Warum ist die Aufarbeitung der Nazizeit gescheitert?

Das hört man ja auch oft von gelernten DDR-Bürgern. Die mokieren sich oft über Historiker, die seien ja nicht dabei gewesen. Sie vergessen dabei, dass auch Historiker nicht vom Himmel gefallen sind und auch unter Historikern gelernte DDR-Bürger sind.
Es kommt wohl auf den Gegenstand des Urteils an.

Bevor er den Verstand verlor, ließ Jordan Peterson seine Studenten in seinen Totalitarismus-Vorlesungen Brownings 'Ganz normale Männer' lesen und ermahnte sie, sich bloß nicht einzureden, sie selbst würden als Bürger Nazi-Deutschlands oder der Sowjetunion schon Widerstand geleistet haben; das sei bereits statistisch unwahrscheinlich.

Und selbst dem in der Rezeption Brownings oft zu hörendem Argument (bzw. Vorwurf), dass kaum einer, der sich der Teilnahme am Holocaust verweigerte, empfindlich bestraft wurde, kann man noch unrealistische Erwartungen an die menschliche Natur vorhalten; denn selbst wenn nur einer von tausend bestraft worden sein sollte—wie könnte man Gewissheit haben, nicht vom Schicksal als Tausendster ausgelost zu werden? Ausgelost, sich vor einem Regime zu verantworten, dem man alles zutrauen musste?

Will sagen: Urteilen darf man durchaus, sollte aber stets den Horizont des Möglichen im Auge behalten.
 
Hier der von mir angekündigte Beitrag einer meiner Töchter:

"Ich war 7 Jahre (2001-2007) bei der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau als "Teamerin" aktiv,d.h. ich habe Workshops und Veranstaltungen für die Teilnehmer:innen zwischen 16 und 26 Jahren aus aller Welt mit-organisiert. Ein wichtiger Teil waren die Gespräche mit Zeitzeug:innen, die alle Zuhörer:innen sehr bewegt haben. Die meisten Zeitzeug:innen, die zur Jugendbegegnung kamen,waren Opfer (z.b. Max Mannheimer, Aba Naor, Ernst Grube, Hugo Höllenreiner, Walter Joelsen), die wegen ihrer Herkunft oder politischen Haltung verfolgt und interniert wurden. Wir haben auch mit mutigen Frauen und Männern im Widerstand gesprochen (z.B. Marie-Luise Schultze-Jahn, Mirjam Ohringer und ihre Freundin Els). Selten haben uns auch "normale Deutsche" besucht und z.b. aus ihrer Zeit bei der HJ erzählt. Für alle Zeitzeug:innen war der Austausch mit den jungen Menschen auch eine Art "Gesprächstherapie" . Durch das Erzählen ihrer Geschichten wollten sie ihren Beitrag zu "Nie Wieder" leisten."
 
Nun gut, das was ich schreibe ist nicht nett: Wenn in diesem zitierten Beitrag "gegendert" wird, ist das der Aufklärung, Aufarbeitung und Auseinandersetzung nicht förderlich.

Niemand, wirklich niemand wird gerne auf ein Schiff mit unliebsamer Fracht verladen. Niemand unterstützt eine gute Sache, wenn nebenbei weniger gute Dinge im Schild geführt werden.

Hier entsteht der Eindruck, dass "Gendern" wichtiger ist als die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Das ist nicht eine Bagatelle, das ist fatal.
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Eine Geschichte am Rande: Mein Vater, Jahrgang 1924, war Kriegsteilnehmer. Er kam aus der Bündischen evangelischen Jugend, war ganz sicher kein Nationalsozialist. Er war bis Dezember 1944 in der Luftwaffe, lange Jahre in der Ausbildung, bis seine Einheit in Prag aufgelöst wurde und er im Januar 1945 zu den Hoch- und Deutschmeistern und mit ihnen zu den Kämpfen in Ungarn westlich des Plattensees kam und am 14.04.1945 in Radkersburg verletzt wurde.
Er hat ganz sicher nicht an Kriegsverbrechen teilgenommen. Dennoch ist in seinem Kriegstagebuch von den "mongolischen Horden" die Rede, als er einen Artillerieschlag gegen die im Morgennebel vorrückenden russischen Truppen leitete.

