Deutsche Aktivitäten zur Herbeiführung des russisch-japanischen Krieges 1904

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von silesia, 17. Januar 2011.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Auch in Europa begann sich die Lage des Deutschen Reiches schleichend zu verdüstern; man bemerkte es nur nicht.

    Bülow führte im Januar 1902 im Reichstag aus, das man den Dreibund nicht mehr als absolute Notwendigkeit betrachte. Nun, das kam in Rom gar nicht gut an, auch wenn die Italiener mit den Franzosen die Beziehungen deutlich verbessert hatten, war man dort von der Notwendigkeit des Dreibundes überzeugt. Aber im Juni 1902 kam es zum Abkommen mit Frankreich, welches eine, wenn auch defensive, militärische Komponente gegen das Deutsche Reich enthielt. Für Italien entfiel damit der französische Druck.

    Österreich-Ungarn hatte sich 1903 mit Russland in Mürzsteger Abkommen einen freien Rücken verschafft.

    Die beiden Verbündeten, von jeden Druck befreit, gebärdeten sehr sich in den nächsten Jahren schon wie Feinde. Plötzlich war auch der Irredentismus in Italien wieder salonfähig. Es kam zu erheblichen Spannungen zwischen den Verbündeten.

    Des Weiteren übersah man in Berlin, das sich Italien eine Feindschaft zu Großbritannien definitiv aus wirtschaftlichen aber auch imperialistischen Gründen nicht leisten konnte. Deshalb verurteilte man auch die massive Herausforderung Großbritanniens in Form des Flottenrüstens durch das Deutsche Reich. Deutlich wurde das im Zuge der Marokkokrise Nummer 1. Die Italiener waren die ganze Zeit über gezwungen, im wohlverstandenen eigenen Interesse zwischen den Kontrahenten zu lavieren.
    Hier wurde durch das italienische Agieren deutlich, das Italien ganz sicher nicht dem Deutschen Reich gegen Großbritannien und Frankreich im Falle eines Falles militärisch zur Seite stehen würde.

    Nach der Krise gab es ernsthaft Überlegungen, den Dreibund aufzukündigen. Paris hätte sicher gejubelt gehabt.

    Afflerbach, Der Dreibund
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das meiste davon ist ja sogar zutreffend. Die Engländer wollten nicht eingreifen und man hatte sich ja schon einige Zeit zuvor mit den Franzosen darüber verständigt, die Kriegslust abzukühlen und nicht zu intervenieren. Darüber hinaus weigerten sich die Briten den Japanern in jeglicher Hinsicht finanziell zu unterstützen und auch an eine britische Vermittlung wurde nicht gedacht. Und die Konstellation war ja in der Tat sogar recht günstig, das Großbritannien sich gemäß den Ausführungen von Schatzkanzler Austen Chamberlain ein Krieg definitiv nicht leisten könne.



    Ein japanischer Sieg wäre den Briten gar nicht so unangenehm, denn es würde die russische Flotte materiell für einige Zeit schwächen und der russische Druck in Fernost würde ebenfalls für einige Jahre nachlassen. Beide Fälle sind eingetreten. Des Weiteren wurde der Two-Power-Standard von Selborne jetzt dahingehend interpretiert, das der britische Flottenbau nunmehr die Stärke der französischen und deutschen Flotte entsprechen müsse.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zutreffend war es, sozusagen als strategische Analyse.
    Der Hinweis sollte allerdings darauf gerichtet sein, dass mit diesen Versicherungen die russische Bereitschaft gesteigert würde, sich auf die Eskalation mit Japan einzulassen.

    Damit kam es weniger darauf an, was gesagt wurde, sondern welche Reaktionen mit diesen Informationszuträgen provoziert werden sollten. Und diese Informationsabsicht war offenbar auf eine Zuspitzung der Konfrontation gerichtet.

    Das Deutsche Reich hatte - nebenbei bemerkt - den Charakter des britisch-japanischen Vertrages offenbar zutreffend als "defensiv" gewertet. Aus britischer Sicht diente es einer Absicherung von Indien und der Herstellung des Flottengleichgewichtes in Fernost bei steigenden Flottenstärken der Großmächte "vor Ort". Die japanische Seite verstand darunter allerdings im starken Maße eine Art "Rückversicherungsvertrag" gegenüber Russland. Koloniale Ambitionen im Hintergrund, kam nun die Eskalation mit Russland nicht wirklich überraschend.

