Ursachen der Aufklärung?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von KantHolz, 1. Mai 2010.

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  1. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ich habe folgendermaßen überlegt: Die Diskussion um die "Ursache" [1] könnte auch deshalb so schwierig bis zäh sein, weil man unter "Aufklärung" beinahe alles verstehen kann, was über den damaligen Status quo hinausweist. [2] Je beliebiger aber der Diskussionsgegenstand, desto aussichtsloser der Versuch, "Ursachen" zu definieren. Deswegen schien es mir angezeigt, nochmal einen Blick in den "Topf" zu werfen: Aus welchen Elementen/Ingredienzen besteht die Aufklärung? Welche sind die Hauptbestandteile, welches die Zutaten? [3]

    Die zitierte Zusammenfassung meines Namensvetters - Hauptbestandteile: Kritik und Humanität - bringt wahrlich nichts Neues, sondern erinnert daran, dass es sich bei der Aufklärung um ein Konglomerat verschiedenster Faktoren handelt, die aufeinander einwirken (sich ggf. auch widersprechen können) und von denen jeder wiederum seine spezifischen "Ursachen" haben kann.

    Gleichwohl muss man Aufklärung inhaltlich definieren - eine noch stärkere Abstraktion bringt nichts! So hat etwa das wohlfeile "Sapere aude" allein wenig Erklärungswert: "Es geht nicht nur darum, sich seines Verstandes zu bedienen. Vielmehr müssen die Verstandesleistungen immer dahingehend überprüft werden, ob sie mit den Forderungen des kategorischen Imperativs konform gehen." [4]

    Aber selbst diese allgemeine Formel ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde") schließt nicht aus, dass ein solches Gesetz inhuman sein könnte, weshalb es dann letzten Endes auf den konkreten Inhalt - z.B. die Gewährleistung von Freiheit, Toleranz usw. - ankommt. (Diesen weiteren Schritt hat Kant ja auch getan, insbesondere im Hinblick auf den Freiheitsbegriff.)

    Es mag sein, dass die Aufdröselung der einzelnen Aufklärungs-Elemente (Freiheit, Toleranz usw.) der vernünftigste und einzig erfolgversprechende Weg ist, um dem Thema gerecht zu werden. In diesem Fall müsste die Diskussion hier nicht weitergeführt werden.


    [1] Nur im weitesten Sinne verwendbar; vielleicht wäre es besser, von "Genese" zu reden oder gleich ganz auf die Motive/Ziele der die Aufklärung Propagierenden abzustellen.
    [2] Das ist bei anderen Themen auch so, vgl. zuletzt die http://www.geschichtsforum.de/f58/dringend-lebensreformbewegung-zu-beginn-des-20-jahrhunderts-33418/
    [3] http://www.geschichtsforum.de/504650-post45.html
    [4] http://www.geschichtsforum.de/334670-post13.html
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da hast Du Recht und ich bin ein Freund einer solchen Überlegung.

    Wie Du ganz richtig darstellst, ist es allerdings schwierig, den Aufklärungsbegriff nicht zu eng oder zu weit zu fassen.
    Zu weit gefasst würden Merkmale der Aufklärung auch meinetwegen auf Humanisten der Renaissance zutreffen. Dann wären aber die Ursachen, die ja chronologisch zuvor oder gleichzeitig zu suchen sind, in einem ganz anderen Zeitraum anzusiedeln.




    Mir selbst ist es ja auch fast peinlich das Thema der Lesefähigkeit angerissen zu haben. Im Grunde ist das ja weitaus relevanter für die Verbreitung der Aufklärung, als für diese ursächlich.

