Die Außenpolitik im Kaiserreich: Vergleich Bismarck u. Wilhelm II

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Kuhni Kühnast, 24. Juni 2006.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Um nochmal eine Gefechtskehrtwendung zum Thema hin zu versuchen: Außenpolitik.


    Als Churchill im Oktober 1913 in einer Rede vor "liberal women" Verhandlungen andeutete, sprach Wilhelm II. von einem glorreichen Triumph für Tirpitz, eine brilliante Rechtfertigung für den Flottenbau. "England kommt auf uns zu, nicht trotz, sondern wegen meiner Kaiserlichen Marine." (nach Massie)

    Der Enthusiasmus als Reaktion auf das Programm greift mit wenigen Worten die langfristige Erwartung auf, die oben angesprochen war. Ähnlich war zuvor die britische Maßnahme als "Sieg" gewertet worden, die schweren Einheiten der Mittelmeerflotte zur Home Fleet zu ziehen und die Sicherung im Mittelmeer Frankreich zu überlassen (wobei die dadurch dokumentierte engere Bindung an Frankreich völlig ausgeblendet wurde).

    Politischer Autismus?

    ________________
    Der 2:1- Anspruch wurde übrigens 1912/13 von GB indirekt aufgegeben. Die Flotte müsse vielmehr künftig in der Lage sein, mit ihrem jeweiligen durchschnittlichen Bestand dem Gegner entgegen zu treten, der Ort und Zeitpunkt auswählen könne (anläßlich der Überführung der Schlachtschiffe aus dem Mittelmeer. Das ist mehrdeutig: als versteckte politische Komponente in diesem Zusammenhang könnte man darunter auch die langfristige Bindung an Frankreich verstehen.
     
  2. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Also ich würde es so interpretieren, daß dieses enorme Wettrüsten zur See die Briten geldmäßig gesehen an den Rand des machbaren brachte, so wie in Deutschland auch.
    Hinzu kommt, dass die einzelnen Typen von Großlinienschiffen die seit 1906 gebaut worden sind, immerwieder einen Entwicklungsschritt durchführten, der die Vorgängerklasse mehr oder weniger entwertete. So war früher oder später die quantitative Vormachtstellung der Royal Navy aufgebraucht, wenn das Einheitsschlachtschiff in seiner Konstruktion erreicht war. So mit der Queen Elisabeth-Klasse oder in Deutschland die Bayern-Klasse, deren Konstruktionszeit um 1913 lag.
    Andere Seemächte konnten nun diese gewonnen Erkenntisse im Kriegsschiffbau umsetzten, ohne dieses kostspielige "Experimentieren" duchrführen zu müssen.
    Um hier Kosten zu sparen, wäre es doch sinnvoll, von britischer Seite her, ein Ende des Seerüstens zu erringen. Dies würde in diesen Sinne nicht nur gegen die deutsche Seerüstung gehen, sondern für die weiter Seemachtstellung Großbritanniens wichtig sein.
    Natürlich ohne das Wissen, über einen baldigen Kriegsbeginn, versteht sich.

    Nach dem Krieg konnte Großbritannien zwar nicht mehr die alleinige Vormachtstellung zu See halten, aber mit den Washingtoner Verträgen konnte es per Papier gesichert werden, ohne wildes Wettrüsten.
     
  3. Köbis17

    Köbis17 Gast



    Welches Verhältnis soll hier aufgegeben worden sein?


    Für Deutschland war gerade dieses Verhältnis ein wichtiger Faktor im Bereich der Flottenrüstung und der Außenpolitik in Richtung Großbritannien.

    Ein Beispiel dafür, wie das RMA seine Vorschläge den sich wandelnden innen- und außenpolitischen Umständen anpaßte, um das Stärkeverhältnis von 2:3 zu sichern, findes sich im Jahr 1909. Am 25.12.1908 warf Bülow zum ersten Mal die Frage auf, ob man das vorübergehende "Vierertempo" nicht doch wieder um ein Schiff pro Jahr kürzen sollte, um die Beziehungen zu Großbritannien zu verbessern. Am 4. Januar drohte Tirpitz mit seinem Rücktritt, so daß Bülow die Idee eine Woche später fallen ließ. Am 20.Januar reagierte Tirpitz auf die für sein Bauprogramm bedrohliche Lage mit dem Vorschlag, ein auf zehn Jahre befristetes Abkommen mit Großbritannien zu schliessen, dessen Grundlage die Baurate von Großkampfschiffen in einem Stärkeverhältnis von 3:4 bilden sollte.
    Tirpitz wiederholte diesen Vorschlag in einer Unterredung am 3.April mit Wilhelm II., welcher die Idee noch am gleichen Tag Bülow wärmstens empfahl.
    Bülow jedoch hielt den Vorschlag für sehr gefährlich und die Flottenpanik, welche in diesen Jahr die britische Öffentlichkeit erfasste, stimmte auch Tirpitz skeptisch, was die Erfolgschancen dieses Vorschlages anbelangte.

