Was du als realistisch empfindest oder nicht, ist hier nicht die Frage. Vielleicht würdest du es auch nicht als realistisch empfinden, dass am Morgen auf dem Weg zur Arbeit nicht Selbstmord gefährdete Menschen Stunden später in Scharen aus den Fenstern eines Wolkenkratzers springen würden, aber am 11. September 2001 ist genau das geschehen. Weil die Leute nicht ersticken oder verbrennen wollten.
Und eine ähnliche Situation schildert Cassius Dio bzw. Zonaras (der im Übrigen das Lager nicht beim Namen nennt): Die Römer harrten so lange aus, bis sie keine Nahrungsmittel mehr hatten, erst als der Hunger sie quälte (ὡς δ' οὔτε τις ἐπεκούρει αὐτοῖς καὶ
λιμῷ συνείχοντο, ἐξῆλθον …), also als sie die Wahl hatten, zu verhungern oder es mit Glück zum Rhein zu schaffen, da verließen sie das Lager. Da erübrigt sich die Frage, ob 60 km Fumarsch zu viel sind oder nicht. So wie sich für die Menschen am 11. September die Frage erübrigte, ob sie die Hitze und Dämpfe aushielten oder lieber sprängen.
Zum linguistischen. Klingklangliche Assoziationen (Michael Meier-Brügger) sind keine hinreichende Basis für eine Ortsnamenanalyse.
Wir haben Aliso und Alsum. Beiden gemeinsam ist die Folge ALS, bei Aliso durch ein -i- unterbrochen, in Alsum ununterbrochen.
So weit.
(Schwach betonte) Römische Endungen brechen im Deutschen weg:
Castra Regin
a >
Regensburg
Colon
ia (Agrippina) > Köln
Bonn
a (Perl am Rheine) > Bonn
Novaes
ium > Neuss
Tolbiac
um > Zülpich
Toriac
um > Zürich
Tavern
a > Zabern
Asciburg
ium > Asberg
Mogunt
ia > Mainz
Bei Aliso wäre also zu erwarten, dass die Endung wegfällt. Bliebe *
Alis. Dazu dann später mehr
Wie bei Alsum haben wir eine ganze Menge Orte in Deutschland, mit einer -
um-Endung. Mir sind die zwischen Sylt (Rantum) über Hannover (Loccum) bis ins Ruhrgebiet (Styrum, Bochum) etc. aufgefallen.
Exkurs: Wie heißt Wanne-Eickel auf Latein? lǝxnɐɹ-doɹʇsɐɔ
Also: Rantum, Loccum, Büsum, Husum, Dutum, Mesum, Lavesum, Bochum, Beckum, Bockum, Styrum... Liste ist weder vollständig, noch ist gesagt, dass die Ruhr die Südgrenze dieser Ortsnamengruppe auf -
um ist. Ebensowenig müssen die -um-Orte alle notwendigerweise linguistisch etwas
miteinander zu tun haben. Ich will lediglich darauf hinaus, dass wir es hier nicht mit einem über die Zeiten zufälligerweise erhaltenen lateinischen Akkusativ zu tun haben, sollte dies der Hintergedanke gewesen sein.
Die Frage wäre also: Woher kommt das -m in Alsum, wenn Alsum auf Aliso zurückgehen soll? (Dass Aliso ausdrücklich an der Lippe lag, ignorieren wir einfach, wir wissen ja, den Römern ist nicht zu trauen!)
Ich schrieb oben, dass wegen des Wegfalls der schwach betonten römischen Endung bei Aliso *
Alis überbliebe. Das -i- wäre demnach stark betont. Würde es wegfallen, dann müsste man einen Umlaut erwarten (Linguisten sprechen von der regressiven i-Umlautung, das wegfallende -i- färbt den Vokal der ersten Silbe um: *Äls. Aus einem Aliso müsste also, wenn der Ortsname über 2000 Jahre tradiert worden wäre, heute
Äls oder
Els lauten. Aus dem historischen
Attila wurde z.B. der
Etzel des Nibelungenliedes (ich erwähne dies nur aus linguistischen Gründen wegen der Gleichsetzung Aliso/Alsum), die Stadt
Essen hieß im Althochdeutschen noch
As(
t)
nide, die
Esche hieß im althochdeutschen noch
asca.
Allerdings haben wir noch Asciburgium > Asberg, da hat sich das A - trotz des i-Schwundes - erhalten. Dass das aber eine Ausnahme ist, können wir wiederum an der Esche sehen, denn Asciburgium dürfte auf ein germanisches Wort ('
Eschenburg') zurückgehen.
Fassen wir zusammen:
- Aliso wird einfach mal entgegen der Quellen von der Lippe an die Ruhr verlegt, weil Haltern zu weit weg vom Rhein sei. (ich hab's vergessen, in welchen Fluss mündet die Lippe noch mal? Helft mir mal bitte auf die Sprünge!)
- Das Entfernungs-, bzw. Kinder- und Frauen-Argument taugt nix, weil die Wahl die zwischen einem sicheren qualvollen Tod war und die eines Risikos mit der geringen Chance zu überleben.
- Die klingklangliche Ähnlichkeit taugt nicht, um regressive I-Umlautung, Wegfall der schwach betonten Flektionsendung, in deutschen Ortsnamen nicht ganz selten vorkommendes -um und im Falle einer Ortsnamenkontinuität angehängtes -m unklarer Herkunft zu erklären.