlage für eigenes Agieren gebrauchen konnte. Helden sind per definitionem einzigartig; daher waren die Geschichten über sie die beste Art, sich unterhaltsam über eine graue Normalität hinwegzusetzen."


Genau dies tut der Laurin, er ist Reflexionsgrundlage für das Handeln mittelalterlichen Adels, und spielt in der "heroischen Vorzeit", die Exempel für die Gegenwart wird: er setzt seinen Helden oder seine Helden vor verschiedene Herausforderungen, Bewährungen und vor Entscheidungen. Er simuliert Beratungen, über richtiges (ehrenhaftes, ritterliches, heldenhaftes) Handeln. Beispiel am Rosengarten: Witege wirft Dietrich wegen seines Zögerns am Rosengarten sogar vor, kein Held zu sein, eigentlich bleibt Dietrich am Rosengarten zunächst passiv bzw. entscheidet sich, die Schönheit nicht zu zerstören, während Witege die Ursprungsherausforderung - Aventiure in der Anderswelt im Hohlen Berg weiterverfolgt, und durch die Zerstörung des Rosengartens das Erscheinen Laurins erzwingt, denn nur durch ihn können sie in den Hohlen Berg ins Zwergenreich und die Anderwelt gelangen. Das adelige Publikum hatte die Wahl, sich mit Dietrich oder Witege zu identifizieren, abzuwägen, wie sie selbst agiert hätten. In der jüngeren Vulgatversion steigt sogar nur Witege vom Pferd, Dietrich bleibt im Sattel sitzen, und beobachtet das Geschehen "Da erbeiste der held kiene nyder zů der griene - „Da stieg der kühne Held hinab auf die grüne Wiese (auf das Grüne).“
 
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Diese Hilfskonstruktion überzeugt nicht. Denn mittelalterliche höfische Epik konzentrierte sich nicht darauf, undurchschaubar komplex-gelehrsam die vermeintlichen Heldentaten zweitrangiger Ministerialen zu verklausulieren und auf diese Weise zu verewigen.
Dazu kommt, das die Enner im Machtkampf zwischen Meinhard und Füstbischof nicht alleine betroffen waren - und Machtkonkurrenz kein außerordentlicher Skandal war, sondern eine "normale" Handlungsebene, die im Mittelalter fast konstituierend war. Den scharfen norditalienischen Konflikt zwischen Papst - und Kaiseranhängern habe ich nicht zufällig erwähnt. Letztlich wurden die Enner und andere Burherren (z.B. die Herren von Wanga von Burg Runkelstein) aufgekauft. Ob das skandalös war? Heiratspolitik, Verwandtschaft, und weniger legale Mittel wurden eingesetzt, um in der Einflusskonkurrenz zu bestehen. Die Tiroler Grafen waren mit den seit 1138 herrschenden Hohenstaufen verbündet, und damit für eine Phase der Geschichte auf der Gewinnerseite. Die Herrschaftsdynastie hatte starkes Interesse am Alpenübergang treue Verbündete zu haben. Meinhardt der II. ist rechzeitig nach dem Ende der Staufer auf die "richtige Seite" gewechselt, auf die der Habsburger. Der Lombardenbund hatte gegen den Staufer Friedrich II. mehrmals die Alpenpässe blockiert um Hoftage (Cremona, Ravenna) unmöglich zu machen. das wollten sich die Habsburger wahrscheinlich nicht wiederholen, und sicherten sich die Herrschaft über Tirol. Vermutung von mir, warum Meinhard als Reichsfürst so aggressiv und erfolgreich agieren konnte. Er hatte starke Rückendeckung.
 