Ich hatte ihn dazu befragt. Er zeigte mir dann Flugblätter und Plakate gegen die Wiederbewaffnung und gegen den Koreakrieg. Er hatte die Initiativen unterstützt und später dann sich entschieden davon distanziert, als er die kommunistische Agenda erkannte.

Meine Lehre daraus: Wer überzeugen will muss integer sein. Früher sagte man: Lautere Absichten haben. Und ganz sicher eines nicht: Manipulieren wollen.

Und das ist das ganz große Problem der Aufarbeitung der Nazizeit geworden.

Kabarettisten und Schriftsteller haben in den 1950er und 1960er Jahren mit Spott, Gelassenheit, mit Salz und Pfeffer zur Aufklärung (und vor allem zur Bereitschaft der Gesellschaft sich aufklären zu lassen!) beigetragen. Ich habe großen Respekt vor dem was sie gesagt und geschrieben haben.
 
Zuletzt bearbeitet:
@Pardela_cenicienta, dein Beitrag ist nicht nur nicht nett, dein Beitrag ist unverschämt!
Meine Tochter gendert grundsätzlich immer wenn Sie etwas schreibt. Ich glaube nicht dass dies noch eine weitere Rechtfertigung bedarf. Nur soviel, wenn ihr die Aufklärung und ein Beitrag zu Aufklärung, Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen nicht wichtig gewesen wäre, hätte sie kaum 7 Jahre in der IJD verbracht.
 
Ihr Engagement habe ich nicht bestritten.

Aber das Thema des Diskussionsfadens ist "Warum ist die Aufarbeitung der Nazizeit gescheitert?". Ich bin mit der Tatsachenbehauptung des Titels nicht einverstanden und habe das auch schon mehrmals erläutert, ich halte die Aufarbeitung des Nationalsozialismus durchaus für gelungen.

Gründe für einen geringeren Erfolg dieser "Überzeugungsarbeit" (und als solches wird es oft gesehen) liegen aber zu einem nicht geringen Teil auf der Seite der Überzeugenden.

Wer überzeugen will, muss glaubwürdig sein und das Gespräch immer wieder auf das Eindeutige und Unbestreitbare lenken.

Mein Vater erzählte mir von einer Fahrt auf der rumpelnden Ladefläche eines britischen Lastwagens, der ihn und andere freizulassende Kriegsgefangene durch den Schutt des zerstörten Kölns fuhr. Ein mitgefangener Offizier sagte ihm: "Niemand wird mehr sagen die Heimat sei uns in den Rücken gefallen." Das war überzeugt, überzeugend und klar.

Vielleicht bin ich da ein gebranntes Kind. Ich habe noch die verlogene Unterstützung der deutschen Linken für die Vietcong erlebt, und das Totschweigen der Verbrechen der Khmer Rouge und der Kulturrevolution Mao Tse Tungs, die zum Tod von fast so vielen Menschen wie im ganzen 2. Weltkrieg geführt haben.

@Pardela_cenicienta, dein Beitrag ist nicht nur nicht nett, dein Beitrag ist unverschämt!
Nein, das ist er nicht.
 
