Luftkrieg: Bombardierungen in Deutschland 1944/45

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von fichtelwichtel, 5. November 2009.

  1. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Schau unter "Fliegerschicksale zwischen Lahn und Lumda". Es gibt noch weitere Berichte in anderen Foren, v.a. Flugzeugforen dazu. Die Orte Damm, Kehna, Lohra, Oberweimar liegen nur wenige km auseinander.
    Nach diesen und weiteren Luftkämpfen lagen Orte wie Siegen (16.12.) oder Gießen (06.12.1944) schutzlos den Bomberangriffen ausgesetzt. Es waren riesige Verluste der Jagdflieger, Ausdünnung der Verbände.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bleiben wir vorerst mal beim 2.12.1944.

    Mir geht es um den Kontext, um die Verlustursachen.

    Nix mit "Überraschung", nix mit "ohne Gegenwehr". Das ist Fliegerprosa.

    Die Geschwaderchronik JG 3 (Bände für die Gruppen I, III und IV) auf Basis der Kriegstagebücher zeichnet da ein anderes Bild.
     
  3. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    "Nach seinen Erinnerungen sei er in einem Schwarm mit FjObfw. Reiff und Fw. Pfaucht, unter Führung von Fw. Hener in der Höhenjagdgruppe des Geschwaders geflogen. In großer Höhe, er vermutet fast 10.000 Meter, wurde der Schwarm plötzlich von einem von hinten aus den Wolken stoßenden P-47 „Thunderbolt”-Verband angegriffen und nahezu aufgerieben. Nur der Schwarmführer konnte entkommen. Reiff, Pfaucht und Stock mußten ihre Messerschmitts verlassen und sprangen mit dem Fallschirm ab. Diesen Fallschirmabsprung überlebte nur der Gefreite Oskar Stock."
    a.a.O.
    Ich meine dabei nur: die Alliierten Jagdflieger in ihren sehr robusten Flugzeugen, mit besserer Ausbildung, mit besserer Einsatzleitung und Taktik beherrschten den Luftraum nach Belieben.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Abgesehen von den auffälligen Unstimmigkeiten in der o.g. Schilderung:

    Die Verluste sind nach den Gefechtsschilderungen der Verbände nicht durch einzelne Überraschungen erklärt. Schau Dir den Ansatz der beiden Stoßgruppen (Teile JG 4 und die IV/3)und der beiden Deckungsgruppen (I. und III./3) an.

    Sind die Aktionen der beiden Höhendeckungsgruppen (rd. 50% der angesetzten Jagdwaffe) und das Zahlenverhältnis zu den alliierten Begleitgruppen bekannt?
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine m.E. gute Zusammenfassung der komplexen Situation bietet folgende Darstellung (als kindle-version für geringen Preis lesbar)

    Air Ministry (1948): The rise and fall of the German Air Force. 1933-1945. Richmond: Public Record Office.

    Einen Aspekt fand ich dabei interessant. Durch die Bomberoffenive u.a. auf die Leunawerke mit dem Ziel der kompletten Zerstörung der synthetischen Erzeugung von Benzin wurde von anderen Gebiete Flakabteilungen abgezogen.

    Man hatte erkannt, dass die Erzeugung von Bezin die zentrale strategische Größe ist, die über den Verlauf des Krieges ab Mitte 1944 entscheiden würde.

    Das Abziehen von Flakeinheiten betraf u.a. auch Dresden.
     
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  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Coventrieren ....
    .............

    "Picasso erinnerte mit seinem Gemälde an die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika im April 1937 – ein schwerer Angriff der deutschen Luftwaffe. In der Folge bombardierte die Luftwaffe Warschau, Coventry und Belgrad; auch Rotterdam und London wurden angegriffen. Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis, erfand dafür das Verb „coventrieren“, und meinte damit nicht bloß das Ausradieren ganzer Städte, sondern auch die Vernichtung der Zivilbevölkerung."
    (Hervorhebung durch mich)

    Der Begriff ist mir deshalb im Kopf, weil ich vor ca. 20 Jahren in einem Krankenhaus einen ebenso geistig agilen, wie körperlich betagten Herren kennen lernte, der eben diesen Begriff gebrauchte.
    'Wir haben damals davon gesprochen, dass wir England coventrieren.'

    P.S.: Wer schon mal das heutige Rotterdam gesehen hat, der kommt vielleicht zu dem Schluss, dass es immer noch zerstört ist.
     
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  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Es ist vielleicht bemerkenswert, dass in dieser doch recht kleinen Stadt ein Feuersturm* entstand.
    Tritt ein solcher auf, schnellen die Opferzahlen in die Höhe.
    Lt. Friedrich (Der Brand TB S. 109ff) traten solche in einem "Dutzend weiterer Orte [in Deutschland] auf". Am bekanntesten "Hamburg, Kassel, Dresden".

    (Friedrich behauptet anschließend es sei sogar die Entfachung eines Feuersturm der Übungszweck der Bombardierung Pforzheims gewesen, ohne das zu belegen.)

    * die Gestalt eines Atompilzes ist auch Ausdruck eines Solchen.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der "Hauptzweck" war das, was man mit einem Bombenangriff bezweckt: die Zerstörung der Stadt.