Eigentlich ja nicht: Das Personal erweitert sich mit der Zeit, aber bleibt in sich doch gleich. Wer sollte schon verstehen, dass sich hinter aus unzähligen Texten bekanntem Personal "Decknamen" versteckten?
Damals müssen es die meisten der darin involvierten Personen verstanden haben. Heute erkennt man das nur, wenn die dahinterliegenden historisch-topographischen Zusammenhänge bekannt sind. Die Decknamen dienten dazu, bestimmte Leute nicht direkt zu adressieren, um sich so schadlos zu halten. Das ist heute nicht anders als im Hochmittelalter: Hätten Zeitgenossen bei ihrer Karikatur über einen bekannten Robert oder Friedrich Decknamen verwendet, wären sie sicher auch unangreifbarer gewesen.
Der oder die Dichter des Virginal und des Rosengarten (die anders als behauptet keine Varianten voneinander sind) kannten sich halt im Südalpenraum besser aus
Dass hier historische Varianten unterschiedlicher Zeitstellungen am Werk sind, lässt sich am sich ständig wiederholenden topographischen Grundschema des Eckenlieds, Virginals und des Laurins erkennen: Verona - Trient - (Kämpfe) - Tirolergrenze - Talburganlage - Kämpfe -Hochgebirgsreise - Kämpfe und wieder zurück nach Bern-Verona. Die Burganlage im Tal bleibt dieselbe und entspricht bis heute dem bekanntesten Ausgangsort ins Dolomitengebiet. Im 13. Jh. wurde sowohl hier, als auch jenseits um die Vorherrschaften gekämpft.
Nein. Im Laurin werden zwei Lokalitäten benannt, Bern (Verona) -"Der vil cleyne Laurin, der muste zcu Berne eyn gockeler sin" - und Tirol (zcu Tyrolde vor dem walde). Es gibt keine weiteren validen Hinweise, trotz vieler Spekulationen, dass der "Rosengarten" bei Meran, oder im Rosengartenmassiv stand, und schon gar nicht auf dem Castelfeder, auch wenn du dort wohnen solltest, und daraus einen Nationalepos konstruieren möchtest. Ferner ist auch nicht bekannt, wo der unterirdische Palast Laurins war, oder ob er überhaupt existierte.
Die gibt es: z. B. mehrere Abstands- und Größenangaben in Meilen, die alle genau auf das Castelfeder-Areal (area castri veteri) passen, von der im weiten Umfeld keine vergleichbare Burganlage existiert, und die damals dem Unterzeichner Nicolao in Egna des ältesten Textzeugen Laurin-16 gehörte, der auch Bergwerke in den Dolomiten besaß. Daraus wurde ein unterirdischer Palast konstruiert, schließlich war Laurin ein "König". Solche pragmatisch-naheliegenden Verbindungen nachzuvollziehen, bist Du leider nicht in der Lage, dafür allerdings jene entfernten mit Hades/Pluto…. Beim Konstruieren eines "Nationalepos" täuscht Du Dich wieder – bin weder Spanier, Franzose noch Italiener und außerdem zu nüchtern-analytisch für Nationalheiligtümer. ;) Es geht lediglich um die jahrhundertlange Unterschätzung bestimmter "Primärquellen". Wenn ich die derart überlange Unterschätzung nicht für beinahe ebenso interessant halten würde, wie die Quellen selbst, würde ich mich damit auch nicht abgeben.
"Do reten dy zwene recken balde zcu Tyrolde vor dem walde. Do dy zcwene kune man quamen uf den grunen plan"

Der "Rosengarten" stellt eine Zwischenstation des Aventiure dar, der Herausforderung, der sich Dietrich stellt. Denn Hiltebrant hat Dietrich provoziert, er hätte noch kein "getwerge ebenture" (Zwergenabenteuer) in einem hohlen Berg durchstanden.

Weder der Rosengarten noch der Hohle Berg sind reale Lokalitäten. Der Rosengarten und auch der Raum vor dem Zwergenreich sind loci amoeni,
(lateinisch für „lieblicher“ oder „anmutiger Ort“) das ist ein literarischer Topos (ein wiederkehrendes Motiv) für einen idealisierten, schönen und friedlichen Ort in der Natur, hier im "wilde lant", Orte, an denen "alles sein trauren lan" (alle ihre Sorgen vergessen).
Das ist normales Schulwissen oder Lehrmeinung mit (etwas) Rückstand. Da braucht es immer mehrere Jahrzehnte, bis neuere Forschungsergebnisse übernommen werden, etwa die bessere Einschätzung - Würdigung der Quellen. Ich erinnere an den Barrington Atlas, wo beispielsweise Sublavione noch immer bei Säben/Klausen verortet wird, obwohl die Station inzwischen aus archäologischer Sicht schon seit 100 Jahre weiter südlicher lokalisiert wird. In der Altgermanistik könnte so was noch länger dauern.
Für mich ist es viel wahrscheinlicher, ohne meine Hypothese für wahr zu halten, dass der Dichter des Epos ein Teil-Motiv aus dem antiken "Klassiker" Raub der Proserpina" übernahm, und in seine christliche Welt tranformierte.

