Weltbild im (Mittelalter)

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von Mme Taussaud, 14. Februar 2005.

  1. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Dass ich Quelle sei, bezog sich auf das, was in den 1950/60er Jahren im Religionsunterricht gelehrt wurde. Und davon ausgehend, kann ich mir nicht vorstellen, dass in den Zeiten davor inkl. MA, der Religionsunterricht "wissenschaftlicher" war. Das ist lediglich eine logische Schlussfolgerung, wenn man weiß, wie die Kirche in Vergangenheit auf wissenschaftliche Erkenntnisse reagierte.


    Zu der Denkleistung, vom Reichsapfel als Symbol der Weltherrschaft, auf die Gestalt der Erde zu schließen, waren m.E. wenige Menschen des MA fähig – erst nach dem Zeitalter der Entdeckungen ab 15. Jahrhundert änderte sich das.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das sind eigentlich nur Aussagen über Deine persönliche Denkleistung. Dazu wurde eigentlich auch schon das Wesentliche gesagt:
    Meines Erachtens wäre jedes Kind in der Lage, den Pfarrer oder den Küster zu fragen: "Was hält der Kaiser / der Jesus / die Madonna da für eine Kugel in der Hand?"

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    Die Menschen im Mittelalter konnten sich mehr vorstellen, als Du Dir vorstellen kannst:



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    (Jes 66.1: "So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße!")

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    Zuletzt bearbeitet: 1. August 2019
  3. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Was sich das einfache, ungebildete Volk des Mittelalters hatte vorstellen können, wissen wir nicht, deshalb ist jede weitere diesbezügliche Diskussion müßig.
     
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  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Meine bisherigen Diskussionsbeiträge basierten darauf, was das das einfache, ungebildete Volk des Mittelalters in Abbildungen sehen konnte und in Predigten hören konnte. (Und was den nicht ganz so ungebildeten Predigern allgemein bekannt war.)

    Deine bisherigen Diskussionsbeiträge basierten darauf, was Deiner Meinung nach sich das einfache, ungebildete Volk nicht vorstellen konnte. Es freut mich, dass Du eingesehen hast, dass das keine Diskussionsbasis ist.
     
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  5. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Der römische Globus war seit der Antike bekannt und kam im 10. Jahrhundert in Aquitanien und Arabien wieder bei den Gelehrten in Mode. Zwei Generationen später wird er beim Reichsapfel dann Gegenstand der verbreiteten Darstellung.

    Der einfache Mensch im europäischen Mittelalter wird sicher Schwierigkeiten bei der Vorstellung gehabt haben (warum fällt man da nicht runter?), aber bei manchen theologischen Fragen wird das nicht anders gewesen sein. Das hat die Leute aber nicht vom Glauben abgehalten.
     
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  6. Tom

    Tom Mitglied

    Vielleicht noch ein paar Hinweise zum mittelalterlichen Weltbild im weiteren Sinne, wie es sich mir darstellt (in Kurzfassung):

    – Die mittelalterliche Gedankenwelt der Mehrheit der Bevölkerung war nie vollständig christlich, sondern ein Gemisch aus christlichen Vorstellungen und älteren Traditionen (Fasenacht, Hexenglaube, Schimmelreiter, böser Blick, Zaubersprüche usw.). Dazwischen mischen sich andere Religionen und Ketzereien, Paulikianer, Katharer, Judentum, Manichäismus und anderes.

    – Im Adel herrscht eine teilweise noch vorchristlich geprägte Kriegerideologie, Turniere, Minnesang, Frauendienst. Das Nibelungenlied ist nur christlich übertüncht, man geht in die Kirche, um Streit anzufangen. Dazwischen immer wieder Anfälle heftiger Religiosität, beim Beginn der Kreuzzüge etwa. Solche Ausbrüche von Religiosität findet man bis weit in die Renaissance und darüber hinaus, man denke nur an den Erfolg von Savonarola in Florenz.

    – Die christliche Religion wird meist als Polytheismus verstanden und praktiziert. Die frühen Kirchenbauten sind Heiligen und Märtyrern gewidmet. Man betet nicht zu Gott, sondern zu Heiligen und vor Reliquien. Der Byzantinische Bilderstreit war möglicherweise eine Reaktion auf diese Art Polytheismus. Dazu kommen Fetischismus und krude Zauberei, Grabräubereien, um an die Knochen von Heiligen zu gelangen, Knochensplitter und Zähne als Amulette und dergleichen. Katholizismus und Ostkirchen sind bis heute noch in vieler Hinsicht Polytheismus und Fetischismus, Heiligen- und Ikonenverehrung, Schwarze Madonna von Tschenstochau, Blut schwitzende Bilder und Statuen.