    Quelle: Maritimer Imperialismus; Rolf Hobson S 277; Quelltext 36
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hobson stellt die deutsche Entwicklung dar.

    Mein Beitrag bezog sich ausschließlich auf die britische Sicht kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, und ich sehe darin eine Aufweichung des Two-Power-Standard (und nicht nur auf die USA bezogen).
    Näheres laut Massie, Dreadnought.

    Two-Power-Standard ? Wikipedia
    http://query.nytimes.com/mem/archiv...91731E233A25753C2A9649D946997D6CF&oref=slogin

    Hierzu:
    ging es nur um die angenommene Zielerreichung, ableitbar an der Äußerung Wilhelms II., quasi der Bogenschlag zum Beginn des Flottenplans.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Oktober 2008
  5. Köbis17

    Köbis17 Gast

    @silesia, dies war mir schon klar und Du meinst jetzt bestimm "vor Ausbruch des 1.WK" oder?

    Die Briten gaben aber ihr Verhältnis nie auf, da spätestens nach dem Dreadnought Sprung, Frankreich wie auch Russland aus dem Rennen der Seerüstung waren.
    Somit hatte der Grund für die Flottenplanung in den 90igern bei den Briten wohl keinen Bestand mehr, da sich durch die neue Außenpolitik Großbritanniens zu Frankreich und Russland hin, auch keine Notwenigkeit mehr der Two-Power Standart ergab.
    Kurz vor dem 1.WK zählte das Verhältnis zur deutschen Marine, darum wurde auch das Groß der Linienschiffe in der Home Fleet versammelt.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ooops, schon korrigiert.


    Natürlich. Mir ging es dann um die deutsche Reaktion auf diese Aufweichung und die damit nicht aus dem Blick gerutschte Phasenbetrachtung während/nach Umsetzung der Flottenrüstung, siehe Zitat.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nicht ganz uninteressant ist auch die folgende Entwicklung:

    Noch Ende 1912, ich glaube es war der so genannte große Kriegsrat, meinte Wilhelm noch, anläßlich des Berichts von Lichnowsky aus London über dessen Unterredung mit Haldane, das Ziel, Großbritannien würde sich zu einem für Deutschland akzeptablen Agreement bereitfinden, zusammengebrochen. Wilhelm war stinkesauer auf Bethmann. An dieser Besprechung mit Bethmann nahm auch die Admirale Tirpitz, Heeringen und Müller teil.Tirptiz erhielt Weisung mehr U-Boote zu bauen.

    Am 13.01 1913 berichtet Lichnowsky: "Man achtet uns, man schätzt, man überschätzt uns vielleicht, das man geneigt wäre Furcht zu nennen, geht das Bestreben hervor, uns einzuengen, nicht aber die Lust uns zu bekriegen. Dazu sind die gemeinsamen Interessen zu groß, die wirtschaftlichen Verbindungen zu eng und bedeutend, die materiellen Verluste eines siegreichen Krieges zu empfindlich."(1)

    Am 26.01.1913 schrieb Lichnowsky an Bethmann: "So wie die Sachen heute stehen, erblicke ich kaum die Möglichkeit einer friedlichen Lösung, da jede Verständigung ausgeschlossen scheint. Die deutsch-englischen Beziehungen, auf die so vieles ankommt, sind seit Jahren nicht so freundlich gewesen wie heute (Unterstreichung von mir), doch alles würde dahin sein von dem Augenblick an, wo wir mit Frankreich einen Krieg anfangen.(2)


    Oktober 1912 hat Wilhelm seine militärischen Spitzen , Bethmann und Kiderlen-Wächter auf dem Jagschloß Hubertustock zusammengerufen. Wilhelm hat die ernsthafte Ansicht vorgetragen, das sich das militärische Stärkeverhältnis immer mehr zu ungunsten des Dreibundes entwicken würde und dass das Heer verstärkt werden muss. Ich weiß jetzt nicht, wie weit er da auf Zustimmung gestossen ist. Aber im März 1913, wurde dann dem Reichstag eine entsprechende Heersvorlage präsentiert. Begründet wurde diese Vorlage dann interessanterweise mit der "Slawengefahr." Das dürfte mit großer Sicherheit im Ausland, vor allem weiter in Richtung Russland, entsprechende Aufsehen erregt haben.

