Zweibund zwischen Deutschem Reich und Österreich-Ungarn

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Gandolf, 9. Juni 2005.

  1. collo

    collo Aktives Mitglied

    natürlich gingen diese kriegsziel auf vorkriegsplanungen zurück, bestreitet hier wohl auch niemand. da aber entsprechende dokumente sich auch auf französisch, englisch oder russisch finden liessen, ist es eben kein nachweis dafür, dass nur das deutsche reich in den krieg zog um eroberungen zu machen.
     
  2. Arne

    Arne Premiummitglied

    Mag ja sein. Aber findest du es nicht etwas fragwürdig historische Vorgänge nach aktuellem, bundesdeutschen Recht zu beurteilen? Wie mag da wohl Dschinghis Khan, Cäsar oder Hung-ka-Tuk, der Neandertaler wegkommen? :grübel:


    Das lässt mich vermuten, daß du noch einige Themen in dieser Form abhandeln möchtest?
    Da kann ich mich ja auf einiges einstellen...:rolleyes:
     
  3. collo

    collo Aktives Mitglied

    m.e. trat von den grossmächten keiner in den krieg ein, um eroberungen zu machen. dieses ziel verfolgten primär solche "nachzügler" wie japan, italien und rumänien.
     
  4. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Ich vermute, dass Sie mit diesem Beitrag offene Türen eintreten. Jedenfalls habe ich in diesem Strang nicht gelesen, dass irgendjemand behauptet hätte, dass nur das Deutsche Reich Eroberungen plante.

    Unter Punkt 2 meines Eröffnungsbeitrages habe ich davon gepostet, dass Deutschland und Österreich-Ungarn die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges trifft und in meinen Beiträgen vom 09.06.2005, 23.52 Uhr, und vom 10.06.2005, 11.08 Uhr, habe ich erläutert, warum dies für Deutschland so gesagt werden kann. Die Eroberungspläne tauchen dort nicht auf.
     
  5. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Bundesdeutsches Recht? Der Vorsatz und seine Erscheinungsformen ist ein altes Thema der Rechtswissenschaft. Unser Strafgesetzbuch stammt übrigens aus dem Jahr 1875 und das Reichsgericht hat schon unter Willis Zeiten zwischen Absicht, sicherem Wissen und bedingten Vorsatz unterschieden.:p
    Wir werden noch viel miteinander diskutieren.:D
     
  6. Arne

    Arne Premiummitglied

    Wenn ich Hornochse aus Erfahrung nicht klug werde, ist das zu befürchten :autsch:
     
  7. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Hornochse? So würde ich Sie nicht bezeichnen wollen. ABER wenn Sie sich in dieser Selbstcharakterisierung wiederfinden, trete ich Ihrer Wortwahl nicht entgegen. Ich diskutiere gerne mit Ihnen über die Kriegsschuldfrage und den Versailler Vertrag. Was aber die Frage Ihrer Lernfähigkeit angeht, können Sie diese sicherlich viel besser einschätzen als ich.:D

    Übrigens meine Lernfähigkeit hängt davon ab, ob man mir ein gutes Argument nennt, weshalb meine Auffassung nicht zutrifft. Dann kann es durchaus vorkommen, dass ich eine liebgewordene Vorstellung aufgebe.;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 2005
  8. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo miteinander,

    ich habe lange überlegt, ob ich hier etwas schreiben soll oder nicht; jetzt sehe ich mich aber doch dazu gezwungen...

    Eines im Voraus: Es bringt IMHO überhaupt nichts, bei diesem eigentlich sehr ernsthaften Thema zu sehr emotional zu werden :fs:

    Zum Thema selbst: ich finde es nicht ganz korrekt, eine direkte Verbindung allein zwischen dem Zweibundvertrag von 1879 und der Schuld am Kriegsausbruch von 1914 zu ziehen. Zwischen beiden Ereignissen liegen immerhin 35(!) Jahre, in denen einiges passiert ist, und zudem in ihrem Umfeld noch einige andere Bündnisentwicklungen, die nicht ganz irrelevant sind.