    Das ist die britische Sichtweise. Trotzdem war mit dem Kriegsausbruch die Frage offen, ob Großbritannien eingreift. Auch der japanische Seesieg war kein Automatismus und somit nicht einkalkulierbar.

    Wenn man das allein aus deutscher Sicht betrachtet, wäre vermutlich eine gegenseitige deutliche, japanisch-russische Schwächung der Flottenstärken in Fernost das optimale Ziel.
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zustimmung.
    Indien wurde aber erst bei der ersten Verlängerung des Vertrages mit abgesichert. Großbritannien hat den Vertrag durchaus defensiv verstanden; bei Japan habe ich so meine Zweifel. Jedenfalls hatte , durchaus auch nicht überraschend, nach der russischen Niederlage Japan als Bündnispartner für die Briten zunächst eindeutig vor den Russen Priorität. Und das Deutsche Reich hatte die britischen Intentionen wirklich missverstanden; die britische Seite, Landsdowne einmal ausgeklammert, hatte aber auch kein Verständnis für die deutschen Anliegen. Das Nichtverstehen waren gegenseitig
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die "indische Klausel" hat ihre Historie, der Vertrag war aus Sicht GBs tatsächlich immer - von Anfang an - auch darauf ausgelegt.

    Japan würde ich auch eher offensive Ambitionen unterstellen, ganz Deiner Meinung.
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Hapag belieferte die Russen mit allerhöchster Billigung.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Stimmt genau. Die deutsche Außenpolitik hat sich in volle Bewusstsein zwischen alle Stühle gesetzt.
    Großbritannien hat ja bekanntermaßen ab 1898 Bündnisfühler in Richtung Berlin ausgestreckt. Ab Februar 1902 wurde, unter Ausschluss des Kaisers, Ostasien zum Gegenstand der Gespräche. Das waren praktisch Dreiecksgespräche, denn Japan legte zum damaligen Zeitpunkt sehr großen Wert auf ein Bündnis mit London und Berlin.

    Die Männer der Wilhelmstraße meinten aber sich nicht binden zu müssen bzw. zu wollen. Auf der einen Seite wollte man es sich nicht mit den Russen verderben, denn die Speerspitze eines solchen Bündnisses wäre klar gegen Petersburg und seine Ambitionen in Bezug auf Korea und der Mandschurei gerichtet gewesen und auf der anderen Seite meinte man, die Zeit würde für das Deutsche Reich spielen.

    In Berlin wollte man eine globale Zusammenarbeit und einen Anschluss Londons an dem Dreibund. Eine ziemlich naive Wunschträumerei.

    Die Profis des Foreign Office durchschauten das Spiel der Deutschen und stellten ihre Bemühungen alsbald ein. Die japanischen Diplomaten verfügten damals noch nicht über die intellektuelle Geschliffenheit ihrer britischen Kollegen, denn sonst wäre Außenminister Kato nicht den Deutschen noch weiter hinterherlaufen. Er hatte das deutsche Lavieren einfach nicht verstanden.

    Mit der deutschen Weltpolitik war es in Fernost schon bald nach Beginn auch wieder vorbei. Hatte man 1898 für die "Pachtung" Kiautschous und Umland mal eben etwas über vier Monate benötigt, braucht man später für die Genehmigung der Tientsin-Pukow Bahn über 4 Jahre. In Berlin wurde nämlich permanent der Abzug der deutschen Truppen, nach Niederschlagung des Boxeraufstandes, gefordert. Auch der Rückzug der 2.Panzerdivision machte auf die Chinesen und den anderen Großmächten keinen sonderlichen guten Eindruck. Deutschland war nicht mehr in der Lage seine Interessen durchzusetzen. Es fehlten die Schutz-und Pressionsinstrumente. Die deutsche finanzielle Lage war durch den Flottenbau äußerst angespannt und nötigte zum Rückzug.