    "The results were summed up in three words: ‘large scale destruction’. A document issued four weeks after the attack – Night Raid Report No. 846 – comments: ‘The intention was to destroy the built-up area and associated industries and rail facilities. This was an outstanding attack with destruction on a scale as complete as any target ever attacked. There was hardly a single building left intact throughout the whole area and, apart from the tremendous gutting by fires, many acres of buildings were levelled to the ground. Damage to railway facilities was also heavy, the goods yard was completely burnt out, rolling stock destroyed, two of the river bridges had collapsed and the road-over-rail bridge spanning the marshalling yard was hit and rendered unserviceable."


    Das war der totale Krieg, der zum Endsieg und somit 5nach12 geführt werden sollte. 1944/45 und ab Staufenbergs leider gescheitertem Attentat dürften mehr Deutsche gestorben sein, als in den knapp 5 Jahren zuvor.

    Friedrichs populäre Darstellung reißt das im Wortsinn auf. Ziel war die Zerstörung. Pforzheim stand wegen der Feinmechanik, Zünderfertigung und als Verkehrsknotenpunkt seit 1942 auf den Ziellisten. Die wurden "abgearbeitet", solange das Dritte Reich den Krieg fortführte.

    Viele der 2500 Briten, die an diesem Abend ihre Bombenlasten über der Stadt abluden, hatten den Namen vorher nie gehört. Die Zerstörung folgte nur der Mechanik zum Ende eines totalen Krieges.

    Interessant bei Friedrich ist, und die Diskussion ist an anderer Stelle geführt, wie er genau diese Mechanik ausblendet, und als Selbstzweck psychologisiert. Die Opferstilisierung wird damit erleichtert.

    Das geht mit Darstellungen über Bombenopfer einfacher, als wenn man über 3,5 Mio. krepierte (psychologisierend = Feuersturm) sowjetische Gefangene redet. Der Unterschied liegt weniger in der Skalierung des 7-fachen an Opfern, sondern zB in Fotos (das zweite ist der "aiming point" im Feuersturm) 4A923F14-5585-468B-AD36-A08842C52FF3.jpeg 03438CC3-6DD2-429C-856B-916C53B112CF.jpeg

    Bilder, Darstellung:
    Redding, Bombing Germany: the final phase : the destruction of Pforzheim and the closing months of Bomber Command's war
     
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  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das sehe ich auch als eine Schwäche des Buchs von Friedrich.
    Der Autor lässt sich auch andernorts zur "Opferstilisierung" hinreißen.

    Einen sehr viel besseren Überblick bietet Overy: The Bombing War schon deshalb weil er nicht nur weit distanzierter und analytischer vorgeht, sondern weil er die gesamte Europäische Bühne betrachtet.

    Als Teaser mag ein Interview mit ihm dienen.
    https://international-review.icrc.org/sites/default/files/irc_97_900-2.pdf
     
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  12. Xander

    Xander Aktives Mitglied

    So ist es!
    Die einseite, anklagende Betrachtung der Bombardierung Deutschlands bei manchen Leuten ist etwa so, als wenn man eine Kneipenschlägerei anfängt und sich nachher darüber beklagt, wenn man selber was aufs Maul bekommt!
     
    Hapa und pelzer gefällt das.
  13. Xander

    Xander Aktives Mitglied

    Ein weiterer Aspekt zum Nutzen der alliierten Bombardierungen ist die Bindung von Truppen/Personal an der Heimatfront. Man muss sich nur mal den personellen, aber auch technischen Aufwand der ganzen Flugabwehr vor Augen führen! Da sind die unzählig vielen Flakstellungen (leichte Flak, schwere Flak, Scheinwerfer, Meßgeräte, ...), die Fliegerhorste, die Jagdverbände, die vielen Funkmessanlagen, usw. ...
    Das hat arg viel Personal und Material gebunden, das für die Front nicht zur Verfügung stand (gibt es dazu verlässliche Zahlen?). Ich denke dies allein (auch ohne die am Boden erzegten Schäden) machte es schon sinnvoll den Bombenkrieg zu führen.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Nach Overy S.406ff ist das der feststellbare Hauptnutzen.
    Einer der Schlüssel zu den frühen Erfolgen Deutschlands auf den Schlachtfeldern bestand in der Unterstützung der Bodentruppen durch die Luftwaffe.
    "The Allied bombing forced the German leadership to switch aircraft back to the defense of the Reich.."
    Anfang 1943 befanden sich bereits 59% der deutschen Kampfflugzeuge im Abwehrkampf gegen die Bombardierungen,
    Januar 1944 68% und im Oktober 1944 81%.
    Im Sommer 1944 befanden sich 2.172 Flak-Batterien an der Heimatfront, jedoch nur 443 im Mittelmeerraum und ganze 301 an der gesamten Ostfront.
    An einem kritischen Wendepunkt (critical juncture) waren die deutschen Armeen nicht mehr gegen Luftangriffe geschützt (denuded of air protection).
    Die Luftabwehr verbrauchte 1943-44 1/5 der Munition, die Hälfte der elektronischen und ein Drittel der optischen Ausrüstungen.
    "The military consequences of the bombing campaign were clearly more important than the economic, psychological or political ones."

    Overy, Richard J. (2013): The bombing war. Europe 1939 - 1945. London: Allen Lane.
     
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  15. Karl100

    Karl100 Neues Mitglied

    „Wir werden ihre Städte ausradieren!“
    Wenige Reden Hitlers hinterließen so viel Eindruck wie die zum Luftkrieg gegen England im Berliner Sportpalast im September 1940.
    Was Hitler da großspurig angekündigt hatte, haben die Engländer später umgesetzt... .
     
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