Wachsfigur des "Führers" in Berlin

Dieses Thema im Forum "Ausstellungen | Historische Sehenswürdigkeiten" wurde erstellt von Köbis17, 11. Juni 2008.

  1. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Stimmt: notfalls muss man solche Sachen von der lockeren Seite nehmen.:friends:
    Dafür, dass insbesondere Juden (und ihre Organisationen) das nicht so nehmen können, habe ich Verständnis.

    Es geht mE, auch bei einer Wachsfigur, im weitesten Sinne um das Problem der "Entkontextualisierung" (interessant dazu: Die Walser-Bubis-Debatte: Erinnern oder Vergessen?), und bei Wortmeldungen dazu kann man leicht in die Scheisse treten; siehe den sagenhaften Satz von Gerhard Schröder (1998), er wünsche sich, dass das Berliner Holocaust-Denkmal ein Ort werde, "wo man gerne hingeht".
     
  2. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Kohl's Reaktion finde ich auch merkwürdig - ich hoffe, er klagt und bekommt eine Rüge vom Gericht, immerhin ist er eine Person der Zeitgeschichte und steht nicht unter "Denkmalschutz" - zumal die Veranstalter sicher nix Böses im Sinn hatte.

    Über die - in meinen Augen - künstliche Aufregung über den nunmehr kopflosen Hitler kann ich nur noch staunen. Und ich muß schon zugeben, dass mich diese hysterischen Verhaltensweisen sehr beunruhigen.
    Bei einer Serien-"Kopf-abreiß"-Aktion kämen sicher auch die Berufsempörten hervor.. mit einem wasserdichten Argument.. sorry, aber darüber kann man wohl nur noch spotten. :scheinheilig:
     
  3. Januri

    Januri Neues Mitglied

    ich kann es ehrlich gesagt nicht nachvollziehen dass einige so einen wirbel darum machen dass man hitler jetzt als wachsfigur "bewundern" kann. man kann doch das geschehene eh nicht rückgängig machen; es ist passiert und hitler ist nun ein fester bestandteil der deutschen geschichte. warum also blockieren und nicht damit umgehen wollen? dass man ihn als figurfigur hergestellt hat heißt ja keineswegs dass man ihn bewundert oder seine taten für richtig hält. man zeigt doch eher dass man versuchen möchte damit umzugehen und es zu akzeptieren dass es geschehen ist....
     
  4. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Ich kann es schon nachvollziehen. In jeder Kultur gab es bisher eine
    damnatio memoriae, wie der Römer es nannten. Dies war in erster Linie eine "Strafe" - die härteste vorstellbare! - wurde in anderen Kulturen natürlich aber auch aus simplen politischen Gründen vollzogen. Ägypten ist voll von ausgemeisselten Kartuschen, Russland voll von retuschierten Fotos...

    Historische Wahrheit oder Objektivität ist nur für Wenige eine Wert an sich...

    Damnatio memoriae ? Wikipedia
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Halt Stopp! Bei dem Wirbel um die Hitlerfigur geht es sicher nicht um eine damnatio memoriae, in dem Sinne, dass man Hitler vergessen macht. Hier geht es vielmehr darum - und ich lasse es dahingestellt, ob dass stimmig ist, oder eben nicht - dass Hitler in einem bestimmten enthistorisierenden Kontext wie Wachsfigurenausstellungen ausgestellt wird. Aus Hitler wird plötzlich Erlebnistourismus fernab von Leid, Krieg und Völkermord.
     
  6. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Aber das ist üblich für Wachsfigurenkabinette u.a. Insbesondere werden dort Monster ausgestellt!
     
  7. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Ist das so plötzlich?
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eben. Grusel steht vor Erkenntnis. Und es besteht die Möglichkeit ganz nah bei Promis zu sein, ohne, dass diese weglaufen oder sich durch Accessoires verstecken.
     
  9. Sheik

    Sheik Neues Mitglied

    Sicherlich sind Wachsfigurenkabinette ein "Spektakel". Nur mit braven und netten Persönlichkeiten lockt man keine Besucher an. Jedoch ändert diese Tatsache nichts an der Ausgangslage die EQ beschrieben hat: der enthistorisierenden (was für nen grausames Wort) Darstellung A.Hitlers.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kennst Du außer den Nazi-Wallfahrtsorten Hitlers Geburtshaus, Obersalzberg und Wolfsschanze noch andere erlebnistouristische Annäherungsorte an Hitler?
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Nicht unbedingt mit direktem Bezug zu Hitler, aber in der Neonaziszene recht beliebt ist die Wewewelsburg bei Paderborn mit dem "Saal der SS-Gruppenführer und der Krypta. Heute müssen sie an einer geführten Tour teilnehmen, um sich das ansehen zu können, vor einigen Jahren war es noch so, dass man sich den Schlüssel für den Nordturm mit Gruppenführersaal und Krypta am Empfang abholen konnte. Ein paar Neonazis hatten sich einmal einen Nachschlüssel angefertigt und nachts eine Kultfeier in der Krypta veranstaltet.
     
