Nazi-Auszeichnungen stellen aber auch oft eine Anerkennung für herausragende Verbrechen dar. Der KZ-Kommandant und Kriegsverbrecher Herbert Andorfer, um nur ein Beispiel zu nennen, war stolzer Träger des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse mit Schwertern (1942), des Eisernen Kreuzes II. Klasse (1944), des Eisernen Kreuzes I. Klasse (1945) und des SS-Bandenkampfabzeichen:
austria-forum.org
Der Gipfel der Respektlosigkeit vor den Opfern wäre es, diese Auszeichnungen auch heute noch in Ehren halten zu wollen.
Dieses "oft" ist vielleicht etwas überzeichnend. Auch wenn die Mär von der "sauberen Wehrmacht" unhaltbar ist, so wird man doch konstatieren können, dass der durchschnittliche Wehrmachtsangehörige weder Kriegsverbrecher noch überzeugter Nationalsozialist war, sondern ordinärer Wehrpflichtiger, ein bloßer Bauer auf dem Schachbrett.
@bibliophile führt jedenfalls damit einen interessanten Aspekt in die Diskussion ein, dass er zurecht daran erinnert, dass ehemalige Kriegsgegner die militärischen Leistungen deutscher Soldaten im Weltkrieg mitunter positiv bewerten, wozu sie aus unserer Perspektive keinen Grund hätten.
Unsere Perspektive ist jedoch die einer postheroischen Gesellschaft, die Soldaten bestenfalls als notwendiges Übel betrachtet.
Ich hatte mal die Gelegenheit zum Gespräch mit General Jared Sembritzki, der für seinen Einsatz als Bataillonskommandeur in Afghanistan das Bundeswehr-Ehrenkreuz für Tapferkeit erhalten hat. Sembritzki führte 2011 "von vorne" die Rückeroberung eines befestigten Außenpostens der afghanischen Polizei, der zuvor von den Taliban überrannt und besetzt worden war. Am Ende hatten die Taliban sechzig Tote und Verwundete, Sembritzkis Gebirgsjäger hingegen nur ein paar Leichtverwundete. Aus militärischer Sicht eine herausragende Leistung.
Das kurze Aufflackern der Aufmerksamkeit der Medien war Sembritzki merklich peinlich, gegenüber Journalisten verwahrte er sich regelrecht dagegen, etwas Besonderes oder gar ein "Held" zu sein. In Nordamerika, in Großbritannien oder selbst in Frankreich wäre dergleichen undenkbar, da werden Träger höchster Auszeichnungen in Talkshows zum Bestaunen herumgereicht.
Will sagen,
@bibliophile's Perspektive ist einfach nur die sozusagen prä-postheroische Lesart. Was die Wehrmacht anlangt, kann man ja sinnvoll differenzieren, auch unter Zuhilfenahme zeitgenössischer Vorurteile über die NS-Ordensschwemme.
Ich würde bspw. behaupten, dass man ein Eisernes Kreuz I. Klasse durchaus als tendenziell "politisch unverdächtig" betrachten und "in Ehren halten" kann, weil es für individuell mutige Taten verliehen wurde. Bei einem Ritterkreuzträger wäre ich hingegen hellhörig; das RK ist tatsächlich eine Kriegsauszeichnung im Wortsinne, das für Abschusszahlen oder erfolgreiche Offensiven verliehen wurde. Hier wäre Dein Vorwurf zutreffender.
Die Wehrmacht zeichnete Angehoerige aus, die sich im Kampf mit dem Gegner durch besonderen Mut und Tapferkeit selbstlos hervorgetan hatten.
Das hängt von der konkreten Auszeichnung ab.
Selbst der Feind begrub Wehrmachtsangehoerige mit allen militaerischen Ehren.
Dafür hätte ich gerne einen Beleg gesehen. 1944 fielen im Schnitt jeden Tag mehrere tausend deutsche Soldaten, ich bezweifle, dass die alle mit militärischen Ehren bestattet wurden. Warum auch, die Alliierten hatten Besseres zu tun.
und dem nationalsozialistischen Heldenideal entsprachen. Dazu gehörte u.a. auch die "Bandenbekämpfung" also Kampf gegen Partisanen und damit verbunden bspw. auch der "
Sühnebefehl", wodurch willkürlich 50-100 Zivilisten für jeden von Partisanen getöten deutschen Soldaten erschossen wurden - von der Wehrmacht, nicht der SS.