    Bei Bethmann könnte der Aspekt eine Rolle gespielt haben, Tirpitz seine Flottenpläne zu sabotieren, um das deutsch-britische Verhältnis bei der seinerzeit freundliche Stimmung keiner Belastung auszusetzen, während der Kriegsminster bei dieser umfassenden Verstärkung sich beträchtliche Sorgen um die Qualität machte.


    (1) Lichnowksy an das AA, 13.01.1913
    (2) Lichnowsky an Bethmann am 26.01.1913
     
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  8. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Robert K. Massie (Die Schalen des Zorns: Großbritannien, Deutschland und das Heraufziehen des Ersten Weltkriegs. Frankfurt: Fischer 1991, S. 704) schreibt, Tirpitz habe am 6. und 7. Februar 1913 in Erklärungen vor dem Haushaltsausschuss des Reichstages das von Churchill postulierte "60-Prozent-Verhältnis", bezogen auf die Zahl der Schlachtschiffgeschwader, praktisch anerkannt.

    Ein Zeichen von "marine-seitiger" Resignation? Grey bewertete das eher als den Versuch, von der deutscherseits betriebenen Verstärkung des Heeres-Etats um 50 Mio abzulenken. Churchills Reaktion bestand in dem - ebenfalls anläßlich von Haushaltsberatungen vorgetragenen - Vorschlag des sog. "Flottenurlaubs": In einer Art Moratorium könnten sich die beiden Großmächte verpflichten, ein Jahr lang keine neuen Großkampfschiffe zu bauen - das würde enorm Geld sparen! [Siehe Köbis17 in #165.] Lichnowsky versicherte daraufhin seinem Vorgesetzten, Staatssekretär des Äußeren Jagow, "er werde alles tun, um einen offiziellen britischen Vorstoß [in Richtung des "Flottenurlaubs"] zu verhindern.

    Die Sache war offenbar zu dieser Zeit schon verfahren.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was rede ich denn, :weinen:
    und bemühe mich um "Dreadnought", Castles of Steel: Britain, Germany, and the Winning of the Great War at Sea, und um den Hinweis auf die "durchschnittliche" Stärke.


    Schalen des Zorns klingt natürlich besser. ("Die Schalen des Zorns waren voll" ...Winston Churchill, oder Offenbarung 16,1)
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Oktober 2008
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ups, was schreibe ich denn.. :rotwerd:
    Mir hatte es weniger die "Schale" als der "Flottenurlaub" angetan - wie heißt denn das im Original? - sowie die Erkenntnis, dass die meisten der maßgeblich Handelnden die Gefangenen ihrer eigenen Doktrinen geworden waren.

    Lichnowsky und andere hatten Angst, dass die englische Regierung offiziell ein solches Moratorium vorschlagen könnte - aber warum? Kann man z. B. sagen, dass es damals schon so etwas gab wie den "wirtschaftlich-militärisch-politischen Komplex"? Massie deutet das ein wenig an, und auch den Unterschied zwischen den englischen Liberalen, die für Rüstungskürzungen (und damit niedrigere Steuern) waren, und den deutschen, deren Gros bereits den historischen Kompromiß mit den Konservativen gemacht hatte und wie diese den kommenden großen Krieg als unvermeidbar ansah.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    "Holiday on naval spending" - might seem attractive, Massie, S. 830.