    Und die Briten werden sich auch ihren Teil gedacht haben, das die Deutschen ihre Einheiten lieber in der Nordsee stationieren, als in Fernost ihre Interesse zu waren. Das wurde als Bedrohung wahrgenommen.

    Und mit den Amerikanern wurden die Zusammenarbeit bedingt durch die Venezuelakrise auch nicht eben erleichtert.

    In Ostasien wäre ein regionales Bündnis mit Japan und Großbritannien wohl möglich gewesen und wer weiß, was daraus sich hätte entwickeln können.

    Stattdessen kam es 1902 zu einen separaten Bündnis zwischen Japan und Großbritannien und später mit Frankreich und noch später mit Russland.
     
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Folgen des russisch-japanischen Krieges war für das Deutsche Reich fatal. Den Japanern ist durchaus nicht entgangen, wem Wilhelms Sympathien galten.

    Die Japaner haben aus ihrer Sicht zu überstürzt Frieden geschlossen, jedenfalls war der Friede innenpolitisch umstritten. Man war nicht zufrieden. Japan setzte die Russen unter Druck, die in Ostasien schon praktisch vollständig demobilisiert hatten; nur einen neuen Krieg konnten die Japaner auch nicht vom Zaune reißen, da hierzu das Geld fehlte

    Und einer der Eckpfeiler für Iswolskis westorientierter Außenpolitik war ein Arrangement mit Japan. Ohne diesen kein Interessenausgleich mit England.

    An dieser Stelle kam Frankreich ins Spiel. Es verfügte im Gegensatz zu London das erforderlich Kapital für Japan und setzte sich gewinnbringend für Russland ein. Die Japaner waren bereit über Shimonoseki hinwegzusehen und gingen auf Frankreich zu.

    Jetzt ging alles ganz schnell. Schon im Juni 1907 schlossen Frankreich und Japan ein Abkommen, welches gegenseitig den Territorialbestand in Ostasien sicherte.

    Am 30.07.1907 schlossen die Japaner mit den Russen ab und beseitigen ihre Streitigkeiten.

    Am 31.08.kam die Konvention zwischen Russland und England zustande.

    Die Situation in Ostasien hatte sich für das Deutsche Reich erheblich verschlechtert; man war auf die USA verwiesen. Aber auch weltpolitisch sah es ganz und gar nicht sonderlich gut aus.

    Irgendwie schon merkwürdig, das gerade die Bedeutung von Ostasien in der Literatur doch relativ zu kurz kommt.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die ostasiatischen "Konstellationen" hatten sicher erhebliche Bedeutung oder sogar eine "Rückschlagwirkung" auf die europäischen Mächtekonstellationen, sowohl Bündnisfragen als auch der Krieg 1904/05 mit einer geostrategischen Rückorientierung Russlands auf die Balkanpolitik.

    Ich bin aber skeptisch, ob eine alternative Bündnisentwicklung in Fernost in Richtung D/JAP eine denkbare Option war. Deutscherseits wurde daran sicherlich immer wieder gedacht, aber die Frage nach den Möglichkeiten bestimmt sich eher aus der japanischen Sicht.

    Dazu gibt es ja reichlich Literatur, speziell mit Bezug auf Japan.

    Wir haben das mal hier breit diskutiert:
    http://www.geschichtsforum.de/f58/japan-und-das-deutsche-reich-23259/

    Mit dem Bündnis GB/JAP setzte sich eher die logisch größte "Anziehungskraft" durch. Das Deutsche Reich hatte bündnispolitisch JAP wenig bis nichts zu bieten:

    1. Japan suchte eine Rückversicherung gegen Russland: FRA kann man dabei streichen, das DR würde keinen Krieg in Ostpreußen und Westpolen wegen "Korea/China" riskieren, und flottenseitig (der entscheidende Faktor in Fernost, sowohl im Pazifik als auch bzgl. der asiatischen Reiche) hatte es dauerhaft nichts zu bieten.

    2. GB wäre aus japanischer Sicht schon wegen Indien und China der strategisch logische Eindämmungspartner für Russland gewesen, die Aspekte der Konfrontation im Great Game 1885/1907 sind hier schlagende Argumente.