Wobei man leider konstatieren muss, dass Repressalien gegen die Zivilbevölkerung nach damals geltendem Völkerrecht prinzipiell zulässig waren.
Absolut richtig.
Man braucht nur ein Wort umwechseln und wir sind in der Gegenwart.
Erst verwahrst Du Dich gegen seinen Standpunkt, jetzt stimmst Du zu? Ich verstehe nicht.
Die "Bandenbekämpfung" hat teilweise aus Leuten, welche die Deutschen als "Befreier" vom Stalinismus begrüßt hatten, überhaupt erst Partisanen gemacht. "Bandenbekämpfung" war ein Euphemismus dafür Menschen, in erster Linie Juden, zu erschießen. Gerade in Weißrussland und der Ukraine war das Partisanenproblem hausgemacht.
Und es gab Generäle wie Blaskowitz, die diese Entwicklung voraussahen und an ihre Vorgesetzten appellierten, sich zumindest im Namen militärischer Vernunft gegen das Morden zu stellen, wenn schon nicht im Namen der Menschlichkeit.
Das ist schon etwas seltsam, du trittst hier im Forum als jemand auf, der dadurch auffällt, dass er dauernd den Stab über jemandem bricht und dann fragst du relativierend, ob wir berechtigt seien, den Stab über unsere Vorfahren zu brechen?
Fakt ist, auch die Nazis wussten, was Mord ist und zu Anfang des Krieges wurden sogar noch Prozesse wegen Morden geführt. […]
Es kommt vielleicht auf den Kontext an. Über die aktive Mitwirkung an Verbrechen müssen wir nicht diskutieren, aus den von Dir angeführten Gründen. Doch schon statistisch gesehen werden die meisten Wehrmachtsangehörigen, die Schuld auf sich geladen haben, dies nicht durch ihr Handeln, sondern ihr Nichthandeln getan haben, will sagen, indem sie im entscheidenden Moment wegschauten und stumm blieben.
Ich habe ein zu pessimistisches Menschenbild, um über solchen Männern den Stab brechen zu können.
Bevor er komplett den Verstand verlor, sagte Jordan Peterson in einer seiner Totalitarismus-Vorlesungen etwas m.M.n. sehr Kluges: Er riet seinen Studenten, sich nicht einzubilden, dass sie, wären sie Deutsche gewesen, schon auf der Seite der "Guten" gestanden und Widerstand geleistet hätten. In freien Gesellschaften aufgewachsene Menschen könnten sich den Anpassungsdruck geschlossener Gesellschaften kaum vorstellen.
Peterson vertrat die These, dass die Nazis die Menschen in einem permanenten Ausnahmezustand gehalten hätten, und dadurch gewissermaßen konditionierten, sich wie in einem ständigen Überlebenskampf zu verhalten, sprich: maximal egoistisch.
Ich halte das für überzeugend, und deshalb auch die Schlussfolgerung für weltfremd, die Daniel Goldhagen u.a. aus der Forschung Christopher Brownings gezogen hat: Dass nämlich deutsche Soldaten und Polizisten völkerrechtswidrige Befehle leicht hätten verweigern können (was Goldhagen als Beweis für die ideologische Übereinstimmung des Durchschnittsdeutschen mit Hitler sah).
Denn zwar stimmt es, dass jene, die sich gegen das Morden im Osten wandten, selten ärgere Konsequenzen zu befürchten hatten als Karrierenachteile (und zuweilen nicht mal das). Aber wie kann dieses Wissen einen Mann ermutigen, der gerade mit eigenen Augen gesehen hat, wozu die Regierung seines Landes fähig ist? Wer garantiert ihm, dass er nicht zu dem geringen Prozentsatz gehören wird, der den Zorn des Systems zu spüren bekommt? Was wieder zu Peterson zurückführt, im Zweifel sind die meisten Menschen egoistisch.
Last but not least erzeugen Extremsituationen (wie ein Krieg) eine besondere Gruppendynamik, die kaum nachvollziehen kann, wer sie nicht selbst erlebt hat. In soldatischen Gemeinschaften herrscht Anpassungsdruck, weil auf dich Verlass sein muss, wenn andere ihr Leben für deines in die Waagschale werfen sollen. Der Theorie nach widersetzt du dich, sobald der Loyalitätsanspruch der Kameraden in einen Akt der Illoyalität dir gegenüber umschlägt; in der Praxis jedoch bist du ohne dein Rudel nichts, ein einsamer Wolf, der in der Wildnis verhungert.