    Die Übersetzung ist also verkürzt. Im Auszug der Churchill-Rede sind "holidays" nicht genannt. Nach der deutschen Sichtweise brauchten die überlasteten britischen Werften holidays on naval spending.
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Der britische Premier Asquith hat im März 1913 im Unterhaus ausgeführt, das es eine irrige Behauptung sei, dass England im Falle eines kontinentalen Krieges verpflichtet sei, eine größeres Truppenkontingent auf das Festland zu werfen. (1) Man kan sich kann sich lebhaft die Reaktionen, ja die Bestürzung in Paris vorstellen. Aber wie Lichnowsky schon im Januar 1913 mitteilte, waren die deutsch-britischen Beziehungen zu jenem Zeitpunkt recht gut. Wilhlm II. war mit Sicherheit entzückt, als er Kenntis von dieser Rede bekam.


    Wilhelm hat diese Wahlkamprede von Chruchill, die er in Dundee gehalten hat, nicht verstanden, im Gegensatz zu Bethmann, Lichnowsky, Kühlmann oder Kühlmann. Churchill hat die besseren Beziehungen zu Deutschland auf ein Gefühl der Sicherheit in Folge der britischen Marinerüstungen zurückgeführt. Er hat Churchills Angebot, beide Länder sollten einen Rüstungsstopp verbindlich vereinbaren, wohl einfach nur als Schwäche empfunden und sah sich und Tirpitz grandios bestätigt.Den Vorschlag Churchills hat Wilhelm selbstverständlich großzügig abgelehnt.
    Frei nach dem Motto, jetzt erst recht.

    Bethmann vertrat hingegen die Linie einer Annäherung an Großbritannien und war sehr zufrieden mit der damaligen Besserung der Beziehungen. Nur konnte sich Bethmann mit seinen Kurs gegen Wilhelm nicht durchsetzen. Wo das geendet hat, ist bekannt.



    (1) Röhl, Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund, S.1050, Nördlingen 2008
     
  13. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Also wenn ich dass mal alles in kurzen Worten Zusammenfassen darf, hat man auf deutscher Seite, wie auch auf britischer Seite das Wettrüsten zur See auf innenpolitischer Ebene so hochgepuscht, das die Öffentlichkeit von diesen Wettstreit beeinflußt wurde. Gerechtfertigt wurde die enorme Aufrüstung zur See, u.a. mit dem Schutz der Handelswege, sowie der Kolonien in Übersee und Afrika, vor allem in Deutschland (Stichwort Platz an der Sonne)sowie Großbritannien (Naval Defence Act; ab den 90igern wurde die Kreuzerflotte extrem ausgebaut). Das Tauziehen um koloniale und imperale Einflußsphären vor allem in Afrika bewirkte das die öffentlichen Meinung der europäischen Staaten unberechenbar nationalistisch aufgeheizt wurde.

    Zum Beispiel die zweite Marokkokrise 1911:
    In Deutschland feierten antibritische Ressentiments ihre Hochzeit, da England in der Marokkoangelegenheit den Franzosen beistand. In London kursierten im Juli Gerüchte, die deutsche Hochseeflotte, die zu gemeinsamen Manövern mit Teilen der britischen Home Fleet in norwegischen Gewässern verabredet war, würde stattdessen über die Royal Navy herfallen (MASSIE, Schalen des Zorn, 611).

    Die Politiker und Militärs hatten also durch das Wettrüsten zur See die Bevölkerung, also die innenpolitische Lage in den Strudel des Wettrüstens und des Wettstreits unter den Völkern eingebracht der sich in extremen Nationalismus äußerte und zudem eine wichtige Komponete für den Volkskrieg war, und wollten nun auf außenpolitischer Ebene diese Wettrüsten zur See stoppen? Wie passt das zusammen und wie sollte dies funktionieren?
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zur Marokkokrise Teil 2:

    Hier ist zu konstatieren, das diese Krise von Alfred Kiderlen-Wächter, Staatssekretär des AA, ganz bewußt prvoziert worden ist. Kiderlen-Wächter ging es hier um eine gezielte Machtdemonstration, insbesondere gegenüber Frankreich.

    Aber Bethmann und auch Wilhelm waren über Kiderlen-Wächter vorgehen ganz und gar nicht amüsiert. Wilhelm wollte auf keinen Fall neue Verwicklungen mit Frankreich wegen Marokko. Kiderlen-Wächter hat dem Kaiser dermaßen zugesetzt, er argumentierte mit einen diplomatischen Erfolg und die positiven Rückwirkungen auf die außenpolitische Lage des Reiches, das dieser dann widerwillig nachgab. Wilhelm war hier also nicht der Motor der Entwicklung, sondern der Getriebene.