    Aber der Reihe nach...
    Ausgangspunkt ist ja unbestritten Bismarcks Anstreben einer politischen Gleichgewichtssituation, die eben weitere (kontinentale) Kriege vermeiden sollte und damit jeglichen Gebietserwerb einer europäischen Großmacht (incl. Deutschland selbst) zu Ungunsten anderer europäischer Staaten.

    Vor diesem Hintergrund steht zu Beginn das Dreikaiserabkommen von 1873 zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich mit dem Ziel einer gegenseitigen Unterstützung im Kriegsfalle. Praktisch gesehen wird Frankreich damit isoliert, was Großbritannien eine Verschiebung der von ihm seit Jahrhunderten erfolgreich praktizierten Ballance Of Power befürchten läßt. Es kann schließlich Rußland bereits 1875 gewinnen, ebenso für Frankreich Partei zu ergreifen gegen die neue stärkste europäische Landmacht Deutschland. 1876 zerbricht das Dreikaiserabkommen - vereinfacht gesagt - endgültig an den Spannungen zwischen Österreich-Ungarn und Rußland bezüglich ihrer Balkaninteressen.

    1878 kam es zum Krieg zwischen Rußland und dem Osmanischen Reich, welchen Rußland gewann. Im darauf folgenden Berliner Kongress von 1878 wurde nun von Bismarck versucht, die von Rußland gewonnene Dominanz bzgl. Balkan und Orient einzudämmen, damit es zwischen ihm und den "Mit-Interessenten" Österreich-Ungarn und Großbritannien nicht zum nächsten Konflikt kam. Dies gelang zwar (durch Bestätigung der Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros und Rumäniens sowie österreichische Verwaltung Bosniens und Herzegovinas), dennoch blieb der Konflikt auf dem Balkan ungelöst - und zudem wurde Rußland isoliert!
    Damit und durch die Verschärfung der deutschen Zollbestimmungen für die Ostgrenzen war das Dreikaiserabkommen de facto obsolet...

    Jetzt erst kommt der Zweibund 1879 ins Spiel: dieser beinhaltete jedoch im Angriffsfall Neutralität von einem der beiden Bündnispartner und nur im Verteidigungsfall militärischen Beistand. Für den Fall, daß in einen solchen Angriff einer fremden Macht Rußland diese unterstützte, sah man weiteren militärischen Beistand vor.
    Wichtig ist hierbei aber noch, daß Bismarck auf Basis dieses Bündnisses noch weitere Bündnisse (allesamt gegen Rußland gerichtet) initiierte.
    Natürlich blieb der Zweibund bis 1914 Grundlage der deutschen Außenpolitik...

    Dennoch versuchte Bismarck, Rußland erneut wieder in seine Bündnispolitik einzubeziehen: namentlich mit dem Dreikaiserbündnis 1881 zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland (Inhalt: Verpflichtung zur gegenseitigen Neutralität) und dem Dreikaiservertrag 1882 zwischen ebenjenen drei Staaten (Inhalt: kein Eingehen sonstiger Bündnisse und Beistand im Verteidigungsfall). Auch diese Bündnisse standen auf der Basis des Zweibundes...

    Im Jahre 1882 wurde der Zweibund zum Dreibund durch den Beitritt Italiens erweitert. Damit hatte Bismarck eigentlich endgültig auf Basis des Zweibundes mit Österreich-Ungarn seine Bündnispolitik zur Bewahrung des europäischen (kontinentalen) Friedens erfolgreich umgesetzt.

    1885 entlädt sich erneut der Interessenkonflikt zwischen Rußland und Österreich-Ungarn in der Bulgarienkrise, wobei Deutschland sich nun auf die Seite Österreich-Ungarns stellt und damit ebenfalls zu Rußland in Gegensatz gerät. Damit wird auch das letzte der Dreikaiserbündnisse wirkungslos...