    Ich setze aber mal ganz unmotiviert dreimal ein viel bemühtes Smiley hier hin: :grübel::grübel::grübel:
     
  3. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied


    Ich hab' den Thread mal mehr oder minder überflogen und mich dabei an die Theorien von Benedict Anderson (1983) "Imagined Communities" erinnert, die sich mit den angesprochenen zu weit gefassten Merkmale beschäftigt. Ich erwähne das in diesem Zusammenhang nur, da es des weiteren zum Thema Lesefähigkeit passt, und Anderson die Aufklärung als längeren Prozess betrachtet, der für ihn von zwei Punkten ausgeht, bevor er zu dem wird was allgemeiner als "Aufklärung" betrachtet wird. Dabei handelt es sich um die Entdeckung der "Neuen Welt", die seines Erachtens nach einen erheblichen Einfluß auf europäisches Gedankengut hatte, und zum zweiten die Erfindung des Buchdruckes und vor Allem, der Buchdruck in "Landes"-Sprache und nicht mehr Latein.

    Anderson mutmaßt, daß die Entdeckung einer völlig neuen Welt, auch zu einem neuen Weltbild beigetragen hat, in der es Alternativen zu bekannten Weltbildern gab, die Zweifel daran aufkommen liessen, daß die christlich-abendländische Weltanschauung die einzige ist. Gemeinsam mit dem Buchdruck, und dem Gebrauch von lokalen Sprachen im Buchdruck, habe das zu einer Umwälzung der europäischen Weltanschauung geführt. Latein als die Sprache des Klerus und damit als die Sprache der einzig möglichen Wahrheit, habe langsam ihren Niedergang gefunden und damit wäre die Möglichkeit für alternative Wahrheiten gegeben. (Anm: Das ist jetzt alles aus dem Gedächtnis heraus.)

    Freilich gibt es bei der Theorie einige Kritikpunkte, auf die Anderson- so weit ich mich entsinne- nicht eingeht, aber als Ansatz für eine Betrachtung der Ursachen finde ich sie nicht schlecht, auch wenn das Ganze für vielleicht etwas zu sehr ausufert, und im Extremfall die Möglichkeit aufwirft beim Anfang der Menschheit anzusetzen :still:. Eine weitere Problematik die ich sehe, ist das die Aufklärung nicht ebenmäßig, zur gleichen Zeit überall gleich verlaufen ist, sondern auch zeitlich versetzt und lokal bedingt war. Freilich gab es größere Strömungen, die die Aufklärung charakterisieren, wobei es vielleicht in diesem Sinne möglich wäre bei einem Vergleich verschiedener Formen der Aufklärung, die Hauptbestandteile herauszuarbeiten. (Sollte das alles hier schon mal erwähnt worden sein, bitte ich darum es großzügig zu ignorieren :winke:)
     
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  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Punkt der Unterschiedlichkeit im Verlauf in den verschiedenen Regionen würde wohl, für mich, am stärksten Waffen gegen die Formulierungen von Anderson liefern.
    Mir scheint für diese Unterschiede auch die unterschiedlichen Konfessionen eine gewichtige Rolle gespielt zu haben. Gerade bei der Religionskritik wird für mich zuviel von Frankreich auf Gesamteuropa übertragen.

    Ansonsten aber finde ich viele von Dir, bzw. Anderson, angeführten Aspekte als sinnvoll.
     
  5. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Dieses "fishing for compliments" muss belohnt werden: Ich bin Dir sehr dankbar, dass Du die Lesefähigkeit angesprochen hast...:friends:

    Ich drück's mal ganz banal aus, auch im Hinblick auf die eigene Vita: Der Vorgang des Lesenlernens bringt direkt keinen selbständigen oder gar aufklärerischen Gedanken hervor. Aber Lesen kann z.B. neugierig machen - sowohl auf mehr der gleichen Lektüre als auch auf anderes! Ein Bübchen, das um 1700 gelernt hat, in seinem Katechismus oder Gesangbuch zu lesen, bekam vielleicht Appetit darauf, in der häuslichen Bibel zu blättern, fand Spaß daran, sich andere "Schriften" - mehr oder weniger wahllos - zu beschaffen und zu Gemüte zu führen bis hin zu solchen, die als verrufen/verboten galten (was bekanntlich den Reiz infernalisch steigert). Schon eine Bibel-Lektüre konnte bei dem einem oder anderen Fragen aufwerfen bzw. Vergleiche zwischen Soll und Ist der Lebenssituation provozieren usw. Und wenn man erst so weit ist, dann ist auch die Möglichkeit, auf eigene substantiell "aufklärerische" Gedanken zu kommen, nicht fern bis hin zur Möglichkeit, solche Gedanken auszuformulieren und sogar zu verbreiten und auf diese Weise zum Aufklärungs-Inventar etwas Neues hinzufügen.