    Später war dann in der deutschen Öffentlichkeit die Meinung verbreitet, das die "schlappe" Haltung des Kaisers für den Ausgang der Marokkokrise Teil 2 verantwortlich zu zeichnen habe.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2008
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Gute Frage und nicht einfach zu beantworten. Ich will es versuchen.

    In Deutschland gab es, nach dem desaströsen Ausgang der Krise um Marokko Teil 2, in der Reichsleitung zwei Fraktionen, die sich gegenüberstanden. Auf der einen Seiten standen Wilhelm und Tirpitz und auf der anderen Bethmann und das AA.

    Tirpitz wollte den Ausgang der Marokkokrise wieder einmal für den Flottenbau instrumentalisieren und gleich eine entsprechende Flottennovelle im Reichstag einbringen. Wilhelm billigte dieses Vorgehen. Tirpitz und Wilhelm wollten jetzt erst recht den Flottenbau forcieren, damit Großbritannien endlich "kommen würde."

    Bethmann und das AA waren sich wohl darüber im Klaren, das sie die Flottennovelle nicht mehr würden verhaindern können, aber der Novelle sollte wenigstens die Zähne gezogen werden. Bethmann wollte von seiner Politik gegenüber Großbritannien noch retten, was zu retten war. Er hatte nämlich von Metternicht, deutscher Botschafter in London, Informationen dahingehend erhalten, das eine neue Flottenovelle nicht den Beziehungen zwischen beiden Ländern dienlich sei.

    Aber auch die Lage im Inneren gab hinlänglich Gründe für einen Stopp oder zumindest einer Beschränkung des Flottenbaus her. Denn Deutschland befand sich wirtschaftlich auf Talfahrt. Es herrschte eine große Arbeitslosigkeit. Die "einfachen" Menschen in Deutschland hatten ganz andere Sorgen und Nöte, beispielsweise um die Brotpreise, die Sorge um den Arbeitsplatz, echte Existenzängste halt, als die Flottenaufrüstung und einen Krieg gegen England.

    Des Weiteren war das Deutsche Reich knapp an Kapital, denn die ausländischen Kapitalmärkte und Börsen waren nicht mehr so weiteres bereit, vor allem wenn sie meinten das eigene nationale Interessen tangiert wurden, Kapital bereit zu stellen. Dafür hat schon die britische Regierung im Verbund mit der mächtigen Londoner Börse gesorgt.

    Albert Ballin, deutscher Reeder, und Sir Ernest Cassel , ein britischer Bänker,ist es dann in dieser Situtation gelungen, der britischen Regierung die enormen wirtschaftliche Vorteile der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland überzeugend darzustellen. Auch in Großbritannien wurde das irrsiniige Wettrüsten als ruinös betrachtet. Die britische Regierung machte der deutschen also ein entsprechendes Angebot. Lord Haldane wurde beauftrag dies der deutschen Reichsleitung vorzustellen. Wilhelm hat glatt abgelehnt. Im Oktober 1913, als Churchill erneut eine Einigung ablehnte, fühlte sich Wilhelm in seiner Politik des ständigen Aufrüstens bestätigt und feierte dies als Sieg von Tirpitz. Wo das ganz denn hinführte, ist ja bekannt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2008
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  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    :D
    Hier hat der Fehlerteufel zugeschlagen. So, jetzt sollte es stimmen.

    Im Oktober 1913, als Churchill erneut eine Einigung vorschlug, fühlte sich Wilhelm in seiner Politik des ständigen Aufrüstens bestätigt und feierte dies als Sieg von Tirpitz. Wo das ganz denn hinführte, ist ja bekannt
     
  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Wilhem hat mit seiner "unendlich großen Meisterschaft in der Diplomatie" dann auch schon, bevor Haldane über in Deutschland war, in einer Thronrede die neue Flottennovelle angekündigt.

    Den Deutschen, beser gesagt Wilhelm und Tirpitz, ging es dann um eine politische Übereinkunft mit Großbritannien, Fortschritte in der Frage des Kolonialerwerbs und erst merkwürdiger zuletzt um den Stein des Anstoßes, die Flottenproblematik.