    1887 bezieht Bismarck schließlich gar Großbritannien in seine Bündnispolitik ein: in der Mittelmeer-Entente gelingt es ihm, Großbritannien sowie Österreich-Ungarn, Italien und Spanien in einem Schutzabkommen zusammenzubringen.
    Im selben Jahr wird auch noch der Rückversicherungsvertrag mit Rußland für die Dauer von 3 Jahren geschlossen - quasi ein gegenseitiges Nichtangriffsabkommen, um die deutsche Ostgrenze zu sichern.

    In ihrem Grundcharakter kann man sicher keines der genannten Bündnisse bzw. keinen der genannten Verträge als aggressiv o.ä. bezeichnen. Und an dieser Stelle kann man wohl auch mit Fug und Recht sagen, daß der Zweibund eine sichere Basis für Bismarcks Gleichgewichtspolitik gewesen ist, denn er konsolidiert einerseits die Bemühungen der vorherigen Jahre und ist andererseits grundlegend für die Bündnispolitik des selben Jahres wie auch der Folgejahre bis 1890!

    Erst mit der Inthronisierung Wilhelms II. (1888) und der Ablösung Bismarcks (1890) änderte sich die Situation...

    Zunächst war gravierend, daß der Rückversicherungsvertrag mit Rußland im Jahre 1890 nicht mehr verlängert wurde! Damit war EINE Grundlage (aber nicht die einzige!) geschaffen, daß sich Rußland später an Frankreich und Großbritannien annähern konnte.

    Ich bin kein Jurist, so daß ich mich an der Diskussion über "bedingten Vorsatz" bezüglich Wilhelm II. nicht beteiligen will. Zumindest steht dem entgegen, daß unter seiner Regentschaft wieder ein freundlicherer Ton mit Frankreich gesprochen wurde (1893 erkennt Frankreich Elsaß-Lothringen als rechtmäßiges Territorium des Deutschen Reiches an) und zudem auch mit Großbritannien zusammengearbeitet wurde (aus verwandtschaftlichen Gründen zwar, aber immerhin).
    Fatal wirkte sich dagegen die Politik der Aufrüstung, insbesondere die der Flotte, aus, was z.B. die Distanz zu Großbritannien nicht wirklich verringern konnte.

    Persönlich folge ich allerdings der Ansicht, daß es Wilhlem II. und seine Regierung - im Gegensatz zu Bismarck - nicht verstanden, die europäischen Mächte durch eine gezielte Bündnispolitik auch weiterhin im Gleichgewicht zu halten.
    Die Formierung der Entente Cordiale 1904 zwischen Frankreich und Großbritannien und die Erweiterung dieser zur Tripel Entente 1907 durch Beitritt Rußlands resultierten letztendlich daraus und haben mit dem eigentlichen Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn nur bedingt zu tun.
    Und 1914 griffen diese Bündnissysteme dann zudem auf eine sehr fatale Art und Weise, da das Deutsche Reich Österreich-Ungarns Ultimatum an Serbien guthieß bzw. unterstützte und sich andererseits Rußland als Schutzmacht Serbiens sah bzw. etabliert hatte...

    In diesem Sinne

    Timo

    PS @Gandolf: Seit wann siezen wir in diesem Forum? Ich finde das sehr befremdlich :grübel:
    PPS: Aufgrund der Länge dieses Beitrages mögen sich Tippfehler eingeschlichen haben; wer sie findet, gewinnt eine Gummimaus... =)
     
  9. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Sorry. Ich gelobe Besserung.
    Keine Sorge!:) Was genau heisst eigentlich IMHO?
    Zustimmung. Unter Punkt 2 des Eingangsbeitrages habe ich lediglich eine gegenüberstellung vorgenommen: 1879 das Defensivbündnis, 1914 das Bündnis der Hauptschuldigen. Da stellt sich natürlich die Frage, aufgrund welcher Entwicklung dieser Wandel eigentlich zustande kam.