    Ich stelle mir die Aufklärung sowieso nicht vor als eine Erfindung, einen "großen Entwurf", der von einer Gruppe von Menschen - z.T. netzwerkartig verbunden - erstellt wurde und dann seinen großen Siegeszug "in die weite Welt hinaus" antrat. Vielmehr entstand und erweiterte sich das "Produkt" in einem längeren Zeit bis hin zur "Encyclopédie"-Reife und darüber hinaus mehr im Sinne eines - organisationstheoretisch gesprochen - "inkrementalistischen" Ansatzes. [1]

    Wieviele jener Bübchen es in der kritischen Zeit gegeben hat, weiß niemand; ich bin in meinen Schätzungen eher zurückhaltend. Es war sicher so, dass "Aufklärung" zunächst ein schichtenspezifisches Phänomen war und auch lange Zeit blieb.

    Gleichwohl kann ich dem Modell des "Mitziehens" ein Stück weit folgen. Man kann z.B. davon ausgehen, dass es leichter war, solche Personen mitzuziehen, die sich von den neuen Gedanken eine direkte Verbesserung ihrer Lebenssituation versprachen - Stichwort: höhere Wertschätzung wissenschaftsbasierten Denkens in ökonomischen Zusammenhängen.

    Wie "tief" das Gedankengut der Aufklärung eindrang bzw. welche Teile davon perzipiert/akzeptiert wurden, ist freilich schwer zu sagen. Die Pädagogen und Ethologen unter uns kennen sicher Konrad Lorenz' Stufenfolge:
    Gedacht/gemeint bedeutet noch nicht gesagt
    Gesagt bedeutet noch nicht gehört
    Gehört bedeutet noch nicht verstanden
    Verstanden bedeutet noch nicht einverstanden
    Einverstanden bedeutet noch nicht angewendet
    Angewendet bedeutet noch nicht beibehalten
    Und wenn jemand alphabetisiert wird und dadurch eine Steigerung seines Lernpotentials erfährt, dann bedeutet das noch lange nicht, dass er mehr von dem lernt, was aus aufklärerischer Sicht positiv und wertvoll wäre - wie überhaupt die Frage nach der Nachhaltigkeit aufklärerischen Gedankenguts immer wieder neu zu stellen ist.


    [1] Salopp ausgedrückt: "Die Aufklärung" war keine punktuelle Sache, keine "Revolution", sondern sie hat sich über einen langen Zeitraum hinweg mehr oder weniger "durchgewurstelt" ("muddling-through") mit signifikanten zeitlichen Differenzen in den europäischen Regionen.

    PS: Bin mit Anderson et al. zeitlich "überholt" worden - das bekannte Schicksal eines langsamen Brüters...
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juni 2010
  6. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Da stimme ich dir ganz zu, und in die Falle tappt Anderson auch, da er die Weltanschauung des christlichen Abendlandes als homogen darstellt, und erst den Niedergang des Lateinischen als Wissenschaftssprache im Zusammenhang mit der Entdeckung Amerikas, warum neues Gedankengut plötzlich möglich gewesen seien. Die Verbreitung von Ideen, anhand der Druckerpresse und der Verwendung von Lokalsprachen, war vielleicht schneller und effektiver möglich als zuvor, aber meines Erachtens nach war Gedankengut welches nicht in dieses von Anderson gezeichnete homogene Bild passt, auch schon vorhanden.