  12. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Das ist völlig richtig (siehe meinen Einwurf dazu) und, was die "Aufarbeitung" betrifft, auch charakteristisch für den Zustand bestimmter Massenmedien. Als Beispiel die BLÖD-Zeitung für Manager: Josef F.: „Er war ein netter Opa“ - Amstetten - FOCUS Online Im Hauptfenster "der nette Opa" aus Amstetten (Österreich), rechts oben die Wachsfiguren-Affäre, darunter "die nackten Torkanonen" (= bemalte nackte Frauen), gefolgt von der Geldanlage, die 12 % p.a. steuerfreie Rendite bringt.
     
  13. Balduin

    Balduin Gesperrt

    Da hat sich unsere Gesellschaft an die eigene Nase zu greifen: Solche Massenmedien handeln rein gewinnorientiert. Ein Aufmacher wie "Er war ein netter Opa" lockt die Menschen, Informationen müssen leicht verpackt sein, ohne großes Nachdenken zu verstehen sein und am besten mit ein paar nackten Frauen gewürzt sein - das kann man ja schon fast als Erfolgsrezept verstehen. Der Rubel muss rollen...
     
  14. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Lynxx hat doch darauf hingewiesen, dass so etwas schon seit langer Zeit in HH steht, warum also jetzt die Aufregung und der explizite Hinweis auf eine Enthistorisierung?
     
  15. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Gute Frage. Erste Hypothese: Weil Hitlers jetzt an den (Haupt-) Ort seines Wirkens, wenn auch "nur" als Wachsfigur, zurückkehrt; seine Figur ist in Hamburg oder gar in London besser zu ertragen.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Aufregung entsteht doch meist erst dann, wenn etwas medial verbreitet wird. Weiß zufälligerweise jemand, seit wann die Hitlerfigur im HH-Wachsfigurenkabinett steht? Ist das damals an die große Glocke gehängt worden und gab es die entsprechende Aufregung auch?
     
  17. Tekker

    Tekker Gast

    Vielleicht solltet ihr das ganze weniger emotional sehen... :schau:
     
  18. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Warum das? Geschichtsdiskussionen, vor allem zu rezenten Themen, sind halt oft voller Emotionen! (Auch hier im GF - soll ich 10 Tekker-Beispiele raussuchen?:):))

    Aber im Ernst: Es macht schon einen Unterschied, wo ein Verbrecher gezeigt werden kann, und zwar mindestens so lange, wie noch Opfer leben. Wichtig ist auch, wie er gezeigt wird: als Jahrmarktsattraktion (mit anderem Trödel) oder dezidiert in einer Kultstätte (was hier nicht der Fall ist).

    Und schließlich ist Verbrecher auch nicht gleich Verbrecher, woran ich gleich eine zweite Hypothese anschließen kann: Die Aufregung ist groß, weil noch die Wachsfigur daran erinnert, dass er Millionen Wähler und Hunderttausende "williger Vollstrecker" hatte.
    (Beachte: Ich zitiere gängige Hypothesen.)
     
  19. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Ich zitiere die heutige Morgenpost:
    Sonnabend, 5. Juli 2008. S. 11
    "Das Wachsfigurenkabinett am Spielbudenplatz ist die älteste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Die Figur Hitlers ist dort bereits seit 1948 ausgestellt. Der Wachs-Nazi steht im zweiten Stock, umgeben von anderen düsteren Gestalten der Geschichte wie Goebbels, Göring, Mussolini und Franco. Daneben sind die Widerstandskämpfer der Gruppe 'Weiße Rose' verewigt.
    [...] Hitlers Abbild wurde bereits 1941 modelliert, doch die Nazis verboten, ihn aufzustellen. Der "Führer" sei schließlich keine Wachspuppe, argumentierten sie. 1943 wurde das Panoptikum im Bombenhagel zerstört. Als es 1948 wieder eröffnete, stellte man Hitler als eine der ersten Figuren aus. "Man hat sich damals dabei nichts gedacht", sagt Hayo Faerber. [der 'Panoptikum-Chef]
    Bei den jährlichen Zufriedenheitsumfragen unter den Besuchern hat es noch keine negative Reaktion zu der Nazi-Figur gegeben, so der Panoptikums-Chef."
     
  20. Tekker

    Tekker Gast

    Danke, Ingeborg. Warum nun in Berlin dieses Geschrei? Keine Ahnung, ehrlich.

    Ich zitiere aus dem Eingangsbeitrag:
    Ich seh da nicht einen einzigen. Ich brauch mir das auch nicht anzugucken.

    Aber mal die Frage am Rande, was ist dieses Thema anderes als Tagespolitik? :confused:
     

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