    Ein paar Erklärungsversuche habe ich ja unternommen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
    - Abhandenkommen von Bündnisalternativen
    - Wandel der Gestalt des internationalen Staatenssystems
    - Mentalitätswechsel
    - Denken in militärischen Kategorien
    - Verhindern und Verschleppen notwendiger Reformen im Innern der beiden Bündnispartner
    - Allianz der reformunwilligen Eliten D und ÖUs verschärfte das Nationalitätenproblem ÖUs
    - Teil der konservativ-reaktionären Führungsschicht hält ÖU ohnehin für verloren
    Das sehe ich im Grunde genauso. Bezugs- und Fluchtpunkt der Generation Bismarck war der Frieden und dessen Erhaltung. Mit seinen Bündnisssen war Bismarck bestrebt den Frieden zu erhalten. Es sollte gar nicht erst zum Krieg kommen.
    Die neue Generation hatte eine andere Mentalität. Sie war tatendurstig, kannte den Krieg nicht und war eher bereit diesen zu riskieren als die Generation Bismarck, die über die Erreichung der Deutschen Einheit überglücklich war und das Erreichte sichern wollte. Diese Generation veränderte die Gestalt des internationalen Staatenssystems. Neuer Flucht- und Bezugspunkt dieses Systems wurde der Krieg und dessen erfolgreiche Führung.

    Interessanterweise wurde die erste verhängnisvolle Weichenstellung in diese Richtung vom nur 16 Jahre jüngeren Bismarck-Nachfolger Leo von Caprivi vorgenommen. Caprivi war zuvor General und kannte den Krieg. Er nahm sowohl am deutsch-österreichischen als auch am deutsch-französischen Krieg teil. Offensichtlich verstand sich die neue Generation mit den Militärs, die Bismarcks überlegener Diplomatie ablehnend gegenüberstanden, recht gut.

    Caprivi verlängerte den russischen Rückversicherungsvertrag nicht, weil er Bismarcks Bündnissystem nicht unter dem Gesichtspunkt seiner friedensstiftenden Wirkung, sondern unter dem seiner Kriegstauglichkeit beurteilte. Er strebte nach klaren Verhältnissen und hatte für das Nebeneinander von Zwei- und Dreibund und Mittelmeerabkommen einerseits und des Rückversicherungsvertrages andererseits kein Verständnis.
    Auch in der Zeit nach Bismarck beäugten sich England, Frankreich und Rußland misstrauisch. Auf die Annäherungsversuche dieser drei Mächte reagierte das Deutsche Reich ziemlich aggressiv. Ich denke da zum Beispiel an die Marokkokrisen, in denen das Reich versuchte, durch Kriegsdrohungen die "Bündnisse" der anderen aufzusprengen.

    Doch Deutschland erreichte mit dieser Strategie gerade das Gegenteil. Der deutsche Druck schweisste England, Frankreich und Rußland immer enger aneinander. Zugleich wurde den verantwortlichen Politikern und Militärs dieser Länder in diesen Krisensituationen deutlich, welches Erbe ihnen die vorherige Generation hinterlassen hatte. Sie waren auf den Kriegsfall schlicht und ergreifend nicht vorbereitet. Vor allem fehlten natürlich die gemeinsamen Pläne. Allmählich begannen sich die Politiker und Militärs der Trippelentente auf den Krieg vorzubereiten. Sie wollten ihn nicht, aber sie fürchteten ihn - infolge ihrer Bündnisse und Planungen - auch nicht mehr.

    Obwohl die Strategie des Aufsprengens der englisch-französischen Entente und der französisch-russischen Entente schon in Krisen der Jahre 1905-1911 nicht funktionierte, benutzte Deutschland die Julikrise 1914 interessantweise zu einem neuen Spaltungsversuch. Dieses Konzept beinhaltete den Übergang zum Krieg für den Fall, dass dieser Spaltungsversuch nicht gelingen sollte. Es kam so, wie es vor dem Hintergrund der letzten 10 Jahre nicht anders kommen konnte: die Spaltung mißlang erneut und der Krieg brach aus.
    Man muss kein Jurist sein, um sich an der Diskussion über die Kriegsschuld zu beteiligen. Ich erlaube mir im Rahmen dieser Diskussion lediglich den Einwurf, dass es verschiedene Fomen des Vorsatzes gibt. Man kann aus dem Umstand, dass eine Kriegsabsicht nicht nachweisbar ist, nicht darauf schliessen, der Krieg wäre nicht vorsätzlich herbeigeführt worden bzw. die Verantwortlichen wären fahrlässigerweise in diesen hineingestolpert.
    Einspruch, Deine Ehren!:)