Zuletzt bearbeitet:
Nein, das ist er nicht.
Doch, und wie er das ist! In einem früheren Post, wurde die Frage nach der Motivation der Zeitzeugen für ihr Engagement. Ich habe darauf hin meine Tochter gebeten hierzu kurz Statement abzugeben und auch kurz darzulegen warum sie dazu in der Lage ist. Das hat sie getan. Die Kernaussage ist: "Durch das Erzählen ihrer Geschichten wollten sie ihren Beitrag zu "Nie Wieder" leisten." Soweit so gut.
Du schreibst in deiner Antwort: "
Hier entsteht der Eindruck, dass "Gendern" wichtiger ist als die Verbrechen des Nationalsozialismus."
Bei mir ist keine Sekunde dieser Eindruck entstanden, ich kann auch überhaupt nicht verstehen wie man auf so eine absurde Idee kommen kann, aber dann setzt du noch eins drauf indem du schreibst: "Das ist nicht eine Bagatelle, das ist fatal." Und genau da wird es unverschämt!
Du scheinst ein massives Problem mit gendern zu haben und mit Menschen die sich so ausdrücken, daß gibt dir aber nicht das Recht diese Menschen zu diskreditieren. Versuche dir doch einfach vorzustellen, dass das ganz normale Menschen sind die sich halt einer anderen Ausdrucksweise bedienen und versuche nicht die Menschen in einen bestimmten Sack zu stecken. Stichwort, Toleranz .
Weiter schreibst du:
"Wer überzeugen will muss glaubwürdig sein und das Gespräch immer wieder auf das Eindeutige und Unbestreitbare lenken."
Aha und das bestimmst du, wie man das zu formulieren hat. Mein Tipp, nicht immer von sich auf andere schließen.
Weiter unten schreibst du noch: "Vielleicht bin ich da ein gebranntes Kind. Ich habe noch die verlogene Unterstützung der deutschen Linken.."
Den Eindruck habe ich auch, aber dann solltest du daraus die richtigen Schlüsse ziehen.. und obwohl es unerheblich ist, meine Tochter ist keine "Linke" auch wenn sie gendert.
 
Deine Tochter ist keine Linke, und wenn sie es wollte dürfte sie es ruhig sein.

Es geht um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und das was dabei nicht gut gewesen ist oder den weiteren Erfolg gebremst hat.

  • Eine frühzeitige Offenlegung der Parteimitgliedschaften wäre eine gute Grundlage für eine tiefgreifende Diskussuon von Schuld und Verstrickung gewesen.
  • Nicht "Whatsaboutism", sondern Aufzeigen der verbreiteten Toleranz gegenüber totalitärem Denken wäre hilfreich.
  • Es wäre gut gewesen, es hätte eine gesellschaftliche Diskussion darüber gegeben, warum Deserteure verfolgt, aber mörderische Richter und andere Täter in Amt und Würden blieben.

"Wer überzeugen will muss glaubwürdig sein und das Gespräch immer wieder auf das Eindeutige und Unbestreitbare lenken."
Aha und das bestimmst du, wie man das zu formulieren hat. Mein Tipp, nicht immer von sich auf andere schließen.
Nein, das bestimme ich nicht, wie man das zu formulieren hat.
Mein Tipp, nicht immer von sich auf andere schließen.

"Mein Tipp, nicht immer von sich auf andere schließen."
  • Das ist beleidigend und ausfallend im Ton.
  • Es gehört sich weder in einem privaten Gespräch noch hier im Geschichtsforum.
  • Ich habe weder Dich noch Deine Tochter angegriffen.
  • Wer mich kennt weiß dass ich vielleicht scharf formuliere, aber niemanden hier angreife.
  • Vielleicht ist Dein Punkt und Deine Kritik: "Man kann scharf und pointiert formulieren, und trotzdem daneben liegen."
  • Aber im Zusammenhang des Themas "Warum ist die Aufarbeitung der Nazizeit gescheitert?" ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit und auch die nach der Überzeugungsfähigkeit wichtig.
  • Und die bezieht sich nicht auf einzelne Personen, sondern vielleicht eher auf unterschiedliche Generationen. Und natürlich auf Tätergeneration und Enkel.
Und ich bin mir sicher, dass wir beide uns in vielen Ansichten sehr ähnlich sind und aufrichtiges Interesse an Gespräch und Auseinandersetzung haben. Bei allen Diskussionen und allem unterschiedlichen Stil hier ist der Konsens der Teilnehmer immer angenehm spürbar.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich sehe gerade, dass du deine letzten Post bearbeitet hast. Jetzt kann ich dir nicht mehr in allen Punkten zustimmen.
Ich finde nicht, dass meine Aussage: "Mein Tipp, nicht immer von sich auf andere schließen." beleidigt und ausfallend ist. Es war jedenfalls nicht so gemeint. Wenn das bei dir so angekommen ist, tut es mir leid.
Weiter hast du meine Tochter durchaus angegriffen indem du schreibst:
"Hier entsteht der Eindruck, dass "Gendern" wichtiger ist als die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Das ist nicht eine Bagatelle, das ist fatal."
Du schreibst selbst dass du scharf formuliert, das kann ich bestätigen. Aber denke doch mal darüber nach wie das bei anderen Menschen ankommt. Um Missverständnisse zu vermeiden, sage ich gleich dazu, diese Aussage soll nicht beleidigen sondern nur ein bisschen zum nachdenken anregen.
 