    Auf deutscher Seite stellte man sich eine weitreichendere Verbindung mit Großbritannien vor, als sie nach Lage der Dinge realistisch war. In einem Entwurf von Kiderlen-Wächter heisst es, "dass jeder der Vertragspartner, wenn er in einem Krieg mit einer oder mehreren Mächten verwickelt werden sollte, sich verpflichtete, sich zumindest einer wohlwollenden Neutralität zu beobachten und für die lokalisierung des Konflikts bemüht zu sein." (1)

    Im Klartext hieß das, wenn Deutschland mit Frankreich und/oder Russland in einem Krieg verwickelt werden würde, sollte sich Großbritannien heraushalten. Hat man im AA da nicht so ein paar Kleinigkeiten übersehen? Diese Forderung konnte von doch von Großbritannien eigentlich nur abgelehnt werden.


    (1) Große Politik, Bd.31, S.116f hier zitiert nach Fischer, Griff nach der Weltmacht, S.29
     
  18. EL_Mercenario

    EL_Mercenario Neues Mitglied

    Ab 1912 hat sich auch die Öffentlichkeit eingeschaltet und Propaganda für die Aufrüstung zu Lande gemacht (Deutscher Wehrverein ? Wikipedia). Damit war die Flottenstrategie eigentlich gescheitert, denn für Aufrüstung zu Lande und zu Wasser reichte das Geld nicht.

    Aber die deutsche Politik wurde doch von Kaiser und Kanzler gemacht und nicht von einem Staatssekretär des AA. Wenn Kaiser und Kanzler sich also einig waren, warum haben sie den lästigen Querkopf dann nicht auf Linie gebracht und schlicht gefeuert?

    Davon habe ich noch nichts gelesen, es gab eine politische Krise wegen dem super Wahlergebnis der SPD, aber wirtschaftlich hätte ich geglaubt, dass das Reich 1914 voll im Aufschwung war. Woher hast du die Info?

    Das war wohl das Wunschergebnis. Die politische Isolierung GBs vom Kontinent. Die Idee - man garantiert GB sein Kolonialreich und bekommt dafür freie Hand auf dem Kontinent - zieht sich irgendwie durch die deutsche Geschichte bis zu Hitler. Verwunderlich, denn besonders realistisch scheint die Idee nicht zu sein, GB würde nach Jahrhunderten der Gleichgewichtspolitik, auf einmal kampflos aufgeben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Oktober 2008
  19. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ganz so einfach ging dies im in Deutland des Jahres 1911 nun auch nicht mehr.

    Die Franzosen sahen sich im Jahre 1911 in Marokko gezwungen militärisch aktiv zu werden und das war ein klarer Verstoß gegen die Algeciras-Akte und des Weiteren auch gegen das deutsch-französischen Abkommens aus dem Jahre 1909. Es war Kiderlen-Wächter, der hier eine Gelegenheit sah, für die deutsche Diplomatie einen großen Erfolg einzufahren, denn man war ja nicht gerade in dieser Hinsicht nicht gerade verwöhnt. Es war Alfred Kiderlen-Wächter, der dafür Sorge trug, dass das Kanonenboot Panther nach Agadir entsandt wurde. Des Weiteren wurden noch die Berlin und Eber entsendet. Außerdem mobilisierte Kiderlen-Wächter diverse Unternehmer, die dann angebliche deutsche wirtschaftliche Interessen geltend machten. Die Medien griffen diesen Vorgang begierig auf und machten gleich in der Öffentlichkeit entsprechend Stimmung. Kiderlen-Wächter erwartete, das Frankreich nun Kompensationsangebote machen würde. Es gelang ihm nur mit äußerster Mühe den Kaiser und Bethmann von seinen Kurs zu überzeugen. Der Kaiser machte aber mit Nachdruck klar, das er, im Gegensatz zu Kiderlen-Wächter, dafür nicht bereit sei, einen Krieg vom Zaun zu reißen.

    Im Jahre 1913, etwas ab dem Monat April, begann in Deutschland eine Rezession. Bis Dezember 1913 waren 5% Arbeitslose zu verzeichnen, genauso hoch wie 1908 oder 1901. (1)


    (1) Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S.610, München 1995
     
  20. EL_Mercenario

    EL_Mercenario Neues Mitglied

    Oha, 5%, die hätten wir gerne heutzutage. ;)
    Ich frage mich gerade, gabs damals eigentlich schon ein Arbeitsamt? Oder wie kann man die Arbeitslosenquote von 1913 ermitteln?
     

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