    Wilhelm II. war - gerade wegen seinen verwandtschaftlichen Beziehungen - eine enorme Belastung für das deutsch-britische Verhältnis. Seinem Onkel Eduard VII. war er bestens bekannt. Er ging ihm seit langer Zeit gewaltig auf die Nerven.
    Dann gab es da noch das Krüger-Telegramm und die "Daily Telegraph"-Affäre sowie Willi2s Lieblingsprojekt, die deutsche Hochseeflotte. Von Zusammenarbeit kann nicht die Rede sein.
     
  10. Arne

    Arne Premiummitglied

    in my humble opinion


    Nein. Du hast das schärfer formuliert. Nämlich:

    Verurteilung ohne Beweise? Sehr merkwürdig....:fs:
     
  11. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo Gandolf,

    in meinem Beruf wird sehr viel auf Englisch kommuniziert, deswegen schleichen sich bei mir auch hier ab und an einige Abkürzungen ein. IMHO = in my humble opinion = meiner bescheidenen Meinung nach ;)

    Naja, mangelnde Bündnisalternativen gab es ja nicht grundsätzlich, was die verschiedenen Dreikaiserbündnisse mit Rußland ebenso verdeutlichen wie die Erweiterung zum Dreibund mit Italien. Es konnte keiner voraussehen - auch innerhalb der späteren Entente nicht -, daß sich Italien im Kriegsfall später neutral verhält und dann sogar die Seite wechselte.
    An der Stelle möchte ich nur kurz anfügen, daß es mit einigen Staaten im Balkanraum (z.B. Rumänien) derartige Abkommen gab, an denen später nicht mehr festgehalten wurde. Selbst als sich im Krieg dann Bulgarien auf die Seite der Mittelmächte schlug, wurde dies im restlichen Europa mit Überraschung aufgenommen, da sich dieses zuvor eher Rußland zugewandt hatte (Anm.: Rußland betrachtete den bulgarischen Kriegseintritt 1915 als Verrat)! Bismarck hatte also noch im Balkanraum ebenso Bündnisse geschaffen, die dem Zweibund freundlich gesinnt galten; nach ihm wurde auch dies leichtfertig vertan, so daß es auch dort grundsätzlich keinen Mangel an Bündnisalternativen gab.

    Einen Wandel im internationalen Staatensystem gab es für die auf Europa konzentrierte deutsche Bündnispolitik lediglich im Balkanraum, da dort das Osmanische Reich bröckelte und mehr und mehr Staaten selbständig wurden. Wie ich zuvor schon anmerkte, wurde unter Bismarck noch versucht, auch hier Gleichgewicht zu schaffen, was später nicht mehr der Fall war.

    Da kommt nun der Punkt des Mentalitätswechsels und des Denkens in militärischen Kategorien... :grübel:
    Hier muß angefügt werden, daß Wilhelm II. eigentlich Bismarck durchaus schätzte, seine politische Sichtweise jedoch für antiquiert hielt. Nach Bismarcks Suspendierung gelangten so Leute an die Regierung, denen weniger an Gleichgewicht und Ausgleich als vielmehr an Demonstration eigener Stärke gelegen war (was der Sichtweise des Kaisers entsprach).
    Daraus jedoch auf ein vorsätzliches Kriegstreiben im allgemeinen zu schließen, wäre doch etwas sehr vereinfacht...

    Die letztgenannten Punkte mit den Nationalitätenproblemen und Verhindern bzw. Verschleppen von Reformen waren nicht allein ein deutsches und österreichisch-ungarisches Problem. Dies galt mindestens, wenn nicht gar stärker, ebenso für das Osmanische Reich und für das zaristische Rußland.