    Des weiteren wäre bei ihm dann auch die Reformation eine Folge dieser Entwicklungen, die mit der plötzlichen Erkenntnis, daß die katholische Kirche nicht im Besitz der ultimativen Wahrheit sei einhergeht. Das ist meines Erachtens nach schon wieder ein sehr problematischer Ansatz, wobei jedoch mir vorgeworfen werden kann, daß ich die Reformation eher in einer Tradition kritischer christlicher Auseinandersetzungen sehe, als eine komplette Neuerung. Aber um wieder auf den eigentlichen Punkt zu kommen, finde ich den multikausalen Ansatz zwar gut, aber in diesem Falle die Theorie problembehaftet.

    Von meinem etwas uninformierten Blickpunkt auf die Aufklärung, stimme ich dir ebenso zu, was die unterschiedlichen Konfessionen und deren Wichtigkeit angeht. Wenn ich das recht in Erinnerung habe, dann spielten konfessionelle Unterschiede eine entscheidende Rolle in der letztendlichen Form der Aufklärung, die in einem bestimmten Land vorherrschte, wobei man dann aus gewissen Formen konfessionelle Traditionen herauslesen kann. Dabei denke ich gerade- wen wundert's- an die Schottische Aufklärung, die stark mit presbyterianischen Auffassungen verbunden war. Oder die amerikanische Aufklärung, die mich stark an britischen Anti-Katholizismus erinnert. Meines Erachtens nach wäre es also bei einer Betrachtung der Aufklärung wichtig lokale, konfessionelle und politische Unterschiede mit in Betracht zu ziehen um dann gemeinsame Elemente, die die Aufklärung charakterisiern zu finden.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Tut mir leid, dass ich Dich jetzt wahrscheinlich einmal missverstehen muss.
    Was hälst Du denn von einer Aufklärung "von unten"?
    Dieser hypothetische Weg -
    Lesekenntnis - Lesen - durch das Lesen neue Einblicke (wie über Bibel) - eigene Ideen - eigene Ideen formulieren (veröffentlichen)
    - scheint mir sehr interessant.
    Ich habe mich leider nie damit beschäftigt, ob es Anzeichen von "Unterschichtsaufklärung" aus der Unterschicht selbst heraus gab.

    Alte Geschichtsbücher zeichnen ja oft den Weg: Aufklärung - Hinterfragung der Werte und Normen durch die Bevölkerung - Revolution in Frankreich.
    Dem gegenüber stünde allerdings, dass ein großer Teil der Bevölkerung vom Geistesleben (inkl. Aufklärern) kaum etwas mitbekam bzw. schon aus einem traditionellen Konservatismus (wie das klingt =)) dem reserviert gegenüber stand.

    Leider beschäftige ich mich nur so nebenher mit der Aufklärung und lese eher, wenn überhaupt, dazu dünne Abrisse zur Aufklärung im Allgemeinen, welche über solche spezifische Themen schweigen.
    Wobei es schonmal vorkommen kann, dass ich einfach bei einer Randglosse in einem themenfremden Buch gestutzt habe, wenn darin meinetwegen ein aufklärerischer Gastwirt erwähnt wurde. Habe ich dann aber bald wieder vergessen, wenn das nicht im Zusammenhang mit etwas stand, was ich für LH auswerten kann.:red:

    Das Anführen der Stufenfolge von Lorenz läd auf jeden Fall nochmal zum Nachdenken auch und gerade in unserer Thematik ein.:yes:
     
  8. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Ich gehe mit Dir einig, dass kein Zwang besteht. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass da eine Eigendynamik losgelöst wurde, die nahezu nicht zu stoppen war.

    Es geht aber um die Redewendung "was man weiss, kann einem niemand wegnehmen". Nicht der Klerus, nicht der Staat, nicht der Landeigentümer, etc.

