Warum ist die Aufarbeitung der Nazizeit gescheitert?

Ängstliches Vermeiden eines Lokalbezugs.
Wobei ein Lokalbezug im Unterricht kaum zu realisieren war, um mal des Teufels Advokaten zu spielen—sofern Du nicht in den Stadtstaaten groß geworden bist. Der Lehrplan wird ja für das ganze Bundesland ausgearbeitet, und gerade in früheren Jahrzehnten gab es da nicht den pädagogischen Ansatz, dem Lehrer solche Verantwortung zu übertragen.
 
Das ist klar.
  • Wenn aber Hugenberg genannt wird, für die Republik, reicht ein Nebensatz über die örtliche Zeitungslandschaft jener Zeit.
  • Wenn Auschwitz erwähnt wird, dann geht es auch um die Deportationen und Sammelstellen vor Ort.
  • Wenn eine Schule in der Region nach einem großzügigen Spender und Industriellen der Eisenindustrie benannt wird, dann darf auch sein Name im Zusammenhang mit den Kriegsverbrecherprozessen genannt werden. Ein Satz reicht.
  • Es gab eine Leseempfehlung zu Eugen Kogon, "Der NS-Staat". Das war ein guter Punkt, als ein Lehrer darauf hinwies.
  • Es gab ein Unterrichtsthema über den Kolonialismus. Belgisch-Kongo 1876 und 1908 war sicherlich relevant, aber der Algerienkrieg von 1962 war noch nah, über die Geiselerschießungen und lokalen Massaker hätte ein Lehrer der 1970er Jahre informiert sein können.
  • In der hervorragend ausgestatteten städtischen Bibliothek hatte ich mehr über den spanischen Bürgerkrieg gelesen als in der Schule nur angedeutet wurde.
  • "Die Wehrmacht war an den Massakern nicht beteiligt", der Kommissarbefehl "kam von außen", und der Einsatz der Polizeitruppen wurde noch nicht einmal erwähnt.
Vielleicht reagiere ich so gereizt, weil es die guten bis hervorragenden Ansätze gab. Vor allem waren die Narben und Verwerfungen überall sichtbar, es gab viel mehr Zeitzeugen und Betroffene.

  • Als mich jemand auf den Klippen oberhalb von Biarritz ansprach und im zufälligen Gespräch den Ärmel des Hemdes aufrollte und mir die Tätowierung mit der KZ-Nummer zeigte, war das unmittelbar.
  • Ein Lehrer, der von der Flucht aus Ostpreußen erzählte, wie er als 5jähriger im Hafen von Pillau auf die Evakuierung wartete: Da gräbt sich Geschichte ein.
  • Der griechische Mathematiklehrer, eine bullige Statur und muskulöse Präsenz wie Lino Ventura, der von der Junta ins Exil getrieben wurde ("Diese Verbrecher! Was soll's, das gehört nicht hierhin..."), mir Algebra beibringen musste, und der dann mit spürbarer Betroffenheit erzählte, wie ihn seine Mutter bei den nächtlichen Razzien 1943 und 1944 in Thessaloniki ermahnte mäuschenstill zu sein, und wie er uns seine Angst vor den grünen Uniformen schilderte.

Die hervorragenden Retrospektiven in den 3. Fernsehprogrammen, mit der eindringlichen Stimme des Erzählers in Helmut Käutners "In jenen Tagen", oder die Fernsehausstrahlung von "Nuit et Bruillard": Das waren Glanzleistungen.

Die Fernsehdiskussion(en) von Gerhard Löwenthal, dem mir sonst so unsympathischen rechtskonservativen Leiter des ZDF-Magazins, die er mit Henri Nannen über dessen Verstrickung in die Verbrechen seiner Einheit in Norditalien, bei Bevilacqua führte: Gänsehaut!


 
Zuletzt bearbeitet:
.

So weit, so widerlich das ganze.