    Nun, zwischen diesen beiden Extremen (vorsätzliches Herbeiführen einerseits und Hineinstolpern andererseits) gibt es schon noch ein paar Nuancen ;)
    Man nahm wohl eher leichtfertig einen regionalen Krieg, in dem Österreich-Ungarn Serbien in die Knie zwingen sollte, in Kauf.

    Wilhelm II. wurde auch in der deutschen Generalität zu einem nicht unerheblichen Teil als "Einfaltspinsel" betrachtet (weswegen diese im Krieg dann auch die militärische Führung de facto vollständig übernahmen).
    Zunächst aber war man schon um eine deutsch-britische Zusammenarbeit bemüht, welche dann natürlich durch "Aktionen" wie Krüger-Telegramm, "Daily Telegraph" Affäre und Flottenpolitik zunichte gemacht wurde.
    Aber dies hatte ich ja bereits in meinem letzten Beitrag angedeutet...

    Viele Grüße

    Timo

    PS @Arne: Ich sehe gerade, daß Du auch geantwortet hast, mußte diese Ergänzungen aber trotzdem loswerden...
     
  12. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Ach herrje, Arne. Warum zitierst Du von Punkt 2 nur meinen dritten Satz?

    Mit Satz 1 und Satz 2 habe ich die Gegenüberstellung vorgenommen:

    "Ursprünglich war der Zweibund als Verteidigungsbündnis gedacht, mit dem der Frieden erhalten werden sollte. 1914 entpuppte sich der Zweibund als ein Bündnis der beiden Mächte Europas, die für den Ausbruch des Ersten WK die Hauptschuld trugen."

    Mit Satz 3

    "Ganz offensichtlich entwickelte sich der Zweibund vom Verteidigungsbündnis zum Angriffsbündnis."

    habe ich zum Ausdruck gebracht, dass dieser Wandel das Ergebnis einer Entwicklung von 35 Jahren ist.

    Ziemlich eindeutig, oder?:p
    Merkwürdig ist allein der Umstand, dass Du nach unserer Diskussion versuchst, den Eindruck zu erwecken, jemand habe das Verdikt ausgesprochen, Deutschlands Krisenplanung enthielte die Absicht, in den Krieg zu ziehen. Wer soll dies wo getan haben? Ich jedenfalls habe mir zu Deinem Leidwesen die Fingerkuppen wund getastet, dass Deutschlands Krisenplan die Herbeiführung des Krieges nur mit bedingten Vorsatz enthielt: "Deutschland hat vorsätzlich gehandelt - nicht absichtlich, aber mit bedingten Vorsatz." Erinnerst Du Dich?

    Übrigens in der Geschichtswissenschaft hat Prof. Dr. Fritz Fischer die These aufgestellt, dass Deutschland mit Absicht den Ersten Weltkrieg auslöste. Für diese These fehlte ihm - nach Auffassung der herrscheinden Meinung in der deutschen Geschichtswissenschaft - der letzte Beweis. Allerdings muß man an dieser Stelle bedenken, dass die deutschen Verantwortlichen die Akten und ihre Unterlagen manipuliert haben. Wenn über Fritz Fischers These in einem Gerichtsprozeß zu entscheiden wäre, würde das Gericht vom Umstand der Manipulation wohl darauf schließen, dass die deutsche Führung den Krieg mit Absicht herbeiführte.
     
  13. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Den Mangel gab es 1914 eindeutig. Das Deutsche Reich fühlte sich eingekreist. Weder ein Bündnis mit Frankreich, England oder Rußland war 1914 möglich.
    Das sehe ich anders. Der Wandel bestand darin, dass sich in den Bündnisse der Bezugs- und Fluchtpunkt änderte: vom Frieden und dessen Erhaltung zum Krieg und dessen erfolgreiche Führung.
    Die deutsche Politik griff unter Wilhelm II. recht häufig zu handfesten Kriegsdrohungen. Ich hatte als Beispiel die Marokkokrisen erwähnt. Diese hätten auch rasch zum Krieg führen können. Aus diesen Drohungen lässt sich eben nicht nur das Bedürfnis der deutschen Führung ablesen, Stärke zu demonstrieren, sondern auch dass die neue Generation viel eher als Bismarck bereit war, die Karte des Krieges zu spielen.