Eigentlich sagt es auch eine ganze Menge über den Zustand eines Landes, den Zustand einer Gesellschaft aus, wenn eine simple Kritik schon als Unverschämtheit empfunden wird.
Es hat aber @pardela doch gar nichts Despektierliches gesagt über @Mitlesers Tochter, die er ja nicht einmal kennt, deren Engagement er ja auch uneingeschränkt anerkennt.

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen lehnt Gendersprache ab. Einige halten sie nur für ein wenig eloquentes Gestammel, das immer wieder unfreiwillig komisch wirkt. Es handelt sich um eine künstliche Sprache, die von oben herab kam. Kaum jemand spricht im realen Leben so, und ein großer Teil der Bevölkerung reagiert darauf mittlerweile mit extremer Abneigung, empfindet es als extrem abgehoben und elitär.

Wenn man das doch weiß, dann frage ich mich immer, weshalb man es dann nicht einfach lässt.
Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache, ich frage mich immer, warum die Leute, die unbedingt Gender-Sprech durchsetzen wollen, die deutsche Sprache noch schwieriger machen wollen für Leute, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben.
Sie machen es schwieriger für Leute, die Deutsch erst noch lernen müssen, und sie machen es auch schwieriger mit ihnen selbst zu sprechen.

Wenn man eine Sprache benutzt, die von der überwältigenden Mehrheit abgelehnt wird, baut man, ganz unnötig, eine Barriere auf. Es werden viele Leute abgeschreckt. Leute, die auch Zeitzeugen waren, die vielleicht auch etwas zu berichten hatten, die aber vielleicht Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben, die sich vielleicht nicht gut schriftlich ausdrücken konnten.

Leute die nicht deutsche Muttersprachler sind, die vielleicht ohnehin lange Zeit geschwiegen haben, die verschlossene Austern sind, motiviert man ganz sicher nicht, ihre Erlebnisse weiterzugeben, wenn man sich schon rein sprachlich so verortet und positioniert, dass Gesprächspartner davon so abgeschreckt werden, dass sie jede Lust zu einem Gespräch bereits verloren haben, bevor ein Gespräch überhaupt zustande kommen kann.

Wenn man aus Zeitzeugen etwas herausholen will, ist unbedingt dazu Empathie nötig, da muss man sich auf gleicher Augenhöhe bewegen. Wenn mir jemand etwas anvertrauen soll, wenn ich ihn zum reden bringen will, muss ich mich auf eine Ebene mit ihm begeben, ich muss ein gewisses Vertrauen gewinnen.

Mit einer künstlichen Sprache, die abgehoben wirkt, erhöht man die Hemmschwelle, mit jemand zu sprechen, ich mache es schwieriger, mit mir zu sprechen, und ich wirke dadurch vielleicht selbst abgehoben und elitär, selbst wenn ich es gar nicht bin, und damit mache ich es unmöglich, auf Augenhöhe mit Zeitzeugen zu reden.

Ich fürchte, auf diese Weise verschenkt man viel Potenzial, denn am Ende werden nur die Leute mit einem sprechen wollen, die ohnehin Gegner des NS waren, die im KZ oder Strafbataillon waren, die ihre Geschichte vielleicht schon oft erzählt haben.

Es haben aber auch die "normalen Deutschen", die Mitläufer etwas zu erzählen. Ich würde sogar soweit gehen, dass man sich ihre Geschichten anhören muss, um wirklich zu verstehen, was der Nationalsozialismus war, auch was er nicht war.