    Sicher hat es auch Gelehrte aus der Elite gegeben, die sich letztendlich in den Dienst des einfachen Volkes gestellt haben. Gutenberg wäre hier ein prominentes Beispiel.

    fullack
     
  9. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Diese "Aufklärung von unten" gefällt mir. Könnte die Unruhe in den unteren Schichten nicht schon vorher Gedankenanstoss für die lesenden und schreibenden Eliten gewesen sein.
    Ich möchte die Aufklärung auf die 3 Schlagworte der französischen Revolution zusammenfassen und nur die "Freiheit" herausgreifen, weil das Gesamtthema mir viel zu umfangreich, diffus und schwer definierbar vorkommt.
    Was ist Freiheit ? Wikipedia und was ist das Gegenteil davon?
    Zum ausgehenden Mittelalter denke ich da an "Stadtluft macht frei", Rodungen mit Abgabenfreiheit, Ostkolonisation, friesische Freiheit.
    Das Gegenteil von Freiheit kann im Mittelalter auch Sicherheit, Schutz und Zugehörigkeit bedeutet haben, aber auch Enge und Einschränkung.

    Aus der Enge weitet sich der Blick durch die Kenntnis von anderen Ländern, zurückweichenden Grenzen und eine Palette von Möglichkeiten, die vorher gar nicht gesehen werden konnten.
     
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  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das ist jetzt aber sehr hypothetisch. Welche Unruhen schweben Dir denn da als Anstoß vor?
    (Mir selbst fielen jetzt nur die permanenten Konflikte zwischen Hugenotten und Katholiken als Vorlage für Voltaire ein. Wäre mir aber unsicher, ob Du sowas damit meinst.)
     
  11. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ich schließe mich rena an: Gefällt mir! [1]

    Dass Einzelne die von mir skizzierte Entwicklung durchlaufen, wird es zu allen Zeiten gegeben haben, im 18. Jh. vielleicht verstärkt; als Beispiel wird oft Bräker genannt [2], dem deswegen von seinen Standesgenossen sehr viel Ablehnung entgegenschlug - "mitziehen" lassen wollten sie sich von ihm keinesfalls.

    Aber die Frage richtet sich ja schwergewichtig wohl darauf, ob eine organisierte Aufklärung von unten stattfand. Vielleicht zunächst ein Hinweis zur Größenordnung: "Unten" meint das, was im 18. Jh. als "Volk" verstanden wurde, nämlich "den weniger gebildeten Teil der Bevölkerung, sozial eingegrenzt auf Bauern und unterbäuerliche ländliche Schichten, den durchschnittlichen Handwerker mit seiner Familie, die unteren Ränge in der Militär- und Verwaltungshierarchie, Dienstboten und städtische Unterschichten. ... Unter diesen Volksbegriff fallen etwa 80 % der deutschen Bevölkerung im 18. Jh...." [3]

    Zunächst ist zu sagen: Es gab nichts, was sich etwa mit der sozialistisch-gewerkschaftlichen Arbeiterbildung des späten 19. Jh. und beginnenden 20. Jh. vergleichen ließe - einfach weil die Organisation dafür fehlte und weil auch kein - wie die Marxisten sagen - Klassenbewußtsein vorhanden war, das man als Vehikel hätte nehmen können.

    Das ist ein wichtiger Faktor! Aufklärer klagten oft über den "Traditionalismus" gerade der Bauern - siehe das Sprichwort: "Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht". Aber es bestand durchaus die Chance, solche "Lernwiderstände" zu überwinden, freilich weniger, indem man ihm "Hochgeistiges" vorsetzte, sondern indem man seine handfesten Bedürfnisse ansprach:
    "Es scheint sinnvoller, hier im wirtschaftlichen Bereich nach geistiger Mobilität beim Bauern zu suchen, als nach Berichten über 'gelehrte Bauern' Ausschau zu halten, die sich mit Astronomie, Mathematik oder mit der Dichtkunst beschäftigten" [4] oder mit dem Problemen der Religionsfreiheit oder der Gewaltenteilung. Man muss kein Materialist sein, um zu erkennen, dass die Lebenssituation stärksten Einfluß hatte: "Wo die Agrarverfassung dem Bauern keinerlei Eigeninitiative ließ und wo ihn die pure Armut drückte, sucht man vergeblich nach Zeichen geistigen Interesses."