    Daraus? nicht allein daraus, aber auch daraus;)
    Weder das Osmanische Reich noch Rußland waren Mitglied des Zweibundes.;)

    Bei den Zweibundstaaten unterblieben auch aus außenpolitischen Erwägungen die nötigen Reformen bzw. wurden diese verschleppt. Die hieraus resultierende Erstarrung dieser Staaten drückte sich u.a. dadurch aus, dass die konservativ-reaktionäre Führungsschicht dieser Staaten ihren Einfluß behielt und sich die Probleme insbesondere von ÖU verschärften. Infolgedessen schritt der Niedergang von ÖU derart fort, dass es 1914 einen Prestiegerfolg benötigte.
    Extreme wären wohl eher Absicht und schuldloses (weder vorsätzliches noch fahrlässiges) Handeln. Zwischen bedingten Vorsatz und Fahrlässigkeit passt nichts mehr.
    Das ist eine Geschichtslegende. ÖU strebte - zurückhaltend ausgdrückt - die Auslöschung Serbiens als politischen Machtfaktor an. Der Krieg mit Rußland war da vorprogrammiert. Das wußten auch alle in Berlin und Wien. Deshalb drängte Berlin darauf, dass ÖU schnell zum Krieg schreitet und somit die internationale Trauergemeinde (Attentat von Sarajevo) von ÖUs naßforscher Reaktion überrumpelt wird. ABER die Österreicher brauchten für ihre Reaktion eine Ewigkeit. Ja moi, wir sans halt net die schnellste.:)
     
  14. collo

    collo Aktives Mitglied

    von den befreiungskriegen bis 1878 behandelten sich russland und preussen/deutschland zumindest wohlwollend neutral, wenn es um bewaffnete konflikte des einen mit andern parteien gab (krimkrieg, einigungskriege). die preussisch-deutsche aussenpolitik behandelte dieses wohlwollen auch als eine art konstante, die man nicht besonders pflegen musste. was u.a. auch daran lag, dass man sich ein bündnis der republik frankreich mit dem autokratischen russland nicht vorstellen konnte. daher war es wohl einigermassen überraschend auch für bismarck, als sich russland durch ihn beim berliner kongress zurückgesetzt fühlte. erst danach entstand das gefühl, sich ggf. auch gegen russland absichern zu müssen.
     
  15. collo

    collo Aktives Mitglied

    auch 1914 war es kein angriffsbündnis: österreich-ungarn fühlte sich nicht ganz zu unrecht von serbien angegriffen, die russische mobilmachung musste in deutschland nach "fahrplan" eine entsprechende gegenreaktion hervorrufen. alle militärischen planungen, sowohl auf seiten der mittelmächte als auch auf russischer und französischer seite waren offensiv ausgerichtet, eine rein defensiv ausgreichtete strategie gab es leider nicht.
     
  16. collo

    collo Aktives Mitglied

    krieg war damals ein legitimes mittel der politik. niemand scheute es einzusetzen, wenn es erforderlich erschien und die aussenpolitischen gegebenheiten günstig erschienen. sowas wie "schrecken des krieges" gabs noch nicht (auch wenn auch schon damals kriege schrecklich waren).
    bismarck erkannte nur, dass das deutsche reich zum einen eine kritische größe erreicht hatte, durch sein bündnissystem vor dem einzig wahrscheinlichen gegner abgesichert war und es nach der einigung um die innere struktur des reiches ging.
     