Ja, @pardelas Kritik dass es vielleicht mehr um "Haltung" um politisch korrekte Sprache, um Gender-Sprache als um Aufarbeitung des NS geht, ist hart, ist unbequem, ist nicht nett. Aber es ist eine zulässige Kritik, und es ist auch keine boshafte, herabwürdigende Kritik.
Ich fürchte auch, dass @pardelas Kritik zumindest teilweise gar nicht so unberechtigt war, denn es räumte die Tochter ja durchaus ein:

Selten haben uns auch normale Deutsche besucht und z. B. von ihrer Zeit bei der HJ berichtet.

Kritik ist niemals wirklich willkommen, Kritik ist unangenehm, aber letzten Endes tun wir uns keinen Gefallen damit, dass wir lieber schweigen, dass wir immer diplomatisch, immer nett sein wollen. Zuletzt wacht man dann in einer Gesellschaft wie der unsrigen auf, einer heillos gespaltenen Gesellschaft, die so progressiv, weltoffen und tolerant geworden ist, dass sie über bestimmte Themen lieber gar nicht sprechen will und Widerspruch nicht mehr erträgt.
 
Eigentlich sagt es auch eine ganze Menge über den Zustand eines Landes, den Zustand einer Gesellschaft aus, wenn eine simple Kritik schon als Unverschämtheit empfunden wird.
Es hat aber @pardela doch gar nichts Despektierliches gesagt über @Mitlesers Tochter, die er ja nicht einmal kennt, deren Engagement er ja auch uneingeschränkt anerkennt.

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen lehnt Gendersprache ab. Einige halten sie nur für ein wenig eloquentes Gestammel, das immer wieder unfreiwillig komisch wirkt. Es handelt sich um eine künstliche Sprache, die von oben herab kam. Kaum jemand spricht im realen Leben so, und ein großer Teil der Bevölkerung reagiert darauf mittlerweile mit extremer Abneigung, empfindet es als extrem abgehoben und elitär.

Wenn man das doch weiß, dann frage ich mich immer, weshalb man es dann nicht einfach lässt.
Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache, ich frage mich immer, warum die Leute, die unbedingt Gender-Sprech durchsetzen wollen, die deutsche Sprache noch schwieriger machen wollen für Leute, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben.
Sie machen es schwieriger für Leute, die Deutsch erst noch lernen müssen, und sie machen es auch schwieriger mit ihnen selbst zu sprechen.

Wenn man eine Sprache benutzt, die von der überwältigenden Mehrheit abgelehnt wird, baut man, ganz unnötig, eine Barriere auf. Es werden viele Leute abgeschreckt. Leute, die auch Zeitzeugen waren, die vielleicht auch etwas zu berichten hatten, die aber vielleicht Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben, die sich vielleicht nicht gut schriftlich ausdrücken konnten.

Leute die nicht deutsche Muttersprachler sind, die vielleicht ohnehin lange Zeit geschwiegen haben, die verschlossene Austern sind, motiviert man ganz sicher nicht, ihre Erlebnisse weiterzugeben, wenn man sich schon rein sprachlich so verortet und positioniert, dass Gesprächspartner davon so abgeschreckt werden, dass sie jede Lust zu einem Gespräch bereits verloren haben, bevor ein Gespräch überhaupt zustande kommen kann.

Wenn man aus Zeitzeugen etwas herausholen will, ist unbedingt dazu Empathie nötig, da muss man sich auf gleicher Augenhöhe bewegen. Wenn mir jemand etwas anvertrauen soll, wenn ich ihn zum reden bringen will, muss ich mich auf eine Ebene mit ihm begeben, ich muss ein gewisses Vertrauen gewinnen.

Mit einer künstlichen Sprache, die abgehoben wirkt, erhöht man die Hemmschwelle, mit jemand zu sprechen, ich mache es schwieriger, mit mir zu sprechen, und ich wirke dadurch vielleicht selbst abgehoben und elitär, selbst wenn ich es gar nicht bin, und damit mache ich es unmöglich, auf Augenhöhe mit Zeitzeugen zu reden.

Ich fürchte, auf diese Weise verschenkt man viel Potenzial, denn am Ende werden nur die Leute mit einem sprechen wollen, die ohnehin Gegner des NS waren, die im KZ oder Strafbataillon waren, die ihre Geschichte vielleicht schon oft erzählt haben.