    – Dann der oft schiefe Blick auf die Antike, karolingische Renaissance, Alexanderromane, Vorstellung vom Fortbestand des Römischen Reiches, Romzüge der deutschen Herrscher, Aristotelismus und Legalismus an den frühen Universitäten.

    So ungefähr. Das alles müsste man noch zeitlich und geographisch aufteilen.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nein, die Heiligen sind nur Mittler zu Gott, aber nicht selber Gegenstand der Anbetung. Das ist ein Missverständnis, dem eigentlich immer nur Muslime aufsitzen, die weder die Dreifaltigkeit noch den Heiligenkult im (katholischen) Christentum begreifen (wollen!). Und das auch eigentlich nur dann, wenn sie in konfliktiven Situationen mit dem Christentum stehen. Man kann das in andalusischen Quellen gut sehen. Befreundete Christen werden als Messianer (masīḥiyūn) oder Nazaräer (naṣārà) bezeichnet, christliche Gegner als Ungläubige (kuffār) und Polytheisten (mušrikūn 'Beigeseller'). Letzteres - mušrikūn - wird in der Hanbalitischen Rechtsschule, von Wahhabiten und Salafiten auch auf Ši'iten und Sunniten, welchen Marabūtenkult betreiben angewandt.
    Bei uns ist dieses Missverständnis eher und Symptom der Unkenntnis der christlichen Religion aufgrund fortschreitender Entfremdung von Religion und Kirche.

    Da kommst du in chronologische Schwierigkeiten, da der byzatinische Bilderstreit vor dem Aufkommen des Heiligenkultes stattfand. Der Bilderstreit basiert eher auf der Bibel ("Du sollst dir kein Bild machen") und ikonoklastische Bewegungen gab es in der Kirche mehrfach. Besonders in der presbyterianischen Kirche (die heute wieder bilderfreundlich ist), war Ikonoklasmus in ihren Anfängen ein wichtiges Thema. Aber ich habe in Schottland (fort William) auch schon eine Hochzeit zweier Männer in einer presbyterianischen Kirche gesehen, also in der Kirche von John 'Freudenkiller' Knox. Natürlich im Zeremonialkilt.

    Gründe für den Bilderstreit können - womöglich - in der inhaltlichen Auseinandersetzung des Christentums mit dem Islam gesehen werden.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das nennt man einen Analogismus.

    Also hat die Menschheit 1492 ad hoc einen evolutionären Sprung vollzogen? Die Gehirnabrufleistung von 10 auf 12 % gesteigert?
     
  9. Tom

    Tom Mitglied

    Der byzantinische Bilderstreit beginnt mit Leo III., also 700 und ein paar Zerquetschte. Heiligen-, Bilder- und Märtyrerkult fängt direkt mit dem Sieg des Christentums an oder schon vorher. Schau nur auf die Namen der frühsten römischen Kirchen: Santa Pudenziana, Santa Sabina, Santi Silvestro e Martino, San Marco, Sant’Anastasia al Palatino, Santi Nereo ed Achilleo, San Lorenzo in Damaso usw. Aber die Auseinandersetzung mit dem Islam hat beim Bilderstreit wahrscheinlich auch eine Rolle gespielt.

    Mit Widerspruch gegen den Polytheismus hab ich gerechnet, aber darauf besteh ich. Was Theologen lehren und was das Volk glaubt, sind immer unterschiedliche Sachen. Der immanente Polytheismus der katholischen Kirche hat ihr jedenfalls später bei ihren Bekehrungsversuchen in Amerika und anderswo sehr geholfen. Die unterworfenen Völker brauchten ihre Religion nicht zu ändern, sie mussten nur den Hl. Sebastian und die Hl. Margarete statt Huitzilopochtli und Quetzalcoátl anbeten, und damit wars gut. Jedenfalls sind Judentum und Islam ein konsequenterer Monotheismus als das Christentum, das sich von Anfang an schon in die verschiedenen Naturen Christi, die Dreieinigkeit und dergleichen verhakelte, und dann kamen auch noch die vielen wundertätigen Heiligen dazu. Man findet sie bis heute: Mit diesen Heiligen überstehen Sie den Arbeitstag Katholischer Volksglaube pur! ;)
     

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