  17. collo

    collo Aktives Mitglied

    österreich-ungarn blieb bis zum ende eine kontinentale macht, das deutsche reich war um 1879 eine rein kontinentale macht ohne besondere kolonialen ambitionen. als grösste militärische und dann auch wirtschaftliche macht europas änderte sich die position deutschlands bis 1914 natürlich. aber global und europäisch waren bis 1914 weitgehend synonym (ausnahme usa) und auch der erste weltkrieg war in erster linie ein europäischer krieg, auch wenn einige unbedeutende kampfhandlungen in afrika und asien ausgetragen wurden (mit dem kriegseintritt der usa ändert sich das).
    die wirtschaftliche verflechtung der kriegsgegner war auf einem niveau, welches erst vor ein paar jahren wieder im rahmen der eu erreicht wurde. aus wirtschaftlichen erwägungen hätte england neutral bleiben müssen.
    und wenn man sich die kriegsziele bethmann-hollwegs durchliest, wird man fetsstellen müssen, dass die schaffung einer einheitlichen wirtschaftszone von deutscher seite geplant war, eine art frühe ewg. "plumpe eroberungen" waren sekundär.
     
  18. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Vielleicht sollte man sich mal genauer anschauen warum Österreich-Ungarn eine Auslöschung Serbiens als politischer Faktor wünschte. Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien waren traditionell sehr gut, Wien galt für Jahrhunderte als Zufluchtsstätte der serbischen Intelligenza. Nach der Unabhängigkeit Serbiens bestand das gute Einverständnis zwischen der Regierung in Wien und Belgrad weiter bis 1903 der letzte Vertreter der Dynastie Obrenovic, König Alexander gemeinsam mit seiner Frau von einer Offiziersverschwörung umgebracht wurde.
    Die nachfolgende Dynastie der Karadordevic verbündeten sich sofort mit Russland, dem größten Gegner Österreich-Ungarns.
     
  19. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Kaiser Wilhelm I. steht für diese Tradition der guten preussisch-russischen Beziehungen. Er war russlandfreundlich und musste von Bismarck zum Zweibund geradezu genötigt werden. Bismarck drohte mit seinem Rücktritt für den Fall, dass der Monarch den Vertrag nicht unterschreiben würde.

    Erste Spannungen sind jedoch bereits nach der Reichsgründung (1871) aufgetreten. Rußland hatte diese unterstützt und erwartete nun die Dankbarkeit des neuen Reiches. Es spielte sich in der Folgezeit als dessen Gouvernante auf. Dies war noch kein offener Konflikt, aber lästig. Zudem fühlte sich Bismarck genötigt, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu demonstrieren. Reibungen gab es auch wegen der deutschen Schutzzollpolitik, durch die sich Rußland in seinen agrarischen Exportinteressen getroffen sah.

    Nach dem Berliner Kongreß (13.6.-13.7.1878) brach der Gegensatz zu Rußland abrupt auf. In seinem Handschreiben vom 15.08.1879 (sog. "Ohrfeigenbrief") überhäufte der Zar den deutschen Kaiser mit Vorwürfen. Der Zweibund, deren abwehrende Spitze gegen Rußland gerichtet war, stellte als Defensivbündnis nur eine begrenzte Option für Österreich-Ungarn dar. Den Russen sollte die Gefahr einer Isolierung drohend vor Augen geführt werden und St. Petersburg zur Wiederannäherung an Berlin bewegt werden. Im Grunde hoffte Bismarck das Ziel des verlorengegangenen Dreikaiserabkommen (1872) auf diesem Weg zu erreichen.
     
  20. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Warum brauchte Wien so lange? Es tobten am Ballhausplatz erbitterte Kämpfe zwischen der Kriegspartei um Generalstabschef Conrad von Hötzendorf und der Friedenspartei rund um Aussenminister Graf Tisza und dem greisen Kaiser Franz Joseph. Letzterer - 84 Jahre alt und bereits 66 Jahre auf dem Thron - fuhr am 7. Juli 14 wie jedes Jahr nach Ischl, Aussenminister Tisza verlor damit seine wichtigste Stütze im Ministerrat in dem der Kaiser den Vorsitz führte.
    Sowas kannst dir sparen - dieser neureiche Hurra-wir-sind-nun-wer-Imperialismus war ja auch kein Musterbeispiel weitblickender Diplomatie
     

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