Und ich bitte an dieser Stelle nicht falsch verstanden zu werden. Wie gesagt, ich weiß dass du politisch nicht in Schlumpfhausen oder mit schlumpfhausen verwandten Ecken beheimatet bist.
Aber wenn du hier einseitig beklagst, dass die AfD da von Beführwortern aller anderen politischen Parteien in eine bestimmte Ecke gerückt wird und dass mehr oder weniger als eine unfaire politische Masche betrachtest, ohne dabei zu sehen, dass die AfD selbst versucht mit genau den gleichen Mitteln zu arbeiten und (siehe Frau Weidel) das mitunter auch mit NS-Bezug (den "Kommunismus"-Bezug bespielt die Partei ja ohnehin regelmäßig als politische Waffe), dann bist du meiner Meinung nach in dieser Beziehung dabei ihrem Opfernarrativ auf den Leim zu gehen.
Ich gehe vielleicht aus, ganz sicher aber nicht auf den Leim,

Was ich vor allem beklage, dass das alles so holzschnittartig ist, dass kein Mensch mehr diese Masche abkauft.


Leuten nicht die Hand zu geben, den Raum zu verlassen, wenn sie sprechen, Lautsprecher-Attacken, Boykottaufrufe, Ausschluss aus Vereinen, Ausschluss aus Kirchengemeinden, Kontenkündigungen, auch ein Parteiverbot,
so etwas wirkt auf die meisten Menschen extrem unsympathisch, selbst wenn man die Person oder Personengruppe ablehnt, muss so ein Verhalten eher zu Solidarisierung beitragen.

So ganz ist ja auch nicht der Vorwurf aus der Luft gegriffen, dass so etwas in keiner guten Tradition steht, dass es undemokratisch ist.


Das gleiche gilt auch für Gewalt und Selbstjustiz. Wenn Leute tatsächlich zusammengeschlagen werden, schwere Blessuren abbekommen und erheblich verletzt werden, wenn Sprengstoffanschläge auf Fahrzeuge stattfinden, wenn es sich um reale, dokumentierte Fälle handelt- Dann bleibt einem gar keine andere Wahl als anzuerkennen, dass jemand tatsächlich Opfer einer Körperverletzung wurde.

Auch so etwas wird natürlich keinen Wähler zurückgewinnen, muss eher zu Solidarisierung beitragen, weil kein Mensch solche Methoden verteidigen kann.

Da kann man sich schon fragen: Wie weit soll das noch gehen? Wie weit würden manche Leute gehen?
Ist gegen Nazis alles erlaubt? Wer ist auch ein Nazi?

In Gießen da ist ein Mob unter "Nazi raus!" Rufen auf Max Tichy und Paul Ronzheimer und ihr Team losgegangen, die ja nun wirklich keine Nazis sind, die ja auch jedes Recht hatten, ihre Arbeit als Journalisten zu machen. Viele der Angreifer waren vermummt, aber zum Schluss sind da auch brave Bürger mitgerannt, haben mitgemacht.
 
Tichy (und dem ganzen Medium) keine Bühne zu bieten und Protest zu äußern ist auf einer Anti-AFD Demo aber definitiv geboten. Angreifen oder bedrängen geht natürlich nicht.

Tichy und solche Blätter bereiten den Nährboden der dann ganz fix zur neuen Rechten und "Das wird man wohl noch sagen dürfen" führt.
 
Nur weil gewisse Leute ihre Lieblingsthemen haben, müssen sie diese jetzt nicht über jedes Thema ausbreiten!

Dies Thema hatte die steile These zum Ausgang, dass die Aufarbeitung der Nazizeit gescheitert sei und fragte nach dem Warum. Wir haben herausgearbeitet, dass das eine sehr steile These ist (die zudem nur ein Testballon des Doppelaccounts eines Rechtsauslegers war, der meinte, wenn er jetzt den Linksausleger markierte, dem Forum ein Schnippchen schlagen zu können), zumindest aber die Frage unzulässig framend. Daher geht es jetzt in diesem Thema um die Frage, in wie weit die Aufarbeitung der Nazizeit erfolgreich war und in wie weit nicht. Haltet euch an das Threadthema!
 
Zurück
Oben