    3. Der Konfrontationspunkt Shimonoseki 1895 war nie aus japanischer Sicht "vergessen". Nicht ohne Sinn wählte Japan für das Ultimatum 1914 gegen das DR einen ähnlichen Text. Hinzu kam, dass sich das DR in seinen schmalen chinesischen Interessen ausgerechnet in Nordchina/Kiautschou breitmachte, was divergierende Interessen für japanische Ziele und aus japanischer Sicht zementierte.

    Der Grundaussage widerspricht nicht, dass man quellenseitig immer mal wieder japanisches Nachdenken über das DR findet (wäre eher erstaunlich, wenn nicht), dass es Gruppen etc. gab, die germanophil geprägt waren, dass man Rüstungsgüter bezog oder sich darum bewarb etc. Diese Gedanken oder Personen hatten jedoch mE nie eine realisitische Chance (außer in deutschen außenpolitischen Phantasievorstellungen), in Form gegossen zu werden und Wirkmacht zu entwickeln.

    Eine Trendwende hätte sich evt. bei japanischem Machtzuwachs ergeben, so wie es sich mit dem Zauberlehrling und Musterschüler Japan nach dem Ersten Weltkrieg zu Großbritannien tatsächlich entwickelte. Da waren die alten Konstellationen auf den Kopf gestellt, und Japan die drittgrößte Seemacht mit raumgreifenden imperialen Vorstellungen nach Südostasien und auf dem asiatischen Festland, während Russland zunächst als asiatischer Player ausfiel. Das ist aber mit der Situation vor 1914 nicht zu vergleichen.
     
  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Wie schätzt du die schweren Spannungen zwischen Japan und den USA und die Ernsthaftigkeit japansicher Bündnisabsichten ab 1906/07 ein? Es gibt irgendwo die Aussage, frage mich jetzt aber bitte nicht genau wo, das Katsura das Folgende ausgeführt hätte, nämlich das Japans Bündnissystem ohne eine entsprechende Vereinbarung mit Berlin unvollständig wäre.

    Das muss natürlich vor den belasteten Beziehungen zu den USA gesehen werden.

    Das Deutsche Reich war aber nach 1907 m.E. nach eher auf die USA verwiesen, um diese ggf. auch gegen den Viererblock, wie brüchig dieser auch gewesen sein mag, in Stellung zu bringen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2015
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn man von der Dominanz strategischer Gemeinsamkeiten und/oder Konflikte ausgeht, kann man dem keine Chancen einräumen.

    Der japanische Imperialismus hatte von 1894 bis 1945 zwei Hauptstoßrichtungen:

    1. den asiatischen Kontinent China/Mandschurei/Korea
    2. die "south seas" mit den pazifischen Inselgruppen (und bereits vor 1914 Aspirationen Richtung Südostasien).

    In beiden Fällen ergibt sich keine Nützlichkeit eines Bündnisses mit dem Deutschen Reich, eher im Gegenteil.

    - für die pazifischen Inselgruppen, von Japan als heimisches Hinterland angesehen, und von japanischerseits eingeschätztem hohen Wert für das Fernhalten/Abschneiden der USA vom Raum China/Philippinen stand das Deutsche Reich eher im Wege, nachdem es sich diesen Raum - der im Fokus der japanischen Marine als einem Faktor der Außenpolitik stand - von Spanien angeeignet hat und sich sozusagen zwischen die potenziellen Konfliktparteien USA/Japan setzte, ohne diesen Raum mit Machtentfaltung füllen zu können.

    - mit dem Vertrag von Portsmouth 1905 und der Abkommensserie 1907/10/12 zwischen Japan und Russland war absehbar jede Notwendigkeit entfallen, sozusagen einen Partner "im Rücken Russlands" zu gewinnen. Ohnehin wäre dieser Partner von zweifelhaftem Wert gewesen, russische Divisionen in Ostpreußen für japanische Ambitionen in Korea und auf Sachalin und Kamtschatka zu riskieren (vom seinerseitigen "backing" durch Frankreich ganz abgesehen).

    "Nützlich" waren höchstens ordentliche Beziehungen, die ein paar Rüstungslieferungen und ökonomische Verhältnisse garantieren.
     

Diese Seite empfehlen