Es haben aber auch die "normalen Deutschen", die Mitläufer etwas zu erzählen. Ich würde sogar soweit gehen, dass man sich ihre Geschichten anhören muss, um wirklich zu verstehen, was der Nationalsozialismus war, auch was er nicht war.


Ja, @pardelas Kritik dass es vielleicht mehr um "Haltung" um politisch korrekte Sprache, um Gender-Sprache als um Aufarbeitung des NS geht, ist hart, ist unbequem, ist nicht nett. Aber es ist eine zulässige Kritik, und es ist auch keine boshafte, herabwürdigende Kritik.
Ich fürchte auch, dass @pardelas Kritik zumindest teilweise gar nicht so unberechtigt war, denn es räumte die Tochter ja durchaus ein:



Kritik ist niemals wirklich willkommen, Kritik ist unangenehm, aber letzten Endes tun wir uns keinen Gefallen damit, dass wir lieber schweigen, dass wir immer diplomatisch, immer nett sein wollen. Zuletzt wacht man dann in einer Gesellschaft wie der unsrigen auf, einer heillos gespaltenen Gesellschaft, die so progressiv, weltoffen und tolerant geworden ist, dass sie über bestimmte Themen lieber gar nicht sprechen will und Widerspruch nicht mehr erträgt.
Genau das waren auch meine Gedanken.
Ich habe es aber angesichts des Themas in diesem Strang gelassen, die Genderei zum Thema zu machen. Aber da es nun doch aufkam, möchte ich das nur unterstreichen, was du dazu gesagt hast.
Wir müssen zum Thema Aufarbeitung der NS-Zeit möglichst viele erreichen, und da ist Gendern absolut kontraproduktiv.
 
Moin

Bin erst gerade wieder online. So wie ich das verstanden habe, hat "MilL." seine Tochter zitiert!?
Wie die sich ausdrückt ( Gendern oder nicht) ist mir herzlich egal, solange es gut lesbar ist und ich nicht zu gleichem genötigt werde.
Letztlich geht es um den Inhalt des "Zitats" und der ist durchaus ein positiver Beitrag.
 
solange es gut lesbar ist
Ich mache um gegenderte Texte (sofern ich nicht beruflich genötigt bin, sie zu lesen) einen Bogen. Der Inhalt (der eigentlich gut und wertvoll sein mag) erreicht mich somit nicht.
Man kann natürlich sagen: Das ist mein Problem, nicht das des Verfassers. Aber zumindest falls ich nicht der einzige Mensch mit Aversion gegen gegenderte Texte bin, sondern es noch andere gibt, ist es sehr wohl auch ein Problem des Verfassers (dem es ja wohl um etwas geht), weil er (mit seinem an sich vielleicht guten und wertvollen Text) weniger Menschen erreicht als er könnte.
 
Ich mache um gegenderte Texte (sofern ich nicht beruflich genötigt bin, sie zu lesen) einen Bogen. Der Inhalt (der eigentlich gut und wertvoll sein mag) erreicht mich somit nicht.
Man kann natürlich sagen: Das ist mein Problem, nicht das des Verfassers. Aber zumindest falls ich nicht der einzige Mensch mit Aversion gegen gegenderte Texte bin, sondern es noch andere gibt, ist es sehr wohl auch ein Problem des Verfassers (dem es ja wohl um etwas geht), weil er (mit seinem an sich vielleicht guten und wertvollen Text) weniger Menschen erreicht als er könnte.
Ja, aber was genau störte dann am Text? Oder ist das ein prinzipielles Problem?
 
Wir müssen zum Thema Aufarbeitung der NS-Zeit möglichst viele erreichen, und da ist Gendern absolut kontraproduktiv.
und das Thema ist das Scheitern oder Nicht-Scheitern dieser Aufarbeitung.

Auch wer ein lobenswertes politisches Ziel verfolgt, muss sich nach seiner eigenen Agenda befragen lassen.