    Wenn man "unten" etwas großzügiger definiert, gibt es durchaus vielfältige Bemühungen, das "Volk" auf irgendeine Art und Weise zu erreichen. Manche funktionierten nur in geringem Maße bzw. erst zu späterer Zeit, etwa die nach 1770 aufblühenden Lesegesellschaften. In Siegerts Übersicht [5] tauchen aber auch auf: Ausstellungen, Preisausschreiben, "Bauerngespräche", "Bauernwandern", Sonntags- und Arbeitsschulen, Volksfeste, Volkstheater und Bänkelsang....

    Noch ein Hinweis zum Schulwesen: Schon lange vor der (angeblichen) Einführung der Schulpflicht wurden rudimentäre Kenntnisse durch die besonders in den Städten vorhandenen "Winkelschulen" vermittelt, von denen es in den deutschen Regionen mehrere Tausend gab. Die vermittelten sicher nichts "Aufklärerisches" und waren z.T. auch völlig nutzlos, aber - wie gesagt - wenn Kinder etwas Gedrucktes in die Hand bekamen, konnte das eben "Langzeitfolgen" haben.


    Es gab, gerade auch in der Ära des Absolutismus, mehr Unruhe, sogar Aufstände, als ich mir früher vorzustellen vermochte. Ob "Aufklärer" hierauf gezielt reagiert haben, müsste man im Einzelfall überprüfen, wie überhaupt die Frage ihrer "Motivation" noch näher zu betrachten wäre.

    Dieser Zusammenhang ist mir nicht völlig klar, und Daten speziell zur Wissenschaftssprache kenne ich nicht, stoße aber bei Wehler [6] auf folgende Zahlen: Vor 1740 betrug das Verhältnis der lateinischen Buchtitel zu den deutschen immerhin noch 38 zu 62 %, bis 1800 dann aber 4 zu 96 %. Auch die Relationen in der Buchproduktion selbst änderten sich: Theologisches Schrifttum fiel steil ab von 38 auf 14 %, "gelehrte Literatur" ein wenig von 49 % auf 41 %; praktisch-belehrende und technische Titel wuchsen von 3 auf 14 %, Schöngeistiges gar von 6 auf 22 %.


    [1] Eine Kurzrecherche ergibt, dass dieser Topos speziell um 1800 einige Male in der Literatur vorkommt, wenngleich nicht unbedingt gleichsinnig; vgl. Geist der spekulativen Philosophie ... - Google Bücher und Historische Denkwürdigkeiten zur ... - Google Bücher
    [2] Aufklärung von unten | Zeitläufte | ZEIT ONLINE
    [3] Siegert, aaO. (#52), S. 443; ich beziehe auch im Folgenden auf deutsche Verhältnisse.
    [4] S. 446 f.; das folgende Zitat S. 447
    [5] S. 460 f. Eine sehr umfängliche Studie zu diesem Komplex ist die von Alzheimer-Haller: Handbuch zur narrativen ... - Google Bücher
    [6] Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 1. München 1987, S. 304; fehlende Prozente nicht erläutert.
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Vielleicht ist es ja einfach eher im Zusammenhang mit der Entdeckung und Erschließung Australiens zu sehen.
    Cook kreuzte doch damals, genau in der 2. Hälfte des 18.Jh., als ein solcher Rückgang signifikant stattfand.:devil:
     
  13. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Wahrscheinlich habe ich mich da etwas missverständlich ausgedrückt- der Niedergang des Lateinischen als Wissenschaftssprache oder auch als Sprache im Buchdruck ist im 18. Jahrhundert für Anderson nicht mehr relevant, da das zu diesem Zeitpunkt für ihn bereits geschehen ist. Es geht ihm um genau die Zeit in der der Buchdruck aufkam und Latein langsam an Wichtigkeit als Wissenschaftssprache verlor, was 1740 bereits passiert war. In diesem Moment war der Wandel von Latein als Universalsprache der Wahrheit und Wissenschaft hin zu lokalen Mundarten bereits vollzogen. Wo man vorher Latein können musste um an Wissenschaften teilhaben zu können, und im katholischen Ritus vor allem um die Messe und das Geheimnis des Glaubens zu verstehen, sah das im 18. Jahrhundert und vor allem bei den Protestanten anders aus. Für Wissenschaft, Literatur und Glauben benötigte man Latein nicht mehr, sondern hatte direkten Zugang. Für Anderson ist das eine der Folgen des Buchdruckes und der Entdeckung Amerikas.