Der einstmalige Gott der Unterwelt Pluto/Hades konnte kein Gott bleiben, und wurde zum Zwerg mit magischen Kräften und Riesen als Helfer: so ganz sicher war der mittelalterliche Dichter nicht, ob die "alten Götter, mythischen Kräfte" nicht doch wenigstens gefährlich sind. Der Unterweltherrscher, der auch über einen Garten verfügt, in dem Proserpina/Persephone von einem Granatapfel isst, dem ein Drittel der Welt gehört, Bruder des Zeus, raubt Prosperina von einer grünen mit Blumen übersäten Wiese in der Nähe des Ätna (bei Claudian), jedenfalls auf Sizilien (bei Ovid). Auch hier eine schöne Parallele zur Entführung von Künhilt auf einer grünen Aue.
Das ist eine bekannte klassische Vorlage, um sich aus den historisch-topographischen Beziehungen möglichst heraushalten zu können. Im älteren Eckenlied werden noch mehrere topographische Hinweise genannt, im Virginal schon weniger. Mit fortschreitender Konfliktentwicklung, sah sich dann der Laurin-Dichter gezwungen, sich lieber (fast) gänzlich aus dem konkreten Geschehen herauszuhalten und am Ende einen nur scheinbar skurrilen Rosengarten etc. zu präsentieren.
Meiner Ansicht nach hat meine Hypothese einige Argumente für sich - allerdings sind die Veränderungen gegenüber den Ursprungsmythen groß, sie wurden kulturell geformt und der Aventuire-Epik-Struktur angepasst. Die Lösung des Rechtsfalls der Entführung der Prosperina war ein Kompromiss: Jupiter bestimmte, dass sie vier (sechs) Monate bei Hades in der Unterwelt bleibt, und das restliche Jahr bei ihrer Mutter Demeter (Fruchtbarkeitsgöttin) auf der Erde, und dieses Ergebnis des Mythos erklärte damit den Wechsel der Jahreszeiten in unfruchtbare, dunkle Zeit (Winter) und fruchtbare, helle Zeit (Frühjahr bis Herbst). Einen solchen Kompromiss gibt es im Laurin nicht: er wird am Ende entmachtet, Gefangener, und Künhilt wechselt wieder vollständig aus der Anderswelt in das höfische Zentrum nach Bern.
Meiner Ansicht nach dienten diese klassischen Vorlagen nur als weitere Deckmäntelchen, das konkrete Geschehen aus einer mythisch sicheren Distanz darzustellen, um sich so schadlos zu halten. Die Adresse des Erzengel-Michel-Spottangriffs kann auch erst enttarnt werden, wenn man den historisch-politischen Hintergrund kennt. Die historische Adresse dahinter kanntest Du vor einigen Tagen auch noch nicht und meintest dann, dieser Bezug könnte genauso zu einem anderen Ort passen. Eben nicht, dazu ist der Handlungsrahmen zu eng und klar abgesteckt. Aber das kannst Du nicht wissen, da Du Dich mit dem historischen Hintergrund nicht beschäftigt hast. z. B. dass alle genannten Orte (insbesondere die im Eckenlied) damalige Kampfgebiete waren.
Es gab bekannte Konflikte und Versuche diese auch über Eheverbindungen zu lösen, die jedoch am Ende scheiterten, so ähnlich wie bei den meisten (Eckenlied-, Virginal- und) Laurin-Varianten. Im Laurin wurde das natürlich nicht alles 1:1 übertragen, zumal es sich nicht um Geschichtsschreibung handelt, sondern um politische Dichtung, wo Figuren wie Laurin eine Platzhalter-Funktion für tatsächliche Personen übernehmen.
 
Diese Hilfskonstruktion überzeugt nicht. Denn mittelalterliche höfische Epik konzentrierte sich nicht darauf, undurchschaubar komplex-gelehrsam die vermeintlichen Heldentaten zweitrangiger Ministerialen zu verklausulieren und auf diese Weise zu verewigen.
Bei der av. DE geht es in erster Linie um politische Dichtung, aber sowas traust Du den ritterzeitlichen Herrschaften nicht zu.

Ein Zitat, grundsätzlich zum Verhältnis von Geschichte und Heldenepos,
aus der Einleitung von [...]
Trifft auf literarische Nacherzählungen zu, wie auf das Cid-Epos; trifft nicht bei politischer Dichtung zu. Schließlich behauptet in diesem Kontext niemand Dietrich von Bern wäre Theoderich d. Gr. oder etwas ähnliches.
Genau dies tut der Laurin, er ist Reflexionsgrundlage für das Handeln mittelalterlichen Adels, und spielt in der "heroischen Vorzeit", die Exempel für die Gegenwart wird: er setzt seinen Helden oder seine Helden vor verschiedene Herausforderungen, Bewährungen und vor Entscheidungen. Er simuliert Beratungen, über richtiges (ehrenhaftes, ritterliches, heldenhaftes) Handeln. Beispiel am Rosengarten: Witege wirft Dietrich wegen seines Zögerns am Rosengarten sogar vor, kein Held zu sein, eigentlich bleibt Dietrich am Rosengarten zunächst passiv bzw. entscheidet sich, die Schönheit nicht zu zerstören, während Witege die Ursprungsherausforderung - Aventiure in der Anderswelt im Hohlen Berg weiterverfolgt, und durch die Zerstörung des Rosengartens das Erscheinen Laurins erzwingt, denn nur durch ihn können sie in den Hohlen Berg ins Zwergenreich und die Anderwelt gelangen. Das adelige Publikum hatte die Wahl, sich mit Dietrich oder Witege zu identifizieren, abzuwägen, wie sie selbst agiert hätten. In der jüngeren Vulgatversion steigt sogar nur Witege vom Pferd, Dietrich bleibt im Sattel sitzen, und beobachtet das Geschehen "Da erbeiste der held kiene nyder zů der griene - „Da stieg der kühne Held hinab auf die grüne Wiese (auf das Grüne).“
Alles schön und gut, aber gerade in einem solchen Umfeld blüht die politische Dichtung, insbesondere, wenn die betroffenen höheren Ministerialen u.a. in der Rechtspflege zwischen Bozen, Trient und Verona beschäftigt waren. Hinzu kommt, dass durch das Interregnum solche unrechtmäßigen Herrschaftserweiterungen nicht mehr vor dem weltlichen Höchstgericht landen konnten, da der Papst den Kaiser absetzte und Graf Meinhard exkommunizierte. Kurz: Zündstoff für politische Dichtung.
 
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