Wenn aber in unserer Gesellschaft ein deutlicher Ruck nach rechts anhand der politischen Entwicklungen und der absehbaren Machtverschiebungen erkennbar ist, stellt sich die Frage wie die weitere Aufarbeitung des Nationalsozialismus oder die Überzeugung auch dieses Teils der Gesellschaft möglich ist.

Auf der Ebene von Erlassen, Curricula, Förderung und Finanzierung kann jede Landesregierung im Rahmen der Kulturhoheit sehr weit und frei agieren.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wenn aber in unserer Gesellschaft ein deutlicher Ruck nach rechts anhand der politischen Entwicklungen und der absehbaren Machtverschiebungen erkennbar ist, stellt sich die Frage wie die weitere Aufarbeitung des Nationalsozialismus oder die Überzeugung auch dieses Teils der Gesellschaft möglich ist.
Sicher nicht mit dem üblichen Mittel des Schwingens der Nazi-Keule. Man hält wohl kaum jemanden davon ab, eine bestimmte Partei zu wählen, indem man ihm (obendrein recht von oben herab belehrend) erklärt: "Wenn Du diese Partei wählst, bist Du ein Nazi." Das führt vermutlich eher zu einer "Jetzt erst recht"-Reaktion.

Solange es Politiker gibt, die anscheinend ernsthaft glauben, sie könnten Menschen davon abbringen, bestimmte Parteien zu wählen oder bestimmte Ansichten zu haben, indem sie sie beschimpfen und bedrohen (statt sich einmal ernsthaft und ehrlich selbstkritisch damit auseinanderzusetzen, warum jahrezehntelang erfolgreiche Parteien plötzlich so massiv an Zuspruch verlieren), wird sich nichts ändern.

Solange sich große Teile der Bevölkerung von den Regierungen und den hinter ihnen stehenden Parteien unverstanden, ignoriert oder gar verachtet fühlen, solange sie das Gefühl haben, dass nicht in ihrem Interesse, sondern an ihnen vorbei oder gar gegen sie regiert wird, bringen alle Appelle, Verungimpfungen und Drohungen nichts oder sind sogar kontraproduktiv.
 
Zuletzt bearbeitet:
Sicher nicht mit dem üblichen Mittel des Schwingens der Nazi-Keule. Man hält wohl kaum jemanden davon ab, eine bestimmte Partei zu wählen, indem man ihm (obendrein recht von oben herab belehrend) erklärt: "Wenn Du diese Partei wählst, bist Du ein Nazi." Das führt vermutlich eher zu einer "Jetzt erst recht"-Reaktion.

Solange sich große Teile der Bevölkerung von den Regierungen und den hinter ihnen stehenden Parteien unverstanden, ignoriert oder gar verachtet fühlen, solange sie das Gefühl haben, dass nicht in ihrem Interesse, sondern an ihnen vorbei oder gar gegen sie regiert wird, bringen alle Appelle, Verungimpfungen und Drohungen nichts oder sind sogar kontraproduktiv.
Was aber andererseits trotzdem kein Grund ist solch eine "politische Richtung" zu wählen. Ich welche Richtung das führt sollte ja jedem klar sein.
Wenn das von der entsprechenden Wählerklientel so gewünscht ist, OK, aber dann sind diese Personen auch im entsprechenden Spektrum einzuordnen und zu bezeichnen.
 
Ich hatte das Beispiel meines Vaters erwähnt, der sich von der Friedensbewegung der 1950er Jahre abgewandt hatte. Zu recht.

Und wir sind Zeitzeugen der Ostermärsche, die im Rahmen der russischen Aggression gegen die Ukraine eindeutig die Interessen des Agressors vertreten haben.

Ich finde es bedauerlich, wenn die Aufklärung über den Nationalsozialismus torpediert wird, oder von den Aufklärern auf Grund gesetzt.

Dies ist um so bedauerlicher, als dass die Mechanismen der damaligen Manipulation und Transformation der Gesellschaft der 1920er und 1930er Jahre in der Masse der heutigen Gesellschaft nicht verstanden sind. Von schleichender wie auch unmaskierter Machtergreifung wären auch heute wieder alle überrascht.

Man muss sich bewusst machen, dass sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung manipuliert fühlt.
 
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