    [QUOTE/]
    Wenn man "unten" etwas großzügiger definiert, gibt es durchaus vielfältige Bemühungen, das "Volk" auf irgendeine Art und Weise zu erreichen. Manche funktionierten nur in geringem Maße bzw. erst zu späterer Zeit, etwa die nach 1770 aufblühenden Lesegesellschaften. In Siegerts Übersicht [5] tauchen aber auch auf: Ausstellungen, Preisausschreiben, "Bauerngespräche", "Bauernwandern", Sonntags- und Arbeitsschulen, Volksfeste, Volkstheater und Bänkelsang.... [QUOTE/]

    Dem stimme ich durchaus zu, nur frage ich mich in wie weit diese Bemühungen angenommen wurden. Dazu fielen mir die Bemühungen des "Bürgerfreund", einer Zeitschrift im späten 18. Jahrhundert im Elsaß ein, zu denen ein einfacher Mann aus dem Elsaß sagte: "Von ihren Versen versteh ich nichts." (Bell, 1988)


    Quelle: David A. Bell (1988) "Nation Building and Cultural Particularism in 18th Century France: The Case of Alsace" in Eighteenth Century Studies 21(4)
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Juli 2010
  14. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Muss man den Verse verstehen, um "aufgeklärt" zu sein ? Manchmal reicht doch auch Prosa.

    Wenn ein Bauer dem Fürsten nicht mehr ganz so ergeben gehorcht und nicht mehr ganz so fest an dessen gottgegebenen Überlegenheit glaubt, hilft's vielleicht ja auch schon für die "Aufklärung von unten".
     
  15. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Nein, muß man nicht, es ging darum, daß der Mann zum Ausdruck bringen wollte, daß er mit dem Zeug welches ihm da vom "Bürgerfreund" extra für ihn aufbereitet wurde nichts anfangen wollte. Nicht weil er nicht "aufgeklärt" war, sondern weil es herablassend war und ihm hier in Versform mitgeteilt wurde, wie er sich zu fühlen und was er zu denken hatte. Der "Bürgerfreund" war eine Zeitschrift die vom Straßburger Bildungsbürgertum herausgegeben wurde und auf romantisch-nationalistischen Wegen wandelte, die bei den Leuten für die sie geschrieben wurde keinen wirklichen Anklang fanden.
     
  16. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Hier noch ein Gedankenfragment zum Thema : scinexx | Tanz-Gedächtnis enthüllt Kulturunterschiede: Studie: Menschen verschiedener Kulturen erinnern sich sehr unterschiedlich an die Bewegungen ihrer eigenen Körper - Tanzen, Kulturen, Gedächtnis, Gehirn, Erinnern, Erinnerung, Körperbewegungen, M

    Es gibt Kulturen, die sich nach der Umgebung orientieren und welche, die den eigenen Körper zum Maßstab nehmen. Wenn jemand z. B. den Tisch auf der gegenüberliegenden Seite "genau so" decken soll, legt der eine das Messer "genau so" auf die Seite des Fensters (also spiegelbildlich), der andere "genau so" auf die rechte Seite, also punktsymmetrisch.

    Die erstere, geographische Sichtweise ist wohl die ursprünglichere, die zweitere, egozentrische, eine kulturelle "Errungenschaft".

    Wenn man die Renaissance und die Aufklärung so verstehen will, dass der Mensch als Individuum in den Mittelpunkt rückte, könnte ein solcher Prozess, den eigenen Körper zum Maß aller Dinge werden zu lassen, eine wichtige Rolle bei der Veränderung der (Selbst-)Wahrnehmung des Individuums spielen.
     

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